Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Ich kann nicht wissen, wohin die Debatte noch führen wird, aber meine lieben Freunde, die Leprechauns, die wissen es bestimmt. Und sie sind kaum zurückhaltend, wenn es darum geht, uns darüber ins Bild zu setzen. Die Leprechauns tauchten an meiner Tastatur wie jeden Monat und wie immer unvermittelt auf und raunzten und suderten über Spam, dass es nur so eine Freude war. Wir hatten schon zuvor über Spam gesprochen, aber ich bin immer wieder erstaunt, dass die Leprechauns über Spam mehr verärgert sind als ich. Dabei bin ich derjenige von uns, der täglich damit zu tun hat.
Nach einem prüfenden Blick in die Runde sah mich Mister Hachit an und begann zu sprechen: "Seit unserer letzten Unterhaltung über Spam hat sich die Menge dieses Mülls mehr als verdoppelt." Mr. Hachit ist ein sehr präzise veranlagter Leprechaun, der nicht gerade konfrontationsscheu ist, aber trotzdem am liebsten hinter dem Rücken der Betroffenen tratscht. Da er auch Statistiken sehr liebt, war ich darauf gefasst, gleich welche zu hören zu bekommen.
"Betrachten wir die Fakten", sagte er und grinste wissend. "Mehr als die Hälfte des gesamten e-Mail-Volumens ist heute Spam. Wenigstens ist das die Zahl, die von den Behörden ermittelt wurde, bevor sie das Anti-Spam-Gesetz verabschiedeten. In anderen Ländern kam man zu etwas abweichenden Resultaten, je nachdem welcher Minister sich den Beifall der Wähler erheischen wollte. Im mittleren Osten spricht man sogar von 80 Prozent Spam."
Ohne Pause sprach Mister Hachit weiter. "Die braven Politiker behaupten außerdem, dass es die amerikanischen Firmen 10 Milliarden Dollar pro Jahr kostet, um Spam zu bearbeiten. Die Arithmetik dahinter dürfen wir gern anzweifeln, aber diese Ziffern kursierten überall in Washington. Es gibt aber Statistik zum Thema, der ich vertraue. Diese Statistik wurde durch die ‚Spam Filter Review' ermittelt, unter Verwendung von Daten von Google, Brightmail, Jupiter Research, eMarketer, Gartner, MailShell, Harris Interactive und Ferris Research. Sie sollte ziemlich stichhaltig sein, wenngleich vielleicht nur für den amerikanischen Markt. Aus Erfahrung wissen wir aber, dass sich die Zahlen zwischen den US und Europa immer ziemlich genau decken."
- Spam-artige e-Mail: 50 Prozent
- Täglich übermittelte Spam e-Mails: 12,4 Milliarden
- Täglich erhaltene Spams pro Person (Durchschnitt): 6
- Spams pro Jahr und Person: 2200
- Spam-Kosten für private Nutzer: 255 Millionen Dollar
- Spam-Kosten für Unternehmen, 2002: 8,9 Milliarden Dollar
- Bundesstaaten mit Anti-Spam-Gesetzen: 26
- Wechsel der e-Mail-Adresse wegen Spam: 16%
- Geschätzte Zunahme von Spam bis 2007: 63%
- Jährlicher Spam pro 1000 Angestellte: 2,1 Mio.
- Anteil der Anwender, der auf Spam antwortet: 28%
- Anteil der Anwender, die auf Grund von Spam gekauft haben: 8%
- Firmenmail, die als Spam angesehen wird: 15-20 %
- Zeitverschwendung pro Spam-Mail: 4,5 Sekunden
Es war das herzallerliebste Fräulein Sweet, das meines Wissens nach nur eines auf der Welt nicht mag, und das sind Spammer. Fräulein Sweet hasst Spammer. Sie lächelte mich an und erklärte: "Ihr seht also, O Feinschmecker der schwedischen Ananaskipferl, Spam ist inzwischen eine weit größere Geschichte als noch vor ein paar Jahren. Damals war es noch ein Ärgernis, heute ist es schon eine Krise. Tatsächlich hat ‚der Vater des Internet', wie Ihr Menschen Vint Cerf gerne nennt, vor kurzem gesagt: Wenn das so weitergeht, sehen wir das Ende der e-Mail. Jemand muss etwas tun."
Ich war verwirrt. Obwohl ich mit den Leprechauns einer Meinung war, war ich wie immer gleichzeitig nicht einer Meinung. Auf der einen Seite klang es so, als könnte Spam das Internet in die Knie zwingen und unbrauchbar machen, auf der anderen Seite ist das Internet zu flexibel, um Dank seiner phänomenalen Selbstheilungskräfte nicht auch mit Spam fertig zu werden.
Drastische Schritte sind notwendig, aber ich persönlich kann mit Spam ganz gut umgehen. Ich wusste, dass die Leprechauns das wussten und fragte mich, warum sie gar nichts sagten. Ich war kurz davor meine Ansicht zu äußern, aber Fräulein Splainit war schneller. Sie begann mit ihrer rauchigen Stimme in überheblichem Tonfall zu sprechen: "Well, Mister Hachit, Spam mag furchtbar sein, aber einige Leute, wie unser Freund der Schokolade und Maronis hier, können Spam ganz gut außen vor halten."
Mister Hachit antwortete augenblicklich: "Richtig. Aber nicht nur der Spam bleibt draußen, auch der Rest der Welt kommt nicht mehr herein."
