Conrad Gruber
Die Vorgeschichte: Nortel Networks - neben Lucent Technologies der größte nordamerikanische Telekom-Konzern - galt jahrzehntelang als unerschütterlicher Telekom-Titan im weltweiten Business und ruhte sich auf diesen Lorbeeren wahrscheinlich zu gut aus. Denn: Je größer ein Tanker, desto unbeweglicher wird er. Und so kam es, dass Nortel die schwere Abwärtskurve nach dem Platzen der IT- und Telekomblase 1999/2000 nicht schaffte und schwer ins Schleudern geriet.
Der Konzern geriet völlig aus den Fugen, musste innerhalb kürzester Zeit die Mitarbeiterzahl von 110.000 auf 36.000 reduzieren und häufte Quartal für Quartal Milliardenverluste an.
Das Management wurde ausgewechselt, Immobilien stillgelegt und nahezu alle Produktionsanlagen an den Lohnfertiger Flextronics verkauft. Und siehe da, die harten Einschnitte brachten Erfolg. Nach der Schlankheitskur, die eigentlich einem Überlebenskampf gleichkam, schaffte Nortel erstmals für das Jahr 2003 wieder schwarze Zahlen. Konzernchef Frank Dunn präsentierte Investoren und Analysten Anfang Februar einen Jahresgewinn von 400 Millionen Euro bei einem nur leicht auf rund neun Milliarden Euro gesunkenen Umsatz, nachdem dieser im Vorjahr noch von 17,5 auf 10,6 Milliarden US-Dollar eingebrochen war.
Damit dürfte auch der Markt in Österreich für Nortel wieder interessant werden. Nachdem sich die Kanadier Anfang 2003 aus ihrem langjährigen Joint Venture mit Kapsch zurückgezogen haben, in dem sie fast ein Jahrzehnt am Ausbau des österreichischen Festnetzes gearbeitet haben, weht nun frischer Wind: Zentraleuropa-Geschäftsführer Holger Hegemann will das Joint Venture mit Kapsch wieder vertiefen und über Wien vor allem in Osteuropa mitmischen. Und Österreich-Boss Cyrill Busslinger hofft nach wie vor auf einen Erfolg von UMTS, wo doch Nortel für die Mobilkom an deren UMTS-Netz mitgearbeitet hat. Busslinger: "Im nächsten Jahr wird die UMTS-Nachfrage ins Rollen kommen."
Busslinger, der im Mai 2003 das Ruder von Peter Frisch übernommen hatte, erwartet, dass heuer eine große Hürde für die Mobilfunktechnologie der dritten Generation (3G) fallen wird: der Mangel an Endgeräten. Ab dann würden laut Busslinger "sehr viel mehr" UMTS-Geräte in den Verkaufsregalen sein.
Von einem Boom möchte Busslinger jedoch auch im "UMTS-Pionier-Land" Österreich noch nicht sprechen, gerade, weil auch Frühstarter Hutchison ("3") mit einer zähen Entwicklung seiner Kundenzahlen kämpft.
Zurück zu Nortel: Beim kanadischen Konzern, der in Österreich unter anderem als Kapsch-Lizenzpartner an der Festnetz-Infrastruktur der Telekom Austria mitgearbeitet hat und auch das erste nationale UMTS-Netz Europas gemeinsam mit Ericsson für die Mobilkom Austria realisierte, beträgt der Wireless-Bereich bereits 40 bis 50 Prozent des Umsatzes. Pro Quartal investiert der Telekom-Ausstatter 500 Millionen Euro in Forschung und Entwicklung.
Was hat also Nortel im Programm, das Busslinger so erfolgssicher macht: Zum ersten sind es Festnetz-Produkte der soliden Kategorie, wie zum Beispiel Hosting- und Routinganlagen, Netzwerksysteme, Web-Switches und Internet-Datencenter. Dann so wesentliche Dinge wie Glasfasernetze für den städtischen Bereich, die Mittel- und die Langstrecke. Schließlich das große Feld der Voice-over-IP-Lösungen, wo sich Nortel einen harten Kampf mit Cisco um diesen aufstrebenden Markt stellt. Dann wiederum Multimedia-Lösungen in sämtlichen Facetten und - zu guter Letzt - den großen Bereich der Mobiltelefonie, angefangen von "herkömmlichen" Handy-Netzwerken der Typen GSM, CDMA, TDMA sowie die ganze Palette zu 3G und UMTS. Nicht zu vergessen sind auch VPN, LAN- und WAN-Lösungen.
Auf diese Weise dürfte der Konzern für die Zukunft ganz gut gerüstet sein, denn die Telekom-Branche ist eindeutig wieder im Aufwind. Vielleicht findet so auch der eine oder andere der zehntausenden gekündigten Mitarbeiter wieder einen Job.
Aber gut Ding braucht Weile: Ein angeschlagener Riese erholt sich durch seine träge Manövriermasse nur langsam, vor allem auch, wenn er eine so radikale Abmagerungskur hinter sich hat. Dem pflichtet auch Busslinger bei: Der Nortel-Österreich-Chef ist ein Anhänger der sanften Gesundung und erwartet für das laufende Geschäftsjahr vorsichtig eine "flache bis leicht steigende" Geschäftsentwicklung.




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8/2011
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Lothar Lochmaier studierte nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie Politikwissenschaft in München, Madrid und Berlin. Heute arbeitet er als freiberuflicher Fach- und Wirtschaftsjournalist für diverse Print- und Online-Medien. Seine Schwerpunkte sind die Bereiche Informationstechnologie, Energiefragen und Managementthemen. 