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Strategien

Diskussion

EU Drehscheibe Wien

In einer hochkarätig besetzten Runde diskutierten Manager und Marktbeobachter auf Einladung des MONITOR die Risken und Chancen für österreichische IT-Unternehmen in Osteuropa.

Jörg Kilgus

Die Boston Consulting Group präsentierte 2003 eine Untersuchung über Perspektiven multinationaler Osteuropazentralen in Österreich. 200 bis 300 weltweit tätige Konzerne würden rund 9000 Mitarbeiter - zu einem großen Teil in Führungsfunktionen - in ihren regionalen Hauptquartieren vor allem in Wien beschäftigen. Österreich würde daher gut daran tun, die Rahmenbedingungen für Erhaltung und Ausbau dieser Arbeitsplätze zu schaffen. Die Studienautoren der BCG kommen zu dem Schluss, dass "im Zuge der Globalisierung und der EU-Osterweiterung Österreichs besondere Funktion als regionale Zentrale für den osteuropäischen Wirtschaftsraum akut gefährdet ist". Grund dafür seien der erhöhte Kostendruck, dem regionale Zwischenstufen in der Organisation zum Opfer fallen könnten, und der Umstand, dass nach der Osterweiterung Österreich seinen "historischen Standortvorteil" als Tor zum Osten verliere. Westliche Unternehmen würden sich direkt in Osteuropa positionieren und Städte wie Prag oder Budapest würden ihre Nachteile nach und nach wettmachen.

Keine kurzfristige Abwanderungswelle

Die Autoren glauben jedoch nicht, dass es kurzfristig zu einer Abwanderungs-Welle kommen werde, lediglich eine Verschlankung stehe bevor. Um Österreich im Allgemeinen und Wien im Speziellen auch in Zukunft als Standort für Osteuropa-Zentralen attraktiv zu erhalten, sei die Politik gefordert entsprechende Voraussetzungen zu gestalten: Die Verkehrs-Infrastruktur müsse verbessert werden und die "kulturelle Nähe" zu Osteuropa solle gepflegt werden. Steuerliche Rahmenbedingung etwa für die Holdingbesteuerung müssen optimiert werden. Wesentlich aus Sicht der Studien-Autoren sei, dass auch in Zukunft gut ausgebildete Mitarbeiter für zentrale, know-how-intensive, Funktionen zur Verfügung stünden. Denn eine Chance für den Standort sei, im Zuge einer zunehmenden "Virtualisierung" von Unternehmenszentralen zentrale Funktionen wie Forschung und Entwicklung, strategisches Marketing, Controlling oder das IT-Management von Österreich aus zu erfüllen, so BCG-Berater Dieter Tschach bei der Präsentation des Berichts.

Der Vorsitzende des IT-Verbandes ITBeurope, Günther Krumpak, sieht keine Gefahr eines Bedeutungsverlustes für Österreich im IT-Ost-Geschäft: "Die Beobachtung zeigt, dass gerade in den beiden vergangenen Jahren immer mehr IT-Unternehmen ihre CEE-Märkte von Österreich aus bearbeiten wollen bzw. die bereits angesiedelten IT-Multis die hiesige Niederlassung mit mehr CEE-Kompetenzen ausgestattet haben", so Krumpak. Dies habe unter anderem mit weit reichenden Markterfahrungen heimischer Vertriebsmitarbeiter und Manager aber auch mit den Erfahrungen der Dienstleister rund um die IT-Branche - wie Banken, Versicherungen, Rechtsanwälten oder Personalberatern - zu tun. Zudem hätten in der Vergangenheit in Wien angesiedelte Osteuropazentralen etwa von Siemens oder SAP häufig bessere Ergebnisse als die Konzernmütter erwirtschaftet.

