Herr Kartner, Sie haben comquest offensichtlich wieder zu einem erfolgreichen Unternehmen gemacht, wie sehen Sie die Entwicklung Ihres Unternehmens, das Ihnen ja jetzt mehrheitlich zu 76 Prozent auch gehört?
Wir waren in Österreich sehr rasch nach der Unternehmensgründung 1997 am B2B-Markt erfolgreich. Die Übernahme durch den World Access Konzern im Jahr 2000 war zunächst für uns höchst positiv, da wir für den Konzern den gesamten Österreich-Verkehr terminierten. Die Schwierigkeiten des World Access Konzerns konnten wir in Österreich aufgrund unseres positiven Betriebsergebnis überleben. Diese Zeit war hart, da plötzlich viele Interconnect Leitungen ungenützt waren und ebenso internationaler Verkehr wegfiel. Das brachte uns saftige Pönal-Zahlungen an die Telekom Austria AG. Erst zur Jahreswende 2001/2002, also vor knapp zweieinhalb Jahren, wurde NETnet von der kalifornischen Investorengruppe Blue Sky Communications übernommen. Ab diesem Zeitpunkt verzeichneten wir einen soliden Aufwärts-Trend.
Obwohl genau zu jener Zeit viele andere Anbieter die Telekom-Flaute voll erwischte...
Ja, das ist ein Phänomen. Es beruht sicher einerseits darauf, dass wir eine schlanke Unternehmensstruktur besitzen und andererseits eine niedrige Fluktuation. Derzeit beschäftigt comquest 39 Mitarbeiter, die rund 2.000 Businesskunden, darunter viele langjährige Kunden z.B. Gericom, Frequentis, HP oder diverse Banken betreuen. Die Kundenzufriedenheit ist sehr hoch. Es gibt für jeden Kunden einen dezidierten Ansprechpartner, und auch wenn dieser einmal nicht da ist: Jede Kundeanfrage wird schnell und kompetent entgegengenommen und beantwortet. Das ist in Zeiten wie diesen höchst wichtig, wo der Wettkampf am Markt hart ist und die Produkte - gerade im Voice-Bereich - einander in der Leistung um nichts nach stehen. Da kochen alle nur mit Wasser.
Aber es kommt schon auch auf das technische Equipment bzw. den Backbone an, oder?
Ja, sicherlich, wir bemühen uns um sichere Lösungen. Wir haben einen eigenen Nortel GSP Switch mit 300 Zwei-Mbit-Systemen in Verwendung, der von der CPU bis zu den Interfacekarten voll redundant ausgeführt ist. Und das Beste daran: Er ist ausbezahlt! Ein Vorteil ist sicher, dass der Data-Room mit Switch, Servern und Stellplatz-Möglichkeit für Housing direkt an unserem Firmenstandort (Ö3-Haus, Wien 19, Anm.d.Red.) untergebracht ist. Heute können wir allen Kunden solide Voice und Data-Services wie Access, Hosting, Housing, aber auch Mehrwert-Service-Nummern und neuerdings Voice over IP anbieten.
Wie sieht Ihre Strategie für 2004 aus?
Zunächst bin ich sehr froh, dass comquest seit vergangenem Jahr jetzt mehrheitlich österreichisch ist. 76 Prozent Anteile wurden durch einen Management Buy Out von Blue Sky erworben und gehören jetzt der comquest Holding (zu 98 % Prozent in Kartners Besitz, Anm.d.Red.). Das bedeutet für mich, dass ich frei schalten und walten kann, die Amerikaner mischen sich da nicht ein. Natürlich setzen wir weiterhin auf unseren Voice-Schwerpunkt. Der Hintergrund ist, dass Data im Moment sehr schwer verkaufbar ist, da ist der Markt leider ziemlich festgefahren, weil kaum jemand riskieren will, bei einem Wechsel evtl. wochenlang ohne Anbindung zu sein. Neu ist, dass wir seit Februar Voice over IP (VoIP) anbieten. Das wollen wir natürlich pushen, aber mit den VoIP Prognosen sind wir für 2004 noch vorsichtig. Ich bin davon überzeugt, dass VoIP mittelfristig die Festnetztelefonie ablösen wird, allerdings in Österreich 2004 sicher noch nicht. Daher haben wir es in unserer Ergebnisplanung für heuer noch nicht berücksichtigt.
