Gerade heuer: Mit einiger Verspätung haben die Veranstalter der Handy-Messe Ende März ihre Besucherzahlen präsentiert: Demnach gab es mit 29.000 Besuchern um zwölf Prozent mehr als 2003 und damit eine Rekordbeteiligung. Branchenvertreter aus mehr als 200 Ländern besuchten den Event, kein Wunder, dass es vor Businessmen in den noblen Croisette-Hotels nur so wimmelte.
Es herrschte jedenfalls eine höchst positive Grundstimmung. Siemens ließ ein riesiges Charterschiff vor dem Hafen von Cannes ankern, das abends von Lasern bestrahlt wurde, die den Schriftzug "1 Milliarde Handys" zauberten. Gemeint war: Weltweit wurden bis zu diesem Zeitpunkt eine Milliarde Mobiltelefone verkauft. Ein Grund zu feiern, allemal.
Neuheiten-Trümpfe ausspielen
Kein Wunder also, dass die Handyhersteller und Ausrüster sich allerhöchste Mühe gaben, sich gegenseitig mit Neuigkeiten zu übertrumpfen. Bleiben wir gleich bei Siemens: Die Deutschen, die nach einer Schwächephase gehörig bei ihren Handys aufgeholt haben, zeigten sich selbstbewusst wie nie. Handy-Chef Rudi Lamprecht konnte sich vor Stolz kaum zurückhalten, sollen heuer doch mindestens 40 neue Handys auf den Markt kommen. Schwerpunkt ist natürlich Multimedia: Dazu präsentieren die Siemensianer neue Geräte wie das C65 als "MMS-Allrounder", das Klapphandy CF62 als Antwort auf die asiatische Konkurrenz und - ganz dem Zeitgeist verpflichtet - das neue "Outdoor-Handy" M65, das in seiner robusten Bauart stoßgedämpft, spritzfest und schmutzresistent ist, also der Freizeitgesellschaft wie gerufen kommt. Mit dem S65 gab es auch ein Gerät mit einer 1,3 Megapixel-Videokamera, ganz state-of-the-art. Nicht fehlen durfte auch das - leider nicht mehr ganz neue - UMTS-Handy U15, mit dem Siemens in die Generation des Breitband-Internet vorprescht, aber deutlich machte, dass auf der UMTS-Schiene noch einiges an Geräten nachfolgen wird. Lamprecht: "2010 wird ohnehin jedes Handy UMTS-fähig sein".
Sehr präsent war auch der ungeschlagene Handy-Marktführer Nokia, der zuletzt nicht nur in Österreich überraschend an Marktanteilen einbüsste und erstmals seit langem unter die 50 Prozent-Marke rutschte. Die Finnen setzen ebenfalls auf Megapixel, und zwar mit dem neuen Modell 7610, das auch etwas später auf der CeBIT in Hannover für Aufmerksamkeit sorgte. Elegant auch das neue 7200, ein Klapphandy mit Textilcover. Und zu guter Letzt trumpfte Nokia - endlich, ja endlich - mit der neuesten Generation des Communicator (9500) auf, der jetzt das hat, was er immer brauchte: GPRS und Tri-Band. Gratulation. Lang hat´s gebraucht.
