Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Man neigt dazu, an seinem Geburtstag zurückzublicken, und genau das werden auch wir tun. Wir werden aber auch einen Blick in die Zukunft wagen, denn ich kenne keine Branche, in der es in nächster Zeit so spannend wird. Aber, wie das seit neuestem wundervoll abgespeckte Fräulein Donner schon sagte: "Schnall Dich an, Darling, es wird eine verblüffende Reise."
Als mir der Chefredakteur des Monitor - Rüdiger Maier - von der Jubiläumsausgabe erzählte, begann ich über die einschlägige Vergangenheit nachzudenken. Wie war das damals im Jahr 1983, als der erste Monitor herauskam? Ich dachte auch über die über 120 Kolumnen nach, die ich geschrieben hatte, mit viel Hilfe der Leprechauns. Und so setzte ich mich an jenem Abend hin und betrachtete einige Meilensteine der Computerindustrie am Internet. Und plötzlich waren sie da, durch Magie erschienen zwischen den Tasten - meine vertraute Schar der Leprechauns.
Es war Mister Curmudgeon, der mich anklagend fragte: "Ihr wolltet das doch nicht ganz alleine machen, hoffe ich?" Natürlich nicht, sagte ich, aber ich hatte gedacht, ein wenig vor mich hin zu recherchieren. "Nonsense", sagte Mister Curmudgeon - und nach einer lässigen Handbewegung war mein Bildschirm voll mit historischer Information. Wer braucht Google, wenn es Leprechauns gibt?
Da gab es ein Bild von einem langen, flachen Kasten zu sehen, dessen Ecken leicht abgerundet waren und der zwei 5-1/4-Zoll-Laufwerke enthielt. Er war nicht gerade hübsch anzusehen in seiner sandfarbenen und braunen Gestaltung. Ich kannte diesen Kasten gut - ich hatte so ein Ding 1983 verwendet. Es war ein IBM-XT, gepowert durch einen Intel 8088 mit 4,77 Megahertz, 128k RAM (erweiterbar bis 256k), besagte zwei 5.25 Zoll-Diskettenlaufwerke, und eine gewaltige 10-Megabyte-Harddisk. Jede Diskette konnte 360k speichern.
Der sonore Bass von Mister Barrister erklang. "Für 6000 Dollar pro Gerät ist es leicht einzusehen, warum die Idee einer Computerzeitung 1983 abhob. Nicht viele Menschen konnten sich die 6000 Dollar für einen originalen IBM-PC leisten, daher gab es eine unüberschaubare Vielzahl an IBM-Klones. Und die Hersteller brauchten Platz, um sie zu bewerben. Nur der lieben Erinnerung willen: 1983 und Apple, Digital Equipment, Hewlett-Packard, The Black Box, Wang, Texas Instruments, Commodore, Tandy, Franklin Ace, Compaq und Herr Dell, der damals als Schrauber mit der Herstellung von PCs in seinem Studentenheim begann..."
Das beredte Fräulein Splainit ergriff das Wort. "Es gab auch Software zu bewerben. Software und mehr Software. Manche funktionierte gut, die meiste war Dreck - aber so war das damals eben, als der erste Monitor erschien." Sie nahm ihre "Ich weiß alles"-Haltung ein und erklärte mir: "Und Ihr, o Feinschmecker der Rahmapfelkuchen, erinnert Ihr Euch noch an die Textverarbeitung, die Ihr 1983 verwendet habt?"
"The Quick Brown Fox
Sehr gut erinnerte ich mich. Tatsächlich verwendete ich ein Programm namens "The Quick Brown Fox". Und ich verwendete es auf einem Commodore 64, der im Vergleich zum IBM XT wahnsinnig billig war. Mein Commodore kostete mich 495 Dollar. "The Quick Brown Fox" hielt ich für das großartigste Produkt aller Zeiten, denn es sparte mir damals beim Schreiben meiner Geschichten eine Menge Zeit. Das Programm war der Grund für meine Zurückhaltung, 6000 Dollar in einen PC zu investieren, denn der Standard für Textverarbeitung am PC war damals "Word Perfect". Wenn man es aufrief, starrte man auf einen schwarzen Bildschirm, man mußte lernen, die Funktionstasten zu bedienen um WordPerfect zu meistern.
Schließlich siegte aber das Verlangen nach dem Prestige, eine IBM zu besitzen, und, wie viele Leute, kaufte ich mir das teure Gerät. Es war der erste und der letzte IBM-PC, den ich jemals besaß. An WordPerfect gewöhnte ich mich nicht nur, ich begann es zu lieben und liebe es bis heute, obwohl ich seit einiger Zeit auch Word verwende.
