Christian Henner-Fehr
"Ich denke, dass es einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer gibt." Mit diesen Worten beschrieb IBM-Gründer Thomas J. Watson vor etwas mehr als 60 Jahren aus seiner Sicht die Perspektiven der Computerindustrie. Wie sehr er sich damit geirrt hat, zeigen die aktuellen Zahlen. So wurden 2003 rund 150 Mio. PCs produziert und fast 90 Mio. aus dem Verkehr gezogen.
Die Experten von Gartner gehen davon aus, dass letztes Jahr mehr als 38 Mrd. Prozessoren weltweit im Einsatz waren, Tendenz stark steigend. 38, 50, 100, 200 Mrd. Prozessoren, die Zahlen sind schwindelerregend und führen zu dem Schluss, dass diese ungeheuren Zahlen nicht mehr zu managen sind. Die IT-Infrastruktur muss sich selbst managen, so der Schluss der Analysten. IBM ist mit der "Autonomic Computing"-Initiative einer der Vorreiter. Mit Hilfe von autonomen Funktionen werden Computersysteme in die Lage versetzt, sich selbst zu konfigurieren, sich selbst zu heilen, sich selbst zu optimieren und sich selbst zu schützen. Analog dem vegetativen Nervensystem, das unsere Körperfunktionen ohne unser "Zutun" steuert, arbeiten die Computerhersteller an der Entwicklung von Systemen, die ähnlich funktionieren. Werden wir also in Kürze nicht mehr in der Lage sein, die Computersysteme zu beherrschen?
Steve Prentice ist davon überzeugt, dass die Unternehmen hier überfordert sein werden. Grund dafür ist die Tatsache, dass sich die IT-Infrastruktur mehr und mehr vom Unternehmen abkoppelt. Sie macht an den Unternehmensgrenzen nicht Halt und ist Teil eines großen Ganzen. Wer aber kontrolliert diese Strukturen? Niemand, denn die Kontrollmöglichkeiten der Unternehmen enden an den jeweiligen Schnittstellen. Solche Systeme sind somit nicht mehr überprüfbar beziehungsweise kontrollierbar. Autonomic Computing-Systeme können dazu beitragen, dass die Unternehmen vor äußeren Systemveränderungen und Fehlern geschützt werden.
Nur die "Real-Time Enterprises" werden erfolgreich sein
Geht es nach den Gartner-Analysten, mündet diese Entwicklung in die "Netzwerk-Ära", in der die Mitglieder der Gesellschaft durch "smart networked objects" vernetzt sind. Die Informationstechnologie wird immer mehr Bestandteil unserer "realen" Welt, sie dringt immer mehr in unser tägliches Leben ein. Die Milliarden von Prozessoren, die uns umgeben, unterstützen uns durch ihre "Intelligenz", sie denken für uns mit, helfen Kosten zu sparen und nehmen uns Arbeit ab.
Für die Unternehmen bedeutet das einen noch härteren Wettbewerb. Um schneller und effizienter zu werden, benötigen sie eine entsprechend moderne und flexible IT-Infrastruktur. Daten müssen integriert, konsolidiert und in Echtzeit den Kunden zur Verfügung gestellt werden. Schaffen können das nach Gartner nur die "Real-Time Enterprises", also Unternehmen, die über eine entsprechende IT-Infrastruktur, die "Real-Time Infrastructure" (RTI) verfügen und für diese Herausforderungen gerüstet sind.
Sinkende Kosten für die Computerleistung und die zur Verfügung stehende Bandbreite in den Netzwerken machen es möglich, dass jedes Gerät, ob Kühlschrank oder Waschmaschine, Teil eines "intelligenten" Ganzen wird und völlig neu definiert werden muss. So seien etwa die Filmproduktion oder der Musikvertrieb durch die rasche technologische Entwicklung der letzten Jahre revolutioniert worden, nennen die Gartner-Analysten zwei Beispiele dafür, wie solche Umwälzungen ganze Industrien überraschen können.
Um sich auf diese Herausforderungen vorzubereiten, müssen die Unternehmen ihre IT-Infrastruktur und -Architektur an die zukünftigen Erfordernisse anpassen. Je größer das Netzwerk, desto größer die Datenmengen, die es zu verarbeiten, zu speichern und zu sichern gilt. Virtualisierung lautet hier ein Schlagwort. Sie erlaubt, Daten zwischen ungleichen Umgebungen austauschen zu können. Mit Hilfe virtueller Speicher lassen sich die vorhandenen Ressourcen nicht nur besser verwalten, sondern auch besser nutzen. Die Virtualisierung erlaubt die Trennung von Applikationsserver und physikalischem Datenspeicher. Anwendungen kann Speicherplatz "just in time" zur Verfügung gestellt werden, was sowohl die Speicherkosten als auch die Kosten für die Administration verringert. Gartner geht davon aus, dass Unternehmen, die nicht auf Virtualisierung setzen, ab 2008 um ein Viertel höhere Kosten als die Konkurrenz haben werden.