Österreicher sind außenorientiert

Der Vorstandsvorsitzende der CSC AG, Manfred Prinz, ist in seiner Funktion auch für den CEE-Markt zuständig. CSC, einer der weltweit größten Anbieter von IT-Dienstleistungen, hätte die Osteuropa-Zentrale weniger aus strategischen Gründen in Wien positioniert, sondern, wie Prinz sagt: "weil sich sonst keiner dafür interessiert hat". Für ihn biete die aktuelle Konstellation eine Chance, sich "in einem Zeitfenster, das vielleicht nur kurz offen steht" zu positionieren. Die Österreicher hätten den großen Vorteil, dass sie außenorientiert seien. Die Deutschen etwa seien hauptsächlich mit ihren inneren Problemen beschäftigt und würden sich daher weniger um neue Märkte kümmern.

Die österreichische Niederlassung von Hewlett Packard habe eine lange Tradition im Osteuropa-Geschäft, bestätigt der für das Enterprise-Geschäft verantwortliche Manager Wolfgang Wittmer: "Im Vertriebsbereich sind wir für bis zu 55 Länder zuständig, davon haben 13 Länder eine eigene Management-Struktur". Ebenfalls schon seit vielen Jahren für das CEE-Business zuständig ist die SAP-Niederlassung in Wien. Der frischgebackene "Managing Director CEE", Wolfgang Runge: "1996 ist auch die Geschäftsverantwortung für die ehemaligen Sowjet-Staaten von den Deutschen an uns übergeben worden", heute würde mehr als die Hälfte der rund 1500 Mitarbeiter der Region nicht für die "Kernländer" Österreich und Schweiz arbeiten.

Noch nicht so lange mit Ost-Agenden beschäftigt ist IDS Scheer nach der Übernahme von Plaut Austria. Alfred Raderer, CEE-Geschäftsführer von IDS Scheer, über die Anfangsschwierigkeiten: "Leider gibt es noch Vorbehalte österreichischer Mitarbeiter in gemischten Teams", doch das bessere sich mit der Zeit. Zwar befinde sich in Wien die Zentrale doch gebe es in der Region einige Competence Center, die nicht hier stationiert seien. Damit sei auch absehbar, dass das Management für manche Bereiche nicht zwangsläufig in Wien sein müsse.

Ebenfalls den Sprung aus Deutschland über Österreich in den Osten machte GFT. GFT-Verkaufs-Manager Peter-Joachim Lehre berichtet, dass sein Unternehmen in Ungarn bereits mehr Mitarbeiter beschäftigt als in Österreich (30 vs. zwölf). GFT würde bereits in manchen Projekten bereits dazu übergehen deutschen oder österreichischen Kunden die Projekt-Entwicklung durch ungarische Mitarbeiter anzubieten, bisher allerdings nur optional.

Auslagern von Geschäftsprozessen

Der IT-Spezialist der Boston Consulting Group, Dieter Tschach, sieht darin eine durchaus zeitgemäße Entwicklung. Global gesehen würden demnach immer mehr große, internationale Konzerne wie die Deutsche Bank, Reebok oder Sony ganze Geschäftsprozesse auslagern. Sehr häufig würden indische Dienstleister zum Beispiel Call-Center-Aktivitäten, Datenanalysen, Entwicklungsarbeiten oder zentrale Backoffice-Aufgaben übernehmen. Mittlerweile legendär seien die kundenspezifischen Software-Services aus Indien. Die Vorteile für dieses so genannte "Offshore Outsourcing", also die Auslagerung von Diensten an ausländische Unternehmen, lägen auf der Hand, so Tschach: Kosteneinsparungen von 40 Prozent, bessere Service-Qualität und bessere Performance durch Einsatz neuester Technologie und Fachexpertise und Erfahrung des Anbieters im Projektmanagement.

