Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Diese Stunde ist jetzt gekommen. Bei ihrem diesmonatlichen Besuch auf meiner Tastatur waren die Leprechauns regelrecht schockiert wie schnell Data-Mining in der industrialisierten Welt zu einer ernsthaften Bedrohung geworden ist. Mister Barrister ist der juristische Experte in unserer Runde. Er brachte die Frage auf, warum die amerikanische Regierung krampfhaft versucht, Computer für die Durchleuchtung des gesamten Transportgeschäfts zu verwenden.
Es ergibt keinen Sinn, wenn die Leute in Washington denken, dass Data-Mining ihnen Herrn Bin Laden oder einen anderen Terroristen am Silbertablett serviert. Mister Barrister schnippte zur Illustration seines Einwands mit den Fingern und fuhr fort. Jemand in Washington ist besessen von computerisierten Datenbanken, und dieser Fetischismus könnte allen Menschen die Privatsphäre und ihre Bürgerrechte kosten. Ein hoher Preis.
Fräulein Donner, unserer Feministin und orthodoxen Kämpferin für Bürgerrechte, verdankten wir den Einwand, nicht nur die USA seien betroffen. Die unerbittliche amtlichen Schnüffelei findet gerade rund um den Erdball statt. Vom Dorf bis zur Großstadt kommt jeder dran. Die Regierungen spionieren ihren Bürgern nach. Es ist, als würden sie George Orwells 1984 nicht als beklemmende Utopie, sondern als Gebrauchsanweisung und Katalog für die Führung Staatsgeschäfte ansehen.
Diese Aussage hielt ich für zu stark - immerhin handelt es sich um eine schwere Anschuldigung.

Fräulein Donner erhob sich auf der Umschalttaste zur vollen Länge von zwei Zentimetern, breitete die Arme aus und begann eindringlich zu sprechen: "Well, O Feinschmecker der Haselnuss-Schoko-Toffees, Ihr habt den Vorgängen einfach nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt. Auch die Bürger der Länder der Erde haben das nicht." Sie machte eine weitausholende Geste in Richtung der anderen Leprechauns. "Betrachtet nur die Namen und die Aufgaben von einigen der einschlägigen Projekte in den USA, Eurem Heimatland, und seht, ob Ihr die Präsentation der Fakten und Wahrheiten mögt." Fräulein Donner drehte sich herum und zeigte mit ihrem winzigen Finger auf Mister Barrister: "Könnt Ihr uns zum Beispiel über den besorgniserregenden Stand der Dinge bei den Fluglinien Auskunft geben, bitte?"
Mister Barrister ist ein stattlicher Leprechaun (fast drei Zentimeter groß), der eine Menge von Recht und juristischen Details versteht. Mit gravitätischer Stimme erklärte er: "Ihr alle wisst sicherlich wenigstens ein bisschen über VISIT, das neue System, das die amerikanische Regierung für alle - ALLE - ausländischen Flüge in die USA eingeführt hat. Die Leute werden fotografiert, interviewt und in eine Datenbank für Reisende aus dem Ausland eingetragen. Das System heißt US Visitor and Immigrant Status Indicator Technology - US-VISIT. Das Anliegen ist verständlich. Am ersten Tag des Einsatzes gingen den Amerikanern 30 gesuchte Kriminelle ins Netz. Bald wird jeder, der aus dem Ausland kommt oder ins Ausland fliegt biometrisch gescannt werden. Wenn man nicht in der Datenbank ist, oder ein gesuchter Krimineller, wird man aufgehalten, abgeschoben oder verhaftet." Mister Barrister machte eine kurze Pause.
Natürlich hatte ich meine Einwände: "Auch ich habe für das Anliegen Verständnis. Immerhin haben wir 3000 Menschenleben und zwei Wahrzeichen an einem Tag verloren. Unsere Wirtschaft ging den Bach runter und unser Volk ist verängstigt. Ich habe kein Problem mit US-VISIT." Ich legte Nachdruck in meine Stimme.
Mister Barrister blickte sehr ernst drein als er antwortete. "Damit habt Ihr recht. Die US Visitor-Politik ist eine gute Politik. Ich sehe sie aber als ein Beispiel für eine weitere Datenbank, die nur darauf wartet, durch Data-Mining durchleuchtet zu werden. Eine weitere Datenbank, die sehr heikle Informationen über Reisende in und aus den USA enthält. Und diese Informationen können ein sehr gutes Profil von einer Person ergeben. Was, wenn sie von Data-Mining-Firmen oder anderen Behörden missbraucht wird?"
Plötzlich schaltete sich ein neuer Leprechaun in die Debatte ein. Einer, den ich noch nie gesehen hatte. Man muss im Auge behalten, dass Leprechauns auf den billigen Plätzen kommen und gehen und mir nie wirklich vorgestellt werden. Dieser junge Frischling war nicht älter als 110. Er machte einen sehr ernsthaften Eindruck und gab seinen Namen als Mister Snooper an. Und dass er Experte auf dem Gebiet des Data-Mining sei.
