Arno Laxy
Mit einem von Marktbeobachtern längst abgeschriebenen Argument versucht der Internet-Provider Inode der Telekom Austria Kunden abzujagen: Geringere Kosten durch Voice over IP. Nach den letzten Preiserhöhungen des Ex-Monopolisten startete Inode im Juni seine Angebotsoffensive mit deutlich niedrigerer Gesprächs- und Grundgebühr und kostenlosen Gesprächen zwischen VoIP-Kunden. Business-Tarife sollen im Herbst folgen. Mit dem Kostenargument versuchten die Anbieter von Sprache über Internet in den Anfängen der Technologie zu reüssieren, hatten aber angesichts noch unausgereifter Technik und rasch sinkender Preise für die klassische Telefonie nach der Liberalisierung des Telekommunikationsmarkes das Nachsehen.
Heute positionieren Anbieter im Business-Umfeld ihre IP-basierten Kommunikationsprodukte über den Produktivitätsgewinn durch ein Netzwerk für Daten und Sprache, die Integration von Applikationen und die einfache Erweiterbarkeit der Anlage. Längst propagieren sie auch nicht mehr, die neue Anlage eins zu eins gegen die alte auszutauschen, sondern empfehlen eine schrittweise Migration. So könnte die neue Filiale in Graz über VoIP vernetzt und an die weiterhin mit einer klassischen PBX-Telefonanlage ausgestattete Unternehmenszentrale in Wien angeschlossen werden. Erst wenn der Wartungsvertrag für letztere ausläuft oder sie mit der technischen Entwicklung nicht mehr Schritt hält, könnte sie ausgetauscht werden. Für neue Bürogebäude wird weiterhin der ‚revolutionäre' Ansatz vorgeschlagen, da hier ohne Rücksicht auf bestehende Installationen eine IP-Kommunikationslösung installiert werden kann.
Von Voice over IP über IP Telefonie zu konvergenter Kommunikation
In ihrem Bestreben technologische Entwicklungsstufen mit immer neuen Begriffen zu fassen, favorisiert die Industrie derzeit konvergente Kommunikation und IP Telefonie gegenüber Voice over IP. Letztere ist dieser Definition zufolge die erste Stufe in der Entwicklung der IP-basierten Kommunikation, beschreibt aber ‚lediglich' die pure Technologie der paketvermittelten Sprachübermittlung - häufig an proprietäre TK-Anlagen angeschlossen. IP Telefonie als zweite Entwicklungsstufe steht demnach für eine verteilte Client/Server-Umgebung, die mit einer Reihe neuer und an Produktivitätszielen orientierter Anwendungen aufwartet. Sie basiert häufig auf offenen Standardkomponenten, die den parallelen Einsatz von Produkten unterschiedlicher Hersteller erlauben, und einer offenen Entwicklungsumgebung. Außerdem ist hier eine Prioritätssteuerung zwischen Sprach- und Datenpaketen Standard, die für eine hohe Sprachqualität unabdingbar ist. Das Netzwerk muss dafür Quality of Service (QoS)-fähig sein. Konvergente Kommunikation baut auf der IP Telefonie auf und führt alle Kommunikationsanwendungen in einem offenen und herstellerunabhängigen Telefoniemodell zusammen, das als Basis für neue Applikationen dient. Damit sollen Unternehmen auch auf Anwendungsebene alle wichtigen Perspektiven offen stehen, um ihre elektronischen Geschäftsprozesse mit Sprach-/ Daten-Leben zu erfüllen.
In Österreich werden diese konvergenten Technologien trotz aller Skepsis und Zurückhaltung zunehmend ein Thema. In einer Erhebung zum hiesigen Markt fanden die Analysten von IDC heraus, dass derzeit 10 Prozent der Unternehmen bereits konvergente Lösungen im Einsatz haben, weitere zehn Prozent einen Einsatz planen und für 31 Prozent Konvergenz prinzipiell ein Thema ist. Weltweit erwartet IDC ein Umsatzwachstum für IP Telefonie-Ausstattung von 1,846 Milliarden US-Dollar auf 15,142 Milliarden US-Dollar im Jahr 2007. Diese auf den ersten Blick optimistische Prognose stützt sich sicherlich auf die Beobachtung, dass gerade die in den USA großen Anbieter von Telekommunikationsanlagen wie Avaya ihre Bestandskunden offensiv mit IP-Equipment ausstatten und andere wie Cisco mit enormen Werbekampagnen das Feld für IP Telefonie bereiten. Wie weit in mittelständisch geprägten Ländern wie Österreich die Firmen bereit sind, verstärkt in die Technologie zu investieren, hängt maßgeblich von den Preisen und der Überzeugungskraft der angebotenen Dienste ab. Nur mit wirklich guten Begründungen und schlüssigen ROI-Berechnungen werden Firmen davon überzeugt werden, dass sich die höheren Anfangsinvestitionen in einem überschaubaren Zeitrahmen amortisieren und dass der Nutzen für Unternehmen (Personaleinsparungen) und Mitarbeiter (produktiveres Arbeiten und besserer Zugriff auf wichtige Informationen) die mit der Umstellung verbundene Mühe wert ist.
