Rüdiger Maier
"Jener, der ohne Instrument aus dem Flugzeug aussteigt, ist der Pianist", erzählt Rina Pridor, Direktorin des israelischen Technologie-Inkubatoren-Projekts, einen Witz aus der Zeit nach der Ostöffnung, als das Land mit 800.000 jüdischen Einwanderern - großteils aus Russland - konfrontiert war. Viele davon seien eben Musiker gewesen, aber auch die Zahl der Physiker wurde so verdoppelt. 1991 startete daher das Büro des Chief Scientist - zuständig für die Förderung der technologischen Entwicklung Israels - das Inkubatoren-Programm. "Wir erreichten jedoch, dass das Programm von Anfang an allen Interessierten offen stand", ist Pridor stolz.
Und das Interesse war groß: In der Zwischenzeit arbeiten 23 Inkubatoren im ganzen Land, jeder erhält etwa 100 Ideen jährlich, aus denen es die besten auszuwählen gilt, um die 30 Millionen Dollar Jahresbudget bestmöglich zu investieren. Die Auswahl ist streng, gefragt sind einzigartige Ideen mit potentiell guten Verkaufsaussichten. Bis zu 10 Projekte können gleichzeitig in einem Inkubator betreut werden. Hier kümmert man sich um die rechtliche Beratung, das Management, die Finanzen und entsprechenden Zugang zu Forschungs- und Entwicklungskapazitäten. Die Firmen müssen sich registrieren lassen, geeignete Mitarbeiter finden und sich nach Investoren umsehen, die sie nach der zweijährigen Aufbauphase im Inkubator weiter finanzieren. "Die von uns ausgewählten Firmen genießen einen guten Ruf und so nehmen die Gelder der privaten Investoren ständig zu", ist Pridor stolz auf den Erfolg der Initiative. Jede Einzelperson kann nur ein Projekt einreichen, etwa 50% der Projekte bewähren sich auch nach der Zeit im Inkubator.
Intensive Förderung
Der israelische Chief Scientist Dr. Eli Ofer: "Wir konnten alleine im Telekommunikations-Bereich etwa 600 junge Unternehmen über Inkubatoren fördern. Während die Biotechnologie jetzt erst startet, werden neue Unternehmen im ITK-Bereich in den nächsten 10-15 Jahren die wichtigere Rolle in unserem Land spielen." Das Büro des Chief Scientist fördert High-Tech-Aktivitäten in Israel und auch darüber hinaus. 15% davon sind Software-Projekte, 18% fallen in die Sparte Elektronik. Viele Grund-Ideen stammen dabei aus dem Miltärbereich und werden über die Inkubatoren in zivile Produkte umgesetzt. Das Büro unterstützt bei F&E, handelt bilaterale Forschungsprogramme aus und hilft bei der Antragstellung für EU-Gelder. "Die Hälfte der israelischen Produktion und des Exports sind High Tech Produkte", weiß Ofer um die wirtschaftliche Bedeutung dieses Bereichs. Mit 140 Akademikern/Wissenschaftlern auf 10.000 Einwohner und Ausgaben von 4,5% des Brutto-Nationalprodukts hat sich Israel eine gute Position im internationalen High-Tech-Wettlauf gesichert. Wurden 2002 nur 62 F&E-Projekte mit anderen Ländern durchgeführt, so sind heuer bereits 152 geplant. "Auf der heurigen Telecom Israel werden sich auf unserem Stand etwa 100 Jungunternehmen präsentieren, um so die Kontakte mit der Welt zu verstärken", freut sich der Chief Scientist.
RAD: Zentrum für Neugründungen
Als die Brüder Zisapel 1981 das Unternehmen RAD (www.rad.com) gründeten, brachten auch sie Know-how aus dem Verteidigungsministerium mit. "Wir hätten uns zu Beginn niemals gedacht, dass wir der Kern für so viele neue Unternehmen werden würden", resümiert Zohar Zisapel, einer der RAD-Gründer. Um den eigenen Fokus nicht zu verlieren, habe man sich aber schon früh entschlossen, immer wieder mit Unterstützung des Chief Scientist Office Firmen auszugründen. "Wir stellen die Startfinanzierung zur Verfügung und die gesamte Infrastruktur, damit sich die Neugründer ganz auf ihr Produkt konzentrieren können." Bis heute wurden derart 24 Unternehmen gegründet, nur drei davon musste man wieder schließen. Einige gliederte man schließlich ganz aus der RAD-Gruppe aus, die derzeit aus 14 Unternehmen besteht. "Die heutigen Repräsentanzen von Siemens, Cisco oder Alcatel in Israel waren einst Ausgründungen aus unserem Unternehmen", so Zisapel.
