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Netz & Telekom

IPv6: Die Internet-Zukunft lässt warten

In den 90er Jahren erstmals erwähnt, ist das Internet Protokoll, Version 6, kurz IPv6, jetzt auch in Österreich in aller Munde. Ende März/Anfang April fand das erste österreichische IPv6-Kolloquium auf Initiative der Telekom Austria statt. Bis Ende des Jahres soll es eine "Roadmap zur Implementierung" von IPv6 in Österreich geben. Wann allerdings das bisherige IPv4 tatsächlich abgelöst wird, steht noch in den Sternen.

Christine Wahlmüller

"Derzeit haben wir ein Internet für Computer d.h. IPv4 verbindet Geräte, IPv6 hingegen verbindet Menschen", erklärte Latif Latid, Päsident des internationalen IPv6 Forums, anlässlich des österreichischen IPv6-Kolloqiums den seiner Meinung nach himmelhohen Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Internet Standard.

Ob man diese blumige Aussage nun mag oder nicht, fest steht: Mit dem alten IPv4 Standard werden die noch zu vergebenden IP-Adressen schön langsam weniger und weniger. Die EU hat bereits 2002 vor einem Knappwerden der IP-Adressen gewarnt. Weltweit waren 2003 bereits zwei Drittel der verfügbaren IP-Adressen vergeben. Das soll sich mit dem neuen IPv6 schlagartig ändern (siehe auch Kasten).

Mit IPv6 stehen 2128 IP-Adressen statt bisher 232 bei IPv4 zur Verfügung. Warum das Nachfolgemodell nicht IPv5 heißt (wie man als Laie wohl annehmen würde), ist rasch erklärt. Der Name IPv5 wurde bereits für eine andere Neuerung, das Internet Stream Protocol, Version ST2, vergeben. Daher also der Sprung von IPv4 auf IPv6, der in der Realität allerdings reichlich zäh von dannen geht. Und das aus einem einfachen Grunde. Die USA verfügen noch über genügend IP-Adressen (sie halten 70 Prozent der IPv4-Adressen), sind also nur wenig interessiert an einer raschen Änderung in Richtung IPv6.

Dafür wurden vor allem in Asien, aber auch in Europa allerorts sogenannte Task Forces gegründet (siehe Kasten Webtipps). Österreich hatte bis dato keine Task Force, sondern ein eher mäßiges (typisch österreichisches!?) Verhalten in punkto Umstellung auf den neuen Standard: Ein bisserl ansehen, ein bisserl forschen, ein paar Teststellungen, jeder Provider kochte sein eigenes Süppchen, aber keine Rede von Task Force oder nationaler Anstrengung in Richtung IPv6.

Vorreiter und Pionier hingegen war einmal mehr die Universität Wien. Das österreichische Wissenschaftsnetz ACOnet ist in tonangebender Rolle beim EU-Projekt 6NET beteiligt und mit einer Reihe von Tunneln an 6Bone angebunden. An der Uni Wien sind auch bereits diverse Services wie z.B. FTP über IPv6 verfügbar. Elf österreichische ISPs, u.a. die TA, Tiscali, Chello und ATnet, testen in einem Pilotprojekt IPv6 via VIX (Vienna Internet Exchange).

IPv6-Pioniere ATnet und Tiscali/Eunet

"IPv6 bietet eine höhere Sicherheit durch bereits inkludiert Funktionen wie Paket-Verschlüsselung oder Authentifizierung. Das Routing ist effizienter und Endgeräte können sich automatisch beim Anschluss an das Netz konfigurieren", ist Alexander Fischl, Marketingmanager bei ATnet, begeistert von den IPv6-Vorteilen. ATnet ist seit 1998 in punkto IPv6 aktiv und einer der IPv6 Pioniere in Österreich: Den Anwendern wurden kostenlos IPv6-Tunnels eingerichtet, die sie mit dem 6Bone verbunden. Auch beim 6NET ist ATnet mit dabei, seit etwa zwei Jahren werden offizielle RIPE IPv6-Adressen vergeben (www.atnet.at/ipv6).

Die Nachfrage auf Kundenseite hält sich aber offenbar noch in Grenzen, wie auch Georg Chytil, Technikchef und Geschäftsführer bei Tiscali Österreich, eingesteht: "Wir sammeln derzeit Betriebserfahrung in Design und Betrieb von IPv6, auch wenn das Service noch von keinem kommerziellen Kunden in Anspruch genommen wird". Tiscali bzw. vormals Eunet beschäftigte sich übrigens seit 1997 (!) mit IPv6. "Die bessere Autokonfiguration wird es ermöglichen, Allerweltsgeräte wie Heizungssteuerungen, Handys und Fernsehgeräte netzwerkmäßig zu integrieren und die Mobilitätsunterstützung verbessern", sieht Chytil ein großes Potential für IPv6.

Kopfzerbrechen bereitet einigen Providern aber der bevorstehende Umstieg auf IPv6. "Der technische Nutzen steht heute in keiner Relation zum Migrationsaufwand", betont Markus Acs, technischer Geschäftsführer von yc net:works. Auch die UTA-Technik-Crew ist überzeugt, dass der Umstieg riesige Aufwände und Kosten verursachen wird. Die heutigen Router seien zwar in der Lage IPv6 zu routen. Im Unterschied zu IPv4, welches komplett in Hardware geroutet wird (schnell), wird IPv6 derzeit nur per Software geroutet (langsam). Heutige Router seien daher mehr oder weniger ungeeignet, um heute gängige Bandbreiten abzufackeln, so die UTA-Meinung. Bei den IPv6-Tests ist die UTA aber natürlich dabei.

