Sie haben unter dem Titel "woman@work" soeben ein neues Buch präsentiert, in dem es einmal mehr um die Situation der Frauen in der IT-Branche geht. Warum gerade jetzt dieses Buch?
Im Gegensatz zu früher, wo es in erster Linie darum ging, Arbeitskräfte für die Branche zu akquirieren, sieht heute die Situation ganz anders aus. Es geht darum, sich die Arbeitsbedingungen und die Organisationskultur der Unternehmen anzusehen. Der Reader soll daher eine kritische Reflexion zum Thema: "Wie geht es den Frauen zur Zeit in der IT/TK-Branche?" sein. Neben dem allgemeinen theoretisch-analytischen Teil gibt es Beiträge von 16 Frauen der Branche, darunter z.B. Sabine Fleischmann von Microsoft oder Margarete Schramböck von NextiraOne. Es ist eigentlich ein sehr positives Buch geworden. Ehrlichweise muss ich aber gestehen, dass viele Frauen mir ihre negativen Erfahrungen nur mündlich berichtet haben, aber wegen ihres bestehenden Dienstverhältnisses dann nicht publizieren wollten.
Gerade diese Beiträge wären aber sicher interessant gewesen. Was, würden Sie sagen, sind Ihre Hauptergebnisse, oder welche Schlüsse ziehen Sie aus dieser Arbeit?
Erstens: Es gibt noch immer massive Ausschließungsmechanismen, die über die Organisationskultur der Unternehmen aufgebaut wurden bzw. werden und insgesamt eine sehr starke technische Ausrichtung mit diversen negativen Assoziationen wie z.B. typisch männliche Branche, schlechte Bezahlung für Frauen etc. Zweitens ist für Frauen die Signalwirkung des hohen Verfalldatums von Wissen und hohen Bildungs- und Weiterbildungsaufwands extrem hoch und schreckt vor der Branche ab. Drittens, glaube ich, spielt es eine große Rolle, dass es kaum so etwas wie Work-/Life-Balance-Konzepte gibt. D.h. wenn es um Familienplanung geht, dann beginnt es sich zu spießen. Fazit: Frauen meinen, dass es in dieser Branche problematisch ist, Job und Lebensqualität unter einen Hut zu bekommen.
Was werden Sie mit diesen Ergebnissen tun oder was sind für Sie jetzt die nächsten Schritte?
Es reicht einfach nicht, nur auf die Frauen einzureden und zu meinen, Sie selbst seien das Problem. Das stimmt einfach nicht. Vor allem auch die Politik ist da gefordert, aktiv zu werden. Es geht darum, dafür zu sorgen, dass Frauen nicht nur in diese Branche kommen, sondern auch bleiben und nicht das Handtuch werfen.
Welche Veränderungen sind da aus Ihrer Sicht konkret erforderlich?
Drei Dinge. Erstens, eine Analyse der Organisationskultur. Zweitens: Aus- und Weiterbildung geschlechtergerecht - ich sage hier bewusst nicht frauengerecht, sondern es geht ja um alle Beteiligten der Branche. Drittens, die Schaffung eines neuen Selbstverständnisses der technischen Berufe insgesamt. Es geht um sozial verträgliche Technik-Gestaltung.
Ein Thema, das Sie persönlich ja schon seit Jahren beschäftigt, womit wir bei Ihrer Persönlichkeit wären. Warum haben Sie selbst eigentlich Informatik studiert?
Ich habe mich sehr für Mathematik interessiert. Und 1982, als ich zu studieren begann, war ein Informatik-Studium bei Mädchen tatsächlich beliebter als heute: Der Mädchen-Anteil lag bei über 20 Prozent, mehr als z.B. bei Maschinenbau oder Elektrotechnik. Die Entscheidung dazu habe ich schon sehr früh in der 6. Klasse Gymnasium getroffen. Ein einschneidendes Erlebnis war für mich allerdings ein Beratungsgespräch in der Schule. Der Berater hat tatsächlich festgestellt, dass ich technisch/naturwissenschaftlich sehr begabt sei. Aber als ich ihm gesagt habe, dass ich Informatik studieren will, ist er skeptisch geworden und hat gemeint, für ein Mädchen sei doch vielleicht Wirtschaftsinformatik besser.
Sie haben sich aber davon nicht abhalten lassen und doch Informatik studiert.
Ja, für mich selbst war das eine klare Sache. Ich habe aber immer wieder erlebt, dass es halt nicht die Normalität ist und es gab da eine Reihe von Erlebnissen, z.B. hat mir einmal ein Studienkollege folgendes gesagt: "Warum studierst du eigentlich Technik, Du bist doch gar net schiach."
...was für ein Klischeebild. Vielleicht auch schon ein Anreiz, sich dem Forschungsfeld Frauen und Technik zu verschreiben?
Nein, das kam in Wahrheit erst einige Jahre später. Ich wurde nach Forschungsaufenthalten in Stockholm und Toronto 1991 Univ.Assistent an der TU Wien. Da habe ich mich dann eingehend mit der Geschlechterproblematik beschäftigt und auch angefangen, zu dem Thema zu publizieren.
Sie sind schließlich vor zwei Jahren an die WU Wien berufen worden. Welche Veränderung bedeutet das für Sie persönlich?
Es gibt hier eine sehr augenscheinliche Veränderung: An der TU hatte ich 10 Prozent Frauen bei meinen Studierenden, an der WU ist das genau umgekehrt, hier sind es etwa 10 Prozent Männer. Aber das beginnt sich langsam zu ändern: Auch immer mehr männliche Studenten finden das Thema offenbar interessant.
Was würden Sie jungen Frauen heute raten, kann und soll frau Informatik studieren?
Klar. Ich finde, die Branche ist im Prinzip so facettenreich, dass man bzw. frau einen Platz finden kann.
Aber noch immer eine frauenfeindliche Branche...
Ja. Obwohl viele Unternehmen nach außen hin posaunen, wie gern sie Frauen aufnehmen würden, aber es bewirbt sich ja keine. Dabei krankt es bereits an den Job-Inseraten. Allein an der Sprache, das ist einfach nicht geschlechtsneutral formuliert. Außerdem werden zumeist Wunder-Wuzzis gesucht. Frauen, die sehr viel selbstkritischer sind als Männer, bewerben sich da erst gar nicht. Insgesamt, was wird signalisiert: Tempo, Schnelllebigkeit, Atemlosigkeit, Wissen, das permanent upgedatet werden muss. Das ist kein Bild, das sich eine Frau in punkto Lebensqualität vorstellt.
Und wie sieht es mit Ihrer Lebensqualität aus? Bleibt noch Zeit für Privatleben und Hobbies?
Wenig, aber doch. Sport und Literatur - also anderer Lesestoff als Fachliteratur - ein bisschen Gitarre spielen und griechisch lernen. Daneben ist mir meine Familie, mein Mann und mein sechsjähriger Sohn, natürlich sehr wichtig.
Monitor: Vielen Dank für das Gespräch.
Buchtipp: Hanappi-Egger, Edeltraud (Hg.), woman@work - Informations- und Kommunikationstechnologien als Beschäftigungsfeld aus der Sicht von Frauen. OCG-Schriftenreihe Bd 178. Wien 2004. www.ocg.at/bookshop





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Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 