Phil Knurhahn
Selten ist es für einen Redakteur so schwer gewesen, eine Botschaft aus dieser Messe zu ziehen. Das Analyse ist vielschichtig, und wenn man sich gar von zwei Seiten nähert - einer technischen und einer wirtschaftlichen - dann kommt man zu unterschiedlichen Ergebnissen.
Als von Berufs wegen neugieriger Mensch beginnt die Suche auf einer Messe meist mit einem Schnellrundgang: Wo ist das überragende, überraschende, phantastische Ausstellungsstück? Machen wir es kurz: Das gab es auf der "electronica 2004" nicht. Auch Kollegen haben es nicht gesehen. Da sagt nun nicht, auf der Messe wäre nichts Neues zu sehen und zu hören gewesen, nein: Die wichtigsten Botschaften waren nur anderer Art.
Am Markt einen sich die Geister
Fangen wir mit dem Wichtigsten an: Die Branche hat ein gutes Jahr hinter sich. Und 84 % der Aussteller schätzten laut einer Umfrage von Infratest die künftige Marktentwicklung als gut bis hervorragend ein. Am meisten haben sich dabei die Halbleiterhersteller gefreut: Sie erreichten 2004 ein Wachstum von mehr als 25 %. Damit ist viel über die Stimmung gesagt.
Von den rund 900 akkreditierten Journalisten fand aber nur ein kleiner Teil zu den Quellen, die die Zukunft mit Zahlen analysierten. Und das sieht nicht ganz so gut aus, wie es Börse und Politik gerne sehen würden. Wenn es 5 % Marktwachstum für die Chips in 2005 gibt, dann wäre man schon ganz froh. Viel besser dürfte es auch in 2006 noch nicht werden. Erst im Mittelfristtrend bis 2008 will man wieder in das langfristige Wachstum von etwa 12 % pro Jahr einschwenken. Chips sind nun einmal die Treiber für die Elektronik. Wie hat das der Erfinder der Leuchtdiode, Professor Nick Holonyak Jr. formuliert? "Nimm die Halbleiter von der Produktpalette - die gesamte Elektronik wird kollabieren. Und mit ihr die ganze Weltwirtschaft."
Der Ausblick auf 2005 heißt nun nicht, dass mengenmäßig sehr viel weniger produziert wird: Im Bauelementemarkt hat man immer mit jährlichen Preiskorrekturen zu rechnen, nach unten zumeist, oft sogar zweistellig. Eines schließt man aber bei den Auguren aus: Dass es zu einem "echten" Marktzusammenbruch ähnlich wie 2001 kommen könnte. Wie sagte ein Insider auf der Messe? "Wir haben aus den Fehlern gelernt. Das passiert uns nicht ein zweites Mal." Und was hat man gelernt? "Wir beobachten die Marktentwicklung sehr viel sorgfältiger. Keiner baut mehr riesige Bestände auf, die dann nur noch unter Preiskämpfen an den Mann zu bringen sind."
Anwendungen sind das Geschäft
Das hat auch die Messe München so gesehen und gleich mehrere Anwenderforen in den gut besuchten Messehallen realisiert. Da gab es die "Automotive Electronics", für Deutschland ein äußerst wichtiger Teilmarkt, der auch trotz leichter Krise in den Automärkten noch immer floriert. Das liegt daran, dass mit jeder neuen Autogeneration der Anteil der Elektronik im Auto weiter steigt. So um die 320 $ Elektronik pro Auto waren das 2002, bis 2006 will man schon bei 370 $ sein. Entsprechend stark war das Angebot auf den Ständen der Aussteller. Die Problemthemen hatte man in einen angelagerten Kongress verlegt: Dort wurde über "fehlerfreie Automobilelektronik" geredet. Zahlen über tatsächliche Ausfälle gehörten zu den gut gehüteten Geheimnissen auf der Messe: Wenn jemand mal solche Zahlen von sich gab, dann wurden sie von der Konkurrenz einen Tag später wieder dementiert.
Die "World of MEMS" zog viele Besucher an. Sie kamen mit unterschiedlichen Erwartungen, suchten Systemlösungen für etwas, was sich mit Einzeltechnik nicht perfekt lösen lässt. Doch es waren in erster Linie Einzellösungen, die hier zu sehen waren. Große Systeme wie seinerzeit das Digital Mirror Display von TI oder der (noch in Entwicklung befindliche) "Tausendfüßler"-Speicherbaustein von IBM fehlten.
Schwieriger war das Thema "Embedded in Munich". Für die "eingebettenen Systeme" gibt es ja eigene Veranstaltungen (nicht in München), so dass hier Nachholbedarf auf der "electronica" vorhanden war. Auch wenn sich der angeschlossene Kongress über drei Tage hinzog, ganz schlüssig war die Veranstaltung nicht. Es fehlte die ordnende Hand einer Systematik.
