Christian Henner-Fehr
Aber Outsourcing hat viele Facetten und muss nicht immer bedeuten, dass der IT-Betrieb eines Unternehmens zukünftig ein paar tausend Kilometer entfernt abgewickelt wird.
Was von den einen als ganz natürliche Entwicklung gesehen wird, nämlich die zunehmende Spezialisierung einer Industrie oder Branche, die dazu führt, dass mehr und mehr Prozesse ausgelagert werden, löst bei anderen Alarmsignale aus. So prognostiziert beispielsweise der US-Marktforscher Forrester in den USA bis 2015 die Abwanderung von 3,4 Mio. IT-Jobs ins Ausland und hat damit eine erregte politische Debatte ausgelöst.
Für viele ist der Standort bedroht und wenn Forrester mit seinen Prognosen Recht behält, dann werden vor allem Länder wie Indien, aber etwa auch nordafrikanische Länder oder etwa Vietnam von dieser Entwicklung profitieren. Vorstellbar ist, dass durch diese Form des Offshore-Outsourcings, nämlich der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Niedriglohnländer, der technologische Fortschritt bedroht ist und die hoch industrialisierten Länder langfristig überholt werden, da ihnen zunehmend Know-how entzogen wird.
Auf der anderen Seite bringt die Auslagerung von Arbeitsplätzen Kosteneinsparungen. Die Unternehmen haben dadurch Geld für Investitionen, aus denen dann wieder neue - qualitativ hochwertigere - Arbeitsplätze entstehen. Der Standort würde dieser Annahme zufolge also eher gestärkt werden. Dies ist eine Sichtweise, die auch Adam Kolawa, CEO der Parasoft Corporation, einem Anbieter von Werkzeugen zur automatischen Fehlervermeidung (Automated Error Prevention Tools - AEP), teilt. Für ihn stellt das Outsourcing einen logischen Schritt im Entwicklungsprozess einer Industrie oder Branche dar. Ähnlich der Automobilindustrie, in der sich im Laufe der Jahrzehnte eine mächtige Zulieferindustrie gebildet hat, ist nun auch die Softwareindustrie an dieser Stelle angekommen. So wie ein Auto heute nicht mehr von einem Unternehmen gebaut wird, werden auch Softwareunternehmen ihre Produkte zukünftig vermehrt nicht mehr alleine entwickeln.
Unabhängig von der Sichtweise bleibt unbestritten, dass IT Outsourcing für viele Länder die Chance ist, die eigene Entwicklung zu forcieren und die Wirtschaft zu stärken. So weist beispielsweise der Outsourcing-Sektor in Indien jährliche Wachstumsraten von über 30% auf. Natürlich geht es aber nicht nur um Produktentwicklungen. Die Zahl der Unternehmen, die ihren operativen IT-Betrieb auslagern, steigt stetig. Setzt sich diese Entwicklung fort, stehen den IT-Dienstleistern rosige Zeiten bevor. Das Marktforschungsinstitut Gartner glaubt, dass die Wachstumsimpulse in dieser Branche vor allem vom Outsourcing ausgehen werden. Unternehmen wie etwa HOCHTIEF lagern ihre IT-Systeme aus und setzen auf Outsourcing. Der deutsche Baudienstleister hat mit Siemens Business Services (SBS) einen auf fünf Jahre laufenden Vertrag abgeschlossen und erhofft sich davon die verbesserte Steuerung zentraler Ressourcen, die Senkung der Kapitalbindung, zusätzliche Kostentransparenz sowie eine Variabilisierung der IT-Kosten. Erwartet werden für die Gesamtlaufzeit Einsparungen im zweistelligen Millionenbereich.
Kostendruck als ein Hauptgrund für Outsourcing
Der Kostendruck, eine oftmals fehlende Transparenz und der Wunsch, sich wieder auf das Kerngeschäft konzentrieren zu können, sind also die Gründe, weswegen Unternehmen zunehmend auf Outsourcing setzen. Mit kompetenten Partnern hoffen sie, den Herausforderungen im IT-Bereich, etwa Security und Risk Management begegnen zu können.
Was lagern die Unternehmen aber überhaupt aus? In einer Studie hat die META Group herausgefunden, dass es vor allem um IT- beziehungsweise Infrastruktur-Outsourcing geht. Immer wichtiger werden aber die Segmente Application Outsourcing und Business Process Outsourcing. Die Motive der Anwender, den Betrieb und das Management ihrer Applikationen auszulagern, beruhen hauptsächlich auf Kostenüberlegungen. Weitere Vorteile wie Freisetzung eigener Ressourcen und bessere Unterstützung der Geschäftsprozesse durch Neuausrichtung der Anwendungslandschaft werden ebenfalls als Gründe für ein Application Outsourcing angeführt.
Auch die UTA hat beispielsweise ihr gesamtes SAP Application Management an T-Systems ausgelagert. Der Dienstleister übernimmt den gesamten SAP R/3-Applikationsbetrieb des Telekommunikationsunternehmens mit den Modulen Finance, Controlling, Sales & Distribution, Material Management, Human Resources, Business Warehouse, Revenue Management & Contract Accounting und verwaltet die Lizenzen. "Mittels SAP Business Application Management können wir Leistungen bedarfsgerecht und kosteneffizient abrufen. Definierte Prozesse in der Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen von UTA garantieren nun den raschen Zugriff auf eine höhere Zahl von SAP Spezialisten. In Zusammenarbeit mit T-Systems haben wir Betrieb und Entwicklung noch stärker voneinander abgegrenzt und können nun Skaleneffekte und Standardisierungsvorteile im laufenden Applikationsbetrieb besser nutzen", so Andreas Truls, IT-Leiter bei UTA.
