Der große Fehler, der bei der Bewertung von Open Source (z.B. Linux) und kommerzieller Software (z.B. Microsoft) gemacht wird, ist die Einordnung in verschiedene "Schulen", "Anhänger" oder "Lehrmeinungen". Das trifft vielleicht auf Microsoft vs. Apple zu, wo die Fans des einen oder anderen Systems ja dazu neigen, sich bis ins Irrationale hineinzusteigern. Bei Open Source vs. Kommerzsoftware geht es aber um viel mehr: Linux & Co. bewahrt uns davor, dass das intellektuelle Gut der Softwareschöpfung vollkommen geistig ausgetrocknet und nach Strich und Faden kommerziellen Gesetzen unterworfen wird. Das ist gut so.
Microsoft sieht das naturgemäß anders: In recht durchsichtigen Werbekampagnen wird Open Source attackiert, erreichen tun die Werbestrategen aus Seattle damit aber nicht viel. Denn die nächste Hiobsbotschaft für das Imperium von Bill Gates - als Beispiel von vielen - erreichte erst kürzlich die Newswires: Nun überlegt (angeblich nach dem Vorbild von München und Wien) sogar die Stadt Los Angeles, auf Open Source umzusteigen und damit Kosten zu sparen. Das Geld soll dann - hört, hört - dem lange geplanten Ausbau der Los Angeles Police zugute kommen. Da geht es immerhin um fünf bis sechs Millionen Dollar pro Quartal, die LA nur für Softwarelizenzen verpulvert. Wenn das keine Umwegrentabilität ist! Da kann auch Bill Gates nicht dagegen haben, oder?
Was für ganze Städte gilt, macht natürlich auch für Unternehmen Sinn: Besonders kleine und mittlere Firmen, die ja ohnehin keine Freunde großer IT-Investitionen sind, würden höchstwahrscheinlich in den meisten Fällen billiger fahren, wenn sie sich eine Linux-Anwendung maßschneidern ließen anstatt das volle Basis-Programm mit Windows einzusetzen. Aber aufgepasst: Es gibt auch Einzelfälle, wo der Return on Investment mit Kommerzsoftware schneller zu erreichen ist, gerade, wenn man die Umstellungskosten berücksichtigt. Um eine genaue Evaluierung kommt man also so oder so nicht herum.



1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Eric Scherer ist Geschäftsführer des anbieterunabhängigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens i2s. Er gilt als einer der führenden ERP-Experten und ist Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie. 