Die Unternehmensgruppe erwirtschaftet ihre etwa 500 Mio. Dollar Umsatz (2003) zu 50% in Europa, nur zu 3% in Israel. Auch in Tschechien habe man Projekte durchgeführt, sich aber dann doch nicht zum Bau eines eigenen Entwicklungszentrums dort entschlossen. Ungefähr 40% der Mitarbeiter sind im Bereich F&E tätig, 20% im Verkauf/Marketing. "F&E bleibt für uns ein zentrales Standbein, um auch in Zukunft erfolgreich sein zu können." An großen Trends für die Zukunft sieht Zisapel das Thema "Wireless," aber auch die Auto-Elektronik. Daneben wird eifrig an der besseren Nutzung vorhandener Funkfrequenzen gearbeitet: "Es ist nicht einfach, immer neue Ideen zu haben und daraus Produkte zu entwickeln. Aber den wachsenden Herausforderungen aus Asien müssen wir uns stellen, um Europa als Wirtschaftsstandort zu sichern."
Wisair ist so ein von RAD initiiertes Start-Up-Unternehmen, das Chipsets und Lösungen auf Basis der UWB-Technologie (Ultra Wide Band; Breitbandübertragung bis ca. 3 Meter Umkreis) entwickelt. Der große Vorteil dieser Technologie - so Amir Freund - sei der geringe Stromverbrauch und die hohe Bandbreite. Damit könnten viele Kabelprobleme - wie etwa beim Abspielen von Videofilmen - der Vergangenheit angehören. 2006 soll es auch in der EU eine entsprechende Spezifikation geben, dann kann der Vertrieb der angestrebten Single-Chip-Lösung in großem Umfang starten. Das Unternehmen ist bereits in entsprechende EU-Forschungsprogramme involviert, Firmen wie Intel und NTT zählen zu den sehr interessierten Geldgebern.
Berg- und Talfahrt
"Wir haben Berg- und Talfahrten hinter uns", weiß Oren Most, CEO von Gilat (www.gilat.com) um die Schwierigkeiten des Satellitengeschäfts. Für das zweite Quartal 2004 vermeldete das Unternehmen kürzlich einen Umsatz von 57,7 Mio. Dollar bei einem Verlust von 1,8 Mio. Dollar, was eine deutliche Verbesserung zum Vorjahr bedeutet. 1987 von ehemaligen Militärs gegründet, beschäftigt das Unternehmen heute weltweit 950 Mitarbeiter und ging bereits 1993 an die amerikanische Technologiebörse Nasdaq. Das Unternehmen ist zweitgrößter Hersteller von Satelliten, basierend auf der "Very Small Aperture Terminal (VSAT)"-Technologie. "Wir haben 36% Marktanteil und unsere Produkte halten im Schnitt mindestens zehn Jahre, bis erstmals ein Fehler auftritt", erläutert Most. Dies sei der beste Standard und deshalb so wichtig, da die Satelliten meist sehr schwer zu erreichen und zu reparieren sind. Am weitesten verbreitet sind die VSATs bei Telefonieanbietern, aber auch Unternehmen und Privatkunden nutzen die Produkte. Hauptmärkte sind die USA und Südamerika mit je einem Drittel, Europa macht nur 5% des Kuchens aus.
Mit der neuen Produktlinie "SkyEdge" können Funktionen wie Telefonie, Voice-over-IP, Daten, Internet, Video etc. in einer Box verwaltet und verteilt werden. Im letzten halben Jahr wurden diese neuen Systeme getestet, die Auslieferung soll in etwa sechs Monaten starten. "Wir sehen bereits großes Interesse aus Asien. Auch Europa wollen wir nun verstärkt bearbeiten, da waren wir bisher nicht sehr aktiv", so Most. Gerade in ländlichen Gebieten wachse die Nachfrage nach Satelliten-Lösungen deutlich: "Die Menschen dort wollen die gleichen Möglichkeiten wie in den Städten genießen, das geht mit unserer Technologie wesentlich schneller und einfacher." Die großen dezentralen Gebiete in Russland, China, Afrika oder Südamerika sind spezielle Hoffnungsgebiete, aber auch das Interesse in den USA und Europa wächst. "Aus Sicherheitsüberlegungen werden hier Satellitensysteme immer mehr für den Notfall installiert, um so auf einem anderen Weg die Kommunikation sicherzustellen", erklärt Most.