Der Rückblick auf den alten XT und die ersten Textverarbeitungen lässt 20 Jahre wie ein Äon aussehen. 1983 kämpfte Apple verbissen um ihren Marktanteil. Plötzlich gab es eine riesige Auswahl an Computern von vielen verschiedenen Herstellern. Nach meinem Wörterbuch ist "Äon" definiert als "Die größte Einheit der geologischen Zeitrechnung; umspannt ein oder zwei Ären." Beim Gedanken an den Fortschritt, der in der Computerindustrie während der letzten 20 Jahre geschehen ist, gab es zwei "Ären", über die der Monitor berichtet hat - und, um auch das zu sagen, waren auch die Leprechauns und ich unter den Berichterstattern.
Die eine Ära war der totale Durchbruch des Personal Computers. 1983 war es, als TIME Magazine den Personal Computer zum "Mann des Jahres" erklärte. Ab da ging alles sehr schnell. In den letzten 20 Jahren stieg die Verkaufszahl für Computer von 3 Millionen im Jahr 1983 auf 140 Millionen im Jahr 2003. Die Gesamtzahl an Computern in Wohnungen und Büros umfasst heute eine halbe Milliarde Geräte - 500 Millionen Einheiten.
Monitor war bei diesem Wachstum mit dabei. Seine Werbeseiten haben alles und alle Marken diverser Produkte gesehen. Und merkwürdigerweise sind die meisten aus dem Jahr 1983 entweder ganz verschwunden oder in anderen Produkten oder Firmen aufgegangen.
Das immer zuverlässige Fräulein Süß schaltete sich in unsere Unterhaltung ein. "Wir haben auch Äonen durchlebt, und auch für den Monitor berichtet. Es ist haarsträubend, was wir in den letzten zehn Jahren alles behandelt haben."
Ihre Worte brachten mich zur Erkenntnis, dass ich etwas für die Leprechauns Irritierendes tun musste, und das im Namen der Fairness. "Kommt alle her", sagte ich also, "ich brauche Eure Hilfe und Kooperation."
Ich atmete tief durch und erklärte: "Nun, ich will von unseren Überlegungen und Erlebnissen der letzten 10 Jahre erzählen. Ich weiß aber, dass hier das große Haarspalten und debattieren losgeht, wenn Ihr alle dabei seid. Also, nur dieses eine Mal: Warum geht Ihr nicht was Feines essen; eine verlockende Zitronentorte vielleicht, und lasst mich in Ruhe auf unsere interessanteren Diskussionen zurückblicken?" Es gab ein kurzes Genörgel und Geseufze, aber ich konnte mich auf das Einsehen der Leprechauns verlassen. Und so verschwanden sie einfach - ganz kooperativ.
Es kann keinen Zweifel darüber geben, was die ganz große Geschichte des letzten 10-Jahres-Äons im Monitor war. Tatsächlich ist es die einzige längere Geschichte, die uns während der letzten 10 Jahre begleitet hat - das phänomenale Wachstum des Internet.
Es ist fast peinlich auf einige der Stories der frühen Jahre zu blicken. Unsere erste Kolumne erschien im Monitor im Mai 1993. Das Hauptthema dieser Story war eine Firma namens Stac Electronics, die gerade einen 125 Millionen Dollar-Prozess gegen Microsoft gewonnen hatte. Stac war einer der frühen Pioniere bei der Kompression von Dateien, um mehr Information auf eine Festplatte zu bekommen. Damals hatte ich eine sehr moderne 40MB-Platte, aber Dank Kompression konnte ich darauf das Äquivalent von 60MB speichern. Das Kompressionsprogramm, das dieses Wunder ermöglichte, hieß Stacker.
Microsoft - wir alle wissen ja, wie sie so ist - ließ sich breitschlagen und unterzeichnete eine Einigung mit Stac, die alle glücklich machte. Schließlich ging Stac Pleite - aber mit dem erwärmenden Bewusstsein, dass sie zu den wenigen gehörte, die jemals einen Prozess gegen Microsoft gewonnen hatte.
Peinlich ist an den frühen Stories die Sprache, die wir verwendeten. Wie viele Leser erinnern sich noch daran, dass das Internet einmal als "Information Super Highway" bezeichnet wurde? Oder wieviele erinnern sich an das Wort "Cyberspace"? Tatsächlich wurden beide Begriffe von den Journalisten jener Epoche sehr häufig verwendet. Der Information Super Highway machte die meisten Probleme, weil es so viele Möglichkeiten gibt, ihn zu orthographieren - Super Highway, Super High Way, Superhighway. Ich glaube, ich habe alle Varianten verwendet. Die Wörterbücher einigten sich schließlich auf Information Superhighway, allerdings war der Begriff dann schon aus der Mode.
