Christine Wahlmüller
24 Stunden shoppen, nach Lust und Laune - das Argument ist vom Internet-Shopping ja bekannt, gilt jedoch auch für eine noch mobilere Lösung. Einkaufen mit dem Handy. Und das haben Herr und Frau Österreicher - im Gegensatz zu Computer oder Laptop - tatsächlich (fast) überall mit dabei. Rund sieben Millionen Kunden hat die österreichische Mobilfunk-Branche. (3 Mio. bei mobilkom, 2 Mio. bei T-Mobile, 1,48 Mio. bei One, 634.000 bei telering sowie 25.000 bei "3"). Bei acht Millionen Einwohnern in Österreich eine stolze Markt-Penetration. Allerdings wird das mobile Telefon hauptsächlich zum Telefonieren oder SMS-Versenden verwendet. Eine Tatsache, die sich bald ändern soll - geht es nach den Mobilfunkbetreibern und Optimisten der Telekom-Branche.
One hat in Kooperation mit T-Mobile, telering und "3" eine gemeinsame Lösung für das mobile Einkaufen entwickelt. Das Resultat ist eine "offene Lösung", oder technischer erklärt, die technische Anbindung via offener Schnittstelle an die jeweilige Payment-Infrastruktur des jeweiligen Mobilfunkanbieters. Eine Lösung, die den Namen M-Commerce Interface Austria (MIA) erhielt. So können jetzt z.B. die derzeit 1,48 Mio. One-Kunden ohne jede zusätzliche Registrierung Produkte und Dienstleistungen mit dem Handy erstehen. Jeder Handy-Besitzer kann dabei aus unterschiedlichen mobilen Kauf-Optionen wählen: via Internet, via SMS oder via WAP. Der Kaufvorgang bleibt im wesentlichen überall der gleiche. Der Kunde wählt das gewünschte Produkt bzw. die gewünschte Dienstleistung aus, authentifiziert sich dabei mit seiner Handy-Nummer (oder einer gewählten Wunsch-Nummer), bestätigt den Kauf, erhält die "Ware" sowie eine Zahlungsbestätigung, und die Kosten werden einfach auf seiner nächsten monatlichen Handy-Rechnung abgerechnet.
"Spiderman" bezahlen, downloaden und spielen
Beispiel gefällig: Im Download-Bereich am Handy können einfach und bequem Spiele, Klingeltöne oder Logos heruntergeladen werden. Wer ein Spiel auswählt, bekommt zunächst Informationen, wie etwa bei "Spiderman": Größe: 132,6 Kb, Sprache: Deutsch, Preis: 5 Euro. Wer jetzt auf "Spiel kaufen" klickt, bekommt in Sekundenschnelle die Bezahlungsbestätigung - und schon kann der Download beginnen. Für den User tatsächlich quick & easy. "Der ganze Vorgang muss ganz nahe an der Echtzeit ablaufen", weiß Peter Pederson, Technik CIO bei One um eine der Hauptvoraussetzungen für die Akzeptanz des Handy-Bezahlens bei den Benutzern sprich Handy-Besitzern. Sobald der Kunde mittels Authentifizierung durch Handy-Nummer oder per SMS einen Kaufauftrag gibt, wird die Transaktionsabfrage über die Payment-Plattform gestartet. "Die Kundendaten selbst sind nur beim jeweiligen Netzbetreiber verfügbar", erklärt Pederson. Ist die Bonität des Kunden ok, so erhält der Kunde eine Kaufbestätigung, und der Kauf wird im Billing System des jeweiligen Netzbetreibers zur Verrechnung registriert. Im Internet, auf www.one.at und anderen Web-Portalen (wie z.B. www.mpay24.com) funktioniert die Lösung und wird von One auch forciert. Zur Zeit gibt es 30 Partner, "in 12 Monaten wollen wir 100 bis 150 haben", drängt Pederson auf Expansion.
