Sie haben einen für eine Frau außergewöhnlichen Beruf. Wollten Sie gezielt in die IT-Branche?
Ja, diese Branche hat mich schon in der Schule interessiert. Nach der HAK-Matura habe ich ein Kolleg an einer HTL begonnen, doch Schule und ganztags arbeiten war zu viel. Vor etwa 14 Jahren bin ich zu IBM gekommen. Ich habe mich während meiner Karenzzeit aufgrund einer Annonce in der Zeitung beworben. Damals wurde eine Assistentin der Geschäftsleitung gesucht. Ich bekam den Job und durfte zusätzlich am Projekt Einführung der Telearbeit bei IBM Österreich mitarbeiten. Später wurde ich gefragt, ob ich dieses Projekt nicht alleinverantwortlich übernehmen wolle. Das war mein Einstieg ins Projektmanagement. Das war toll, erstens Pionierarbeit und zweitens war ich daran natürlich auch persönlich interessiert.
Das heißt, sie waren selbst auch Teleworkerin?
Ja, wir nennen das alternierende Telearbeit. Vormittags war ich im Büro, während mein Sohn in der Schule war, dann habe ich ihn um drei Uhr abgeholt und später von zu Hause weitergearbeitet.
Haben Sie da jemals ein schlechtes Gewissen gehabt?
Ja, sicher, eigentlich allen gegenüber. Der Firma und auch meinem Sohn. Es war sehr anstrengend, ich habe wahnsinnig viel gearbeitet und war zweimal im Burnout. Aber ich habe durch meinen Sohn auch unheimlich viel gelernt. Ohne ihn wäre ich nie so eine gute Führungskraft, weil ich gelernt habe, auf andere Rücksicht zu nehmen. - Ich habe dann selbst Schulungen für Telearbeit gemacht, und es ist ja interessant: Frauen wollen Telearbeit, um sich noch mehr aufzuhalsen, Männer eher, um sich einen Freiraum zu schaffen.
Und wie ging es persönlich bei Ihnen weiter?
Für das Teleworking-Projekt bekam ich drei Jahre Zeit, aber nach zwei Jahren war ich fertig. 1999 wurde ich die IT-Leiterin bei IBM Österreich. Parallel dazu habe ich vor zwei Jahren auch die Leitung der Entwicklungsabteilung für die IBM-Plattform für Windows (Anmerk.: eine Software-Plattform zur einfachen und schnellen Implementierung verschiedenster User-Software in Unternehmen mit über 50 MitarbeiterInnen) bekommen. Das ist auf die Dauer ziemlich stressig. Daher habe ich die EDV-Abteilung heuer im Februar abgegeben und mich voll auf die Software-Entwicklung konzentriert. Jetzt ist meine Work-Life-Balance wieder ausgeglichen.
Und wie sieht ein typischer Tag bei Ihnen aus?
Bunt und sehr unterschiedlich. Das kommt daher, dass wir Marketing, Entwicklung und Support hier in Wien unter einem Dach haben. So kommen z.B. Kundenanfragen, ich muss mit den Projektleitern über Pricing, Development Lead und Realisierung entscheiden. Dann die Zusammenarbeit mit anderen Entwicklungsabteilungen in Europa und Amerika. Und viel Organisatorisches, ich habe zur Zeit 40 Mitarbeiter, einige verändern sich, neue kommen, Urlaubsplanung usw.
Wie viele Frauen haben Sie im Team?
Zur Zeit leider nur drei. Aber generell kann ich sagen, dass Frauen kaum in die Entwicklung wollen, weil sie kommunikativ sind. Der EDV-Techniker redet aber nicht gerne. Und da liegt das Problem: Es gibt kaum Frauen, die nicht gerne reden.
Was halten Sie von Frauen und IT? Wieso wählen so wenige junge Frauen z.B. eine HTL oder studieren Informatik?
Da fehlt mir der Einblick, aber ich bin im Rahmen eines IBM Mentoren-Programm Mentorin zweier Schülerinnen - Florentine Hofmann ist in Wien an der HTL, Ramona Abdul Hamed in Innsbruck in einem Gymnasium. Und diese beiden wissen genau, was sie wollen und gehen in eine technische Richtung.
Wie sieht es mit weiblichen Bewerbungen aus?
Gar nicht so schlecht, vielleicht auch deswegen, weil sich bei uns intern im Haus und IBM weltweit viele Möglichkeiten ergeben.
Bei IBM gibt es ja auch eine Frauen-Vereinigung? Sind Sie da auch mit dabei?
Sie meinen das AWLF, das Austrian Women Leadership Forum. Ich habe dort keine aktive Rolle, aber Netzwerken finde ich grundsätzlich gut, ob mit Frauen oder mit Männern.
Ein gutes Stichwort: Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Yoga, Laufen, Golf spielen, Freunde sind mir wichtig und Lesen. Jetzt bin ich gerade dabei, mich für eine Kampfsportart zu entscheiden. Das ist mental gut, gibt Ausdauer und Kraft.
Kraft für die Zukunft... wo wollen Sie, sagen wir, in fünf Jahren stehen?
Oje. Das fragt mich mein Chef auch immer. Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Einfach spannend weiterarbeiten. International muss es auf alle Fälle sein.





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8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 