Andreas Roesler-Schmidt
IBM schmückt sich gerne mit dem Pinguin. Wieviele Linux-Projekte haben Sie tatsächlich in Österreich?
Wir haben eine Vielzahl von Projekten. Wir haben natürlich mehr Kunden als Referenzen, weil das nicht alle Kunden auf die große Glocke hängen wollen. Wir haben namhafte Referenzen wie zum Beispiel die OMV, die SAP auf Linux einsetzt. Da geht's ums Business und nicht darum irgendwo einen Fileserver hinzustellen sich mit Linux zu schmücken.
Sind die meisten Projekte immer noch in der "Internet-Ecke"?
Einerseits ist es die Internet-Ecke oder besser gesagt Infrastruktur-Lösung, wo Mailserver, Fileserver, Security-Lösungen unter Linux betrieben werden. Es passiert einiges zum Thema Konsolidierung. Aber es gibt mittlerweile auch eine Unmenge von Industrieapplikationen, insbesondere im Retail-Bereich. Es gibt in Österreich viele Beispiele, wo Kassenlösungen unter Linux betrieben werden. Hier ist ja das Lizenzthema wichtig - schließlich haben einige Kunden sehr viele Kassen und das multipliziert sich. Es gibt inzwischen auch mehr Leute, die sich mit Linux auskennen als mit proprietären Kassensystemen. Auch klassische Applikationen wie SAP oder Oracle laufen mittlerweile unter Linux. Unsere Kunden wählen Linux auch, weil sie keine Lust auf Upgrade-Zyklen haben, wo sie alle drei Jahre neue Software kaufen müssen. Daher ist SAP auf Linux nicht nur von den Kosten getrieben.
Ist das Know-how zu Linux in den IT-Abteilungen vorhanden?
Meistens existieren Linux-Leute in den Unternehmen. Nur der Support nach dem Schema "Ich rufe ins Internet und es kommt hoffentlich eine Antwort zurück" ist den Firmen nicht gut genug. Deshalb hat IBM gesagt, wir bringen professionelle Services für Linux. Wir haben mit praktisch allen großen Kunden Linux-Gespräche und es hat praktisch jede IT-Abteilung eine Linux-Box - in irgendeiner Form bestehen Linux-Skills bei jedem größeren Kunden. Linux ist ja auch Unix-ähnlich und es gibt auch genug Unix-Know-how. Es ist genauso einfach Leute auf Linux umzuschulen wie Applikationen auf Linux zu bringen.
Welche Unternehmen steigen eher auf Linux um?
In Österreich gibt es einen lang anhaltenden Trend: Der Retail-Bereich, alles was mit Kassen und zentralen Retail-Systemen zu tun hat - da setzen sich die Kunden schon seit Jahren mit Linux auseinander. Hier gibt es schon viele Linux-basierende Systeme in Österreich. Der Einstiegspunkt war sicher Lizenzen mal Anzahl der Kassen. Der zweite Bereich ist sicher der Public Sector. München war natürlich ein großer Paukenschlag, durch den auch in Österreich öffentliche Verwaltungen begonnen haben, sich mit Linux zu beschäftigen. Aber auch bei Finanzdienstleistern, Banken und Versicherungen beschäftigt man sich damit zunehmend.
Wie schaut es im KMU Bereich aus?
Sicher ist Linux im KMU Markt auch ein großes Thema. Das liegt an den Anschaffungskosten und daran, dass Linux sehr wenig Ansprüche an die Hardware stellt, hat aber auch mit dem breiten Angebot von Skills am Markt zu tun und auch mit dem Support-Angebot - egal ob das jetzt von IBM kommt oder von den kleinen Firmen am Markt, die Linux warten.
Ist Linux noch ein Spielzeug von Technikern?
Für IBM ist Linux wichtig, wenn es darum geht, wie man ein On-Demand IT-Konzept aufbauen kann. Dabei sind offene Standards sehr wichtig und Linux ist einer davon. Er ermöglicht herstellerunabhängig zu arbeiten. Auf Linux-Konferenzen, die sich zu sehr mit Technik beschäftigen wird man keine CFOs finden. Man sieht an Kunden wie der OMV, dass sich nicht nur Techniker damit auseinandersetzen. SAP ist eine Kernanwendung und da entscheidet schon die Geschäftsleitung.
Wieviel Anteil am Gesamtgeschäft von IBM haben die Linux-Aktivitäten?
Dazu gibt es von uns keine Zahlen. Aber es ist bekannt, dass wir gewaltige Summen in Linux investieren und wir sind kein Wohlfahrtsinstitut - das geschieht weil sich das rentiert. Wenn wir in einen Bereich große Summen reinstecken, wollen wir auch große Summen rausholen. Wir machen ein signifikantes Geschäft. Es ist eine Kernstrategie, die wir auf vielen Ebenen ernstnehmen. Wir haben als erstes gesagt, jedes Hardware-Produkt muss Linux-fähig sein, wir haben die Software-Produkte Linux-fähig gemacht, und wir bieten die Services für Linux. Wir haben auch viele Developer im Haus und sind integraler Bestandteil der Open Source Community geworden.
Welche Trends kommen in diesem Bereich?
Ich sehe den großen Trend Linux am Desktop, besonders in der öffentlichen Verwaltung. Das Beispiel München hat auch für Österreich einen Denkanstoß gegeben und das Thema Linux am Desktop in den Vordergrund gebracht. Das ist eines unserer Focus-Themen für dieses Jahr. Unser Ansatz ist dabei, das nicht aus Microsoft-Frust zu machen, sondern das wohlüberlegt zu tun. Es ist nicht für jeden oder manchmal nur für Abteilungen sinnvoll.




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 