Wie zufrieden sind die Anwender mit ihrer Lösung? Erstmals wurde von Experten der ADV unter der Leitung von Christoph Weiss in Zusammenarbeit mit dem MONITOR das Stimmungsbild am österreichischen ERP-Anwender-Markt ermittelt. Mit einer Stichprobe von weit über 300 Anwendern und einer Anzahl von 280 auswertbaren Fragebögen liegen erstmals statistisch untermauerte Informationen vor. Die Teilnehmer verteilen sich dabei über alle Branchen und Unternehmensgrößen, so dass man von einem umfassenden Überblick sprechen kann.
Das Ergebnis ist deutlich: Die Zufriedenheit ist im Allgemeinen hoch. Wie auch in Deutschland und der Schweiz können sich eher kleinere und klar regional ausgerichtete Anbieter besser positionieren.
Zufriedenheit als zentrale Messgröße
Im Zentrum der Studie stand die Frage nach der Zufriedenheit. Anhand von 28 Merkmalen wurde die Zufriedenheit der Anwender mit dem angewendeten System bewertet. Die Teilnehmer an der Studie - in der Regel IT-Leiter oder ERP-Fachverantwortliche - hatten die Möglichkeit, ihre Zufriedenheit auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 5 (sehr gut) zum Ausdruck zu bringen. "Zufriedenheit" ist dabei eine durchweg subjektive Größe und die Bewertung damit in erster Linie persönlich und individuell. Die Ergebnisse können einem Unternehmen, das sich auf der Suche nach einem neuen System befindet mindestens als Wegleitung dienen. Ganz bewusst wurde auf eine Bewertung nach Funktionen verzichtet, da diese in zahlreichen Studien vorgenommen wird, die am Markt verfügbar sind, etwa in Form des IT-Matchmakers.
Qualität und Auswahl prägen den Markt
Wie schon in den im Vorjahr durchgeführten Studien in der Schweiz und Deutschland sind die Anwender im Allgemeinen "zufrieden" (Mittelwert 3.9, entspricht "gut") mit den von ihnen eingesetzten Systemen. Qualität prägt den etablierten Markt. Gleichzeitig zeigt sich eine große Vielfalt von Systemen mit vergleichsweise kleiner Kundenbasis: Im Rahmen der Durchführung der Studie wurden über 200 ERP-Anbieter in Österreich eruiert. An der Studie teilgenommen haben immerhin 52 verschiedene Systeme! Bewertbar waren letztlich gerade noch 13 Systeme, die über eine, für die Studie ausreichende Installations- und Teilnehmerbasis verfügten. Zu den Abwesenden zählen dabei einige vor allem aus der Presse bekannte Systeme, wie etwa Semiramis oder die Produkte aus dem Hause Oracle, aber auch SAP Business One. Hier ist leider auch nach Abschluss der Studie nicht ganz klar, ob diese Anbieter überhaupt über eine etablierte Kundenbasis verfügen. Gerade Semiramis muss jedoch zu Gute gehalten werden, dass es sich um ein sehr neues Produkt handelt, und die Mehrheit der Kunden ihre Einführungsprojekte wohl noch nicht abgeschlossen haben. Bedauerlich ist natürlich auch das Fehlen von einigen lokalen Größen, wie etwa Data System Austria oder PCS Pfundner. Sie verfügen sicher über eine ausreichende Kundenbasis, um in der ERP-Zufriedenheitsstudie prominent vertreten zu sein. Hier bleibt zu hoffen, dass die Beteiligung im Folgejahr größer wird.
Die "Kleinen" machen das Rennen
Untersucht man die Ergebnisse etwas genauer, stellt man klar fest, dass eher "kleinere" und regional ausgerichtete Anbieter das Rennen machen. Mit Pollex LC, WINLine von Mesonic und RS/2 von Ramsauer & Stürmer können sich mehrere österreichische Anbieter insbesondere in Bezug auf die Zufriedenheit mit dem Einführungspartner besonders gut platzieren. Die größte Systemzufriedenheit erreicht das konsequent auf den deutschsprachigen Raum ausgerichtete Produkt abas, das sich in Österreich fast mit identischen Werten platzieren kann, wie bereits im Vorjahr in Deutschland.
Aus dem Portfolio fällt SAP mit seiner ERP- bzw. R/3-Produktelinie. Hier zeigt sich, dass (wie auch schon in den Vorgängerstudien) große Anwenderunternehmen mit vergleichsweise komplexen Anwendungen jedem ERP-System eher kritisch und differenziert gegenüber stehen. Dies hat für einen Anbieter wie SAP, der seine Kunden mehrheitlich im oberen Größensegment rekrutiert, eine scheinbar schlechtere Platzierung zur Folge. Gleichzeitig stellt sich jedoch zunehmend auch die Frage, was große Anwender-Unternehmen von kleinen Anwender-Unternehmen lernen könnten, um bessere Projekte zu machen und letztlich zufriedener zu sein.
Schlechte Kommunikation wird von den Anwendern bestraft. Nur so ist das unerwartet schlechte Abschneiden von Infor COM zu bewerten. Bei dem Trubel, den die auf Profitmaximierung getriebenen neuen Besitzer des etablierten Produktes gemacht haben, scheint die direkte Kommunikation mit den Anwendern vergessen worden sein. Ähnlich sind auch eher unterdurchschnittliche Bewertungen anderer Anbieter, etwa Bäurer, zu begründen, die in den letzten Jahren nicht immer für positive Schlagzeilen gesorgt haben.