"Lasst mich Euch ins Bild darüber setzen, wohin diese Information gehen wird", begann Mister Snooper. "Nur für den Anfang sind sechs Programme in Vorbereitung, die im Auftrag der amerikanischen Regierung Datenbanken aller Art durchleuchten werden. Nehmen wir zum Beispiel die Fluglinien her. Da gibt es ein Projekt namens CAPPS II. Passagiere sollen erst einen CAPPS II-Test bestehen müssen, um an Board einer Maschine mit inneramerikanischen oder ausländischen Ziel gelangen zu können. Die Datenbank wird Euren Namen gegen solche Dinge wie Bankauszug, Regierungsarchive, Magazin-Abonnements und zahllose andere kommerzielle Datenbanken abgleichen. Möglicherweise sind sogar medizinische Befunde darunter. Wenn Ihr den Test nicht besteht, fliegt Ihr nicht mit. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. CAPPS II wird bereits in eingeschränkter Weise verwendet, wahrscheinlich aber schon im Sommer auf Hochtouren laufen."
"Dann haben wir ein Teil namens Matrix. 'Matrix' steht für 'Multi-State Anti-Terrorism Information Exchange'. Diese Datenbank wird von Florida und sieben anderen US-Bundesstaaten verwendet. Natürlich hat die Bundesregierung privilegierten Zugriff, da das Projekt vom Justizministerium gegründet wurde. Es integriert wie CAPPS II öffentliche Datenbanken und verwendet daneben auch Vorstrafenregister, von denen es in den einzelnen Staaten viele verschiedene Arten gibt. Matrix ist bereits im Einsatz, obwohl noch immer daran gearbeitet wird."
"Weiters gibt es das sogenannte 'Non-Obvious Relationship Awareness Program' - NORA. Es durchleuchtet Daten aus einer Vielzahl von Datenbanken, um potentiell alarmierende, aber nicht offensichtliche (non-obvious) Beziehungen zwischen Individuen und Firmen aufzudecken. NORA ist top-secret und gehört der CIA. Und es bereits in Betrieb. Die Aufgabe erinnert an das alte TIA, Terrorist Information Awareness. Der Kongress hatte Bedenken, daher wurde TIA der Geldhahn abgedreht. Aber Dank NORA spürt jetzt jeder, dass es nie richtig gestorben ist. An der Spitze steht ein entehrter Navy-Admiral, John Poindexter, der bis zu seinen Augenbrauen in den Iran-Contra-Skandal in den 80ern verwickelt war. Er hätte ins Gefängnis gehen sollen, endete aber wieder in der Regierung und übernahm die Durchleuchtung existierender Datenbanken. Unter dem Druck der Öffentlichkeit trat Poindexter letztes Jahr zurück. Sein TIA war aber fruchtbar, wie ein Krokodilei. TIAs Geschwister kriechen überall hervor."
Mister Snooper kam richtig in Fahrt bei seinen Ausführungen, und ich sah aus und fühlte mich, als hätte mir jemand die Hardcover-Ausgabe von George Orwell's 1984 um die Ohren gehauen. Gegen Mister Snooper war jeder Widerstand zwecklos.
"Dann haben wir das Adaptive Concept Understanding From Modeled Enterprise Networks, auch ACUMEN genannt. Es wendet intelligente Mustererkennung auf öffentlich verfügbare Daten an, um Beziehungen und Verhalten aufzuspüren, das zur Erkennung von terroristischen Bedrohungen führen kann. Theoretisch ist es für die US Army, aber man muss sich fragen, was die Armee eigentlich damit zu tun haben soll. Eine von vielen Fragen, die keiner beantworten will."
"Ich könnte noch lange so weitererzählen. Wir haben Novel Intelligence From Massive Data (Neuartige Aufklärung aufgrund umfangreicher Daten). Dieses Programm durchleuchtet Audio- und Video-Dateien, sowie Tabellen, Diagramme, Landkarten, Gleichungen, chemische Formeln und andere Daten, in die spezielle Symbole codiert sind. So sollen die Geheimdienste geplante Terroranschläge als Zeichen an der Wand erkennen."
"Weiters haben wir den Moho-Klassifizierer. Es ist ein CIA-Projekt, um terroristische Aktivitäten durch Data-Mining des Internet zu erkennen. Web-Seiten, USENET-Artikel, e-Mail, was auch immer. Wie schmeckt Euch das, O Freund der Vernon Kirschküchlein?"
