Termindruck, Arbeiten bis spät in die Nacht, Überforderung im Job, Druck von Vorgesetzten oder Kollegen - Stress plagt überall, aber ganz besonders in der IT- und Telekom-Branche, viele Menschen. Die unangenehmen Folgen: Angst, Depression, Magenschmerzen, Hautausschläge, Verspannungen, Herz-Kreislauf-Probleme bis hin zum Herzinfarkt. Wie reagieren die Unternehmen? Was wird für die Mitarbeiter in punkto Prävention und Stressabbau getan? Monitor-Autorin Christine Wahlmüller und Stresscoach Brigitte Zadrobilek bat eine ausgewählte IT-Führungsriege zum Gespräch.
Auf die eingangs gestellte Frage: Wie gehen Sie persönlich mit Stress um, hatte Gerhard Seidl, Marketingleiter bei Beko, eine spontane Antwort parat: "Mit drei Kindern im Alter von 19, 17 und 15 Jahren ist auch privat Stress da". Ein Statement, dem allerdings Arno Kaspirek, Geschäftsführer von ITdesign und Vater von 6 Kindern, gleich widersprach: "Stress hat man nicht, Stress macht man sich selbst."
Er habe einfach gelernt, nein zu sagen, verriet Kaspirek gleich sein persönliches Anti-Stress-Rezept. Eine Maßnahme, die Dr. Margit Kaluza-Baumruker, Marketing-Chefin von Herold Business Data, offenbar schwer fällt, wie sie freimütig eingestand. Man müsse die Dinge einfach positiver sehen, meinte sie und hatte dazu auch gleich ein anschauliches Beispiel parat. Man könnte ja sagen: "Oje, ich muss heute abend noch zu einer Veranstaltung" oder "Wie fein, ich habe heute die Gelegenheit, die Gasometer am Abend zu sehen" (die Monitor-Gesprächsrunde fand bei Hutchison/Drei im Gasometer in Wien-Simmering statt - ein Unternehmen, das übrigens keine Kosten scheute, um die Büroräumlichkeiten, toll designed nach Feng-Shui-Kriterien, möglichst angenehm zu gestalten). Wichtig sei es auch, den Dialog im Unternehmen zuzulassen, sprach Michael Schober, Geschäftsführer von 3S System Software, einen weiteren Punkt an, um dem Stress von vornherein gar nicht erst zum Thema werden zu lassen. "Stress bringt auch Positives", konterte Klaus Müller, Leiter Produktmanagement bei Drei, denn "es gibt viele Leute, die unter Stress sehr, sehr gut werden. Man muss nur vermeiden, dass man unter Dauerstress steht", so Müller.
Wenn es stressig wird....
Womit die Frage auftauchte: Wie definieren wir eigentlich Stress? (Antwort, siehe Kasten). Johann Vasicek, Leiter Technischer Support der Telekom Austria, gab zu bedenken: "Stress ist relativ zu werten und eine persönliche Sache, d.h. wo sehe ich meinen Level. Individualstress resultiert sehr stark aus Überforderung", so seine Erfahrung. Die Telekom Austria nimmt sich gezielt des Themas Stress an. So gibt es z.B. regelmäßig Gesundheitstage und Beratungsmöglichkeiten, seit 2003 erhalten die Mitarbeiter auch Entspannungs-Trainings. Was passiert aber, wenn es im Unternehmen oder im Team tatsächlich einmal drunter und drüber geht bzw. eine akute Stress-Situation auftritt, wollte ich wissen. Am besten natürlich gar nicht so weit kommen lassen, war der Tenor der Antworten. Wobei es natürlich einen Unterschied macht, wie groß ein Unternehmen ist. Beim 35-Personen-Betrieb ITdesign von Arno Kaspirek wird freie und flexible Zeiteinteilung großgeschrieben. Außerdem wird schon beim Recruting die Belastungsfähigkeit des zukünftigen Mitarbeiters ausgelotet. Rezept beim Groß-Betrieb Beko: "Dort, wo es heikel werden kann, wird man Teams nehmen, die sich in Stress-Situationen bereits bewährt haben", meinte Beko-Mann Gerhard Seidl. "Über die Beko-Akademie gibt es für die Mitarbeiter ein Angebot von Soft Skills Trainings wie z.B. Stressbewältigung, Präsentation oder Rhetorik, damit sich die Leute einfach wohler fühlen", erzählte Seidl über die hausinterne Anti-Stress-Politik. Das Um und Auf sei es aber, die Leute richtig d.h. gemäß ihrer Fähigkeiten einzusetzen, fügte er hinzu. Ein Ansatz, dem auch die anderen Diskutanten beistimmten.
