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Wirtschaft

Größerer ITK-Markt in der "Erweiterten EU"

Die erweiterte Europäische Union bietet viele Möglichkeiten im Bereich der PCs, Software und Telekommunikation. Dennoch, die Beitrittsländer brauchen viel Zeit, um zum EU-Durchschnitt aufzuholen.

Achim Scharf

Die Europäische Union wird in naher Zukunft erheblich größer sein als heute. Der Beitritt von acht Staaten Mittel- und Osteuropas sowie Maltas und Zyperns wird am 1. Mai 2004 erfolgen, weiterhin dürfte mit dem Beitritt Bulgariens und Rumäniens für das Jahr 2007 gerechnet werden. Für Bulgarien und Rumänien wird die EU in den Jahren 2004 bis 2006 zwischen 1,2 und 1,4 Milliarden Euro jährlich als Vorbeitrittshilfen gewähren. Die Türkei hat den Status eines Beitrittskandidaten. Kroatien hat einen Beitrittsantrag bei der EU-Kommission eingereicht, auch andere Staaten des ehemaligen Jugoslawiens haben Interesse an einem EU-Beitritt geäußert.

Der Gipfel von Kopenhagen 1993 eröffnete für mittelost- und südosteuropäische Staaten grundsätzlich die Möglichkeit des Beitritts. Er leitete zugleich das ehrgeizige Vorhaben ein, das Vermächtnis von Konflikten und Spaltungen in Europa zu überwinden. Die Europäische Kommission empfahl im Oktober in ihrem Fortschrittsbericht den Beitritt der folgenden zehn Länder: Estland, Lettland, Litauen, Malta, Polen, Slowakei, Slowenien, Tschechische Republik, Ungarn und Zypern. Der Europäische Rat von Kopenhagen billigte Mitte Dezember 2002 das Ergebnis der Beitrittsverhandlungen und beschloss daraufhin den Beitritt dieser Länder zur Europäischen Union für das Jahr 2004. Der Beitrittsvertrag wurde dann auf dem Europäischen Rat von Athen am 16. April 2003 unterzeichnet.

Die EU wächst mit den zehn neuen Mitgliedsstaaten zu einem Wirtschaftsraum mit rund 450 Millionen Einwohnern und wird damit zum größten einheitlichen Markt. Damit ist sie nach Einschätzung von EU-Kommissionspräsident Romano Prodi hervorragend für die Herausforderungen eines globalen Wettbewerbs gerüstet.

Die Beitrittsländer im Profil

Die Republik Estland ist der nördlichste der drei baltischen Staaten mit knapp 1,4 Millionen Einwohnern. Bis zur Unabhängigkeitserklärung am 20.08.1991 war Estland Teil der Sowjetunion. Die baltische Republik Lettland erlangte ebenfalls 1991 seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion zurück. Es zählt rund 2,35 Millionen Einwohner. Die Republik Litauen ist mit 3,7 Millionen Einwohnern der größte baltische Staat. Erst 1999 stellte das Land seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion wieder her.

Die Republik Zypern ist derzeit geteilt in den griechischen Süden mit rund 710.000 Einwohnern und den türkischen Norden mit rund 206.000 Einwohnern. Derzeit laufen Verhandlungen über eine Wiedervereinigung und solang diese Frage nicht geklärt ist, tritt nur der griechische Südteil Zyperns am 1. Mai 2004 der EU bei. Die nahe gelegene Republik Malta umfasst eine aus drei Inseln bestehende Inselgruppe im Mittelmeer mit der Hauptinsel Malta. Mit etwa 385.000 Einwohnern ist das Land das kleinste der neuen EU-Mitgliedsstaaten.

Die Republik Polen ist mit 38,6 Millionen Menschen der mit Abstand größte Staat, der 2004 der EU beitreten wird. Bereits 1999 trat Polen gemeinsam mit der Tschechischen Republik und mit Ungarn der NATO bei. Die Tschechische Republik ging 1993 wie die Slowakei aus Auflösung der Tschechoslowakei hervor und wird 10,3 Millionen Menschen in die EU einbringen. Ungarn bringt 10,2 Millionen Menschen ein. Die Slowakische Republik wurde am 1. Januar 1993 gegründet, nachdem sich der Staat Tschechoslowakei friedlich aufgelöst hatte. Sie wird 5,4 Millionen zur EU beisteuern. Die Republik Slowenien mit 2 Millionen Einwohnern erklärte sich 1991 von Jugoslawien unabhängig und geriet nicht in den langjährigen Strudel der kriegerischen Auseinandersetzungen. Slowenien gilt als Beitrittsland mit dem höchsten Wirtschaftswachstum.

