Conrad Gruber
Er untermauerte diese Botschaft mit der Erkenntnis, dass in den deutschen Autos der Oberklasse 2004 weit weniger fix eingebaute Navigationssysteme geordert wurden als 2003: "Das zeigt klar den Trend weg vom vorinstallierten hin zum mobilen Telematik-Endgerät". Und das schöne dabei: Trotz der höheren Nachfrage nach mobilen Navigationsgeräten (PDAs mit Navi-Software) hält sich der Preis dieser Bundles stabil. Der derzeitige Durchschnittspreis von rund 400 Euro für ein Bundle aus PDA und Navigationssystem sei ein Preispunkt, an dem sich nicht viel ändern werde, meint Ochs. Jedoch würde die Ausstattung ständig steigen - vergleichbar den PCs. Wobei seiner Meinung nach Kombiangebote an Bedeutung verlieren werden, statt dessen werde es, wie von Mitbewerber Tom Tom vorexerziert, eigene Navi-Endgeräte geben - sogenannte PNAs ("Personal Navigation Assistents").
Tom Tom selbst scheint sich da nicht so sicher zu sein und setzt künftig auch verstärkt auf Smartphone-Lösungen - also PDAs mit integrierter Telefonfunktion. Dank Speicherkarte sollen umfangreiche Programmierungen der Vergangenheit angehören, die Zukunft sei Plug-and-Play, so Tom Tom-Sprecherin Anne Parker auf der CeBIT. Falk Navigation schätzt, dass heuer allein in Deutschland 2,7 bis 3 Millionen mobile Navilösungen über den Ladentisch wandern. Ein Eindruck, den zumindest das Publikumsinteresse auf der CeBIT bestätigte. Erstmals gab es bei der weltgrößten Computermesse auch eine eigene Halle für Verkehrstelematik und Navigationssysteme.
Neue Ausbildungswege
Wie wichtig dieser neue Trend auch in Österreich ist, zeigt sich daran, dass auch Wissenschaft und Lehre nicht schlafen: Am Technikum Wien werden ab Oktober dieses Jahres zukünftige Experten für Intelligente Transportsysteme (ITS) im Studiengang "Verkehrstechnologien und Transportsteuerungssysteme" ausgebildet. Der Schwerpunkt des Studienganges liegt bei der Telematikausbildung für Transport- und Verkehrswesen. Dazu kommen Fächer wie Wirtschaft, Recht und Sprachen. Die Ausbildung dauert acht Semester und endet mit dem Titel Dipl.-Ing. (FH). Und an der Donau Uni Krems ist schon seit Februar 2003 ein berufsbegleitender Lehrgang namens "Verkehrstelematik-Management" im Gange, der vier Semester dauert und sich an Raumplaner und Telekom-Experten richtet.
Die ausgebildeten Verkehrstelematiker können nach Abschluss im öffentlichen Verkehr Infrastruktur-Ideen verwirklichen oder Verkehrsmanagement- oder Parksysteme entwickeln. Auch in der Automobilbranche gibt es Jobmöglichkeiten, beispielsweise in der Entwicklung von Navigations- oder Mobilitätssystemen. Die Ausbildung schließt mit dem Titel Master of Advanced Studies (MAS).
Technisches Rüstzeug wird entwickelt
Wer mit höheren akademischen Weihen Verkehrstelematik betreiben will, braucht natürlich die notwendigen technischen Voraussetzungen. Und die wollen die großen Elektronik-Konzerne in Hinkunft auch anbieten. Besonders Siemens hat hier bereits Vorarbeit geleistet: Der Konzern sieht in diesem neuen Geschäftsbereich eine große Zukunft - die Bandbreite reicht von Verkehrsleitzentralen bis zu Mautsystemen. So will Brigitte Ederer, bei Siemens Österreich für diesen Bereich zuständiger Vorstand, den Wiener Standort sogar zum Kompetenzzentrum für Telematik machen. Der Geschäftsbereich kann sogar bereits auf Anfangserfolge verweisen: Mit Aufträgen für die österreichweite Verkehrsinfozentrale Inzersdorf oder für diverse Verkehrsfluss-Systeme auf den Autobahnen konnten bei Siemens Telematics im Jahr 2004 rund 40 Millionen Euro erlöst werden. Zählt man Fertigung und Softwareentwicklung im Konzern dazu, betrage der Umsatz mit Telematik bereits 80 Millionen Euro, sagt Ederer.
