Christian Henner-Fehr
Die Umstellung auf Linux hat aber nicht nur finanzielle Vorteile gebracht. Die Job-Laufzeiten wurden um durchschnittlich 90% verkürzt, der Aufwand für das System- und Speichermanagement wurde ebenfalls um 90% gesenkt. Auch für die Endanwender ergeben sich positive Effekte: "Besonders erfreulich sind die kurzen Online-Antwortzeiten - die Anwender erhalten die gewünschten Informationen jetzt doppelt, Auswertungen sogar zehnmal so schnell. Außerdem wurde die Office-Integration enorm verbessert. Jetzt können Daten aus der Datenbank einfach ins Textbearbeitungs- oder Tabellenkalkulationsprogramm übernommen werden. Wo früher mit Ausdrucken oder aufwendigem Filetransfer gearbeitet werden musste, können jetzt automatisch Serienbriefe erstellt werden", erklärt Berthold Rauchenschwandtner, IT-Chef der Stadt Salzburg, die Verbesserungen des Umstiegs.
Insgesamt 1.200 Mitarbeiter aus allen Fachabteilungen profitieren von dem Umstieg. Im Finanzbereich geht es unter anderem um Budgetierung, die Abgaben-, Gebühren- und Steuervorschreibung, Bilanzierung und Kostenrechnung; im Personalbereich ist die gesamte Personalverwaltung ohne Bezugsverrechnung betroffen - dazu gehört die Verwaltung von Bewerbungen ebenso wie die Administration von Vordienstzeitberechnungen, Ausbildung und Pensionierung im Personalbereich. Auch Einwohner-, Firmen- und Grundstückskataster werden über die migrierten Anwendungen gepflegt.
Linux als Alternative zu Großrechner oder Windows
Bisher liefen diese Anwendungen auf einem Großrechner (Mainframe), der 2003 aus der Wartung genommen wurde. Aufgrund der finanziellen und funktionellen Vorteile entschied sich der Stadtsenat im letzten Jahr für den Umstieg auf Intel-Server und damit gegen die Anschaffung eines neuen Mainframes oder die Migration auf Windows. Bei der Anschaffung eines neuen Großrechners wäre mit mindestens 70% höheren Kosten zu rechnen gewesen. Eine nachfolgende Evaluierung der besseren Zielplattform ergab dann eindeutig Vorteile von Linux gegenüber Windows. Rauchenschwandtner sieht dies aber keinesfalls als Absage an Microsoft, da die Stadt im Client-Bereich ja weiter auf Microsoft setze. Salzburg folgt also damit nicht dem Beispiel von Städten wie München oder Rom, die alle Computer auf Linux umzustellen beabsichtigen.
Günther J. Lang, Marketing-Verantwortlicher der Software AG, die die Mozart-Stadt bei der Migration auf Linux unterstützt hat, versteht die derzeitige Aufregung nicht ganz: "Industrieunternehmen haben schon vor fünfzehn Jahren auf Linux umgestellt." Sein Unternehmen habe deshalb schon frühzeitig auf den Trend reagiert und die gesamte Produktpalette auf Linux portiert. "Ob Linux oder Windows, wir bieten beides an", so Lang. Da zwischen 1989 und 1993 alle Enterprise Systeme mit dem Datenbankmanagementsystem Adabas und der Entwicklungsumgebung Natural der Software AG entwickelt worden waren, griff die Stadt auch bei der Migration auf das Know-how der Software AG zurück. Das Resultat: geringere Kosten, eine hohe Ausfallsicherheit und auch Unabhängigkeit. "Im Lichte der öffentlichen Vergabeordnung ist die Herstellerunabhängigkeit ein weiteres gewichtiges Argument für Linux", so Rauchenschwandtner. Ein Argument, das auch Lang anführt. Die Unternehmen wollen ihre Strukturen austauschen können, "in dieser Hinsicht wird der Druck am Markt immer größer."
Evolution statt Revolution
Bei neuen Server-Betriebssystem-Installationen hält Linux mittlerweile einen Anteil von 20%. Das Wort Revolution möchte Lang aber nicht in den Mund nehmen, er spricht lieber von Evolution. Auch wenn man derzeit noch von einem Kampf David gegen Goliath sprechen kann, so scheint die Lage für den David doch nicht mehr so aussichtslos. Viele Argumente sprechen für die Software, deren Quellcode frei zur Verfügung steht. Das Ende von Microsoft sieht Lang aber nicht gekommen. "Beide Systeme können nebeneinander koexistieren und ein System wird immer einen Vorsprung haben", ist er überzeugt.
Derzeit verfolgt das Unternehmen aus Redmont aber eine Geschäftspolitik, die bei den Kunden nicht gut ankommt. Der Quellcode wird als Geheimnis behandelt, Sicherheitsprobleme schrecken die Nutzer immer wieder auf und die Abhängigkeit von den regelmäßig erscheinenden Updates ist auch nicht nach jedermanns Geschmack. So scheint das Betriebssystem mit dem Pinguin als Markenzeichen im Serverbereich auf der Überholspur. Immer mehr Unternehmen wollen auf proprietäre Software, also geschlossene Lösungen wie Windows verzichten und setzen auf Open-Source. Ein Wettkampf, von dem letzten Endes die Nutzer profitieren werden.
Seine Feuertaufe hat die migrierte Lösung in Salzburg bereits bestanden Innerhalb von zweieinhalb Stunden wurden am 7. März die Ergebnisse der Landtags-, Gemeinderats- und BürgermeisterInnen-Wahlen der Stadt Salzburg erfasst und die Datenströme an alle Medien weitergeleitet. Darüber hinaus wurden die Hochrechnungen und Wahlergebnisse grafisch aufbereitet und online im Intra- und Internet präsentiert.



1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 