Die Republiken Bulgarien und Rumänien letztlich steuern 8 bzw. 21,6 Millionen neue EU-Bürger ab 2007 bei.

Das sind insgesamt 75 Millionen neue EU-Bürger, die auch Einfluss nehmen auf die Informations- und Kommunikationstechnologien (ITK) in der gesamten EU. Die Marktforscher von IDC gehen von durchschnittlich 140 $ ITK-Ausgaben pro EU-Bürger in 2003 entsprechend 10,6 Milliarden $ insgesamt aus, und erwarten Wachstumsraten von 10 Prozent über die nächsten drei Jahre (im Vergleich zu weniger als 5 Prozent in der heutigen EU).

Dennoch sehen Analysten die EU-Erweiterung eher skeptisch. "Die erweiterte EU ist nicht eine Vereinigung von Gleichen, sondern von Ungleichen. Die neuen Länder sind vorwiegend agrarisch strukturiert und haben eine höhere Arbeitslosigkeit als die alten EU-Staaten. Die Erweiterung ist daher eine politische Entscheidung und es kann sein, dass die neuen Länder 50 bis 80 Jahre benötigen, um wirtschaftlich aufzuschließen", konzedierte Steve Frantzen von IDC auf einem Podium zur EU-Erweiterung im Februar in München. "Es könnte also durchaus sein, dass die größere EU nach einer initialen Wachstumsphase über die ersten Jahre wirtschaftlich zurück fällt, und das hat dann auch Auswirkungen auf die ITK-Investitionen insgesamt."

Polen als größter Neuzugang beispielsweise bringe es bei fast gleicher Einwohnerzahl nur auf 25 Prozent der ITK-Investitionen des heutigen Spanien, und dieses Land stehe im EU-Ländervergleich sowieso auf den hinteren Plätzen. "Es wird also eine lange Zeit brauchen, bis diese neuen Mitglieder aufholen. Besonders bei PCs besteht ein hoher Nachholbedarf, ebenfalls bei vertikalen Lösungen, hier sind Wachstumsraten zwischen 20 und 50 Prozent zu erwarten. Polen wird im Jahr 2015 jedoch gerade mal das Niveau des heutigen Spanien erreichen", prognostiziert Frantzen.

Telekommunikation in der erweiterten EU

Wie in anderen westeuropäischen Staaten auch ist die Privatisierung nationaler Telekom-Betreiber (frühere Post- und Telefonbehörden) nur teilweise abgeschlossen. "In der letzten Dekade haben viele amerikanische und europäische Betreiber in die Beitrittsländer investiert, viele Firmen wollen nun jedoch ihre Investitionen zurück fahren. So veräußerten kürzlich KPN und Swisscom ihre Anteile an der Cesky Telecom und Vivendi verkaufte seinen ungarischen Betreiber. Investoren übernehmen nun deren Rolle und könnten eine entscheidende Rolle bei der Implementierung alternativer Betreiber spielen", resümierte IDC-Analyst Scott Moore. "Eine weitere Privatisierung wird unter dem Druck der EU-Kommission stattfinden, doch die Realität in der Politik und den Märkten lasse das kurzfristig unwahrscheinlich erscheinen. Die EU-Regularien werden jedoch per Gesetz in allen neuen Beitrittsstaaten bis zum Jahresende übernommen und schnell implementiert."

Die Deutsche Telekom ist der wichtigste strategische Investor besonders in den östlichen Ländern über die Tochter T-Systems. Polska Telefonia Cyfrowa (PTC), die polnische Beteiligungsgesellschaft, ist der erste und größte Mobilfunkanbieter Polens und ganz Mitteleuropas. Mehr als 5,8 Millionen Kunden nutzten Ende des dritten Quartals 2003 das GSM-Netz des Unternehmens und machten PTC zum polnischen Marktführer. PTC ist der einzige vollständig private Mobilfunkbetreiber Polens und befindet sich zu 49 Prozent im Besitz von T-Mobile International. Seit seiner Gründung im Jahr 1996 hat sich PTC zu einem der zehn größten Unternehmen des Landes emporgearbeitet. Seit Jahren beherrscht der Betreiber den nationalen Telekommunikationsmarkt. Mit seinem Netz erreicht PTC eine Abdeckung von mehr als 96 Prozent des polnischen Staatsgebiets, d.h. mehr als 99,5 Prozent der Landesbevölkerung.