"Cyberspace": eine Renaissance?
Cyberspace gehört ebenfalls zu den Verlierern, das Wort starb an Abgedroschenheit durch Journalisten wie mich. Eigentlich ist es aber keine schlechte Bezeichnung, denn es hat eine präzise Bedeutung - "Der Kosmos aller Umgebungen wie dem Internet, in dem Personen unter Vermittlung von vernetzten Computern interagieren. Die besondere Eigenschaft des Cyberspace ist, dass die Kommunikation unabhängig von physischer Distanz bzw. Nähe geschehen kann."
Ich bringe das ins Spiel, weil das Internet in all den Jahren dieser Kolumne immer für eine interessante Story gut war, und sich gerade ein ebenso vielversprechender Aspekt abzeichnet, der die Computerindustrie noch jahrelang weiter beleben wird. WiFi ist nicht mehr der Prototyp, der es einmal war. Es ist hier, robust, ausgereift, und die Leprechauns sind regelrecht besessen davon. Im Augenblick können sie nicht darüber sprechen, aber sie werden, darauf können Sie sich verlassen. Vom Palmtop bis zum Desktop wird WiFi die ganze Industrie von Bug bis Achtern durchbeuteln.
Da das Wort "Cyberspace" sowohl Internet als auch WiFi so treffend bezeichnet sollten wir vielleicht wieder beginnen, es zu verwenden.
Das Internet kam in der einen oder anderen Form in praktisch jeder Kolumne vor. In den seltenen Fällen, in denen wir nicht über das Internet sprachen, redeten wir von Microsoft. Ich war verblüfft, als ich 1995 hörte, die meisten österreichischen Computer-Enthusiasten seien von Microsoft alles andere als begeistert. Das aber durfte keinen Einfluss darauf haben, wie wir über sie "berichterstatteten". Microsoft war damals wie heute wie für die absehbare Zukunft bedeutendes Material für jeden Kolumnisten eines Computermagazins.
Die Leprechauns empfinden wie die meisten Österreicher. Ich persönlich habe nichts für oder gegen Bill Gates und seine Firma. Daher fühlte ich mich oft wie der Reiter auf einem wilden Pferd, wenn die Leprechauns wieder mal hinter Microsoft herwaren. Ich denke, wir haben sowohl Bill Gates als auch Microsoft immer fair behandelt.
Fair sind die Leprechauns nicht immer. Das wurde klar, als wir mit "Zitate, die übersetzt werden müssen" begannen. Ich war erstaunt, wie giftig sie manchmal werden können, speziell gegenüber Microsoft. Zensur fand aber nicht statt, weder durch mich noch durch die beiden Chefredakteure während ihrer jeweiligen Amtsperiode.
Ich begann bei Herausgeber und Verleger Michael Nobbe. Michael war eine dynamische Person mit riesigem Schnauzbart und freundlicher Ausstrahlung. Als meine Frau und ich 1997 Österreich besuchten, waren Michael Nobbe und Peter Wansch für mehrere Tage unsere Reiseführer und Gastgeber. Peter übersetzte diese Kolumne bevor Reinhard Gantar diesen Job übernahm. Peter und ich sind immer noch gute Freunde. Er ist heute in Kanada und arbeitet für IBM. Ich war immer mit guten Übersetzern gesegnet [Anm. d. Ü.: übersetzen Sie mal Lob über sich selbst.], was man nicht zu leicht nehmen sollte, denn der amerikanische Slang, den ich oft verwende, macht es stellenweise kompliziert. Reinhard kann besonders penibel sein; einmal zitierte ich einen deutschen Philosophen und Reinhard fuhr in die [National]bibliothek, um den originalen Text herauszusuchen. Das nenne ich Werktreue.
Anfang 2000 trat mein augenblicklicher Chefredakteur auf den Plan, Rüdiger Maier. Rüdiger und ich hatten sehr ernsthafte Korrespondenz via e-Mail. Ich freue mich schon darauf, ihn bald persönlich zu treffen, habe aber Dank e-Mail das Gefühl, ihn schon ganz gut zu kennen. Obwohl Rüdiger und ich letzten Endes für ein großes und bedeutendes Konglomerat im Zeitungsgeschäft arbeiten, kenne ich keinen einzigen Fall in dem jemand versucht hat, irgendwelche Einwände zu meinen (bzw. der Leprechauns) Texten zu erheben. So etwas rechnen wir Journalisten ihren Verlegern und Herausgebern hoch an.
