Andreas Roesler-Schmidt
Womit wir gleich beim Thema sind, denn Kolumnist Mahaney fand es 1995 gar nicht gut, das Rattenfänger Gates jetzt nicht nur Software, sondern auch noch Texte schrieb: Schlussendlich ist er auch in die geheiligten Hallen des Journalismus eingedrungen, um sich als Kolumnist zu versuchen. Dabei hat er gerade in den letzten Wochen erst die Firma Intuit (führender Finanzsoftwareanbieter) aufgekauft, einen Vertrag mit der Chase Manhattan Bank unter Dach und Fach gebracht, um Microsoft und Intuit einen Zugang zum Bankbereich zu verschaffen, weiters hat er einem Projekt zur Entwicklung für elektronisches Shopping in Zusammenarbeit mit Visa International zugestimmt, und er hat eine Vertretung in Hollywood geschaffen, um näher an die Filmbranche heranzukommen. Daneben eine 100 Millionen Dollar Werbekampagne sowie die Ankündigung, CompuServe, AOL Konkurrenz zu machen. Und jetzt auch noch publizistische Gehversuche: Bill Gates schreibt zwei Kolumnen pro Monat, wobei er zwischen der Frage- und Antwort-Form und der reinen Erzählform wechselt - sozusagen die Weisheiten vom Microsoft-Gründer persönlich. Die Kolumnen werden von der höchst angesehen New York Times Verlagsgesellschaft vertrieben, die es geschafft hat, die Abdruckrechte an eine erstaunlich große Anzahl von Zeitungen und Zeitschriften in aller Welt (darunter eben auch der Monitor) zu verkaufen. Bill Gates wird ja für das Schreiben dieser Artikel auch bezahlt, obwohl er sogar zugibt, dass er nur einige Ideen auf sein Diktiergerät spricht, und um den Rest kümmert sich schon die Marketingabteilung.
Monat für Monat schaut Mahaney Gates auf die Finger. Zerpflückt die Ungereimtheiten, interpretiert die hintergründigen Bedeutungen - etwa wenn Gates über Reorganisation von Unternehmen philosophiert. Mahaney weiß, was Gates sagen will - und zwar weniger den Lesern als den eigenen Mitarbeitern: Wenn es dir nicht passt, kannst Du ja gehen. Missverständlich drückt sich Gates ja auch nicht aus: Andere Mitarbeiter sind unflexibel und können nicht über den Horizont ihrer eigenen Interessen sehen. In solchen Fällen ist es durchaus in Ordnung sich von diesen zu trennen. Da fragt sich Mahaney: Welcher andere Firmenvorsitzende hat schon den Vorteil, in einer Kolumne in einem renommierten Massenblatt (Mahaney meint hier natürlich nicht den Monitor sondern die NYT) seinen Angestellten eine Vorlesung zuhalten?
Aber nicht nur die Schriften sondern auch die Taten des Microsoft-Gründers verfolgt Evan Mahaney akribisch genau und kommentiert sie pointiert. Dabei sieht nicht nur Microsoft oft schlecht aus, sondern auch zum Beispiel das US Justice Department. Zu dessen für internationale Multis schonende Vorgehensweise meint er: Das Justice Department spielt nur mit den Muskeln. Während des Verfahrens werden sie versuchen, Bill Gates ärger auszusehen lassen als den schuftigsten Bösewicht in der Geschichte der darstellenden Künste. Die Rhetorik wird so dick aufgetragen sein, dass Gates und seine Bleistiftanspitzer bei Microsoft Dschingis Khan dagegen verblassen lassen. Der Vergleich aber wird dagegen zahnlos sein. Eine sanfte Einschränkung für Gates, und eine, die Microsoft oder irgendeine andere Firma nicht behindern wird. Sogar der Richter, für den ich eher wenig Respekt habe - Thomas Penfield Jackson - wird vernünftig genug sein, die Geschäftswelt nicht unnötig zu reizen.
Evan Mahaney verdankt der Monitor übrigens auch den "Leprechaun Talk". Der seit 1994 (!) die Monitor Leser mit ironischen Kommentaren zur IT-Welt erfreut. Die Leprechauns, das sind irgendwelche außerirdischen Wesen, die in die IT-Zukunft schauen können, aber ganz genau habe ich das eigentlich nie verstanden. Mit ihrer Hilfe jedenfalls beobachtet Evan Mahaney weiterhin kritisch Microsoft, aber auch all die anderen bösen IT-Unternehmen.
Hilfreich beim Verständnis von Presseaussendungen und -konferenzen aller Art sind dabei seine "Phrasen die übersetzt werden müssen". Zum Beispiel: Wir haben viele Angebote und bewerten jedes einzelne nach seinen eigenen Kriterien. Sobald wir sie analysiert und eine Entscheidung getroffen haben, werden wir die entsprechenden Verlautbarungen machen" (Corels CFO John Blain). Übersetzung: "Wir brauchen Geld wie einen Bissen Brot und an der Grenze zur Insolvenz greifen wir nach jedem Strohhalm, der uns retten kann."
Das Geheimnis der Leprechauns
In Anbetracht des 20-Jahr-Jubiläums und nach reiflicher Überlegung hat sich die MONITOR-Redaktion entschlossen, das Geheimnis der Leprechauns zu enthüllen!
Es handelt sich dabei um Abkömmlinge irischer Kobolde, die aus welchen Gründen auch immer, ihre Wohnstätte in Evan Mahaneys Computer aufgeschlagen haben und die ihm die IT-Zukunft orakeln.
Das Wort "leprechaun" leitet sich von der alten irischen Bezeichnung "luchorpan" ab, was soviel wie "kleiner Körper" bedeutet. Leprechauns sind mehr einzelgängerisch, nicht immer freundlich und vertreiben sich die Zeit mit dem Schusterhandwerk (nun, das mit dem Schuhe machen dürfte nicht mehr so ganz stimmen...)




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 