Telekommunikations-Markt in Bewegung
Das 20-Jahre-Jubiläum feiert heuer Israels staatlicher Telekommunikations-Anbieter Bezeq. Während die derzeit 45% Staatsanteil demnächst verkauft werden sollen (ausländisches Kapital darf dabei 80% nicht übersteigen), plant das Unternehmen wiederum auch die andere Hälfte seiner Mobiltelefon-Tochter Pelephone Communications zu übernehmen. 2 Millionen Nutzer werden hier im CDMA-Standard (nicht GSM) betreut, was einem Drittel an Markanteil entspricht. Denn immerhin 56% des Umsatzes erwirtschaftet das Unternehmen bereits aus dem Mobilbereich. Die restlichen 4,3 Millionen Mobil-Telefonierer betreuen drei andere Anbieter (Cellcom, Partner und seit heuer auch MIRS).
Im Festnetz mischen seit heuer auch die Kabelanbieter mit. Dazu Uri Olenik, Generaldirektor des Kommunikations-Ministeriums: "Bezeq und die Kabelanbieter müssen ein umfassendes Angebot inklusive Breitband sicherstellen. Andere Anbieter können sich dagegen stärker spezialisieren." Bis November soll ein landesweites IP-Telefonie-Netzwerk verwirklicht sein, an dem Lucent und israelische Unternehmen arbeiten. Neu vorgestellt wurden von Bezeq kürzlich DECT-Telefone, ein Standard, der in Europa schon lange am Markt ist. Auch die Ausrollung von ADSL in die Haushalte ist voll im Gange, 540.000 Anschlüsse erreichte man Mitte des Jahres. Daneben baut das Unternehmen sein Multichannel-TV-Angebot aus.
Erfolgsgeschichten
Checkpoint (www.checkpoint.com), der international bekannte Hersteller von Sicherheits-Software rund ums Internet, wurde 1993 von drei jungen Israelis gegründet, vorwiegend mit "Guerilla-Marketing" bekannt gemacht und beschäftigt heute 1.400 Mitarbeiter. Damals sei es sehr schwer gewesen, hier Venture Kapital aufzutreiben. Heute warten bis zu 5 Milliarden US-Dollar auf gute Ideen. "Die Orientierung nach außen war für uns immer sehr wichtig, da der israelische Markt zu klein ist", erläutert Gil Shwed, einer der Gründer. Man habe sich früh entschlossen, ein globales Team aufzubauen. Hauptverkaufsgebiete sind heute Europa und die USA, die Einnahmen beliefen sich 2003 auf 432,6 Millionen US-Dollar. Die meisten der Entwickler sind in Israel: "Hier bekommen wir für das halbe Gehalt dieselbe Qualität", lobt Shwed die niedrigen Arbeitskosten. Da die Angriffe im Internet immer aggressiver würden, sei es besonders wichtig, bei allen Produkten sehr vorausschauend zu planen. Derzeit sind etwa Sicherheitslösungen für Mobiltelefone (GPRS, CDMA) und für VOIP in Vorbereitung. Durch den Zukauf von Zone Labs sind nun auch Produkte für PCs im Portfolio. Die neuen Internet-Standards sieht Shwed mit gemischten Gefühlen: "Die bessere Verschlüsselung bietet höhere Sicherheit, verursacht aber gleichzeitig durch ihre Komplexität neue Sicherheitsprobleme."
Auch Comverse (www.comverse.com) feiert wie Bezeq heuer seinen 20jährigen Bestand. Das Unternehmen mit Hauptsitz in den USA und über 4.000 Mitarbeitern hat sich ganz auf Lösungen im Telekommunikationsumfeld wie Voice Mail, SMS oder dynamische Zahlungsmöglichkeiten spezialisiert. Derzeit arbeitet man in fünf Produktgruppen vor allem auch an Multimedia-Lösungen: Aufzeichnung von Video-Nachrichten, SIM-Karten zur Verwendung in öffentlichen Fernsprechern (verbreitet in Afrika) oder grafische Bedienoberflächen für die Bearbeitung von Sprachnachrichten am Handy.