Wie sieht Ihr Umsatzziel für 2004 aus?
Vergangenes Jahr hatten wir 8,1 Mio. Euro Umsatz, für heuer planen wir 10,5 Mio. Euro. Ich bin sehr zuversichtlich, dass wir diese Planung auf alle Fälle erreichen, wenn nicht sogar übertreffen werden. Insbesondere der Wholesale-Carrier-Bereich wächst zur Zeit zweistellig, das ist sehr positiv. Dafür sehe ich, wie bereits erwähnt, unser VoIP Produkt als strategische Investition in die Zukunft. Da geht es darum, unsere Forschungslorbeeren einmal auf die Straße zu bringen. Wir haben bereits einige Testinstallationen bei Großkunden und interessierte KMUs. Das ist ein guter Start.
Glauben Sie, wird VoIP jetzt tatsächlich von den Unternehmen angenommen, bis dato war das Interesse ja eher mäßig...
Ich denke schon, heute ist die Technologie auch schon deutlich besser als noch vor drei Jahren. Es gibt andere Protokolle, und die Qualität ist damit gestiegen. Wir haben in Kooperation mit mehreren internationalen Unternehmen unser eigenes VoIP-Produkt entwickelt und wissen somit genau, was wir jetzt den Kunden anbieten. In der Praxis sieht das dann so aus, dass der Kunde zunächst ein VoIP-Gateway vor die eigene Telefonanlage geschalten bekommt, aber weiterhin zwei parallele Anschlüsse behält. Erstens VoIP und zweitens die herkömmliche TA-Leitung quasi als Backup-Lösung.
Weil Sie die TA genannt haben: Welche Chancen, glauben Sie, hat comquest im Vergleich zu den großen Playern der Branche wie TA oder UTA z.B. bei VoIP?
Sehr gute. Erstens haben die meisten alternativen Anbieter kein Budget für solche Entwicklungen, sondern kämpfen ganz einfach mit der Finanzierung des nächsten Geschäftsjahrs. Zweitens haben diese Unternehmen viel zu verlieren. Ihre Infrastruktur reicht nicht aus, und sie müssten wieder neu investieren. Drittens, und das trifft auch die TA, würden sie sich mit VoIP auch viel vom eigenen Umsatz zerstören, d.h. insgesamt mehr verlieren als gewinnen. Daher besteht kein großes Interesse, VoIP stark zu pushen...
Abschließende Frage: Sie haben als einer der vier Bereichsleiter bei NETnet begonnen und sind jetzt mit 36 Jahren alleiniger Geschäftsführer von comquest, wie sieht Ihr Arbeitstag aus, bleibt da auch noch Zeit für Familie und Hobbys?
Also, ich komme um halbsieben als erster in die Firma. Eigentlich nicht, weil ich Frühaufsteher bin, sondern weil ich aus Mödling komme und die gesamte Südosttangente fahre. Jede Viertelstunde später, die ich losfahre, sitze ich mit Sicherheit länger im Auto. Abends arbeite ich bis ca. sieben oder halbacht, manchmal am Abend auch von zu Hause. Der Rest der Zeit gehört der Familie, wir haben zwei Kinder und im Oktober kommt noch ein drittes dazu. Zu kurz kommt leider der Sport und die Bewegung. Ich würde gerne wieder mehr joggen. Jetzt, wo wir hier auch eine Dusche eingebaut haben, werde ich das vielleicht endlich wieder tun.
Vielen Dank für das Gespräch.




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Eric Scherer ist Geschäftsführer des anbieterunabhängigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens i2s. Er gilt als einer der führenden ERP-Experten und ist Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie. 