France Telecom hat seine westeuropäische Mobilfunk-Marke (Orange) nach Osteuropa transferiert und Vodafone ist besonders in Ungarn aktiv und will Marktanteile in diesem wettbewerbsintensiven Markt gewinnen. Skandinavische Betreiber konzentrieren sich auf die baltischen Staaten und zu einem geringeren Teil auf Polen.

"Der starke Wettbewerb im Mobilfunk hat zu starkem Preisdruck in allen Ländern mit Ausnahme von Lettland und Polen geführt, die Wachstumsrate an neuen Teilnehmern ist weitgehend abgeflacht und die Penetrationsrate übersteigt nun sogar teilweise den EU-Durchschnitt", stellt Moore fest. Damit sei der Konkurrenzkampf unter den Betreibern gewachsen, parallel wurde das Segment der Pre-Paid-Mobiltelefone gestärkt. UMTS spiele derzeit eine untergeordnete Rolle, die Lizenzierung laufe in allen Ländern nur graduell. In Polen werde das Jahr 2006 für erste UMTS-Dienste anvisiert.

Der durchschnittliche Mobilfunk-Umsatz pro Teilnehmer ist generell statisch mit Ausnahme von Lettland und Polen, wo das starke Wachstum bei Pre-Paid-Kunden den durchschnittlichen Wert senken wird. Neue Services wie MMS, Infotainment oder Spiele sollen den Markt stimulieren und für mehr Verkehr sorgen, parallel wird die 2,5-Generation wie GPRS und EDGE eingeführt. "Die Mobilfunk-Betreiber werden die 2,5-G-Plattform für neue Mehrwertdienste und Vehikel für neue Bedürfnisse wie MMS nutzen", glaubt Moore.

Die hohe Penetration im Mobilfunk hat auch im Bereich der Festleitungen zu sinkendem Verkehr und Abwanderung von Kunden geführt. "Die Betreiber haben darauf mit steigenden Preisen wo möglich und Kosteneinsparungen reagiert, doch Wachstum scheint nur mit neuen Services wie Breitband per ADSL möglich", erläutert Moore. Wie in Westeuropa auch, wird der Datenverkehr über Festleitungen gegenüber der Sprachtelefonie wachsen, in Osteuropa jedoch mit einer Zeitverzögerung von einigen Jahren. "Eine aggressive Einführung von ADSL findet besonders in Estland, Ungarn und Polen statt, wo im Fokus der Betreiber kleinere Unternehmen und Power-User stehen", so Moore. IP-basierte VPNs hätten hier einen hohen Stellenwert, während Metronetze kurzfristig eher untergeordnet seien.

Ein Maß für die technologische Position eines Landes ist die Nutzung des Internets bezogen auf die Bevölkerung. "Estland ist eines der wenigen Beitrittsländer, die früh in die Internet-Infrastruktur investiert haben und liegt mit 40 Prozent nah am EU-Durchschnitt von 50 Prozent. Eine Reihe von definierten Projekten im E-Government einschließlich E-Voting sind in der Versuchsphase oder bereits angelaufen. Doch generell ist die Internet-Penetration erheblich geringer als im EU-Durchschnitt, hervorgerufen durch geringere verfügbare Einkommen, den unterentwickelten Mittelstand sowie den hohen Kosten für den Internet-Zugriff", stellt Moore fest. Doch die Förderung des Internets sei ein Schwerpunkt der Regierungen in den Beitrittsländern und eröffne Raum für Investitionen, unterstützt durch die EU-Strukturfonds. "Für Telekoms gibt es viele Möglichkeiten in der Bereitstellung von internationalen Services, entweder durch direkte Präsenz vor Ort oder Beteiligung an lokalen Providern. Weiterhin gibt es eine Reihe potenzieller strategischer Investments mit alternativen Festnetz-Betreibern, wobei der Sektor Unternehmensanwendungen besonders attraktiv und nicht so wettbewerbsintensiv wie der Mobilfunk ist", schließt Moore.

 

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MONITOR-Autoren
Christian Henner-Fehr

Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. ..mehr..

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