NDS (www.nds.com) schließlich ist mit seinen weltweit 1.900 Mitarbeitern bei der Verbreitung digitaler Inhalte für Netzbetreiber aktiv. Das "digital rights management" ist damit zentraler Bestandteil der Lösungen. David Nabozny, Vice President für Europa: "Wir gehen davon aus, dass bis 2008 23% der Haushalte weltweit voll digitalisiert sein werden. Schon jetzt erreichen wir 41 Millionen Nutzer, meist über Kabelnetze." Das Unternehmen investiert große Summen in F&E, um den Betreibern laufend neue Lösungen anbieten zu können und gleichzeitig Sicherheit bei der Auslieferung und Bezahlung von Inhalten sicherzustellen.
Telecom Israel 2004
Die alle zwei Jahre in Tel Aviv stattfindende Ausstellung und Konferenz wird heuer vom 8.11.-11.11. durchgeführt. 2002 stellten 372 israelische und internationale Firmen aus, 160.000 Besucher wurden registriert. Heuer rechnet man mit 400 Ausstellern. Etwa 100 junge Unternehmen werden sich am Stand des Chief Information Office einer breiteren Öffentlichkeit präsentieren. Nähere Angaben zur Ausstellung und zur Konferenz finden Sie unter www.telecom-israel.com
Universität Wien vernetzt
Die Universität Wien spart mit den TDMoIP-Gateways der IPmux-Serie von RAD bei der Vernetzung von 23 Standorten erhebliche Kosten ein. Die Geräte ermöglichen die konvergente Übertragung von Sprache und Daten über Gigabit Ethernet (GE). Für diese Lösung sprach vor allem die Tatsache, dass dafür die bestehenden TDM-basierten Telefonanlagen weder durch teure Voice over IP (VoIP)-Systeme ersetzt noch aufwändig erweitert werden mussten.
"Die TDMoIP-Technologie bietet eine ideale Alternative zu Voice over IP. Durch die Übertragung von TDM-Daten über GE können Unternehmen und Behörden Leitungskosten senken, ohne dass hohe Investitionskosten für teure Upgrades der bestehenden Telefonanlagen und der LAN-Infrastruktur oder gar die Neu-Beschaffung eines durchgängigen Softswitch-basierten VoIP-Systems nötig würden - ein unschlagbarer Kostenvorteil", so Christian Gerwig, Product Manager bei einem der österreichischen Distributionspartner von RAD, CS Communications & Systems Austria GmbH.
WLAN-Netz
Der drahtlose Internetzugang mittels WLAN-Technologie ist in Israel mittlerweile fester Bestandteil des mobilen Lebens und eng verknüpft mit SmartNet, dem führenden WISP (Wireless Internet Service Provider).
Das Unternehmen betreibt dort das umfangreichste Netz an Wi-Fi-Hotspots und bietet seinen Kunden einen Komplettservice. Dank einer Kooperation mit WeRoam, der nach eigenen Angaben mit über 10.000 Wi-Fi-Hotspots weltweit führenden Roaming-Plattform, haben nun auch alle internationalen WeRoam-Nutzer und Israel-Besucher den Zugang zum Hotspot-Netz von SmartNet. Der WLAN-Pionier betreibt seine Hotspots in den führenden Hotels, Cafes, Konferenzzentren, Krankenhäusern, akademischen Einrichtungen und Häfen.
Dank der Zusammenarbeit mit WeRoam steht das Netz nun allen Israel-Reisenden, sei es Geschäftsreisende oder Touristen, zur Verfügung. Dazu wurde die zukunftsweisende WeRoam SIM-Authentifizierung, für den schnellen und sicheren Zugang und die bequeme Abrechnung, implementiert. Der für viele Nutzer lästige Kauf von Prepaid-Voucherkarten entfällt damit. Die Abrechnung erfolgt wie vom Mobiltelefon gewohnt mittels der monatlichen Telefonrechnung des eigenen Mobilfunkanbieters.




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. 