Samsung auf dem Vormarsch
Nicht schwach präsentierte sich auch Samsung. Die Koreaner greifen mit einer Geschwindigkeit auf den europäischen Markt zu, dass den Konkurrenten ganz angst und bang wird. Hat ihnen vor einem Jahr wohl noch niemand zugetraut, dass sie das selbst gesteckte Ziel von zehn Prozent Handy-Weltmarktanteil Anfang 2004 erreichen, so ist nicht nur das passiert, sie haben auch in nicht wenigen Einzelmärkten in Europa den bisherigen Dritten Sony Ericsson deutlich auf die Plätze verwiesen. Die Spezialität von Samsung ist - wie wir wissen - das Klapphandy, leider sind die komplizierten Typenbezeichnungen etwas verwirrend. Einer der Stars in Cannes war jedenfalls das SGH-Z105, ein 3G- bzw. UMTS-Modell in kompakter Form und einem schönen, hochauflösenden Farbbildschirm, der leider noch etwas klein ist. Mit dabei: Eine eingebaute, drehbare Kamera. Das zweite Highlight bestand im SGH-D410, ein Schiebehandy ("Slide-up") in edlem Design, Kamera und allem, was dazu gehört. Der Unterschied zu den etablierten Konkurrenten: Samsung setzt den Schwerpunkt auf verspielte, bunte Bedienoberflächen und eine orchestrale Vielfalt an Klingeltönen und Spielen. Man kann gespannt sein, was den Koreanern in der 3G-Welt noch alles einfällt.
Wieder etwa Tritt gefasst hat auch Sony Ericsson, jenes schwedisch-japanische Mobiltelefon-Joint-venture, das in seiner Anfangsphase einen schlechten Zeitpunkt erwischt hat und zum Durchtauchen entsprechend viele Vorschüsse (Geld und Image) verbraucht hat. Nunmehr geht es aber wieder sanft aufwärts, wozu auch die hochkomplexen Business-Handys und die smart gestylten Consumer-Geräte sorgen. Auch hier liegt der Schwerpunkt auf Kamera-Handys, darunter das neue T637 und das K700. Dazu kommt das Kamerahandy S700 mit einer 1,3 Megapixel-Kamera, natürlich MMS- und GPRS-Fähigkeit sowie einen schönen, großen TFT-Bildschirm. Auch Bluetooth steht ganz oben auf der Feature-Liste bei Sony Ericsson.
Etwas schwachbrüstig erschien Motorola in der letzten Zeit, obwohl der amerikanische Großkonzern viel unternimmt, um gerade im Bereich 3G/UMTS die Nase vorn zu haben. Motorola ist in Österreich bei den Marktanteilen in den letzten Jahren fast unter die Wahrnehmungsgrenze gesunken - man wird sehen, ob die neue Modellpolitik dieses Manko wieder wettmachen kann. Es müsste allerdings noch einiges im Marketing und beim Markenauftritt nachgeholt werden. Letzter Schrei bei Motorola ist die Push-to-talk-Funktion, also die Verwandlung des Handys in ein Walky-Talky, mit zusätzlicher GPRS/UMTS-Funktion. Nahezu alle europäischen Mobilfunkbetreiber arbeiten fieberhaft an der Einführung von Push-to-Talk in den GPRS und UMTS-Netzen. Diese Walkie-Talkie-Funktion gibt es in den USA seit über zehn Jahren. Motorola ist nach eigener Aussage Weltmarktführer bei Netzinfrastruktur und Endgeräten. Das Unternehmen kündigte in Cannes an, seine Software für den Client in Push-to-Talk-Handys an andere Gerätehersteller zu lizenzieren. Weiters hat Motorola bei den Mobiltelefonen seine Liebe zu Microsoft entdeckt und vertieft. Die Produktfamilie MPx wird in Zukunft nur mehr mit Microsoft Pocket PC ausgestattet, zuletzt im MPx100. Auch bei UMTS-Geräten schieben sich die Amerikaner interessanter Weise an die Spitze: Nach der Einführung des ersten kommerziellen UMTS-Mobiltelefons im Jahre 2002 stellte Motorola in Cannes die dritte Gerätegeneration vor: Das E1000. Dieses Gerät ist das erste 3G-fähige Motorola-Handy, das Push-to-Talk unterstützt. Das Motorola A1000 wiederum ist ein eleganter Alleskönner für mobile Geschäftsleute. Diese beiden neuen Geräte ergänzen die Motorola-3G-Plattform, die inzwischen auf fünf Mobiltelefone angewachsen ist.
