Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Wir tratschten gerade über allgemeine Belange, als plötzlich jemand "die nächste Killer-Applikation" ins Spiel brachte. Fräulein Keptisch, unsere selbsterklärte Zynikerin, liebt das Spiel mit diesem Thema wie die Katze das mit der Maus. Sie zeigte auf einen unserer Herren in der Runde: "Ihr Typen nennt Euch gerne große Denker, aber seien wir ehrlich: Ihr würdet die nächste Killer-App nicht einmal erkennen, wenn sie Euch in die Nase beißt." Sie zeigte auf Mister Footuriste, unseren selbsterklärten Visionär und Analystiker, und fuhr fort. "Im Augenblick kristallisieren sich sogar zwei Killer-Apps heraus."
Mister Footuriste wirkte etwas irritiert und zweifellos in der Defensive. "Ich weiß nicht, was Ihr unter Killer-App versteht", begann er vorsichtig. "Aber ich verstehe darunter eine Anwendung, die so populär wird, dass sie zum Verkaufsmotor für die zugrundeliegende Hard- oder Software-Technologie wird. Im Augenblick kann ich aber nichts dergleichen entdecken."
Das war der Zeitpunkt, zu dem sich Mister Clothes einschaltete. In seiner hochtrabenden, konservativen Art - er denkt, IBMs einstige Kleiderordnung der blauen Anzüge und kastanienbraunen Krawatten sollte allgemein Standard werden - begann er zu sprechen. "Fräulein Keptisch hat vermutlich eine der zahlreichen Effekte des Internets im Auge. Ich will gar nicht mit der Liste der Früchte des Netzes der Netze anfangen, es würde Euch langweilen. Meine Spekulation hier ist, dass sogar beide von Fräulein Keptisch erwähnten Neuerungen mit dem Internet zu tun haben. Würden Sie uns freundlicherweise ins Bild setzen, Fräulein Keptisch?"
"Suchmaschinen", sagte die solchermaßen adressierte Visionärin. "Suchmaschinen sind im Augenblick das heißeste Spielzeug in der Internet-Sandkiste. Es gibt neue Namen am Markt, und die alten Namen sind alte Geschichte. Gescheite Leute probieren alle möglichen neuen Verfahren aus, viele davon kommen gerade frisch von der Universität. So wie Sergey Brin und Larry Page von Google. Inzwischen kennt die beiden jeder, denn sie waren auf den Titelseiten praktisch jedes Magazins der Erde. Der Erfolg von Sergey und Larry ist aber auch schon ein alter Hut."
"Mein liebster Newcomer ist - natürlich - eine Frau. Ihre Suchmaschine heißt MooterSearch und sie selbst Liesl Capper. Sie ist sehr attraktiv und unterhält rund um den Globus 36 Franchises, die jungen Kindern beim Lernen helfen. Im Augenblick ist sie aber fulltime mit Mooter beschäftigt, und der Entwicklung der Idee des Cluster-Searching (http://www.mooter.com/moot)." Fräulein Keptisch unterbrach ihre Rede und blickte mich an. "Habt Ihr, O Feinschmecker der Obsttörtchen, die neue Suchmaschine schon ausprobiert?"
Ich offenbarte, dass ich das bisher versäumt hatte. "Bald werdet Ihr", sagte Fräulein Keptisch. "Cluster-Searching hat eine große Zukunft vor sich. Vielleicht werdet Ihr es gar nicht bei Mooter verwenden, sondern bei Google oder sogar bei Microsoft. Um Cluster wird in den nächsten Monaten mit Klauen und Zähnen gekämpft werden."
Mister Clothes ließ ein breites Grinsen sehen und räumte ein: "Alles was Ihr sagt ist wahr. Es sind die sekundären Suchabfragen, wo im Augenblick die Musik spielt. Daher werden sich gute sekundäre Suchmaschinen wohl rapide entwickeln und allgemeinen Suchmaschinen wie Google, Muse, Teoma oder Scirus Kunden kosten. Der Kampf um diesen Markt wird sehr blutig werden, denn die Anzahl der Kunden ist begrenzt. Ich habe aber eine Frage." Mit etwas weniger überheblicher Miene sagte Mister Clothes: "Darf ich es wagen zu vermuten, was Ihre zweite Killer-Applikation ist, Fräulein Keptisch?"
Diese Höflichkeit schien Fräulein Keptisch zu überraschen als sie milde nickte. "Ich denke", sagte Mister Clothes, "die andere Killer-Applikation ist WiFi, und ich weiß auch warum WiFi mit dem Internet zu tun hat. Ohne Internet hätte WiFi wenig praktische Bedeutung. Habe ich es erraten?"
