Achim Scharf
Die Europäische Union ist am 1. Mai um zehn Staaten gewachsen, davon acht aus Osteuropa (siehe Monitor April 2004, Seiten 6-8). Viele der sogenannten Beitrittsländer sehen sich weiterhin großen Herausforderungen gegenüber, trotz der gelungenen Transformation der nationalen Ökonomien. Nach Einschätzung der Gartner-Marktforscher ist und bleibt Osteuropa insgesamt relativ unreif in puncto Informationstechnologien über die nächsten Jahre. Viele Dinge könnten daher von den Ländern gelernt werden, die bisher neu in die EU aufgenommen wurden. Doch in der heutigen Gesellschaft und Wirtschaft ist die Informationstechnologie verbreiteter als in den früheren Beitrittsphasen.
Bei der Verwendung von Mobiltelefonen, der Verbreitung von Breitbandanschlüssen oder dem Ersatz von alten IT-Architekturen sind manche Beitrittsländer wie Estland oder Slowenien auf gleicher Höhe oder sogar besser als manche EU-Staaten. Andere, wie Polen oder Ungarn, haben riesige Fortschritte in Richtung höherer Bildung gemacht. Das dürfte ihnen helfen, in nicht allzu ferner Zukunft zu Wissensgesellschaften heranzuwachsen.
Um herauszufinden, wie Produktivität und Technikpenetration miteinander verbunden sind, ist ein Vergleich mit einigen Beitrittsländern und reiferen Gesellschaften sinnvoll. Es ist nicht erstaunlich, dass Länder mit höherer Produktivität wie die USA, Japan oder Westeuropa auch eine höhere Penetration an Technologie (PCs, Internet, Breitband oder Mobiltelefonen) haben. Und hier zeigt sich auch eine klare Lücke, denn Polen als das größte Beitrittsland ist am wenigsten fortgeschritten, auch wenn hier die meisten Möglichkeiten zur Verbesserung liegen.
Gute Geschäfte mit Software
Die Privatisierung der Industrie, laufende Deregulation und ein günstigeres wirtschaftliches Klima in Verbindung mit einer großen Bevölkerung bieten Softwareunternehmen attraktive Rahmenbedingungen. Die neuen osteuropäischen EU-Mitglieder machen zwar nur 18 Prozent der gesamten osteuropäischen Bevölkerung aus, stellen aber fast 50 Prozent der Investitionen in Software.
Gartner klassifiziert die osteuropäischen Staaten in vier Ebenen, die jeweils ein deutliches Niveau an IT-Reife und Marktpotenzial repräsentieren. Ebene 1 umfasst die Schrittmacher (Polen, Tschechische Republik, Ungarn, Estland und Slowenien), Ebene 2 die Ungewissen (Russland), Ebene 3 die Hoffnungsvollen (Rumänien, Slowakei, Lettland, Litauen, Bulgarien und Kroatien) sowie Ebene 4 mit den Rückständigen. Zu letzterer gehören Mazedonien, Serbien, Montenegro, Ukraine, Kasachstan, Albanien, Bosnien-Herzegowina, Armenien, Aserbaidschan, Georgien, Kirgisistan, Moldavien, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan.
Die sich entwickelnden Märkte in Osteuropa fokussieren sich mehr auf die Implementierung einer Infrastruktur denn auf breite Investitionen in Software. Natürlich gibt es Unterschiede zwischen den einzelnen Ländern, doch die Softwareausgaben insgesamt machen nur einen Bruchteil des EU-Durchschnitts aus. Fünf der acht neuen osteuropäischen Mitgliedsländer zählen zur Ebene 1, die restlichen zur Ebene 3. Polen, Ungarn und die Tschechische Republik verfügen über die größte Wirtschaftskraft und sind daher für Softwareanbieter am interessantesten. Firmen, die in diese Märkte gehen wollen, sollten laut Gartner-Analyst Fabrizio Biscotti folgende Punkte in ihr Kalkül einbeziehen:
- Die Modernisierung der Wirtschaft in Osteuropa,
- Privatisierung der Industrie,
- Weniger Altlasten behindern komplexe Integration,
- Verstehen des geschäftlichen Umfeldes und der Mentalität,
- Individualität einzelner Ländermärkte,
- Einflüsse von Westeuropa,
- Angepasste Preisgestaltung,
- Produktpiraterie,
- Lokale Softwareanbieter,
- Ausgelagerte Entwicklung sowie
- Lokalisierung der Software und technische Unterstützung.
Osteuropa erwartet aktuelle und lokalisierte Software
Üblicherweise verkaufen in Osteuropa die einschlägigen Anbieter die gleichen Softwareversionen wie sonst auch, doch es gibt eine große Nachfrage an aktueller und lokalisierter Software, die nicht nur die Sprache, sondern auch die lokalen Vorschriften und Prozesse unterstützt.