Denn so lässt sich das System auch finanzieren. Der Händler, der das M-Commerce Interface Austria (MIA) einsetzt, zahlt an One einen bestimmten Obulus. "Dieser Betrag wird flexibel gehandhabt und kommt auf den jeweiligen Partner an", wollte Pederson sich nicht festlegen. Zu den Partnern zählen zur Zeit z.B. Coca Cola (die Cola Dose am Automat kann per Handy bezahlt werden), APA, ORF, Newsverlag (Informationen & News), Langenscheidt und Herold/Gelbe Seiten. Am meisten genutzt wird zur Zeit der Entertainment-Bereich (Spiele, Logos, Klingeltöne). Das klingt plausibel, denn hier kommt es ja auch zu keinem "Medienbruch". Ein Klingelton wird direkt aufs Handy geladen und dort auch praktischerweise gezahlt - mit einem Klick. Wer ins Web geht, müsste wieder mühsam seine Handy-Nummer zur Bezahlung auf einer Website eintippen. Das erfordert mehr Zeit und die Kenntnis der eigenen Handy-Nummer (keine Selbstverständlichkeit bei vielen Handy-Besitzern). Trotzdem, seit vergangenen Herbst (u.a. auch Launch des neuen WAP-Portals von One) gehen User- und Umsatzzahlen beim von One forcierten Handy-Bezahl-System steil nach oben. "Userzahlen geben wir keine bekannt, aber wir haben jetzt pro Monat ein Umsatzplus von 10 bis 20 Prozent", berichtet Pederson stolz.
85.000 Anwender und 2000 Partner bei paybox
Deutlich auskunftsfreudiger ist der große Konkurrent paybox, im Sommer 2000 gegründet und seit Herbst eine 100-prozentige Tochter der mobilkom. Rund 85.000 Österreicherinnen bezahlen bereits per Handy mit paybox. Mit knapp 2000 Partnern wird deutlich mehr geboten als beim One-System (zur Zeit 30 Partner). Nachteil bei paybox: Man muss sich erst einmal als "payboxer" registrieren und 15 Euro Jahresgebühr bezahlen.
Paybox funktioniert ähnlich wie die Bankomatkarte bzw. Bankomatkasse. Die Identifikation erfolgt durch die Mobilfunknummer oder eine frei wählbare Wunsch-Nummer. Die Zahlung wird durch die vierstellige persönliche paybox PIN freigegeben. Das Geld wird per Lastschrift vom Konto des Kunden eingezogen. Vorteil gegenüber dem One-System: Die Abrechnung erfolgt direkt und nicht über die Mobilfunkrechnung. Und: Kunden aller Netzbetreiber können mit ihrem Handy per paybox bezahlen, entweder direkt vor Ort oder im Internet.
"Die Altersaufteilung der paybox Kunden zeigt, dass sich m-payment in allen Altersgruppen entsprechend der Handynutzung durchsetzt und nicht - wie man annehmen könnte - ein ‚Spielzeug' der ganz Jungen ist", freut sich paybox-Vorstand Jochen Punzet. Zu den paybox Partnern zählen u.a. die ÖBB, die österreichischen Lotterien und Casinos Austria, Cineplexx, Hartlauer sowie Betandwin, aber z.B. auch einige Hotels akzeptieren bereits paybox. Bis Ende 2004 will Punzet die Zahl der Partner von 2000 auf 4000 verdoppeln. "2004 setzen wir einen Schwerpunkt im Elektrofachhandel", so seine Strategie. Als "Meilenstein" für die breitere Etablierung von mobile payment in Österreich nennt der paybox Vorstand die Einführung des Parkschein-Kaufs per Handy, bis dato in Wien, Gleisdorf, Stockerau und Mödling im Einsatz. Auch der Tankstellen-Testbetrieb verlief offenbar positiv, 2004 soll das Modell tatsächlich Realität werden. Tanken und mit dem Handy bezahlen - ob das in Zukunft wohl selbstverständlich wird?