Stressprävention an erster Stelle
"Es beginnt schon beim Recruiting. Wir sagen den Kandidaten da ganz offen, mit welchem Stresslevel zu rechnen ist", betonte Mag. Sylvia Kosek, Leiterin Personalentwicklung bei Raiffeisen Informatik. Kosek pochte auf die große Bedeutung der Stressprävention. "Wir haben vor drei Jahren mit Bildungsschwerpunkten, und da mit dem Thema "Leben im Gleichgewicht", begonnen", berichtete sie stolz. Neben dem Erlernen von Methoden der Stressbewältigung gebe es auch Gesundheits- oder Krisenberatung, bei Bedarf auch Seminare oder individuelles Coaching. Auch die bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf sei ein großes Thema. "Es geht um die Frage: Wie kriege ich meine Familie, Kinder und Job unter einen Hut und kann trotzdem am Abend relaxt ins Bett gehen", fasste Kosek gekonnt zusammen.
Eine weitere Sichtweise brauchte Mag. Elke Peller, HR-Manager von NextiraOne, ins Gespräch: Sie sehe das Thema Stress ganzheitlich: "Es geht um ein positives Betriebsklima und zufriedene motivierte Mitarbeiter". Um das zu erreichen, werden bei NextiraOne regelmäßig Mitarbeiter-Zufriedenheitsbefragungen durchgeführt. Und da kam z.B. zuletzt zu Tage, dass zwei Hauptprozesse dringend verändert werden müssen. Außerdem gebe es Wohlfühl-Maßnahmen wie z.B. Sportangebote, eine neue Kantine mit viel Augenmerk auf frisches Obst und Gemüse oder die Möglichkeit bei Seminaren Entspannungstechniken kennen zu lernen, berichtete Peller.
Neben allerlei Maßnahmen gegen den Stress sei aber vor allem auch die (gute) und einfach menschliche persönliche Beziehung zwischen den Leuten von Bedeutung. Müller von Drei gestand freimütig: "Ich muss auch manchmal zeigen, dass ich jetzt unter Stress stehe, dass ich nicht nur cool bin und alles hundertprozentig richtig mache". Auf ein starkes Wir-Gefühl setzt Marketing-Lady Kaluza-Baumruker: "Es geht darum, den Teamgeist hochzuhalten, um gemeinsam harte Zeiten zu schaffen, das sei wichtiger als die Sportveranstaltung oder das Vollkornweckerl". Einfach nur Sport anzubieten "nützt gar nichts, ich habe das den Leuten mehrfach angeboten, aber es wurde einfach nicht genutzt", erzählte Michael Schober von seinen Erfahrungen. "Direkt im Betrieb Sport- und Entspannungsmöglichkeiten anbieten wäre besser und würde vermutlich mehr in Anspruch genommen", riet Stresscoach Brigitte Zadrobilek. Das allein sei noch zu wenig, warf Johann Vasicek ein. "Wir haben bemerkt, das Management und die Teamleiter müssen es einfach aktiv vorleben und vermitteln: Du, das ist normal, dann machen sie einfach zwischen den Meetings alle gemeinsam Entspannungsübungen". Zu den Veranstaltungen und Sportmöglichkeiten meldete sich auch Beko-Marketingleiter Seidl zu Wort: Es sei einfach schwieriger geworden, die Leute anzusprechen, denn "heute hat jeder die Freizeit gut organisiert, oft sogar überfüllt - aber tagsüber etwas anzubieten ist sicher eine gute Alternative".
Tipps für modernes Stressmanagement
Auf die Frage, wie modernes Stressmanagement aussehen sollte, gab Stresscoach Brigitte Zadrobilek zunächst drei Punkte zu bedenken: 1. Es muss beim Management beginnen, in jeder Hinsicht. 2. Es beginnt schon beim Recruting, ändert sich aber mit der Zeit und dem Lebensalter des Mitarbeiters, Wertigkeiten werden anderes gereiht. 3. Es gibt unterschiedliche Stressfaktoren und unterschiedliche Stresstypen, d.h. jeder reagiert anders. Es gibt also kein Patentrezept gegen Stress. Der beste persönlich "Schutzschild" gegen Stress sei die persönliche Gelassenheit, so könne man von vornherein Belastungen aus dem Wege gehen, verriet Zadrobilek. Womit die Diskussion in eine gesamtgesellschaftliche Perspektive mündete. Die Erkenntnis, dass schon Geschwister total unterschiedlich sein können, war nicht neu, aber in punkto Umgang mit Stress natürlich relevant, so der gemeinsame Schluss. "Die persönliche Einstellung ist ganz, ganz wichtig", betonte Zadrobilek. Worauf Peller bedauernd meinte: "Ja, nur Einstellungen lassen sich halt nur irrsinnig schwer verändern". Wie wahr...