"In Polen, der Tschechischen Republik und Ungarn gibt es einen Bedarf an größerer Funktionalität in ERP-Software, besonders im oberen und mittleren Marktsegment. Danach folgen SCM und CRM. Im Infrastruktur-Segment gehen Datenbanken gut und es gibt eine hohe Nachfrage an Tools zur Anwendungsentwicklung, Business Intelligence und Security. Bei Plattformen ist Unix neben Windows recht populär. Mehr und mehr interessieren sich auch Geschäftskunden sowie Behörden für Linux als einen Weg zur Reduzierung der Kosten, doch das muss sich erst noch in Implementierungen niederschlagen", meint Biscotti.
Gartner-Analyst Chris Pang schätzt den Umsatz mit neuen Software-Lizenzen in Osteuropa auf 5,8 Prozent des EU-Marktes. Im allgemeinen zielen die Anbieter auf die Länder der Ebene 1 und Russland sowie selektiv auf die Ebene 3. "Über die letzten Jahre war das Wachstum recht eindrucksvoll, doch als die nationalen Wirtschaften sich stärker mit denen außerhalb des früheren Ostblocks verflochten, schwand auch der Schutz gegen den weltweiten Abschwung. Obwohl ein Wachstum auch im Jahr 2002 noch offensichtlich war, schwächte sich das Wachstum ab", so Pang.
In den entwickelten Ländern beginnt der Lebenszyklus mit großen multinationalen Unternehmen, die eine lokale IT-Infrastruktur zur Kommunikation aufbauen. Lokale Zulieferanten bis hin zum Handwerk steigern dann auch ihre IT-Investitionen, was wiederum zu mehr Geschäftsmöglichkeiten führt. "Die osteuropäischen Länder stehen meist auf der ersten oder zweiten Stufe dieses Lebenszyklus und die meisten Investitionen sind in den Ländern der Ebene 1 und Russland geflossen, sicherlich aufgrund ihrer attraktiven Marktgröße und industrieller Tradition", stellt Pang fest.
Die Nachfrage tendiert mehr zu Infrastruktur- und Kern-Anwendungen und weniger zu Applikationen wie BI, CRM oder Project Portfolio Management. Die Nachfrage an diesen Anwendungen dürfte entsprechend der Reife der Infrastrukturen wachsen. Den Umsatz mit neuen Lizenzen in Osteuropa prognostiziert Gartner durchschnittlich auf 12 Prozent zwischen 2002 und 2007 gegenüber 6 Prozent in Westeuropa, allerdings von einer wesentlich schmaleren Basis.
Im Jahr 2002 lag der osteuropäische ERP-Markt bei knapp 200 Mio. $ und dürfte bis 2007 bei einem jährlichen Wachstum von 3,2 Prozent 230 Mio. $ erreichen, während der BI-Markt bei 15 Mio. $ lag und laut Pang über die Jahre bis 2007 kaum wachsen wird. Rund 25 Mio. $ wurden in 2002 mit CRM erzielt, dieses Segment soll bis 2007 jährlich um 6,6 Prozent wachsen. "CRM-Anbieter werden in diesem Zeitraum mit kulturellen und finanziellen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Viele lokale Manager sehen CRM als Mittel zur Verbesserung des Kundenservice an, also mehr als taktischen denn strategischen Ansatz. Die früheren kommunistischen Geschäftspraktiken waren jedoch weder profit- noch kundenorientiert und daher besteht derzeit nur eine geringe Nachfrage an CRM-Produkten", meint Pang. Beschränkte Möglichkeiten würden sich nur in Ländern der Ebene 1 und dort auch nur in großen Unternehmen in ausländischem Besitz eröffnen.
Lösungen für Anwendungsintegration und Middleware und besonders auf XML basierend erfreuen sich hoher Nachfrage, entsprechend dürfte der osteuropäische Markt von 174 Mio. $ in 2002 auf 305 Mio. $ in 2007 wachsen. Datenbanken sind eine wichtige Komponente der IT-Infrastruktur. Hier erwartet Gartner ein Wachstum von 154 Mio. $ in 2002 auf 194 Mio. $ in 2007. Tools zur Anwendungsentwicklung dürften zwischen 2002 und 2007 mit jährlich mehr als 7 Prozent von 36 Mio. $ auf 51 Mio. $ wachsen.
Die Softwareinvestitionen von Unternehmen sind zwar unterschiedlich in den vertikalen Märkten und den einzelnen Ländern, doch es gibt einige allgemeine Trends. "Große Unternehmen mit mehr als 2500 Mitarbeitern oder mehr als 1 Mrd. € Umsatz sind fast nicht als Nachfrager vorhanden, während die größte Nachfrage von Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern bzw. 50 Mio. € Umsatz kommt. Und, obgleich nicht sehr stark am Markt, schlagen kleine regionale Anbieter oftmals internationale Unternehmen bei großen Projekten. Im oberen mittleren Segment liegt ein durchschnittlicher Softwarekontrakt bei 200.000 $, während große Projekte auf 500.000 $ kommen können. Banken und Versicherungen, die Telekommunikation sowie die produzierende Industrie gehören zu den wichtigsten Software-Investoren. Am wenigsten wird in den Sektoren Agrarwirtschaft, Bildung und Bauwirtschaft investiert", analysiert Biscotti.
