Achim Scharf
Nach der Durststrecke der letzten Jahre wachsen die IT-Budgets in den Unternehmen wieder langsam, was sich schon in den Wachstumsraten bei PCs von 11% und bei Handys von 21% in 2003 bemerkbar machte. Den gesamten westeuropäischen ITK-Markt für 2004 schätzt Gartner-CEO Michael Fleisher auf 462 Mrd. €, bis zum Jahr 2008 soll der Markt jährlich um zwei Prozent auf 491 Mrd. € wachsen. Größter Einzelmarkt sind IT-Services mit einem Anteil von 35% (2004) bzw. 37% (2008).
"Die globale Wirtschaft hat sich inzwischen soweit verbessert, dass nicht mehr allein die Profitabilität, sondern Wachstum wieder im Vordergrund steht. Obwohl die IT-Chefs weiterhin auf die Kosten achten müssen, stehen sie nun unter dem Druck, Innovationen und Wachstum in ihren Unternehmen zu fördern", stellt Fleisher fest. "Die nächste Innovationswelle über die kommenden zehn Jahre lässt sich unter den Schlagwörtern Global Sourcing, Connected Society und Echtzeit-Unternehmen subsummieren".
Die Hypes des Jahres 2004
Der Hype Cycle soll eine Hilfestellung bei der Auswahl von Technologien auf Basis individueller Präferenzen geben, er setzt sich aus fünf Stufen zusammen. Die erste Phase wird als "Technology Trigger" oder Durchbruch bezeichnet, die ein gesteigertes Interesse der Presse und Fachwelt auf sich zieht. Die zweite Phase der überzogenen Erwartungen (Peak of Inflated Expectations) ist durch übersteigerte Publikationen und unrealistische Erwartungen charakterisiert. Es mag zwar einige erfolgreiche Anwendungen geben, doch typischerweise überwiegen die Misserfolge.
Die darauf abfallende Kurve markiert den "Trough of Desillusionment" oder das "Tal der Tränen", wo die Technologien die Erwartungen nicht mehr erfüllen und schnell aus der Mode bzw. der Berichterstattung kommen. Obgleich die Publizität nachlässt oder ganz verschwindet, arbeiten einige Unternehmen weiter mit der Technologie und schreiten auf dem nun wieder aufsteigen Ast (Slope of Enlightment) weiter, bis das "Plateau of Productivity" dann auch einen größeren Kreis erreicht und die Technologie stärker akzeptiert wird und sich zunehmend über Generationen hin stabilisiert. "Die endgültige Höhe des Plateaus hängt davon ab, ob eine bestimmte Technologie breit einsetzbar ist oder nur eine Marktnische füllen kann. Durchschnittlich liegt die Höhe bei 25 Prozent des Peak of Inflated Expectations", erläutert Alexander Linden, Zukunftsanalyst bei Gartner in London.
Gedankenerkennung (Thought Recognition) steht hier noch in einer sehr frühen Entwicklungsphase und damit meint Linden nicht automatisiertes Lesen von Gedanken, sondern die Messung von Aktivitäten auf einer bestimmten abstrakten Ebene für sensormotorischen Input einer Maschine. Hier ist noch zu unterscheiden zwischen invasiven Verfahren, wo die Schädeldecke geöffnet und ein Sensor implantiert wird und nicht-invasiven Eingriffen, wo Elektroden auf der Schädelhaut oder magnetische Sensoren die Gehirnsignale aufnehmen. "Pilotanwendungen gibt es bereits in der Medizintechnik, um Querschnittsgelähmten noch gewisse sensormotorische Fähigkeiten zu ermöglichen. Weiterhin ist das Militär interessiert an schnellen Reaktionen eines Kampfpiloten durch Steuerung wesentlicher Maschinenfunktionen durch den Kopf denn über den Umweg der menschlichen Motorik. "Doch auch die Werbewirtschaft dürfte an solchen Technologien zukünftig starkes Interesse zeigen, um die Reaktion auf Werbebotschaften im Vorfeld einer Kampagne abzuschätzen".
RFIDs für die Warenwirtschaft sieht Gartner schon auf dem abfallenden Ast der Kurve, doch noch beherrscht das Thema die Schlagzeilen der Fachpresse. RFIDs werden auch schon als Implantate zur Lokalisierung von Menschen und Tieren angedacht, hier nun aber als Technology Trigger auf der steigenden Flanke. "Anwendungsszenarien sind die Lokation von Haustieren, Kindern oder Senioren, aber auch von Strafgefangenen. Weiterhin ließen sich in den Chips Informationen über Medikamentenbedarf bzw. Allergien im Falle eines Unfalls abspeichern und einfach auslesen. Für solche Extremsituationen sehe ich durchaus eine gewisse Bereitschaft zur Implantation, und wenn dann in etwa fünf Jahren die Erfolgsmeldungen zunehmen, dürfte sich die Zustimmung verstärken. Die Implantation vor Herzschrittmachern ist heute ja auch kein Streitthema mehr", erläutert Linden.