Weitaus optimistischer ist der Marktführer, die Telekom Austria (TA). "IPv6 steht heute an der Schwelle von einem Forschungs- und Entwicklungsthema hin zu massentauglichen Anwendungen", glaubt Helmut Leopold, Leiter Plattform- und Technologiemanagement der TA. Mit dem bereits implementierten Multiservice IP/MPLS-Netz sei man auf die IPv6-Migration gut vorbereitet. Die TA-Router im Netz seien "Dual Stack" fähig, "d.h. es kann jederzeit auf IPv6 umgeschalten werden", so Leopold. Warum es dann aber bis dato noch keinen Umstieg gegeben hat, darauf gab es keine Antwort. Seit Sommer 2003 besitzt die TA IPv6-Anbindungen an VIX, 6NET und Sprint. Mit zwei ausländischen ISPs wird die IPv6-Konnektivität soeben getestet. Mit der im Frühjahr gestarteten IPv6-Initiative soll der Umstieg nun schneller vonstatten gehen. Allerdings sicher nicht vor 2005. Eine schrittweise Einführung sieht Markus Acs von yc net:works als realistisch: "Eine Koexistenz beider Welten ist ja durch Gateways möglich und wird daher noch längere Zeit stattfinden".

Ausblick und Zukunft

Als neues Geschäftsmodell könnte IPv6-Consulting in Kürze ein florierendes Tätigkeitsfeld erschließen, mutmaßen einige Techniker der Branche. Ansonsten werden sich vermutlich vor allem die Hardware- und Software-Hersteller freuen, da IPv6 doch einen Austausch bzw. Updates erfordert.

"IPv6 ist die nächste Motorengeneration im Automobil "Internet" und bleibt damit vorerst ein Indikator für das Forschungs-Engagement des jeweiligen Providers", resümiert Alexander Fischl von ATnet. Doch die Schienen zu IPv6 scheinen gelegt, und die Visionen lassen tief blicken. "IPv6 wird die Grenzen zwischen Mobilfunkern und ISPs weiter verwischen und Technologien wie VoIP/SIP und Consumer Electronics werden sehr profitieren", kommt Georg Chytil von Tiscali ins Schwärmen. Die Frage ist nur: Wann wird es wirklich so weit sein?

Fazit: Eine generelle, weltweite Ablöse von IPv4 ist noch lange nicht in Sicht. Vom Umstieg in Österreich ganz zu schweigen. Trotzdem interessant, dass es einmal ein Engagement in diese Richtung gibt.

IPv6: IP-Adressen wie Sand am Meer

Das neue Internet Protokoll, Version 6 (IPv6) wird das alte IPv4 ablösen, so das Ziel vor allem in Europa und Asien - denn hier ist der Leidensdruck in punkto mangelnde IP-Adressen (Asien) sowie Nutzung neuer Dienste, die eine fixe IP-Adresse voraussetzen, wie z.B. IP-Telefonie, Videokonferenzen, Videostreaming bzw. Video on Demand oder Online-Spiele (Europa) am größten.

Die größte Neuerung ist zweifellos die Vergrößerung des Adressraums. Während es bei IPv4 232 Adressen sind (ca. 4,3 Milliarden) bringt es IPv6 auf 2128 oder rund 3,4 x 1038 Adressen. Nur zum Vergleich: die Erde hat 5,1 x 1014 m².

Zusammengefasst bringt IPv6 weitere folgende Neuerungen mit sich:

  • Weitgehend selbständige Konfiguration der Endgeräte
  • Intensive Nutzung von Multicast
  • Einfacherer Aufbau der Paket-Header
  • Ermöglichung von Mobile IP (Verwendung in fremden Netzen ohne manuelle Rekonfiguration)
  • Quality of Service (Bereitstellung einer garantierten Dienstgüte z.B. für Sprachübertragung)
  • Flow Management (Erkennung eines zusammengehörenden Datenstroms und somit raschere Verarbeitung)
  • IPsec als integraler Bestandteil von IPv6

War die IPv4 Adresse noch relativ überschaubar und ganz gut merkbar (z.B. 195.96.0.1) so ist das bei der IPv6 Adresse, notiert in Hexadezimalzahlen und 8 Bereichen zu je 2 Byte, getrennt durch Doppelpunkte, kaum mehr möglich. Eine IPv6-Adresse sieht z.B. so aus: 2001:0628:0402:0002:0230:4fff:felb:c63d

IPv6 wird mittlerweile von allen nennenswerten HW- (Netzwerk-Equipment) und SW-Herstellern (Betriebssysteme, aber auch Anwendungs- oder Server-Programme) unterstützt, wenn auch noch z.T. in Betaversionen oder Vorserienmodellen. Vor allem in Europa und Asien, wie bereits oben erklärt, haben sich sogenannte Task-Forces zur baldigen Implementierung des neuen IP-Standards gebildet (s. Webtipps). In Österreich gab es bisher keine Task Force, allerdings sind die Universität Wien, das Wissenschaftsnetz ACOnet sowie einige Provider (wie z.B. Tiscali oder ATnet) seit Jahren in punkto IPv6 aktiv und bei den internationalen Projekten 6NET und 6Bone (s. Webtipps) beteiligt.


Buchtipps

Pete Loshin, IPv6 - Theory, Protocol and Practice, Morgan Kaufmann Verlag, 2. Auflage 2004, 530 Seiten, ca. 45 €

Hans P. Dittler, IPv6, das neue Internet Protokoll, Dpunkt Verlag, 2002, 245 Seiten, 36 €

Herbert Wiese, das neue Internet Protokoll IPv6, Hanser Verlag, 2002, 200 Seiten, 34,90 €


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Dunja Koelwel

Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. ..mehr..

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