IP Telefonie - mit Bedacht migrieren
Hat sich ein Unternehmen grundsätzlich für IP Telefonie entschieden, sollte es die Implementierung genau planen. Ein Unternehmen, das heute neu startet, dürfte eine IP-Kommunikationslösung installieren. In diesem Fall steht eine IP-PBX im Zentrum der Sprachkommunikation. Dabei sollte aber beachtet werden, dass die Kommunikationslösung so geschlossen und ausschließlich auf IP basierend nicht sein sollte, da die meisten Unternehmen noch in der "alten" TK-Welt verharren, sei es nur, um das analoge Fax im Lager oder ein analoges Telefon weiter zu nutzen. Auf jeden Fall sollte das neue System in der Lage sein, "die alte Welt" zu integrieren. Zudem muss der Amtsanschluss an das öffentliche Netz bzw. bis zum Serviceprovider, natürlich vorhanden sein. Denn außerhalb der Unternehmenskommunikation - und hier vielleicht genutzter Datenverbindungen - wird die Kommunikationswelt noch vom Telefonanbieter miteinander verbunden, während die Übersetzung in das im Unternehmen genutzte IP Protokoll ein Gateway übernimmt.
n. Das funktioniert aber nur, wenn der Hersteller in seinen Systemen - Access-Systeme und/oder TK-Anlagen - beispielsweise die vollständige H.323-Gateway-Funktionalität bzw. um zukunftssicher zu sein, das neue SIP-Protokoll installiert hat. H.323 und SIP sind Standards für die Übertragung von Multimediadaten in Local Area Networks.
Für die Interaktion zwischen IP-Sprachanwendungen und ISDN-Telefonie benötigen Unternehmen zusätzlich einen Gatekeeper, der innerhalb des Access-Systems oder der TK-Anlage oder als externe Einheit installiert sein kann. Der Gatekeeper hat zwei wesentliche Aufgaben bei der Vermittlung von Anrufen: Er setzt die symbolischen Kurznamen (Aliase) der Endgeräte in IP Adressen um und verwaltet außerdem die im Netz zur Verfügung stehenden Bandbreiten. Damit kann das Unternehmen progressiv Sprachanwendungen in die IP-Welt überführen, weil der Wechsel in diesem Fall nicht auf Kosten der Interaktion zwischen beiden Sprachwelten geht. Via Gatekeeper lassen sich auch Anwendungen wie Internet-fähiges Call Center, Unified Messaging und CRM anschließen, ohne dabei den Kommunikationskontakt zur bestehenden ISDN-Telefonie zu verlieren.
Für die optimale Qualität der Sprachübertragung sollte es auf jeden Fall die oben erwähnte Prioritätssteuerung zwischen Sprach- und Datenpaketen geben. Eine qualitativ hochwertige Übertragung von Sprache über IP sollte eine Netzwerk-Verzögerung von weniger als 50 Millisekunden (ms) mit einem maximalen Jitter (unterschiedlich lange Paketlaufzeiten) von 20ms nicht überschreiten. Damit diese Parameter erfüllt werden können, muss ein Quality of Service (QOS)- fähiges Netzwerk eingesetzt werden. Ist das lokale Netzwerk derart konfiguriert, bieten Voice over IP-Anlagen eine optimale Sprachqualität.
Fazit
IP Telefonie wartet auch im Jahr 2003 auf den Durchbruch. Die Produkte der Anbieter sind mittlerweile zwar für den harten Business-Einsatz geeignet, doch die Investitionszurückhaltung und weiter bestehende Skepsis erschweren es den Anbietern ihre Lösungen in größeren Mengen abzusetzen. Nichtsdestotrotz könnten mit dem Anziehen der Konjunktur Unternehmen aufgeschobene Investitionen tätigen wollen und dabei gleich auf die einhellig als Kommunikationstechnologie der Zukunft erkannte IP Telefonie umsteigen.




1/2012
8/2011
7/2011


Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 