Die Entscheidung, ins Telematik-Geschäft einzusteigen, sei nach dem verlorenen Auftrag für die österreichische Lkw-Maut entstanden. Ederer: "Wir standen vor der Wahl: weitermachen oder den Bereich zusperren". Die Tätigkeit fortzusetzen, habe sich als richtig herausgestellt. Gedacht wird dabei eher langfristig: Das erhöhte Verkehrsvolumen auf den Straßen wird die Nachfrage nach Telematik-Systemen (Stauwarnungen, Flottenmanagement, Info-Systeme) massiv steigen lassen, sagt Ederer. "Da die öffentliche Hand nicht unendlich viele Strassen bauen kann, wird sie den Verkehr in Zukunft besser managen müssen".
Siemens-Bereichsleiter Kurt Hofstädter rechnet damit, dass Leitsysteme auf GPS-Basis in fünf bis sechs Jahren zum Zubehörstandard bei Neuwagen gehören werden. Hofstädter: "Hier will Siemens vorne mit dabei sein". Der Kontakt zur Autobranche soll über Siemens VDO hergestellt werden.
Österreichische Telematik von Siemens wird auch exportiert: Angepeilt ist der Ostmarkt, jüngst konnte aber sogar ein Projekt in Seattle (USA) an Land gezogen werden, wo Siemens ein Satelliten-Mautsystem um zwei Millionen US-Dollar errichtet und auch Telematik-Lösungen vorbereitet. Generiert werden Daten wie Verkehrsaufkommen, Stoßzeiten und Fahrverhalten, aber auch ob und in welchem Umfang Verkehrsteilnehmer auf alternative Routen ohne Maut ausweichen oder auf andere Verkehrsträger umsteigen. "Sollen Verkehrsabläufe effizienter gestaltet, Kosten gespart und die Verkehrssicherheit erhöht werden, kommt man um eine Telematik-Lösung nicht herum", erklärt Hofstädter. Wie "zahlreiche Maut-Ausschreibungen und -Anfragen" zeigen, würden weltweit Entscheidungsträger immer mehr auf die Möglichkeit der Telematik setzen. Durch die vom österreichischen Verkehrsministerium angekündigte "Telematikoffensive" soll "unter anderem" die Zahl der Toten und Verletzten auf Österreichs Straßen deutlich gesenkt werden. "Und genau für diese Entwicklung bündeln wir unser Know-how", sagt Hofstädter. Das Geschäftsvolumen von Siemens Telematics soll in den nächsten zwei Jahren verdoppelt werden.
Bei soviel Initiative will auch Erzkonkurrent Kapsch mit seinen Telematik-Bestrebungen nicht hinter dem Berg halten. Kapsch ist - ebenso wie Siemens - Mitglied des vom Autobahnbetreiber Asfinag ins Leben gerufenen "Austrian Traffic Telematics Cluster (ATTC)". Dort werden mit vielen weiteren namhaften Firmen (untere ihnen Frequentis, Mobilkom, Skidata, Swarco Futurit, ÖBB, T-Mobile. OMV, Magna Steyr) und Forschungseinrichtungen wie Arsenal Research neue Konzepte entwickelt, wie sich die allgemeine Effizienz im Straßenverkehr verbessern lässt. Das allgemein gehaltene Ziel der Initiative ist es, "das Entwicklungs- und Fertigungs-Know-how Österreichs in ausgewählten Technologiesegmenten (z.B. Navigationssysteme und Kommunikationstechnologien) in eine internationale Spitzenposition zu führen".
Zum starken Player in der Verkehrstelematik rüstet sich auch die steirische Efkon auf. Nachdem das Unternehmen bei der österreichischen LKW-Maut auf Mikrowellen-Basis bekanntlich nicht zum Zug kam, hat sich Efkon-Chef Helmut Rieder vermehrt auf ausländische Satellitenmaut-Projekte und damit verbundene Telematik-Lösungen kapriziert. Laut Rieder befinde sich Efkon derzeit "in mehreren Tendern" (Auswahlverfahren) für Mauttechnologie-Lieferanten. Nach der kürzlichen Übernahme des deutschen Satellitenmaut- und Telematik-Spezialisten Elcon sieht sich Rieder auch für neue, zukunftsträchtige Lösungen "gut gerüstet".