Soviel Höflichkeit gefiel Fräulein Keptisch. "Erraten", gurrte sie. "Könnt Ihr Euch vorstellen, dass jemand WiFi nur zur lokalen Vernetzung von Home-Computern verwendet? Klar, WiFi verhindert, dass ein potentiell ungeschickter Amateur-Verkabler ganze Wände einreißt, nur um ein Stück Draht zu verlegen, aber WiFi hilft beim e-Mail-Lesen, Internet-Surfen und Chatten. Womit es aber noch ein Weilchen dauern wird, ist das Vertrauen der Firmen."
Wie ich schon seit einiger Zeit beobachtet hatte, wollte auch Laptop-Experte Mister Meandering etwas sagen. Endlich bekam er Gelegenheit: "Der WiFi-Markt ist bereits gewaltig, aber weit entfernt von Stabilität, geschweige denn Reife. Wie Suchmaschinen ist WiFi aber tatsächlich eine Killer-Applikation. Beide Technologien stimulieren den Hardware-Verkauf und erfordern Ergänzungen bei Betriebssystemen."
Mister Meandering fuhr fort mit der Beobachtung, dass WiFi-Enthusiasten oft aufgeregt nach einer Stelle mit starkem Empfang suchen und dabei an Mäuschen im Labyrinth erinnern. Nicht gerade ein Zeichen für eine gute funktionierende Technologie.
Und mit einem Schlag waren die Leprechauns wieder verschwunden. Merkwürdigerweise hatten sie die Zitate vergessen, die sie für mich übersetzt hatten. Auf meinem Bildschirm fand ich die Nachricht, dass das erste Zitat einen besonderen Kommentar erfordert habe.
Zitate, die übersetzt werden müssen
Kommentar der Leprechauns: Wenn doch die CEOs, Firmensprecher, Eigentümer und Manager nur lernen könnten, Situationen mit Humor zu handhaben wie Linus Torvalds im ersten Zitat. Die Welt wäre schöner und besser, denn seine Einwände ließen die Angreifer so schuldig und erbärmlich aussehen wie den Kater im Goldfischglas.
Das Zitat: "Okay, ich gebe alles zu. Ich war nur der Strohmann für die wirklichen Schöpfer von Linux: Der Osterhase und der Weihnachtsmann. Aus offensichtlichen Gründen durften sie sich nicht plötzlich als vom Computerfieber erfasst outen. Tatsächlich hatten sie sich außerhalb der Saison mit Betriebssystemen beschäftigt und schon ein paar neue davon entwickelt."
"Als sie aber mit der Arbeit an Linux begannen (was ursprünglich Freaks hieß - die beiden fühlen sich als totale Außenseiter, was eine eigene traurige Geschichte ist) mussten sie damit natürlich ans Licht der Öffentlichkeit."
"Und so suchten sie einen Strohmann. Und weil der Weihnachtsmann aus Finnland ist und gute Kontakte zur Universität von Helsinki hat, und der Osterhase behauptet, ich hätte gute Ohren (wenngleich kleine), wurde ich auserwählt."
"Seither lebte ich eine Lüge, in dauernder Angst davor, jemand könnte die Wahrheit herausfinden. Ich bin sehr froh und erleichtert, dass es vorbei ist, denn die Alexis de Tocqueville Institution ist mir endlich auf die Schliche gekommen. Endlich kann ich mich meiner wahren Berufung widmen, der Erforschung der Balztänze der afrikanischen Wasserfrösche."
Die Umstände: Linux wurde - laut Alexis de Tocqueville Institution - nicht von Linus Torvalds geschrieben. Ein Buch wird die schockierende Wahrheit ans Licht bringen - sagen sie dort.
Die Übersetzung: Mister Torvalds hat gelassen und selbstbewusst reagiert. Die de Tocqueville-Organisation hat in der Vergangenheit Geld von Microsoft bekommen und steht jetzt verdienterweise dumm da. Und Microsoft sieht aus wie ein feiger kleinlicher Puppenspieler, was aber weiter keine Neuigkeit ist. Wir sind gespannt, wie viele von den Büchern verkauft werden.
Das Zitat: "Da kann ja jeder kommen und sagen ‚wir könnens besser'. So etwas funktioniert nicht, besonders nicht von einer Firma die eigentlich gar nichts kann wie Dell. Die verkaufen nur die Produkte anderer Leute."
Die Umstände: Carly Fiorina, CEO von Hewlett-Packard, im Jähzorn über Michael Dells Verlautbarung, in Zukunft Drucker zu verkaufen, die im Betrieb 30 Prozent günstiger sein sollen als Geräte von Mitbewerbern.
Die Übersetzung: Nette Firma, die du da hast, Michael. Aber Leute wie du sollten wissen, wo ihr Platz ist.




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Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 