Angesichts zunehmender Sättigung der europäischen Mobilfunkmärkte werden ähnlich wie bei den Airlines künftig auch im Mobilfunk Billiganbieter kräftig mitmischen. Das ist das Ergebnis einer Analyse der internationalen Management und Technologieberatung Booz Allen Hamilton. Kostensenkungen von 30-40% könnten durch neue Low Cost Geschäftsmodelle erreicht werden.
Weltweit haben die Low Cost Carrier gegenüber traditionellen Airlines laufend Marktanteile gewonnen und damit die etablierten Fluggesellschaften gehörig unter Druck gesetzt. Mit einer ähnlichen Entwicklung rechnet Booz Allen Hamilton auch in den europäischen Mobilfunkmärkten: "Der Ansatz zur Low Cost-Strategie ergibt sich immer dann, wenn eine weitgehende Marktsättigung mit dem klassischen Produkt erreicht ist. In den meisten europäischen Ländern ist der Mobilfunkmarkt bereits gesättigt. In Österreich beispielsweise setzt über 80% der Bevölkerung auf mobile Kommunikation. Mehr Kunden sind bei gegebenen Preisen kaum noch zu erreichen", so Christian Fongern, Vice President und Telekomexperte bei Booz Allen Hamilton.
Hier können laut Booz Allen Hamilton nun Low Cost Mobilfunker ins Spiel kommen. Sie werden die Preisen erheblich senken, sodass sich auch besonders preisbewusste Kunden nicht der Verlockung entziehen können. Auch einige bisherige Mobilfunkkunden werden sich auf dieses Angebot einlassen. "Die Low Cost Mobilfunker werden in der Lage sein, auf die gleiche Weise wie Billigairlines niedrigere Preise anzubieten. Dies kann durch Vertrieb über das Internet, Verzicht auf aufwändige Kundenbetreuung und die ausschließliche Konzentration auf Basisprodukte wie Sprachtelefonie und SMS-Dienste erreicht werden. Wir sehen hier ein Einsparungspotenzial von 30-40%, die direkt an Kunden weiter gegeben werden können", so Fongern weiter.
Kostensenkungen in allen Geschäftsbereichen möglich
Aktuelle Analysen von Booz Allen Hamilton zeigen, dass Low Cost Mobilfunker gegenüber traditionellen Anbietern in allen Geschäftsbereichen Kostenvorteile erzielen könnten. Bei laufenden Kosten im Bereich Verwaltung, IT, Netzwerk errechnete Booz Allen eine mögliche Kostenreduktion um bis zu 24%, bei Interconnection und Roaming etwa Einsparungen um 23%.
"Auch bei den üblichen Sonderangeboten für Endgeräte ergeben sich signifikante Kostenersparnisse für Low Cost Mobilfunker um bis zu 17%. Wenn man berücksichtigt, dass die meisten Kunden ohnehin ein Endgerät besitzen, wäre es überlegenswert dem Kunden einfach eine SIM-Karte und nicht ein Handy zu schicken", erklärt Christian Fongern. Zudem bieten sich laut dem Booz Allen-Experte auch in den Bereichen Verkauf und Werbung, Marketing und Customer Care erhebliche Einsparungsmöglichkeiten für Billiganbieter an.
Als Beispiel nennt Fongern den dänischen Mobilfunkanbieter Telmore, dem es gelungen sei, mit einer Low Cost Strategie die Marktpreise deutlich nach unten zu drücken und damit die etablierten Netzbetreiber stark unter Druck zu setzen. Auch in Österreich sieht Fongern das Potenzial für die erfolgreiche Positionierung von Low Cost Anbietern. Der Mobilfunkanbieter Telering, der ansatzweise eine Low Cost Strategie verfolgt, ist laut Booz Allen-Experte ein Beispiel dafür, dass auch hierzulande mit dieser Strategie Kunden zu gewinnen sind. "Von neuen Low Cost Geschäftsmodellen können allerdings auch etablierte Mobilfunkbetreiber profitieren. Entscheidend ist, sich rechtzeitig auf die Entwicklungen vorzubereiten", ist Fongern überzeugt. "Unsere Beobachtungen zeigen, dass in zahlreichen europäischen Ländern, vor allem in solchen mit mehr als drei Netzbetreibern solche Modelle diskutiert werden und in Märkten mit vier Mobilfunkanbietern das Etablieren eines Low Cost Carriers nahezu unvermeidbar ist: Sei es als Tochter eines traditionellen Anbieters, als Neugründung oder als Ableger ausländischer Telekomfirmen, die vorhandene Überkapazitäten anmieten und damit zur virtuellen Netzbetreibern werden", so Telekomexperte Fongern abschließend.



1/2012
8/2011
7/2011


Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 