Erich Bonnert
Seit Beginn der IT-Branchenkrise ist Dell mit seinem Direktvertriebsmodell der Hahn im Korb. Ihren Hauptkonkurrenten HP, IBM und Gateway haben die Texaner praktisch überall Marktanteile abgenommen - außer in China. Im Reich der Mitte, dem mit Abstand am schnellsten wachsenden PC-Markt der Welt, hatten US-Hersteller wenig zu bestellen. Für IBMs PC-Sparte sieht dies jetzt anders aus: Neueigentümer Lenovo ist dort der populärste Hersteller und bringt nun Marke, Management und Ingenieurskunst aus IBMs PC-Sparte - gekoppelt mit den eigenen Stärken in Produktion und Zulieferlogistik - in Position. Kenntnisse der heimischen Geschäftskultur und die notwendigen Beziehungen zu den Regierungsstellen sind ein weiteres Plus.
Daher bedeutet der spektakuläre Verkauf des PC-Bereichs für IBM weit mehr als nur das Abstoßen eines unprofitablen Geschäftsfeldes. IBM verliert Ballast und gewinnt gleichzeitig besseren Zugang zum bald schon größten IT-Markt, unter anderem für das Server-Geschäft und die Service-Sparte. Die Rivalen Dell und HP geraten im asiatischen Markt unter Druck, ohne dass IBM sich der Konkurrenz dort überhaupt stellen muss. Sollte diese Partnerschaft mit Lenovo die erhofften Resultate bringen, ist es durchaus denkbar, daß IBM die Firma in einigen Jahren einfach wieder zurück kauft. Da das Unternehmen nunmehr in den USA firmiert und vom Ex-IBM-Manager Steven Ward geführt wird, sind die Weichen schon gestellt.
Außerhalb Asiens riskiert Big Blue allerdings, auch Marktanteile zu verlieren. Kommen die als hochwertig geschätzten IBM-Rechner - insbesondere Thinkpads - vom Billiganbieter Lenovo, bringt das Wasser auf die Mühlen der Markenkonkurrenten. Dell und HP werden dies zu nutzen wissen, glaubt Jim Garden, Forschungsdirektor beim Marktforschungsunternehmen Technology Business Research (TBR): "IBM tauscht die Chancen in Asien für überschaubare Risiken in Nordamerika und Europa ein."
Intel-Sorgen
Bei Intel hat man derzeit andere Sorgen als den IBM-Lenovo-Deal. Beide Hersteller sind überwiegend Stammkunden bei Intel, setzen aber immer häufiger auch Prozessoren des Rivalen AMD ein. Auf die Möglichkeit angesprochen, dass im Massenmarkt Asien nun AMD besser zum Zug kommen könnte, gab Intel-Chef Craig Barrett nur die kurze Auskunft: "Wir haben mit IBM schon besprochen, dass zunächst alles unverändert weiter läuft." Man kann sich vorstellen, dass zuvor die Telefone in Armonk und Santa Clara einige Tage heiß liefen, denn IBM ist auch bei schwindenden Marktanteilen immer noch einer der größten Kunden. Und vor allem Barrett betont immer wieder die Bedeutung Chinas für sein Unternehmen. Seinem baldigen Nachfolger Paul Otellini bleibt so wenigstens ein Problem erspart. Aber der designierte Intel-Chef hat noch reichlich Nüsse zu knacken.
Es sah schon fast so aus, als müsste Otellini ein schlingerndes Schiff übernehmen. Intel schien zuletzt den Kurs verloren zu haben. Die Chipfabrikation, das Paradestück der Kalifornier, zeigte rätselhafte Unsicherheiten. Wichtige Produkte, auf die die Branche dringend wartete, verzögerten sich um Monate. Dann mussten ganze Chipserien kurz nach Lieferbeginn wegen Mängeln zurückgerufen werden. Eine jahrelang geplante Prozessorlinie wurde gar wurde sang- und klanglos eingestellt.
Jetzt aber hat der Chipriese mit der Dualcore-Strategie (zwei Prozessorkerne auf einem Chip) wieder einen stimmigen, auf Jahre ausgerichteten Produktkompass. Intel will innerhalb von vier Jahren die Chipleistung um das Zehnfache steigern. Das klingt zunächst abenteuerlich, wenn man weiß, dass die Prozessoren in den letzten vier Jahren bestenfalls drei mal schneller geworden sind. Doch die Software-Industrie trägt diese Last bereitwillig mit, denn sie wittert hier neue Anwendungsfelder. Die Programmierer sind dabei, mit dieser Architektur neue Geschäftsfelder wie Sprach- und Videoverarbeitung sowie neue Bedienoberflächen anzugehen.