Polen, die Tschechische Republik und Ungarn werden von Gartner als die drei wichtigsten Softwaremärkte unter den acht osteuropäischen Beitrittsländern bewertet, gefolgt von der Slowakei und Slowenien sowie den drei baltischen Ländern. Unter letzteren führt Estland vor Lettland und Litauen. Die Märkte in den baltischen Ländern seien zwar vergleichsweise klein, aber interessant und interessierte Unternehmen sollten schnell handeln bevor eine Übersättigung eintrete. Nachbarländer wie Rumänien und Russland seien ebenfalls attraktive Zielmärkte für Softwareunternehmen.
Potenzielle Outsourcing-Partner
Die neuen EU-Länder könnten auch zu Zentren des IT-Outsourcing werden, denn dieser Trend hält weiterhin an. Die Aktivitäten in Europa stiegen in 2003 um 40 Prozent, der Großteil ging nach Indien. Laut Gartner wird Indien auch weiterhin diesen Markt dominieren, denn in puncto Größe und Anzahl von IT-Profis kann kein anderes Land außer China konkurrieren. Auch die neuen Beitrittsländer können Indien oder China nicht herausfordern, aber eine wichtige Rolle spielen. Bei der Auswahl geeigneter Kandidaten sollten potenzielle Auftraggeber auf qualitative Faktoren wie
- Öffentliche Förderung,
- Infrastruktur,
- Sicherheit der Daten und intellektuellen Eigentums,
- Bildungssystem
- Sprach- und Marketingkenntnisse,
- Soft- und Hardwareressourcen,
- Politische Stabilität,
- Kulturelle Eigenheiten und nicht zuletzt auf
- Kosten
achten.
Bei einigen dieser Punkte bestehen bei den neuen EU-Ländern noch Defizite, doch bei anderen sind sie wettbewerbsfähig. Einige dieser Faktoren lassen sich zu Indizes der Infrastruktur-Eignung (Infrastructure Suitability - ein Mix aus technischer Infrastruktur, öffentlicher Subventionen, politischer Stabilität und Regulierungen) und Arbeits-Eignung (Labor Suitability - eine Komposition aus Bildungs- und Einkunftsebenen sowie verfügbarer ausgebildeter Ressourcen) kombinieren und ergeben eine relative Positionierung der einzelnen Länder.
Gemeinsame Aktivitäten industrieller Verbände und der Regierungen können die Attraktivität für potenzielle Auftraggeber erhöhen, doch noch nicht alle Beitrittsländer verfügen über eine solche Infrastruktur. Die lettische Entwicklungsagentur, eine Abteilung des Wirtschaftsministeriums, ist ein positives Beispiel für die Implementierung nationaler IT-Programme und -Strategien einschließlich des Einwerbens von Direktinvestitionen. Die lettische Regierung sieht die IT-Industrie als wesentlichen Schrittmacher für das zukünftige wirtschaftliche Wachstum und hier besonders das Outsourcing.
Trend zu Open Source Software
Länder wie Polen, der Tschechischen Republik und Ungarn werden relativ aktiv durch die großen Softwareanbieter umworben und damit gibt es mehrere Wahlmöglichkeiten, wie etwa die Linux-Modelle von IBM und Oracle. Die Länder der unteren Ebenen tendieren zu Microsoft, wenn sie können. Doch Piraterie ist in Osteuropa immer noch sehr verbreitet und wird von den großen Herstellern verfolgt. Open Source Software ist eine mögliche Lösung für ein Problem, das unter Kontrolle gebracht werden muss, um eine einheimische Softwareindustrie zu fördern. Und die EU verfolgt eine Politik zur Förderung von Open Source Software durch Beihilfen.
Bis zum Ende der Dekade dürfte laut Gartner Open Source Software mit hoher Wahrscheinlichkeit zur wichtigsten Softwarearchitektur in Osteuropa werden und damit dem Trend in China, Lateinamerika und Afrika folgen.




1/2012
8/2011
7/2011


Mag. Christoph Weiss, i2s consulting, Leiter Büro Österreich: Magister und Textil-Fachingenieur. Führungserfahrung als IT-Leiter im Bereich technischer Grosshandel. Mehrfach Linien- verantwortlicher für ERP-Einführungen. Lehrbeauftragter an der Fachhochschule Technikum Wien. Vorstandsmitglied der Arbeitsgemeinschaft für Datenverarbeitung (ADV) 