Gregor Kucera
Wer hätte Anfang der 80er Jahre gedacht, dass Computerspiele zu einem wichtigen Motor für die PC-Entwicklung werden und die Spielebranche gut 20 Jahre später die Filmindustrie umsatzmäßig hinter sich lassen würde? Der Monitor prognostizierte: Die Videospiele sind aber erst der Anfang eines noch viel größeren Zukunftsmarktes. Eine direkte Entwicklungslinie führt hin zum Home-Computer.
Das erste Computerspiel dürfte wohl Space War gewesen sein. Die MIT-Mitarbeiter Steve Russel und Dan Edwards programmierten 1962 die Weltraumschlacht für den PDP-1, den ersten Computer mit Tastatur und "Kathodenstrahlbildschirm". Nolan Bushnell, der 1972 Atari gegründet hatte brachte mit "Pong" den ersten Arcade Game-Hit in die Spielhallen. Zwei Jahre später erschien eine Version für Heimcomputer. In einer Nachlese des Monitor stand über die Anfange der Spielegeschichte zu lesen: Viele werden sich noch erinnern können: Auf dem Bildschirm erschienen zwei Leuchtstriche, die Tennisschläger darstellten, und ein eckiger Leuchtpunkt, der auf dem Bildschirm als Ball diente. Damit konnte man zu zweit Tennis spielen. Der Ball flog hin und her und zog - aufgrund der Nachleuchtdauer des Bildschirms - einen Kometenschweif nach. Neben Atari fanden sich bald Philips, Mattel und Intertron auf der Bildfläche ein. Eine ernsthafte Konkurrenz für Atari bildete sich 1982, als Commodore mit dem C64 eine Offensive auf dem Computermarkt startete. Der Spielemarkt war in dieser Zeit fast ausschließlich auf diese Maschinen begrenzt. Vor allem auch deshalb weil der IBM-PC in seiner Anfangsphase eine miserable Graphikqualität hatte.
Ein verspielter Drache
Zu den ersten "Spielecomputern" die im Monitor getestet wurden, gehörte der Dragon 32 von Dragon Data Ltd. Man verbindet den Computer mit der Antennenbuchse eines Fernsehgerätes oder Monitors schließt einen handelsüblichen Kassettenrekorder an, besorgt sich ein Paar Joysticks und schon kann man sich spielend im Umgang mit dem Computer üben. Der Festwertspeicher ROM umfasst 16 K und enthält auch das eingebaute Microsoft Basic. Als RAM-Bereich stehen 32 K zur Verfügung, was für durchschnittliche Ansprüche im Allgemeinen ausreichend ist. Der Spielablauf findet nicht nur auf einem feststehenden Bild statt, sondern nach Lösungen von Teilaufgaben erscheint auf dem Bildschirm ein neues Bild mit neuen, spannenderen Aufgaben.
Die Zukunftsvisionen der 90er
Im Dezember 1990 widmete der Monitor der Zukunft der Computerspiele gleich mehrere Seiten und fragte: Zu welcher Spezies gehört ein Computerspieler? Vor allem sind es Kinder und Jugendliche, die ihre Sinnsuche durch Computerspiele befriedigen, wie eine Frankfurter Studie jetzt aufdeckte. Spiele sind aber längst keine Domäne (mehr) von Kindern oder Jugendlichen, die in schwarzen Lederdressen ihre Aggressionen abbauen oder sich in den Spielhallen (des Wiener Prater beispielsweise) im glühenden Wettbewerb vor den Monitoren messen wollen.
Im Jahr 1993 findet sich ein interessanter Bericht zum Amiga CD32: Nach dem Aussteig aus dem PC-Bereich fährt Commodore - volle Kraft voraus - ins Spieleparadies. Mit 32-Bit-Technologie und der weltweiten ersten Spielkonsole auf CD-ROM Basis ist es durchaus angebracht von einer Revolution am Spielemarkt zu sprechen. Der Amiga CD32 konnte damals alle gängigen Formate - Audio-CD, CD-G, CDTV und Amiga CD32 - lesen, dennoch scheiterte Commodore mit seiner Innovation.
Fokussierung auf Interaktivität
"Die Computerspieleindustrie befindet sich auf dem Weg zum Massenmarkt und hat sich als professionelle Branche etabliert. Vor allem durch den Vormarsch der Next Generation Konsolen haben sich Spiele ihren Weg in die Wohnzimmer unserer Gesellschaft gebahnt und werden von einer breiten Masse akzeptiert. Die Zukunft wird eine weitere Fokussierung auf die Interaktivität, die Mobilität sowie den Onlinefähigkeiten der Spiele mit sich bringen und dadurch noch einen stärkeren Einfluss auf unsere Gesellschaft ausüben", so Dr. Niki Laber, Managing Director von Rockstar Vienna, vormals neo Software, im August 2003 über die Zukunft der Branche.
Frühes Netzwerk-Gaming
Beim Durchblättern der alten Monitor-Hefte stach der Artikel "Abenteuer aus dem Briefkasten" ins Auge. Darin ging es um einen gewissen Peter Stevens. Der Gelsenkirchener startete Anfang der 90er mit Postspielen. Die Spieler melden sich per Post zu einem der verschiedenen Spiele an, und geben dabei an, wie sie heißen und welche Rolle sie spielen möchten. Da wird man zu "Bullkav dem Berserker", der neuen Geißel der Galaxies, oder "Herzog Blanchard von Sussex". Sobald bei Spielleiter Stevens 10 bis 15 Anmeldungen für ein Spiel vorliegen, geht es los. Zunächst erhalten alle das Regelheft und die Grundaufstellung. Mit im Umschlag ist ein Antwortbogen, auf dem die Spieler nun ihre Züge eintragen. Knapp zwei Wochen später muss dieser Bogen wieder bei Peter Stevens vorliegen. Die Spielzüge werden von dem Computer ausgewertet und daraus der neue Spielstand errechnet. Dieser wird als Computerausdruck wieder per Post verschickt - zwei Wochen später kommen die nächsten Züge. Vielleicht wäre ja dies - im 21. Jahrhundert - wieder die richtige Antwort auf das hektische Treiben im Arbeitsalltag.




1/2012
8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 