"Best-" und "Worst Practices"
Was machen nun Anbieter so gut beziehungsweise so schlecht? Hierzu gibt das Zufriedenheitsportfolio Auskunft, in dem die 28 verschiedenen Zufriedenheitsaspekte differenziert ausgewiesen werden. Im Zufriedenheitsportfolio wird einerseits die durchschnittliche Zufriedenheit ausgewiesen (Y-Achse), anderseits wird die Varianz gemessen. Die Varianz gibt dabei ein Maß sowohl für das Risiko, dass mit einem Aspekt verbunden ist, als auch für dessen Beeinflussbarkeit wider.
Daraus ergibt sich eine einfache Regel: Aspekte mit hoher Varianz müssen zusammen mit dem Anbieter in der Projektplanung proaktiv berücksichtigt und mit entsprechenden Maßnahmen beeinflusst werden. Eine erste Analyse des Zufriedenheitsportfolios zeigt, dass klassische Konfliktthemen wie "Funktionalität" und "Stabilität" heute eigentlich kein Problem mehr darstellen. Problematisch sind jedoch Themen wie "Schnittstellen" und "Formulare & Auswertungen", die in allen bisher durchgeführten Studien immer das einsame Schlusslicht bilden.
Engpass Datenmigration
Schlechte Bewertungen haben meist eine komplexere Historie, die zumeist nicht einfach zu erklären ist. Ein besonderer Problempunkt ist die Aufbereitung und Migration von Daten. Diese wurde von immerhin gut 43% aller Teilnehmer als größtes Problem innerhalb eine Projektes genannt. Knapp dahinter kommt der enge Zeitplan, der häufig auch mit einer unrealistischen und ungenauen Planung begründet werden kann.
Business-Ziele stehen im Vordergrund
In den vergangenen Jahren wurde immer wieder diskutiert, ob ERP-Projekte eher IT- oder eher Business-Projekte sind. Betrachtet man die Ziele, die bei ERP-Einführungsprojekten in der Schweiz verfolgt werden, fällt die Antwort einfach: ERP-Projekte sind eindeutig Business-Projekte. Damit müssen sich ERP-Projekte in Zukunft immer mehr an Business-Zielen messen.
Hier ist der Weg jedoch weit: in den meisten Unternehmen werden die anfänglich definierten Ziele kaum quantifiziert, von einer Erfolgsmessung ganz zu schweigen. Oft besitzt nur die IT-Abteilung entsprechendes Projektmanagement-Know-how, deshalb wird ihr dann auch das ERP-Projekt übertragen.
Fragebogenaktionen haben Hochkonjunktur und gerade im Bereich von ERP werden viele Anwender mit Fragebögen von Studenten und selbsternannten Propheten konfrontiert. Die im Jahr 2003 von der Zürcher i2s lancierte Initiative "Anwender-Zufriedenheit ERP/Business Software" möchte hier einen Kontrapunkt setzen. Ziel ist es, neben den bekannten, auf Funktionalität ausgerichteten Marktspiegeln und den eher am Börsenmarkt orientierten Aussagen der großen Analysten, einen Blick in das Labor der betrieblichen Praxis zu wagen.
Wichtige Elemente der Initiative sind
- die länderübergreifende Durchführung - die Studie wurde mittlerweile in Deutschland, der Schweiz und in Österreich durchgeführt -,
- Kontinuität - die Studie soll jährlich durchgeführt werden und so eine Langzeitanalyse erlauben -,
- Professionalität - die Initianten sind Teil des größten Netzwerk für ERP-Spezialisten (it-matchmaker.com) und haben teilweise über 15 Jahre Erfahrung aus zahlreichen Projekten - und
- Unabhängigkeit - die Studie wird ausschließlich aus den Einnahmen des Berichtes finanziert, Sponsoring durch Anbieter ist ausgeschlossen.
Von Anfang an war klar, dass der Begriff "Zufriedenheit" ein hohes Maß an Subjektivität mit sich bringt und daher von einigen Anbietern (aber auch Anwendern) als sinnlos betrachtet wird. Dennoch erlaubt die Studie einen Blick in die Praxis und hinter häufig auf Hochglanz polierte Referenzen. Durch die große Teilnehmerzahl - im Ganzen immerhin schon über 2.000 Unternehmen - erhalten die Daten ihre Validität.
Die Köpfe hinter der Studie
Die Studie wurde von Mag. Christoph Weiss, ADV-Vorstandsmitglied der Landesgruppe Wien/Niederösterreich/Burgenland geleitet. Mit von der Partie waren die Initiatoren der Gesamtstudie von der Zürcher i2s research unter Leitung von Dr. Eric Scherer sowie Dr. Karsten Sontow von der Aachener Trovarit AG, die u.a. die ERP-Auswahlplattform IT-Matchmaker betreibt.
Noch mehr Ergebnisse für Begierige
Die Ergebnisse der Untersuchung werden in Form eines ausführlichen Berichtes (Umfang ca. 100 Seiten) publiziert. Dieser kann über die Webadresse www.erp-z.at bestellt werden (Euro 300 als PDF-Version, Preise jeweils zzgl. Mehrwertsteuer).




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Mag. Carl-Markus Piswanger, MAS ist freier Journalist, Projektberater und hauptberuflich IT-Architekt. Er ist ausgebildeter Versicherungskaufmann, studierter Historiker und postgradualer E-Government-Experte. Er war beim ISP Netway, der Österreichischen Post und der Seibersdorf Research beschäftigt und seit 2004 als IT-Architekt im Bundesrechenzentrum. Der Wiener ist glücklich nicht verheiratet und hat einen Sohn. 