Social Networks
Social Networks sind ein relativ breites Thema mit längerfristigem Potenzial. "Wir definieren das als die Gesamtheit aller über Computer vermittelten Kommunikation. Ein Beispiel ist schon das Web an sich, und hier besonders die von Google implementierten Suchverfahren - je mehr Links auf eine Webseite verweisen, desto relevanter ist sie - und solch ein Verlinken ist eine Social Activity. Eine andere soziale Aktivität wäre die Messung, wie viele Personen sich zu einem bestimmten Film informiert haben und das lässt sich mit der Anzahl der Kinokarten korrelieren. Auch ebay betreibt Social Networks in dem Sinn, dass sie messen, wer von wem welche Produkte kauft und wie zufrieden der Kunde ist. Hier sind also verschiedene Rückkopplungen eingebaut und das greift auch im Zeitraum 5 bis 10 Jahre, um weitere soziale Aktivitäten messen und für Optimierungen bzw. Bewertungen ausnutzen zu können."
Eine interessante Technologie in diesem Kontext sind Wikis, die ein beschreibbares Web anstreben. Blogs, also Online-Tagebücher, sind ein Vorläufer und Wikis erweitern diese Idee per Hyperlinks. "Hier gibt es schon mehr als 300.000 enzyklopädische Einträge von über 85.000 Autoren, die den klassischen Enzyklopädien durchaus Konkurrenz machen können. Das ist schon faszinierend, wie sich da viele Leute selbst organisieren und motivieren können, um gemeinsam etwas Großes zu schaffen. Ähnliches ist auch für die Bewertung von Urlaubsorten oder Autos denkbar, überall wo ein verlinkbares Feedback sinnvoll ist."
Elektronische Tinte oder Digitales Papier wird in den kommenden zwei bis fünf Jahren ein Thema, aber nicht so dramatisch, dass die Verlage grundlegend neue Strategien entwickeln müssten. Sicherlich werden sie immer mehr Inhalte für mobile Geräte anbieten. "Interessanteste Entwicklungen sind E-Payment und Micro-Payment für kleinere Beträge, mit der Kölner First Gate gibt es in Deutschland auch einen guten internationalen Mitspieler. Mit deren Verfahren lässt sich Content sehr schön bezahlen, denn in Zukunft dürften immer weniger Inhalte kostenlos zu haben sein."
Eine der kurzfristiger marktrelevanten Technologien könnte das Grid-Computing sein. Im technisch-wissenschaftlichen Bereich gibt es schon Projekte, weniger in der kommerziellen Informationstechnik. "Grids sind ein interessantes Thema, werden sich aber nicht zu dem Hype entwickeln. Für einige wenige parallelisierbare Problemstellungen lassen sich hier billige Supercomputer konfigurieren, dazu gehören die Strömungsmechanik oder Simulationen nicht nur in der Technik, sondern auch in der Finanzwirtschaft. Solche Supercomputing-Anwendungen werden daher in den kommenden zehn Jahren einen rapiden Aufschwung erfahren."
Semantisches Web
Kurz vor dem Scheitelpunkt der überzogenen Erwartungen sieht Linden das semantische Web. "Mit den dafür noch zu entwickelnden Technologien sollen Maschinen befähigt werden, Web-Inhalte automatisiert lesen zu können. Voraussetzung ist eine formale Beschreibung der Inhalte, XML ist zwar eine Vorstufe für strukturierte Beschreibung, ist aber noch nicht ausreichend formal. Die logische Aufbereitung von an sich trivialen Informationen für sinnvolle Schlussfolgerungen sind die längerfristigen Ziele und es gibt schon eine Reihe von kommerziellen Entwicklungen bei semantischen Datenbanken zum Aufbereiten und Darbieten solcher Daten, so dass mittelfristig normale Unternehmen diese semantischen Informationen einpflegen können."
Bei drahtlosen Weitverkehrsnetzen geht die Diskussion derzeit um Funktechnologien wie UMTS und/oder WLANs. Wide Area Mesh Networks, derzeit weniger im Blickpunkt, bieten dem Benutzer eine transparente Verbindung unabhängig von der zugrunde liegenden Technik. "So ist im Supermarkt über einen WLAN-Zugang ebenso ein Telefonat möglich wie außerhalb über UMTS, um generell eine bessere Flächenabdeckung zu erzielen".
"Linux auf dem Desktop dürfte für die meisten Geschäftsanwendungen auch in fünf Jahren nur einen Anteil von maximal 4 Prozent erreichen. Interessant ist jedoch, dass Microsoft es wahrscheinlich versäumen wird, den High- und Low-End-Bereich gleichzeitig zu beliefern. Derzeit hat das Unternehmen doch die besseren Karten im High End und bei Linux auf dem Desktop läuft es im Low End immer auf einen Preiskampf mit IBM und den verschiedenen Portalen hinaus. Es ist ja durchaus vorstellbar, dass viele Anwendungen wie E-Mail oder Calendering bald in einer Portal-Umgebung ablaufen können, dafür braucht es keine Desktop-Software mehr", schließt Linden.



1/2012
8/2011
7/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 