Das vierte Thema der Anwendungen hieß "Wireless Communications". Auch dies Thema wurde mit einem Anwenderforum als auch einem dazu passenden Kongress bedient. Und auch hier gibt es bereits seit einiger Zeit Konkurrenz an anderen Orten. Für eine Erstveranstaltung dieser Art auf der Messe in München war das Resultat aber ganz ordentlich. Zu bemängeln bleibt, dass die Münchner Messegesellschaft keine Teilnehmerzahlen aus den drei Kongressen veröffentlichte: Das hätte eine bessere Einschätzung ermöglicht.
Ausgewähltes aus den Produktpaletten
Seien wir ehrlich: Bei mehr als 3.000 Ausstellern und oft mehr als hunderttausenden von Produkten ist es unmöglich, auch nur andeutungsweise eine Neuheitenübersicht zu geben. Dies gilt umso mehr, wenn es kaum herausragende Dinge zu sehen gab, die einen Trend setzen könnten. Die früheren Messekonzepte haben überlebt: Heute ist eine Messe dieser Art mehr ein Kontaktforum und Mittel zur Kundenpflege. Die existierenden Beziehungen wurden schon im Messevorfeld dazu genutzt, den Kunden auf Neuerscheinungen und Präsentationen aufmerksam zu machen - der Messestand ist dann nur noch das Podium. Und ein Schaufenster für potentielle Neukunden, die noch keinen Kontakt hatten - aber das ist bei weitem nicht die Kerngruppe der Besucher. Hier sind ein paar Dinge, die uns beim Rundgang durch die Hallen ins Auge fiele. Die Auswahl ist subjektiv und bedeutet keine Wertung:
Ein Referenz-Design für ein Bluetooth-Headset mit extrem niedrigem Stromverbrauch fanden wir bei der schweizerisch-kalifornischen Xemics (www.xemics.com). Ein schmaler Formfaktor, 10 Stunden Betriebszeit mit einer Akkuladung, Kontaktaufnahme zwischen Handset und Headset via Bluetooth auf etwa 10m möglich - ideal für einen Messestand.
Piezotastaturen bietet u.a. die schweizerische Algra (www.algra.ch) an. Das aktive Interface dabei ist ein piezoelektrische Lack: Auf Druck gibt dieser Lack eine Spannung ab. Zwischen 1 µm und 10 µm Hub wird dafür nicht benötigt. Damit kann man Tasten auf fast allen Materialien realisieren: Aluminium, Glas, Kunststoff, Edelstahl. Und die Tastengrößen sind nicht vorgegeben, weil die Taste durch Siebdruck realisiert wird.
Organische aktive Leuchtdisplays in Farbe (RGB) aus Serienproduktion waren mehrfach zu sehen, so u.a. bei Sanyo (http://www.eu.sc-sanyo.com). Die Bildschirme zielen mit 2 Zoll Bilddiagonale auf Handies ab.
Eine neue Farbe haben wir entdeckt: Warmweiß. Osram bietet sie im Zusammenhang mit einer lichtstarken LED an. Die arbeitet nicht bei der sonst üblichen weißen Farbtemperatur zwischen 6.500 K und 8.000 K (Tageslicht, bläulich), sondern nur bei 3.200 K, was eher einer Glühlampe entspricht. Damit wäre sie eigentlich nicht "weiß" sondern mehr gelblich.
Den weltweit kleinsten Gyrosensor haben wir bei Epson gesehen (http://www.ngk.co.jp/english). Er misst nur 5 x 3 x 1,3 mm³, nutzt monokristallinen Quarz als hochstabiles Gyroelement und hat die Auswerteelektronik gleich mit eingebaut. Was man damit machen will: Bildstabilisierungssysteme für digitale Kameras realisieren.
Bei der Fraunhofer-Gesellschaft (http://www.ims.fhg.de) sahen wir drahtlose Sensornetze und die dafür entwickelten Knoten. Sie haben derzeit noch eine Größe von 33 x 55 mm², sind aber die Basis für ein "Multihop"-Netzwerk, das ein Ereignis in das Internet melden kann und sich dabei den Weg dorthin selbstorganisierend sucht.
Regalkanten-Displays sind für den Einzelhandel künftig ein Informationsinstrument. Bei der englischen Anders Electronics (www.anders.co.uk) haben wir solche Displays mit abgesetztem Mikro-PC gesehen, der auch schnell wechselnde Werbebotschaften zulässt. Die 350 cd/m² Beleuchtungsstärke sorgen auch an hellen Verkaufsregalen für gute Lesbarkeit.
Fassen wir zusammen: Eine Messe schaut ja nicht nach hinten, sondern nach vorn. Aber die Impulse der "electronica 2004" sollten für vorsichtigen Optimismus reichen. Vielleicht stellt sich doch noch Euphorie ein: Die Messegesellschaft in München jedenfalls sieht ihre Ziele als erfüllt: 99 % der rund 75.000 Besucher waren vom Fach, mehr als 40 % kamen aus dem Ausland und unterstrichen damit die Bedeutung der "electronica" als internationale Leitmesse der Branche. Und die Besucher waren von der Messe noch mehr beeindruckt als die Aussteller: 95 % bezeichneten die Informationen auf der Messe als "gut" oder gar "ausgezeichnet". Und wenn der Endkunde hoch zufrieden ist, dann sind es die Lieferanten auch.




7/2011
6/2011
5/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 