Mit den neuen Handys sind die wichtigsten Anbieter in der Tat gut aufgestellt. Allerdings wurde am Kongress in Cannes auch klar, dass die Konkurrenz nicht schläft, vor allem, was die Erschließung des asiatischen Marktes, allen voran China, betrifft. Zu den etablierten Handy-Anbietern gesellt sich immer mehr eine Vielzahl an No-Names, vor allem aus dem asiatischen Raum, die Handy-Designs und -Konzepte mehr oder weniger unverhohlen kopieren und damit in den Markt drängen. Dies ist besonders angesichts des ungebremsten Preisverfalls ein Problem für die großen Hersteller, die enorme Mengen an Geld in die Entwicklung der Geräte stecken. Es ist aber klar zu merken, dass die Großen den Ton angeben: Die Funktionalitäten, die die Marktführer ersinnen und vermarkten, werden auch schon von den nächst kleineren Markenanbietern wie Panasonic, Sagem, LG oder Alcatel übernommen und teilweise sogar fort geführt. Hier bahnt sich noch ein viel härterer Preiskampf an als allgemein befürchtet.
Cannes war auch ein Präsentationsraum für Netzwerkausstatter, wenngleich diese naturgemäß weniger an Produkten zur Schau stellten, als vielmehr über Lösungen diskutierten. So war es beispielsweise die Ericsson-Managerin Gunilla Fransson, die neue Methoden des Billing (der Verrechnung) von komplexen Multimediadiensten in Cannes vorstellte. Ericsson hat sich vorgenommen, für diese Dienste einer der führenden Anbieter zu werden. Im UMTS-Bereich sind die Schweden in der Tat gut aufgestellt, gerade erst kürzlich erhielt zum Beispiel die Österreich-Tochter den Folgeauftrag für den Ausbau des UMTS-Netzwerkes von one.
Multimedia-Mobilfunk statt UMTS?
Ja, ja, UMTS. Zwar nicht in Cannes, aber auf der ein paar Wochen später stattfindenden High-Tech-Messe CeBIT fanden die führenden Mobilfunkbetreiber es für sinnvoll, in Zukunft ganz auf diesen Terminus zu verzichten und lieber "Multimedia-Mobilfunk" dazu zu sagen. Das klang ganz anders als noch vor einigen Jahren, als die Betreiber gar nicht genug Milliarden für die UMTS-Lizenzen bieten konnten und das System als allheilbringende Geldvermehrungsmaschine hoch jubelten Aber wie auch immer.
Groben Schätzungen zufolge soll das Multimedia-Zeitalter ("UMTS-Ära") bei Handys "im Laufe von 2005" Fuß fassen und in den Folgejahren zum ersehnten Massenmarkt werden. Das klingt gar nicht so unplausibel, doch Hersteller und Betreiber werden sich ganz schnell attraktive Preismodelle einfallen lassen müssen und von ihrer teuren Vergebührung von Datendiensten Abstand nehmen müssen. Es muss ja nicht gleich so weit kommen wie bei Hutchison ("3") in Österreich, dass den zögerlichen Kunden gleich alles um null Cent nachgeworfen wird. Aber Pauschalgebühren für Datendienste helfen den Kunden, den Gebührenüberblick, insbesondere bei Datennutzung im Ausland, zu bewahren. Dass dabei die magische Messgröße der Mobilfunkbranche, der so genannte Average Revenue per User (ARPU), sinkt, liegt in der Natur der Sache. So wird halt noch so mancher Business-Plan neu geschrieben werden müssen.
Den 3GSM Congress in Cannes wird es auch nächstes Jahr wieder geben, und zwar vom 14. bis 17. Februar 2005. Man kann gespannt sein, welche Vorhersagen eingetroffen sind. Spannend werden die nächsten Jahre in der Branche auf jeden Fall: Zumal sich eine nachhaltige Erholung nach der großen Blase ankündigt, die so manchen Konzern viele Milliarden und nicht wenigen Telekom-Managern den Kopf gekostet hat.




1/2012
8/2011
7/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 