Das irritierte mich, aber gleichzeitig fand ich verblüffend, wie sich die Leprechauns mit dem Großteil meiner menschlichen Freunde einig waren. Mein e-Mail-System ist so konfiguriert, dass mir niemand schreiben kann, der nicht in meinem Adressbuch steht. Jene mit meinem "Segen" erreichen mich, der Rest wird automatisch gekübelt. Da ich Reporter und Journalist bin habe ich mich bei mehr als 200 Websites eingetragen. Ich bekomme daher 200 Spams pro Tag. Die Spammer haben alle meine Adresse - was uns einiges über die Ehrlichkeit von und die Würdigung der Privatsphäre durch das Internet erzählt.
Ich glaube aber nicht, dass ich mehr als ein oder zwei Meldungen nicht erhalten habe, die für mich bestimmt waren. Das macht aber ein Opfer von ca. 15 Minuten pro Tag notwendig, um die gekübelten e-Mails nach Post zu durchsuchen, die von legitimen Absendern stammt. Ich sehe diese 15 Minuten täglich als so etwas wie Internet-Steuer, die man eben zu zahlen hat.
Mister Hachit nagelte mich auf diesem Gedanken fest: "Diese Haltung ist Eure Privatangelegenheit. Kommerzielle Benutzer können sich diesen Luxus nicht erlauben. Sie brauchen ein besseres System, aber leider gibt es keins. Unternehmen kostet Spam Milliarden." Dann zeigte Mister Hachit mit seinem winzigen Finger auf mich und erklärte: "Diese 15 Minuten pro Tag bedeuten fast 100 Stunden Zeitverlust pro Jahr. Zwei Stunden pro Woche! Ihr könntet Euch stattdessen einen guten Film ansehen!"
Fräulein Splainit ergriff wieder das Wort. "Wir müssen abwarten. Wenn es noch schlimmer wird, schreiten sicher die Regierungen ein. Die Europäer verfolgen im Augenblick ihre eigenen Ansätze. Die Amerikaner sind eben erst aufmerksam geworden und wollen etwas tun. Langfristig denke ich, wird das Internet gewinnen - es ist viel zu robust, um sich von ein paar Viagraverkäufern erledigen zu lassen."
Das letzte Wort hatte Mister Hachit. "Well", begann er, "vom Gesetzgeber verlangt das mehr Courage als ich im Augenblick sehe. Ich garantiere Euch, dass die gerade verabschiedete Regelung ungefähr so wirkungsvoll wird wie ein Gartenschlauch gegen eine in Flammen stehende Tankstelle."
Plötzlich waren die Leprechauns verschwunden. Wie immer hatten sie aber die Zitate zurückgelassen, die übersetzt werden müssen.
Zitate, die übersetzt werden müssen
Das Zitat: "Wenn der Schüler weiß, dass sein Banknachbar schummelt und damit zu einem besseren Notendurchschnitt kommt, so wird es ihm schwerfallen, nicht auch zu schummeln."
Die Umstände: John J. Brady, ein Mittelschullehrer in Westport, Connecticut, fand an seinem Bildungsinstitut eine "Schummelepidemie" vor. Ein Schüler ging so weit, das Etikett einer Wasserflasche abzulösen, die Geschichte der Atomtheorie auf die Rückseite zu schreiben und dann bei der Prüfung diese durch das Wasser in der Flasche vergrößerte Notiz einfach vorzulesen. Es war nicht die einzige Raffinesse, die sich seine Schüler ausgedacht hatten.
Die Übersetzung: Nicht für die Schule lernen wir, für die Schule schummeln wir.
Das Zitat: "Die großen Spammer werden die Konsequenzen tragen müssen, wenn sie unsere Mitbürger mit Müll und Pornographie überfluten."
Die Umstände: Senator Ron Wyden, Demokrat in Oregon, spricht über das Anti-Spam-Gesetz, das vor kurzem in den USA verabschiedet wurde, und dessen Hauptinitiator er war.
Die Übersetzung: Ein Tropfen auf dem heißen Stein, aber sehe ich nicht verdammt gut aus als Spam-Bekämpfer?
Das Zitat: "Das Computersystem der Child Support Agency (CSA), das von EDS entwickelt wurde, kostete den britischen Steuerzahler 450 Millionen Pfund und ist kompletter Schrott."
Die Umstände: "The Jellygraph", das Organ der UK Liberal Democrat Party, berichtet, das EDS-System sei so schlecht, dass die Mitarbeiter des Child Support Teams lieber ihre eigenen PDAs statt des EDS-Systems verwenden.
Die Übersetzung: Kriegt man von EDS überhaupt irgendwas für sein Geld?
Das Zitat: "Geht uns nicht weiter ab."
Die Umstände: Die Tech-Writers der Washington Post bekamen Dell Computer ohne 3,5"-Floppy.
Die Übersetzung: Die Floppy-Disk ist tot.
Das Zitat: "Unsere Kunden wurden gleich hysterisch, daher machten wir eine Kehrtwendung."
Die Umstände: Ein Sprecher von Dell erklärt in einem Interview mit dem Austin American Statesman, dass Dell die Support-Jobs aus Indien wieder in die USA zurückübersiedelt.
Die Übersetzung: Sich als Lemming nach Indien zu stürzen wird weiterhin Probleme machen.




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8/2011
7/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 