Ehrlich gesagt, diese Fülle an schlechten Nachrichten überwältigte mich. Ich war sprachlos. Das diplomatische und gewissenhafte Fräulein Leaglebeek wagte als erste, sich Mister Snoopy vorzuknöpfen. "Darf ich fragen, Mister Snoopy, woher Ihr diese Information habt?"
"Von der DARPA", schoss Mister Snoopy zurück. "All diese Programme und Agenturen sind Kinder der DARPA. Sie ist der Motor und die Geldquelle für allerlei technische Projekte der amerikanischen Regierung. Voll ausgesprochen lautet der Name Defense Advanced Research Projects Agency. Tatsächlich werdet Ihr, Fräulein Leaglebeek, den Namen als den der Wiege des Internet wiedererkennen. Es war die DARPA, die all diese Forschung und Experimente finanzierte, die letzten Endes zum Internet geführt haben. DARPA ist der verrückte Professor des amerikanischen Verteidigungsministeriums."
Darauf wusste Fräulein Leaglebeek nichts zu sagen. Und ich natürlich auch nicht. Das letzte Wort hatte Mister Snoopy. "Tut mir leid", sagte er, "Euch so zu desillusionieren. Das war aber erst die kurze Liste. Wenn Ihr mal mehr Zeit und all das hier verdaut habt, werde ich noch ein paar Projekte aufzählen und Euch mit den Details vertraut machen. Was ich aber hoffentlich zeigen konnte, ist, dass Data Mining eine sehr gefährliche, glitschige und steile Einbahnstrasse nach unten ist. Big Brother ist da. Und was die Amerikaner machen, das machen andere Regierungen gern nach. Und umgekehrt. In Arbeit sind einige erstklassige Data-Mining-Projekte in Europa, Asien, Südamerika und Kanada. Von unseren Freunden in Australien und Neuseeland gar nicht zu reden, wo die größten elektronischen Lauschohren stehen: Echelon liest rund um die Uhr alle e-Mails, die um die Erde zischen. Schönen Tag noch."
Und mit diesem Gruß waren er und der Rest meiner grünen Freunde verschwunden. Ihr Abschied war so plötzlich gewesen, dass sie keine Zitate zur Übersetzung zurückließen. Ich musste mir selbst welche zusammensuchen. Viel Spaß.
Zitate, die übersetzt werden müssen
Das Zitat: Die Besucher bekamen ihre Rechnung mit all ihren persönlichen Daten, die in Zusammenhang mit ihrem Führerschein gefunden worden waren, plus alle ihre Daten, die bei kommerziellen Datenhändlern und ihrer Wählerregistrierung ins Netz gegangen waren.
Die Umstände: Das Pittsburgh Center for the Arts demonstrierte ihren Mitgliedern, wie viel Information sogar bei einer oberflächlichen Erhebung frei zur Verfügung steht.
Die Übersetzung: Das alles macht der kleine Magnetstreifen auf der Rückseite. Wenn man einen amerikanischen Führerschein hat, kann man es selber ausprobieren. Richten Sie Ihren Browser auf http://turbulence.org/Works/swipe/main.html
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Das Zitat: Dieser neue Rekord markiert einen weiteren Meilenstein am Weg zur Abschaffung aller Wege, und der effizienteren weltweiten wissenschaftlichen Zusammenarbeit.
Die Umstände: CERN stellte am 1. Oktober einen neuen Rekord auf und transferierte 1.1 Terabyte Daten über eine 7000 km lange Leitung in unter 30 Minuten. Das ist das Äquivalent einer vollen DVD in sieben Sekunden.
Die Übersetzung: Heiliger Bimbam! Das ist verdammt schnell! Und jetzt eine Kopie von Matrix Reloaded in sieben Sekunden, bitte...
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Das Zitat: Ich glaube, der Grund für mein tägliches Rauchen und Trinken und das Übergewicht meiner Gattin ist, dass wir die letzten vier Jahre über täglich ferngesehen haben.
Die Umstände: Aus der Anklageschrift von Timothy Dumouched, der Charter Communications verklagt. Seine Frau ist dick, seine Kinder faul und er selbst süchtig nach dem Kabelfernsehen der Firma.
Die Übersetzung: Ich brauche einen Lebensinhalt.
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Das Zitat: Diese Brief wurde von CitibankOnline gesschikt, um ihre emaill-Adrese zu prüfm. Sie müsen diesen Vorgang durch einen Klik auf das link unten im klienen Fenster und engabe der bankomatkate abschlisen. D das dient ihrer Sicherheit. Einig un serer Kundn habn keinen Zugrif auf ihre email mehr, daher mussen wir sie prüfen.
Die Umstände: Einer dieser Spam-Briefe, die eine fantastillionmal verschickt werden, vermutlich von irgendwo in Afrika.
Die Übersetzung: Man, könet ich eine Recktschreibprufüng gut brauchen. Wer schnekt mir eine?




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8/2011
7/2011


Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. 