Für Österreich hätte der Trend des Offshore Ourtsourcings bisher keine unmittelbaren Auswirkungen, sind sich die Diskussionsteilnehmer einig. Zu klein und zu heterogen sei die heimische Unternehmens-Landschaft. CSC-Boss Prinz weißt jedoch darauf hin, dass in Deutschland sehr wohl schon indische Firmen aktiv seien. Besonders auffällig sei, dass einige große indische Outsourcing Anbieter den europäischen Markt über die Hintertür Osteuropa betreten würden: Firmen wie Tata oder Infosys hätten im vergangenen Jahr Niederlassungen in Tschechien, Ungarn oder Polen eröffnet, berichtet Prinz und meint: "Das ist ein strategisch kluger Schritt, denn in Osteuropa sind ausgebildete Leute, die die Leistungen erbringen können und die Inder bringen ihr hoch entwickeltes Prozess-Know-how ein".

HP habe bereits Erfahrung mit Offshore-Projekten in CEE, die sehr unterschiedlich seien, wie HP-Mann Wittmer erzählt. Ein Forschungszentrum in Moskau sei demnach wieder zugesperrt worden, weil es keine Ergebnisse geliefert hätte. Andererseits hätte das US-Hauptquartier erst vor kurzem ein Outsourcing-Center in Bratislava eröffnet, das rund 300 Mitarbeiter beschäftigt. Und die Administration für Computerwartung sei nach Rumänien verlagert worden und solle dort in den nächsten zwei Jahren weiter wachsen. "Wichtig bei solchen Projekten ist eine klare Zielsetzung", meint Wittmer, "ein Tipp dazu aus der Praxis: Man muss die Wertschöpfungs-Ketten aufteilen".

Chancen durch Kooperation

Chancen für österreichische Unternehmen im Osteuropa-Geschäft erfolgreich zu sein, würden nach Meinung der Diskutanten vor allem in Kooperationen liegen. Laut Wirtschaftskammer-Mann Friedrich Bock gibt es in diesem Zusammenhang drei Formen der Zusammenarbeit: "Erstens kann sich ein kleines österreichisches Unternehmen an einen Großen wie SAP anhängen. Zweitens wäre es möglich Netzwerke zu bilden. Drittens könnten Österreicher auch mit ausländischen Partnern direkt in den Zielländern kooperieren".

Die Kammer biete heimischen Betrieben immer wieder die Möglichkeit bei Wirtschaftsdelegationen mitzufahren, um direkt an Ort und Stelle Kunden zu treffen und gemeinsam mit dem Kammer-Präsidenten und eventuell sogar einem Minister für entsprechenden Rückenwind zu sorgen. "Der Druck des Tagesgeschäfts ist jedoch bei den meisten Unternehmern zu groß", glaubt Bock, nur wenige würden diese Chance auf langfristigen Erfolg nutzen. Raderer hat gute Erfahrungen mit Wirtschaftsdelegationen gemacht, er sei "eher zufällig während eine Fluges in eine hinein geraten". Die daraus resultierenden Kontakte seien wertvoll gewesen.

Zahlreiche Infrastruktur-Projekte in den Ländern Zentral- und Osteuropas werden mit Geldern der EU finanziert werden. Für österreichische Anbieter sei daher neben den lokalen Kontakten auch Lobbying in Brüssel notwendig. SAP-Mann Runge fordert in diesem Zusammenhang die Regierung auf, mehr Gelder für österreichische Unternehmen abzuholen. Bock verweist auf das Angebot der Außenhandelsstelle in Brüssel, die heimische Anbieter dabei unterstützen könnten, ihre Produkte bei EU-Stellen zu erklären. "In Brüssel ist Hard-Selling gefragt", meint Bock, ab Ende Juni gäbe es daher eine neue Plattform der WKO, die hier Unterstützung bieten soll.