"Business Application Management erfreut sich wachsender Beliebtheit, da gerade die Nutzung von Enterprise Ressource Planning Lösungen wie SAP in der Gesamtkomplexität kontinuierlich ansteigt", sagt Christian Moder, Leiter Service Line Systems Integration T-Systems Austria. Die Anwender erhalten so fachliche Beratung und technische Unterstützung. Um Wartung oder Upgrades müssen sie sich nicht mehr kümmern, beschreibt Moder den konkreten Nutzen.
Im Fall von Application Management ist die Abhängigkeit vom Dienstleister gering, da die Infrastruktur nicht ausgelagert wird. Die Lizenz verbleibt beim Anwender und der Dienstleister erbringt die vereinbarten Leistungen wie zum Beispiel Implementierung, Hosting, Support und Migration der Anwendung.
Business Process Outsourcing als strategischer Ansatz
Mit dem Business Process Outsourcing (BPO) verfolgen Unternehmen, so die Studie der META Group weiter, einen im stärkeren Maße strategischen Ansatz, geht es doch hierbei um die Frage, welche Unternehmensprozesse und -funktionen Kerngeschäft sind und welche nicht. Ziel ist die Konzentration auf die Kernkompetenzen, womit eine Verringerung der Wertschöpfungs- beziehungsweise Leistungstiefe einhergeht. Die heute schon zu beobachtende Tendenz zur Auslagerung von Querschnittsfunktionen wie Personalwesen, Finanzbuchhaltung, Kredit-Management, Risiko-Management, Inkasso oder Beschaffung wird daher zunehmen und auch stärker vertikale Segmente umfassen.
Das Gegenstück zur strategischen Dimension des Outsourcing bildet der Gedanke des Outsourcing als Utility. Vor allem die Anbieterseite forciert diese auch On-Demand-Outsourcing genannte Form der Auslagerung. Im Vordergrund stehen dabei die Argumente Variabilität, Agilität und eine größere Kostenkontrolle, die durch entsprechende On-Demand-Konzepte versprochen werden. Zwar existieren in infrastrukturorientierten Bereichen unter anderem beim Bezug von Rechnerkapazität oder Storage bereits funktionierende Lösungen und Geschäftsmodelle. Angebote auf breiter Basis bleiben jedoch vorerst Zukunftsmusik.
Wesentliche Voraussetzungen für Utility-Outsourcing sind konsistente beziehungsweise vergleichbare Preismodelle unter den Anbietern, standardisierte Bausteine für wesentliche Teile der Lösung sowie einheitliche Service Levels.
Für Gartner sind all diese Entwicklungen Hinweise dafür, dass der Markt der IT-Dienstleister derzeit einem fundamentalen Wandel unterworfen ist. Bei dem Versuch, die Kosten zu reduzieren, entsteht ein "global delivery model (GDM)". Die Entwicklung des "global sourcing" führt nach Ansicht der Experten von Gartner dazu, dass Unternehmen ihre Verhaltensweisen und Strategien beim Kauf von Dienstleistungen und Produkten völlig neu aufsetzen. Unternehmen werden IT-Ressourcen zu jeder Zeit von überall beziehen können. Dabei gilt es aber, nicht die Sicherheitsrisiken aus den Augen zu verlieren und zwar nach Möglichkeit, bevor der Vertrag mit einem Dienstleister unterzeichnet wird. Outsourcing bringe erhöhte Risiken mit sich, denen aber mit sorgfältigen Analysen begegnet werden könne, so Gartner.
So wird Outsourcing mehr und mehr zu einer betriebswirtschaftlichen Notwendigkeit. "Für die Wahl eines externen Dienstleisters sprechen nicht nur die Kosten", meint etwa Christian Oecking, Leiter Global Outsourcing von Siemens Business Services in Deutschland. "Permanente Konsolidierung und Optimierung der IT-Infrastruktur sowie der darüber ablaufenden Geschäftsprozesse ist die Kernkompetenz der Outsourcer. Den Firmen fällt es zunehmend schwer, dieses Wissen neben den eigentlichen Aufgaben stets aktuell vorzuhalten und wirtschaftlich umzusetzen."
So wird Outsourcing sich nicht mehr nur auf einzelne Teilbereiche beschränken, sondern die gesamte Struktur von Unternehmen verändern. Die Arbeit wird völlig neu verteilt. Nur die Länder, denen es gelingt, sich in diesen Entwicklungsprozess einzuklinken, werden auch davon profitieren. Die Konkurrenz ist groß. Die Zahl der Länder, die derzeit darauf hofft, mit dem Outsourcing-Sektor die eigene Wirtschaft anzukurbeln, ist entsprechend groß. Wir sind also mitten drin in einer spannenden Phase, von der wir noch nicht wirklich wissen, wohin sie uns führt.




1/2012
8/2011
7/2011


Lothar Lochmaier studierte nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie Politikwissenschaft in München, Madrid und Berlin. Heute arbeitet er als freiberuflicher Fach- und Wirtschaftsjournalist für diverse Print- und Online-Medien. Seine Schwerpunkte sind die Bereiche Informationstechnologie, Energiefragen und Managementthemen. 