Die Entscheidung, Informatik zu studieren, ergab sich bei Ihnen ja aus familiärem Einfluss?
Ja, richtig, dazu ist zu sagen, dass ich drei Schwestern habe, und wir haben alle vier studiert. Nachdem sich meine Schwester für Chemie entschieden hat, und der einzige Gegenstand, wo ich eigentlich nicht so gut war, Mathematik war, wollte ich genau das studieren, weil ich das eben nicht so gut konnte. Quasi, um dieses Defizit aufzuholen. Vielleicht war es auch gut, dass wir nur Mädchen in der Familie waren, da gab es von vornherein keine Beeinflussungen oder Buben, die technisch automatisch die Nase vorn hatten.
Und wie haben Sie das Studium erlebt.
Grundsätzlich positiv. Aber: als weibliches Wesen muss man sich schon eine recht dicke Haut zulegen, manche Professoren sind doch tatsächlich sehr frauenfeindlich. Da habe ich Äußerungen und Dinge gehört oder erzählt bekommen, über die ich mich wirklich sehr, sehr geärgert habe. Das ist wirklich nicht notwendig, wo ohnehin nur so wenige Frauen ein technisches Studium wählen.
Wie ging es für Sie nach dem Studium weiter?
Ich bin zunächst für zwei Jahre am Institut für technische Informatik geblieben, und genau, als ich mich entschlossen habe, die Uni zu verlassen, kam eine erste weibliche Professorin an die Informatik, das war Ina Wagner. Ich bin zu ihr hingegangen, weil ich bei ihr meine Dissertation schreiben wollte. Als Thema wählte ich: EDV Anwendungen im medizinischen Bereich, die technischen und sozialen Auswirkungen interessierten mich dabei. Für die Felduntersuchung ging ich ein halbes Jahr nach Frankreich. Zurück in Österreich brauchte ich vor allem eines: einen Job. Die einzige Firma, die mir damals einen Halbtagsjob mit 30 Stunden geben wollte, war Siemens.
Und Sie sind bei Siemens geblieben...
Ja genau, ich habe im Bereich Medizintechnik bei Siemens PSE angefangen und bin dann in den sogenannten Public Sektor gewechselt. Das war mir deswegen ganz angenehm, weil ich gerne immer wieder neue, interessante Projekte machen wollte. So war ich z.B. bei max.mobil, Siemens München oder der AMA tätig. Seit knapp 2,5 Jahren bin ich jetzt für das Land- und Forstwirtschaftliche Rechenzentrum im Einsatz. Hier geht es um ein Projekt im Zuge der Qualitätssicherung, wobei für die Software-Entwicklung die Entwicklungsmethodik verbessert und angepasst werden soll.
Sie arbeiten daran im Moment allerdings nur 10 Stunden pro Woche?
Offiziell ja, inoffiziell bin ich mit dem Kopf auch abends und am Wochenende oft beim Job. Mein Hauptberuf ist aber im Moment sicher Mutter - das ist anstrengender als jeder Bürojob. Wir haben einen kleinen Sohn mit zehn Monaten, der sehr lieb und brav ist. Ich habe allerdings gleich nach dem Mutterschutz wieder angefangen, 10 Wochenstunden zu arbeiten. Das war zwar hart, aber ich glaube, es ist einfach sehr wichtig, als Mutter wieder so früh als möglich ins Berufsleben zurückzukehren, und wenn es auch nur für wenige Stunden ist.
Und wie stellen Sie sich die weitere Doppelrolle Mutter - Jobben vor?
Also, ab Juli möchte ich auf 25 Stunden in der Woche aufstocken und wenn das klappt, auf 30 Stunden erhöhen. Mein Mann, der ebenfalls in der IT-Branche arbeitet, wird dafür auf 15 Wochenstunden reduzieren. So werden wir uns die Betreuung vorerst untereinander aufteilen. Im Winter wollen wir den kleinen Simon dann für ein paar Stunden vormittags in einer Krabbelstube unterbringen.
Glauben Sie, dass Frauen mit Kind, was den Job angeht, benachteiligt sind?
Ja, mit Sicherheit. Das hat aber auch auf alle Fälle mit der Selbstwahrnehmung zu tun und was man daher selbst vermittelt. Viele Frauen lassen sich da negativ beeinflussen und stellen sich selbst von vornherein ins Eck. Ich glaube, viel wichtiger ist eine positive Einstellung, d.h. den Leuten einfach zu zeigen, dass man auch mit Kind beruflich absolut leistungsfähig ist. Vielleicht nicht gleich mit einem 40 Stunden-Job, aber auch mit Teilzeit kann jede Frau unglaublich viel leisten.
Themenwechsel: Warum entscheiden sich nach wie vor so wenige Frauen für die Technik oder ein technisches Studium?
Ich glaube, weil die Materie einfach schwierig ist. Informatik ist eben kein leichtes Studium, wie gesagt, auch das Umfeld an der Uni ist alles andere als frauenfreundlich, da hat sich, denke ich, nur wenig geändert. Außerdem fehlt vielen Frauen oft die "nüchterne" Einstellung, der naturwissenschaftliche Zugang und damit das Interesse für ein technisches Studium.
Was würden Sie jungen Frauen d.h. Maturantinnen heute empfehlen?
Studieren und gleichzeitig arbeiten. Studieren sollte man an der Universität, denn da wird viel mehr an Selbständigkeit und Grundlagenwissen vermittelt. Die FH ist meiner Ansicht nach eher für Leute interessant, die schon ein paar Jahre praktische Berufserfahrung gesammelt haben.
Letzte Frage: Wo sehen Sie sich selbst in fünf Jahren?
Ich denke, nach wie vor bei Siemens. Nebenbei würde ich mich gerne wieder an der Uni bei einem Forschungsprojekt engagieren.





1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Eric Scherer ist Geschäftsführer des anbieterunabhängigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens i2s. Er gilt als einer der führenden ERP-Experten und ist Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie. 