Das bedeutet bei weitem nicht, dass Otellini sich nach der Amtsübernahme zurücklehnen kann. AMD ist nicht abgeschlagen, sondern findet insbesondere unter Softwareherstellern immer mehr Freunde. Und genau dort fallen wichtige Plattformentscheidungen. Man kann sich also darauf einstellen, dass AMD den großen Rivalen sicher nicht das Revier streitig machen, aber immer wieder einmal zuvorkommen wird.
Microsoft-Sorgen
Auch bei Microsoft macht man sich um die Transaktion zwischen IBM und Lenovo wenig Gedanken. Immerhin hat man in Redmond vor kurzem noch mit dem Gedanken gespielt, vom Bankguthaben - nach Abzug einer Rekorddividende - ein Unternehmen wie SAP zu kaufen.
Offenbar haben Steve Ballmer und Bill Gates sich überlegt, dass selbst die teuerste Diversifikation wenig bringt, wenn das Kerngeschäft zurückgeht. Alle Zahlen und Prognosen der Marktforscher zeigen, dass Linux überall auf dem Vormarsch ist. Dies gilt vor allem in Entwicklungsländern, speziell aber in China, wo die Administration Linux offen bevorzugt. Trotz einer speziellen Niedrigpreisstrategie verliert Windows in Asien an Boden. IBM wird diesen Trend im Zusammenspiel mit Lenovo ausnutzen. Big Blue setzt durchgängig auf Linux, will zudem seine eigene Power-Chiparchitektur stärken und könnte damit sogar einen Standard für den gesamten asiatischen Markt vorantreiben.
Oracle ohne Sorgen
Aber wie wir alle ist auch Microsoft ein wenig durch einen anderen Schauplatz abgelenkt worden: Der lange Hickhack zwischen Oracle und Peoplesoft hat ein Ende. Larry Ellison hat sich durchgesetzt und Peoplesoft entgegen allen Widerständen gekauft. Dass nun Ruhe einkehrt im Markt für Unternehmensanwendungen, ist unwahrscheinlich.
Nach diesem Raubzug werden auch andere Firmen auf die Pirsch gehen, glauben Beobachter wie Jim Garden von TBR. Die Kunden von Veritas etwa rätseln schon, ob ihre Speichersoftware bald Symantec gehört - und wie es damit weitergeht. Ellison behauptet jedenfalls, dass Peoplesofts Kunden und Produkte nicht einfach nur geschluckt werden, sondern dass die Weiterbetreuung systematisch vorbereitet wurde. Die Peoplesoft-Anwender sollen sogar "überversorgt" werden, wie sich der Firmenchef ausdrückte. Man wird bald merken, wie das gemeint war. Gut jedenfalls, dass Peoplesofts Dependancen in Europa, beispielsweise in Österreich, keine verbrannte Erde hinterlassen, sondern zuletzt sogar mit neuem Engagement in den Markt gegangen sind.
Obwohl im Anwendungsmarkt immer noch deutlich kleiner als SAP, ist Oracle ab sofort der Hahn im Korb. Schon auf der Openworld-Anwenderkonferenz im Dezember gaben sich die Chefs der Hardwarefirmen Carly Fiorina (HP), Michael Dell (Dell) und Scott McNealy (Sun) ein Stelldichein. Larry Ellison hat jetzt nicht nur eine größere Kundenkartei, sondern auch eine innovative Softwarearchitektur, die richtungsweisend auch für den Server-Bau werden dürfte: Cluster aus vielen kleinen Servern (zwei bis vier Prozessoren) bestimmen zunehmend das Bild.
Allerdings ist Ellison jetzt auch wählerischer in Bezug auf Partner geworden. Im neuen Jahr will Oracle mit einem Programm namens "Architecture of the Future" auf eine Welttournee gehen und den Kunden die IT-Zukunft erläutern. Dabei sind Dell und Intel sowie die Linux-Anbieter Red Hat und Suse mit von der Partie. Der langjährige Verbündete Sun und seine Solaris-SPARC-Architektur reisen nicht mit. Vielleicht passt Ellison ja die neue Freundschaft zwischen Sun und Microsoft nicht. Möglicherweise wartet er auch auf einen Wechsel im Sun-Headquarter. Die Nummer zwei, Jonathan Schwartz, tritt dort immer auffälliger in Erscheinung. Scott McNealy überlässt ihm immer mehr die Kommunikation mit Kunden, den Medien und der Öffentlichkeit. Nach allem, was er in den gut 20 Jahren seit der Sun-Gründung erlebt habe, fühle er sich schon viel älter als seine 50 Lenze, sagte er kürzlich.
Einzig Steve Jobs scheinen die Bündnismauscheleien der Branche nicht zu berühren. Auch das könnte sich bald einmal ändern. Aber davon in einer anderen Kolumne.
Erich Bonnert ist freier Autor und lebt in Cupertino, Kalifornien.




7/2011
6/2011
5/2011


Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 