Von den USA nach Europa
Eines der größten Hindernisse, die sich jeder einzelnen Kolumne in den Weg stellen, ist der Umstand, dass ich mich in den USA befinde. Das wichtigste ist, diesem Detail nicht zu viel Bedeutung beizumessen, denn die Computerindustrie ist so globalisiert und gleichmäßig um den Erdball verteilt, dass Nationalität wenig zur Geschichte beiträgt. Aber ein großes Problem ist es, die USA richtig zu bezeichnen. Ich persönlich mag die Bezeichnung nicht, die hierzulande so üblich ist - amerikanisch. Schließlich gibt es Nordamerika und Südamerika, und wir sind nur eine von vielen Nationen. Im Rückblick auf meine Kolumnen sehe ich, dass meine Vorliebe bei "the states" eingerastet ist [was ich aus Unkenntnis dieser Sachverhalte gedankenlos als "amerikanisch, USA, Vereinigte Staaten von Amerika", etc. wiedergegeben habe. Anm. d. Ü., sorry.]
Oft werde ich gefragt, auf welche Kolumne ich am meisten stolz bin. Und tatsächlich habe ich eine, in der die Leprechauns einmarschieren wie eine Antiterror-Einheit. Es ist die Kolumne vom September 1998, lange vor dem Millenium. Erinnert sich noch jemand an dieses Wort? Wir mussten es wieder und wieder verwenden. Ich schaffte es schießlich, der Rechtschreibprüfung abzugewöhnen, "Millenium" unterwellt zu markieren. Und die Leprechauns räumten schon 1998 mit der Angst vor Y2K auf. Sie sagten einfach: "Follow the money".
Es war der gute alte Mister Curmudgeon, der in jener Kolumne sagte: "Wer sich vor Y2K fürchtet, ist entweder ein Einfaltspinsel und Verschwörungstheoretiker. Hier ist, wie das Y2K-Problem verlaufen wird. Das wichtigste: Wenn der nämliche Computer irgendetwas mit Geld zu tun hat, dann wird er lange vor dem Ablauf der Frist bereit sein. Denn jeder Computer, der mit Geld befa$$t ist, wird bis zum Jahr 2000 ersetzt oder repariert, getestet, nochmal getestet und wieder getestet sein."
Und genau so war es. Eine weitere Frage ist die nach meiner schlimmsten oder peinlichsten Kolumne, in der ich vielleicht etwas ausgelassen habe. Auch sie kann leicht beantwortet werden. Aus irgendeinem Grund hatten die Leprechauns und ich den neuen Namen von Windows 95 verpasst. Man muss dabei im Auge behalten, dass "die Presse" von solchen Dingen erfährt lange bevor sie tatsächlich geschehen. Aber ich war offenbar an jenem Tag krank, und so fuhr ich fort, das Tier "Windows 4.0" zu nennen, und die Kolumne kam heraus, als die ganze Welt schon von der Namensänderung wusste.
Die Leute wollen auch immer wissen, ob es eine Kolumne gab, die besonders schwierig zu schreiben war. Wieder kann ich diese Frage definitiv beantworten. Die schwierigste Kolumne war für mich die vom Oktober 2001. Es war nur wenige Tage nach dem 11. September und dem Terroranschlag auf das World Trade Center. Die Leprechauns liefen damals zur besten Form auf und führten die Unterhaltung zu neuen Technologien, die eines Tages solche Anschläge vermeiden helfen werden. Irgendwie hielten wir das bis zum Ende durch.
Und so, alles in allem, waren es sehr interessante 10 Jahre. Das Internet wuchs von 40 Sites (als ich meinen ersten Mosaic-Browser bekam) zu über drei Milliarden Web-Pages. Wir hatten die Browser-Wars. Wir hatten Microsoft vs. Department of Justice, und umgekehrt. Wir hatten Y2K. Wir hatten den Dotcom-Flop. Wir sahen Netscape mit 15 Dollar pro Aktie an die Börse gehen und den ersten Tag Handel mit 33 Dollar beenden. Heute sind sie wertlos. Wie Bette Davis sagen würde: Es war eine [im besten Sinne] unruhige Fahrt. Aber sie hat auch Spaß gemacht. Alles Gute zum Geburtstag, lieber Monitor - und an alle Leser: vielen Dank fürs Lesen.




7/2011
6/2011
5/2011


Dr. Manfred Wöhrl ist Geschäftsführer der R.I.C.S. EDV-GmbH (Research Institute for Computer Science, www.rics.at), spezialisiert auf Securitychecks und Security-Consulting. 