Andreas Roesler-Schmidt
Computer faszinieren mich. Leugnen wäre zwecklos. So begründet Robert Hochner in der zweiten Ausgabe des Monitor (1/84) warum er das Angebot zu einer Kolumne so schnell angenommen hatte. Benchmarks und Mikrosekunden wollte Hochner keine liefern: Alles, was ich versuchen will, ist, Computer ohne das Glanzpapier der Prospekte als das darzustellen, was sie im Grunde sind: Produkte von Menschen mit menschlichen Fehlern.
Natürlich sind selbst Hochners Kommentare nicht völlig frei von Fehlern: Der spätere Apple-Afficinado wundert sich 1984 über das Aufkommen der Computermäuse: Selbst wenn sie das Wundertier gefunden haben, dann bedarf es einiger Übung, um damit den Pfeil zu steuern. Die Leute, die das vorführen, die können das ganz ausgezeichnet, aber haben sie schon je einen Salat so schnell geschnitten wie der, der ihnen den Gurkenhobel vor dem Kaufhaus angedreht hat.
IBM PC versus IBM kompatibler PC war zu dieser Zeit ein wichtiges Thema. Hochner brachte es auf den Punkt: Volle Kompatibilität zu IBM PCs haben nur IBM PCs. Wer anderes behauptet, lügt, oder er hat so viel Geld, dass er sich vor einem Urheberrechtsprozess gegen IBM nicht fürchtet. Das heißt, wer kompatibel sein will, muss so kompatibel sein, dass die meisten IBM Programme das Laufen nicht verlernen und die Anwälte trotzdem arbeitslos bleiben.
IBM war ohnehin nicht gerade Hochners Liebling. Zu der zur Ifabo 87 erschienenen Personal System Reihe attestiert er zwar: IBM's neue PCs sehen so modern aus wie die Clones der großen Konkurrenten. Die Hintergründe aber waren für Hochner offensichtlich: IBM verlässt den klassischen PC Markt. Gemeint ist der Markt des einzelnen Benützers. Die kopiergeschützten Rechner (lizenzpflichtige Microchannel-Architektur) sollen die Marktdominanz der drei Buchstaben im Großrechnerbereich sozusagen nach oben, gemeint ist, auf die einzelnen Arbeitsplätze hinauf, fortsetzen.
Wenige Monate später begeht Hochner - wie er selbst sagt PC-Hochverrat und wird Apple-User. Das mit dem Hochverrat wäre ja noch nicht so schlimm, wenn da nicht die Gefahr der Lächerlichkeit dazukäme. In der Politik und bei Computern soll man offenbar nie das Wort "nie" aussprechen oder schreiben. Doch aus dem schnittstellenarmen Apple wurde plötzlich ein anschlussfreudiger benützerfreundlicher Mac, rechtfertigt Hochner - zu diesem Zeitpunkt wohl gut trainiert im Umgang mit der Maus - seine Untreue. Innovationen analysiert er auch als Mac-User kritisch und pointiert: Über Texterkennungs-Systeme etwa wurde überall versprochen, dass sie Texte lesen können. Das können aber alle diese schönen Kasteln nicht. Alles was sie können, ist, mit hoher oder geringer Präzision Buchstaben wiedererkennen. Freilich findet auch Hochner: Lesemaschinen, die wirklich lesen können, wären fast der Stein der Weisen des Informationsmanagements. Doch auch heute stimmt wohl die Feststellung: Nur leider, lesen können die Maschinen nicht, bestenfalls schnell buchstabieren.
Auf der Ifabo 88 fand Hochner wenig außer einem "Handy": Für manische Telefonierer bisher kleinste C-Netzgerät (es ist so groß wie ein Walkie Talkie) fast Pflicht. Weil Diebstahl ja auch eine Form der Anerkennung ist, werden es die Leute von Alcatel wohl als Kompliment werten, dass ihnen angeblich von den fünf ausgstellten Telefonen gleich drei gestohlen wurden. Bilder gab's auf den Handys damals noch nicht, aber am PC kamen sie auf: Spätestens seit Apple Microsoft wegen Copyrightverletzung geklagt hat, ist klar: Bei der Zukunft der graphischen Benutzeroberfläche geht es um die Zukunft schlechthin und damit zugleich um viel Geld. Eine andere Benützeroberfläche beschäftigt Hochner - nämlich jene der (IBM-)Bankomaten. "Nur mehr 1000er verfügbar - bitte warten" Diese erleuchtenden Worte erscheinen aber erst dann auf dem Display, wenn man schon den Bankomatcode und den gewünschten Betrag eingetippt hat und dann wie vorgeschrieben die grüne Quittierungstaste zweimal gedrückt hat. Und dann darf man, nach kurzer Meditation, einen neuen Betrag (in ganzen Tausendern) eintippen und so weiter.... Warum, verdammt nochmal, kann der Blechkassier nicht gleich zu Beginn sagen, was er noch hat und was nicht. Diese Art des computergesteuerten "Ätsch" lässt vermuten, dass IBM-Mitarbeiter niemals kleinere Beträge als 1000 Schilling abheben. Traurig nur, dass sich dies bis ins Euro-Zeitalter nicht verbessert hat und die Bankomaten (übrigens nicht nur jene von IBM) einen immer noch in den Wahnsinn treiben.
Obwohl Robert Hochner IBM wirklich konsequent kritisierte, man konnte ihm keinesfalls vorwerfen, dass er nicht auch von den "guten Seiten" Big Blue's schrieb. So bemühte er sich wahrlich um OS/2: Das hat nichts mit persönlichem Beleidigtsein zu tun, aber wenn der Support für das gegen Windows klar überlegene Produkt OS/2 auch weiter so aussieht, dann könnte sich wieder einmal bewahrheiten, dass der sich am Markt durchsetzt, der das bessere Marketing hat, und nicht der, der das bessere Produkt anbietet. Also retten wir OS/2 aus den Fängen von IBM, damit wir endlich auch in der PC-Welt ein Betriebssystem haben, das diesen Namen verdient. Denn Windows (auch 3.1) ist halt eine Ferrari Karosserie auf einem Skoda Fahrwerk.
Als plötzlich in beinahe jedem besseren PC ein mathematischer Coprozessor steckte, wunderte sich Hochner - schließlich brachten die nur ein paar Sekunden bei großen Excel-Tabellen, während die grafischen Oberflächen die Systeme ausbremsten. Es wäre doch vielleicht eine Überlegung wert, unsere Hauptprozessoren durch spezielle Grafikcoprozessoren zu entlasten, schien Hochner dementsprechend logischer. Es sollte nicht lange dauern, bis in jedem Rechner Grafikbeschleuniger steckten.




1/2012
8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 