Warum nicht, meinen die Befürworter. One-Technik-Chef Pederson: "Moderne Handys mit neuester Technologie (GPRS, UMTS) und Farbdisplay sowie drei bis vier Klicks zum Kauf d.h. Userkomfort sind die wichtigsten Voraussetzungen beim Anwender. Dann wird Bezahlen mit dem Handy für die Leute auch bald selbstverständlich sein". In punkto Handy-Technologie tut sich wirklich wieder einiges. Jüngste Meldungen aus Fernost preisen eine neue Generation von LCD-Displays, bei denen die Auflösung im Vergleich zu bisherigen Geräten verdreifacht ist. Damit sollen kommende Handys in vollwertige Multimedia-Center verwandelt werden. Die Auflösung der Displays ist dabei so fein, dass die einzelnen Bildpunkte vom menschlichen Auge nicht mehr unterschieden werden können. Seiko Epson hat auf der Electronic Display Exhibition (EDEX) in Tokio einen Prototypen vorgestellt, der 960 mal 540 Pixel auf einer Diagonale von 1,6 Zoll (vier Zentimetern) unterbringt. Dies entspricht mehr als einem PAL-Fernsehbild und genau einem Viertel eines HDTV-Displays.
Große Erwartungen für die nächsten Monate
Steigende Nutzung, steigende Userzahlen und steigende Umsätze (wie von paybox und One gemeldet) scheinen den hoffnungsfrohen Betreibern von mobile payment recht zu geben. paybox will noch vor dem Sommer 100.000 Anwender haben, auch One will mit seiner Lösung deutlich auf ca. 200.000 regelmäßige User (aller vier teilnehmenden Netzbetreiber) zulegen. Trotzdem, bei knapp sieben Mio. österreichische Mobilfunkkunden sind es noch immer unter fünf Prozent, die dann mobil bezahlen. Von einem etablierten System zu sprechen, ist also noch etwas zu euphorisch, aber das sollte sich rasch ändern, glauben alle fünf Netzbetreiber.
"Wir sehen paybox als klassisches Netz-Effekt-Gut: Je mehr Kunden und Akzeptanzstellen paybox-fähig sind, desto größer ist der individuelle Nutzen der paybox für jeden. Denn nur wenn paybox unter den österreichischen Mobilfunkkunden wirklich weit verbreitet ist, wird M-Commerce - also der Vertrieb von Waren und Dienstleistungen via Handy - für alle Beteiligten interessant und profitabel", so Peter Lohmann, Leiter M-Commerce beim paybox-Eigentümer mobilkom. Die Bereitschaft mit dem Handy zu bezahlen, hat sich bei den Österreichern im letzten Jahr jedenfalls enorm gesteigert. Mehr als 630.000 Österreicher wollen laut einer Spectra Umfrage (01/2004, n=500, Handynutzer ab 15 Jahren) bereits heute das Handy zum Bezahlen einsetzen. "Das ist ein tolles Potenzial", zeigt sich paybox Vorstand Jochen Punzet zukunftsfroh. Warum es allerdings mit paybox und One Mobile Shopping/MIA zwei verschiedene Handy-Bezahl-Systeme in Österreich geben muss, ist auf den ersten Blick nicht ganz verständlich.
"MIA hat den entscheidenden Nachteil, dass damit nur das Segment der privaten Vertragskunden abgedeckt wird. Prepaid Kunden - in Österreich sind das immerhin fast die Hälfte aller Mobilfunknutzer - und Nutzer von Firmenhandys sind dabei von vornherein vom mobilen Bezahlen ausgeschlossen. Das ist uns als einheitlicher Bezahlstandard eindeutig zu wenig", argumentiert Peter Lohmann. One-CIO Pederson kontert: "mobilkom hat viel in paybox investiert und will daher nicht mit uns kooperieren". Für den Anwender spielt es allerdings kaum eine Rolle, für welches System er sich entscheidet. Hauptsache ist, er kann rasch, bequem und sicher das bezahlen, was er gerade erstehen will.
Webtipps (alphabetisch):
http://www.mia.co.at
http://www.mpay24.at
http://www.one.at
http://www.paybox.at




1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 