Eine moderne Storage-Infrastruktur als Voraussetzung für den Erfolg
Wenn die Gartner-Analysten Recht behalten, werden die Unternehmen im Jahr 2013 eine dreißig Mal größere Datenmenge als 10 Jahre zuvor zu bewältigen haben. Der Aufbau einer modernen Storage-Infrastruktur und ein entsprechendes Speicher-Management sind also entscheidend für den zukünftigen Unternehmenserfolg. Etablierte Unternehmen werden in diesem Bereich mit jungen, durch Risikokapital finanzierten Start-ups um Marktanteile kämpfen. Behaupten wird sich, wer seinen Kunden die Reduktion der Kosten und eine Erhöhung der Produktivität garantiert.
Durchgesetzt haben sich hier in den letzten Jahren RAID (Redundant Array of Independent Disks)-Systeme, die den entsprechenden Datenspeicher zur Verfügung stellen, schnelle Zugriffszeiten erlauben und das Risiko von Datenverlust verringern. Für die Datenübertragung im Rahmen einer SAN (Storage Area Networks)-Architektur sorgt die Fibre-Channel-Technologie (FC). Neue Hardware-Technologien wie etwa MRAM (Magneto-resistive Random-Access Memory) werden auch weiterhin für Technologieschübe sorgen. Aber auch im Softwarebereich werden mit intelligenten Filesystemen, File-Virtualisierung oder ASAM (Automated Storage Area Management) neue Ansätze entwickelt, um die Skalierbarkeit und Verwaltung der ständig wachsenden Datenmengen gewährleisten zu können.
Ob Speichermanagement, Virtualisierung oder die kooperative Nutzung von Computer-Ressourcen, es wird immer neue technologische Entwicklungen oder Trends geben. Wichtig für die Unternehmen sei es, so Gartner, zu wissen, wann man mit seinem Unternehmen auf den Zug aufspringt. Diese Entscheidung hänge auch von der Unternehmenskultur ab. Manche Unternehmen sind Technologiepioniere und bei jeder Innovation schon von Anfang an dabei, andere steigen erst am Ende einer Entwicklungsphase ein. Entscheidend sei es, die Chancen und Risiken abzuwägen und daraus die richtigen Schlüsse für das Unternehmen zu ziehen.
Wohin die Reise geht, vermögen wir alle nicht zu sagen. Keiner von uns weiß etwa, ob dem Quantencomputer die Zukunft gehören wird, der die Grenzen des klassischen PCs überwinden könnte. Trotz der ständig steigenden Leistung der PCs stoßen wir immer wieder an Grenzen. Das Problem: Da die Zahl der Lösungsansätze mit größer werdenden Zahlen schnell ins Unermessliche steigt, reicht weder die Rechenzeit noch unsere Lebenszeit aus, um bestimmte mathematische Probleme zu lösen. Für einen Quantencomputer gibt es aber spezielle Algorithmen jenseits der klassischen Physik. In ihnen nimmt die Zahl der Lösungsansätze nicht so schnell zu. Daher kann der Quantencomputer Probleme lösen, die wir mit "unserem" PC nie lösen werden können. Statt der uns bekannten Bits benutzt der Quantencomputer Quantenbits (Q-bits). Im Unterschied zu den Bits können Qubits nicht nur die Werte 0 und 1 annehmen, sondern auch jeden beliebigen Zustand dazwischen. Wir sprechen hier von der Überlagerung oder der Superposition. Gartner sieht hier erfolgreiche Ansätze für zukünftige Entwicklungen. Nutzen lässt sich diese Technologie allerdings nicht so schnell, den Quantencomputer gibt es nämlich bis jetzt noch nicht.
Die Zukunft verspricht also spannend zu werden. Unabhängig von den weiteren Entwicklungen gilt es für Unternehmen, die richtigen strategischen Entscheidungen zu treffen, um sich auf den Zukunftsmärkten positionieren zu können. Die entscheidenden Faktoren für den Erfolg sind laut Gartner sinkende IT-Kosten, höhere Flexibilität und eine verbesserte Qualität der Services. Nur die Unternehmen, die auf RTI setzen, werden am Ende erfolgreich sein können, so die Analysten. Dies nicht nur, weil sich damit sehr viel Geld einsparen lässt, sondern weil die Umwandlung in "Real-Time Enterprises" für eine neue Unternehmensphilosophie steht, die die Begriffe IT-Infrastruktur und -Architektur völlig neu definiert. Mit unserem heutigen Verständnis von Hardware hat dies nur noch wenig zu tun, aber das hätte man vor zehn Jahren wahrscheinlich auch gesagt, hätte man einen Blick in unsere heutige Welt werfen können.




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