Kartenmaterial ist wichtig
So perfekt ein Verkehrsleitsystem auf Telematik-Basis auch funktioniert, ebenso gut müssen auch die Empfangs- und Bediengeräte sowie der nötige "Content" (Daten- und Kartenmaterial) sein. Die Möglichkeiten reichen dabei von der noch recht simplen Adresslokalisierung über die genaue Routenführung bis hin zum Tracking der Fahrten und der Einbindung der GPS-Navigation in das Flottenmanagement eines Fuhrparks. Die Königsklasse wäre dann noch die Verbindung mit öffentlichen Telematik-Systemen, also der integrierten Verkehrssteuerung. Zielgruppe für Navigationssysteme sind zunächst neben Liefer- und Zustellbetrieben sowie Autoverleihern vor allem auch Taxiunternehmen, Außen- und Kundendienstler, Pannenfahrer und öffentliche Dienstleister, weiß Alexander Hauk, Österreich-Chef des Karten-Software-Herstellers Teleatlas. Routen- und Stadtpläne von Teleatlas seien für fast alle gängigen Navigationssysteme verfügbar. Zu den Kunden von Teleatlas zählen u.a. ÖAMTC, Billa, Spar, Connect Austria und die Mobilkom.
Bei der Qualitätsbeurteilung von Navigationssystemen ist es wichtig, zwischen dem Hardware-Angebot und dem Karten-Softwarematerial zu unterscheiden. Zu den Marktführern der Einbau-Navigationssysteme zählen Siemens-VDO, Becker, Garmin und Clarion, zu wählen ist zwischen reinen Navigationssystemen und solchen, die im Kit mit dem Autoradio verkauft werden. Die Preise pendeln in der Spannweite zwischen 800 und 3500 Euro. Günstig sind etwa Einbaugeräte von Blaupunkt, in der Luxusklasse (berührungsempfindliche Bildschirme, DVD-Funktion) wird es recht teuer.
Ein relativ neues Segment sind Handy- oder PDA-basierende mobile GPS-Lösungen, die sich aufgrund ihrer praktischen Anwendbarkeit sicherlich einen steigenden Marktanteil erkämpfen werden. Der allerletzte Schrei in diesem Bereich ist das erst vor wenigen Monaten in Österreich vorgestellte Navigationssystem Tom Tom, mit nach eigener Aussage bereits 26 Prozent Marktanteil im Segment des GPS-Navigationsmarktes.
Nach Meinung von Tom Tom-Chef Harold Goddijn wendet sich der Autonavigationsmarkt derzeit zu Handheld-Lösungen hin, werde sich aber in Zukunft zu mobilen, eigenständigen GPS-Geräten und Lösungen für Mobiltelefone weiterentwickeln: "Damit liegen wir voll auf Linie". Ganz sicher beim Preis: Tom Tom-Modelle gibt es bereits ab etwa 350 Euro, als Frontalangriff auf Direkt-Konkurrent Yakumo.
Der letzte Schrei in Sachen Navigationssysteme kommt aus Amerika: Der dortige Navi-Softwarehersteller Navteq hat seine Datenbank um Höhenlinien nachgerüstet. So können beispielsweise Autofahrer, die in Skigebiete fahren, Höhenveränderungen und geografische Besonderheiten auf dem Display verfolgen. Und Siemens VDO arbeitet an einer "Content on Demand"-Lösung, die es ermöglichen soll, bei Bedarf Mehrinformationen aufs Navi-System zu laden. Im Programm sind Zusatz-Straßenkarten, Verkehrsinformationen, Hotelverzeichnisse und andere Touristik-Informationen.
Siemens hat ein weiteres nützliches System erfunden: Ein Ortungssystem-Modul auf GPS- und Handy-Basis in der Größe einer Streichholzschachtel, mit dem auch Navigationssysteme nachgerüstet werden können. In einem privaten Pkw installiert, verhindert das Modul zwar nicht den Diebstahl, bringt die Polizei aber dank Tracking-Funktion gezielt auf die Fährte der Autodiebe. Autoverleiher können über die GPS-Funktion sogar selbst den Standort des Fahrzeuges bestimmen. Bonus: Ein solches Modul soll auch Versicherungsprämien senken, verspricht Siemens.
Allen diesen Initiativen bleibt nur noch eines zu tun: Die vielfältigen Anwendungen zu einem großen Ganzen zusammenzufügen. Das allerdings bleibt noch immer eine ziemliche Herausforderung.




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