Österreichische Unternehmen hätten sich in vielen Gebieten eine hohe Kompetenz angeeignet und hätten damit gute Chancen etwa im Banken- und Versicherungs-Bereich oder bei E-Government-Projekten, meint Runge. Wesentlich für den Marktauftritt sei, Lösungen bei Referenzkunden im Westen zu präsentieren. Als konkretes Beispiel nennt Runge die aktuelle Ansiedlung des französischen PSA-Peugeot-Citroën-Konzerns, der Produktionsstätten in der Slowakei errichtet: "PSA benötigt rund 400 Zulieferer aus der Umgebung, die alle die entsprechende Software-Ausstattung für die Einbindung in die Systeme der Automobil-Zuliefer-Industrie benötigen", so Runge. Österreichische Software-Häuser hätten viel Know-how in diesen Prozessen, mit dem sie jetzt auch im Osten punkten könnten.

Zukunftsperspektiven

Abschließend nach ihren Wünschen und Erwartungen gefragt, zeigen sich die heimischen Manager und Branchen-Leute sehr offen: Günther Krumpak fordert von der Politik eine Erhöhung der Aufwendungen für Forschung und Entwicklung und eine klare Strategie, wie die österreichische IT-Branche international präsentiert werden soll. CSC-Vorstand Manfred Prinz weist darauf hin, dass das Zeitfenster genutzt werden muss und dass verstärkt Wettbewerb aus den baltischen Staaten droht, die mit skandinavischen Unternehmen kooperieren. UBIT-General Friedrich Bock formuliert seinen Wunsch an die Großunternehmen der IT, den kleinen IT-Anbietern da und dort auf die Sprünge zu helfen. Er beklagt, dass es schwierig sei, die Unternehmer für die Unterstützungs-Aktivitäten der Kammer zu begeistern: "Wir bekommen fünfmal so viele Kooperationsanfragen aus CEE-Ländern wie aus Österreich", sagt er.

HP-Mann Wolfgang Wittmer hofft auf eine Offensivstrategie für österreichische IT-Anbieter, die marketingmäßig und bei Förderungen umtriebig seien. Peter-Joachim Lehre von GFT äußert den nach eigenen Worten "frommen Wunsch", dass die österreichische Wirtschaft wieder mehr in IT-Projekte investiert, denn wo Wachstum ist entstünden auch neue Kompetenzen. Alfred Raderer von IDS Scheer pflichtet Lehre bei und meint, dass man wenigstens wieder von neuen Projekten spreche, "man muss nur die offenen Fenster finden und nutzen".

Wolfgang Runge von SAP hofft sich von seinen österreichischen Kunden, dass sie für Referenzbesuche aus dem Ostern offen sind, da sie das beste Beispiel für die Kompetenz sind. Von seinem eigenen Unternehmen erwartet er, dass es sich um die kleinen IT-Anbieter kümmert.

Gastgeber Dieter Tschach von der Boston Consulting Group glaubt, dass die Osterweiterung eine große Chance für Österreichs IT-Unternehmen biete und empfiehlt diesen, aktiv auf SAP und Co. zuzugehen.


Die Teilnehmer

  • Friedrich Bock, Obmann des Fachverbandes Unternehmensberatung und Informationstechnologie (UBIT) der Wirtschaftskammer Österreich
  • Günther Krumpak, Autor von "IT-Business in Österreich" und Vorsitzender des IT-Verbandes ITBeurope
  • Peter-Joachim Lehre, Verkaufs-Manager bei GFT Technologies, Wien
  • Manfred Prinz, Vorstandsvorsitzender der Computer Sciences Consulting Austria AG
  • Alfred Raderer, Regional Geschäftsführer für Zentral und Osteuropa (CEE) bei IDS Scheer
  • Wolfgang Runge, Geschäftsführer für Zentral und Osteuropa (CEE) bei SAP
  • Dieter Tschach, Manager bei Boston Consulting Group (BCG), Wien; Core-Member der weltweiten BCG Praxisgruppe "Informationstechnologie"
  • Wolfgang Wittmer, Leiter der internationalen Abteilung "Enterprise Storage & Servers" bei Hewlett Packard (HP)

Moderation: Rüdiger Maier, Chefredakteur Monitor
Alle Fotos: Germania Jimenez / Rudi Handl

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Dr. Christine Wahlmüller

Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. ..mehr..

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