Welche Tipps könnte man nun abschließend allen zum erfolgreichen Umgang mit Stress geben bzw. welche Aktiv-Maßnahmen gibt es? - "Ein ganz einfaches Mittel ist die progressive Muskelentspannung, wichtig ist es auch, den Mitarbeitern den Mix aufzuzeigen, d.h. etwa spezielle Übungen für den Arbeitsplatz für die Hals- und Rückenmuskulatur oder aber asiatische Entspannungsprogramme wie Yoga, Tai-Chi oder Qi Gong", erklärte Zadrobilek. Wichtig sei, dass die Entspannung direkt am Arbeitsplatz oder im Meetingraum passiere - eben dort, wo der meiste Stress entsteht. Gut sei es natürlich auch, einmal Entspannungstraining anzubieten, um Theorie und Praxis zu vermitteln und den Leuten zu zeigen, was sie alles gegen Stress tun können, so die Stress-Fachfrau. Wichtig ist vor allem, dass diese Dinge weitergelebt werden und nicht wieder im Alltagstrott vergessen werden.
Zum guten Schluss hatte auch Johann Vasicek von der TA noch ein gutes Rezept, gerade für den Alltagstrott, parat: "Nimm Deinen Mitarbeiter wahr, interessiere Dich für ihn und sage ihm auch, wenn er etwas Gutes getan hat". Einmal mehr die Erkenntnis: Wo die menschliche Ebene stimmt, haben der Stress und seine negativen Folgen nur wenig Chancen.
Stress und wie man ihn bekämpft
Was ist Stress? Ein 1936 von H. Selye geprägter Begriff für ein generelles Reaktionsmuster, das Tiere und Menschen als Antwort auf erhöhte Beanspruchung zeigen.
Man unterscheidet zwischen dem lebensnotwendigen, ungefährlichen Eustress und dem negativen, krankheitsauslösenden Distress. Stressfaktoren bzw. Belastungen können physikalischer (Kälte, Hitze, Lärm), chemischer (Schadstoffe, Drogen), medizinischer (Infektionen) oder psychischer Art (Isolation, Prüfung, Leistungsdruck in Schule und Berufswelt) sein. Die dadurch ausgelösten Körperreaktionen umfassen eine über den Hypothalamus im Zwischenhirn ausgelöste Überfunktion der Nebennieren und Schrumpfung des Thymus und der Lymphknoten.
Was bewirkt Stress? In Europa leiden 37 Mio. Menschen an Depressionen, u.a. hervorgerufen durch Erhöhung und Potenzierung von Distress am Arbeitsplatz. 18 % der arbeitsbedingten Gesundheitsprobleme resultieren aus Stress. In Österreich klagen mehr als 27 % (fast jede/r Dritte!) der Arbeitnehmer über erhöhten Stress und fühlen sich gesundheitlich angeschlagen. 12 % davon greifen zu Medikamenten. In Österreich verursachen psychische Erkrankungen mehr als zwei Mio. Krankenstandstage und 60.000 Frühpensionierungen pro Jahr. Stress kann Erschöpfungszustände, Angst, Depressionen, Magen-Darm-Beschwerden, Verspannungen, Schlafstörungen, Burnout sowie Herz-Kreislauf-Probleme bis hin zum Herzinfarkt auslösen.
Was bringt mir Stressmanagement?
Für Unternehmer:
- erhöhte Arbeitszufriedenheit und Arbeitsproduktivität;
- langfristige Senkung der Krankenstände;
- gesteigerte Produkt- und Dienstleistungsqualität;
- verbesserte betriebliche Kommunikation und Kooperation;
- Imageaufwertung des Unternehmens;
Für Mitarbeiter:
- Gesundheitsförderung schafft Pluspunkte für die Arbeits- und Lebensqualität;
- weniger Arbeitsbelastungen;
- verringerte gesundheitliche Beschwerden, statt dessen gesteigertes Wohlbefinden;
- besseres Betriebsklima und mehr Arbeitsfreude;
- gesünderes Verhalten in Betrieb und Freizeit.
Welche Möglichkeiten gibt es?
An erster Stelle steht die Stressprävention (persönliches Zeitmanagement und persönliche Einstellung), daneben gibt es gezielte Anti-Stress-Maßnahmen, z.B. Ausgleich- und Bewegungsprogramme. Gut als Ausgleichssport eignen sich alle Ausdauersportarten wie Laufen, Schwimmen, Skaten, Radfahren, Langlaufen etc.). Bei den Entspannungstechniken kann zwischen klassischen Methoden (z.B. die progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Autogenes Training, Stretching, Meditation, klassische Massage) sowie fernöstlichen/asiatischen Entspannungstechniken (z.B. Do-In, Yoga, Qi Gong, Shiatsu, Tai Chi, Klangschalen-Entspannung, Ayurveda, Shaolin) gewählt werden.




1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 