Matthias Frenzl
Im derzeitigen Mobilfunk Umfeld wird in verschiedene Klassen von Betreibern unterteilt. Da gibt es zum Beispiel die klassischen Mobilfunkbetreiber, welche eine Lizenz für die Nutzungsrechte eines bestimmten Frequenzbereiches zur Nutzung eines bestimmten Dienstes, beispielsweise GSM, TETRA, UMTS halten. Da dieses Frequenzspektrum physikalisch aber auch durch andere Dienste eingeschränkt wird, ist es je nach geographischen Lage und Größe des Landes nur einer bestimmten Anzahl von Unternehmen möglich, ein Mobilfunknetz aufzubauen. Außerdem wollen diese etablierten Betreiber natürlich ihre bisherigen Investitionen in die technische Infrastruktur schützen, und verteidigen den Markt vor neu eintretenden Newcomern, durch das Installieren von Markteintrittsbarrieren.
Das Marktpotential eines Marktes ist natürlich durch die Bevölkerungsanzahl begrenzt, und die Betreiber müssen sich klar von einander in der Marke, Image und in den angebotenen Produkte, Services und Qualität unterscheiden. Die ersten Betreiber haben natürlich einen klaren Wettbewerbsvorteil, alle nachkommenden müssen sich entweder mit dem Rest der potentiellen Kunden zu frieden geben, über den Preis argumentieren, was oft die Erträge schmälert oder eben in einer profitablen Nische "Erster" sein.
Oder sie schaffen überhaupt einen vollkommen neuen Markt, wie es derzeit Master-Talk mit der TETRA Technologie vorzeigt, und Hutchison 3G (Drei) mit dem Ziel erster "Multimedia Betreiber" zu sein. Gerade Hutchison 3G versucht mit dieser Strategie, sich nicht einem direkten Vergleich mit dem Wettbewerb auszusetzen, sondern sich bewusst - durch die Suggestion es handle sich um etwas vollkommen Neues - zu differenzieren.
UMTS-Lizenznehmer in Österreich, die kein bestehendes GSM-Netz vorweisen können, haben die Herausforderung zu meistern, entweder ihre Kunden über das (anfänglich nur Ballungsgebiete und Autobahnen abdeckende) UTRAN (UMTS Funknetz) telefonieren zu lassen oder sich den Zugang zu einem bestehenden Netz eines etablierten Mobilfunkunternehmens zu sichern. Der Vorteil ist nach der Spieltheorie klar eine dominante Strategie; der GSM-Netz Provider (HostOperator) erhöht die Auslastung der eigenen Ressourcen (Funknetz, Corenetwork), welche oft schon größtenteils bilanzmäßig abgeschrieben wurden, kann somit den eigenen UMTS-Aufbau mitfinanzieren, anderseits, wenn man den Mitbewerb nicht verhindern kann, dann kann man wenigstens an dessen Kunden noch kräftig verdienen. Um der Wahrheit die Ehre zu geben, erhöht letztlich der Hostoperator indirekt seine Kundenanzahl, da angenommen werden darf, dass die neu gewonnen Kunden zum großen Teil von den übrigen Marktteilnehmern abgeworben werden.
Der Mobile Virtual Network Operator (MVNO)
Welche Möglichkeiten bieten sich nun neu eintretenden Unternehmen? In diesem Fall werden mehrere Arten von Geschäftsmodellen unterschieden.
Die Königsklasse ist natürlich, ein eigenes Netz zu betreiben. Die erste Abstufung ist die eines Mobile Virtual Network Operator, kurz MVNO. Dieser besitzt sämtliche Vermittlungstechnischen Anlagen, wie eine Vermittlungsstelle (MobileSwitchingCenter), HomelLocationRegister (HLR, zur Verwaltung der Teilnehmer), Intelligent Network (IN, für beispielsweise PrePaid-, VPN-, Mehrwertnummern-Dienste) und durch die Tatsache des HLRs eigene SIM-Karten, mit eigenen Mobile Network Code. Die einzige Leistung die unbedingt von Außen benötigt wird ist der Zugang zum Funknetz (GERAN).
Hierbei vermietet ein Hostoperator Kapazitäten des Funknetzes, während der MVNO einen bestimmten Absatz garantiert, unabhängig ob die zukünftigen Kunden die zugekauften Kapazitäten (Gesprächsminuten) auch nutzen. Dies wird allgemein in einem National Roaming Vertrag vereinbart, der im wesentlichen den gesamten Leistungsaustausch festhält.
Aufgrund der Notwendigkeit kosteneffektiv zu wirtschaften, wird jedes Unternehmen versuchen, möglichst viele Elemente nicht selbst anzuschaffen oder zu betreiben. Hierbei bietet sich generell einmal der technische Betrieb (Operation), der Vertrieb, Finanzbuchhaltung, Lohnverrechnung an. Abhängig von der internationalen Beteiligungstruktur könnte auch beinahe das gesamte Corenetwork und die IT-Infrastruktur bis auf die Vermittlungstelle zentral im Ausland bei Schwester- oder Mutter-Unternehmen betrieben werden. Es müssten nur die Kosten der Leitungsgebühren, bzw. der Kosten des ausgelagerten Betriebs mit den Anschaffungs- und den lokalen Betriebkosten verglichen werden.
National Roaming
Wie funktioniert nun National Roaming? Tatsächlich tritt der gleiche Fall ein als würde man im Ausland mit einem anderen Mobilfunkbetreiber roamen. Man bucht sich in das Netz ein (Location Update), und es erscheint das Netz des RoamingPartners am Display des Handsets. Da dies technisch auch im Inland möglich ist, wird von den inländischen Netzbetreibern der Zugang zu den Netzen des Mitbewerbs gesperrt. Kunden sollen gefälligst über das eigene Netz telefonieren, auch wenn die Abdeckung oder die temporäre Verkehrsüberlastung dies oft nicht zulässt. In Deutschland hat Viag Interkom einen Vertrag mit der Deutschen Telekom bezüglich National Raoming in unterversorgten Gebieten.
Ein MVNO schließt ein Abkommen mit einem Funknetzbetreiber, und die MVNO-Kunden dürfen das Netz des Partners verwenden. Das Branding-Problem hat selbstverständlich das MVNO-Unternehmen, da auf den Displays immer der National Roaming Partner, auch Host Operator genannt, aufscheint.
Ein weitere Herausforderung ist, die Nationalroaming-Kosten, welche im National Roaming Agreement vereinbart werden, wieder zu verdienen. Der Preis pro Minute, welchen der GSM-Partner in Rechnung stellt, steht natürlich in Korrelation zu den nicht getätigten Investitionen und laufenden Kosten in das eingesparte Funknetz des MVNOs. Weiters nimmt der MVNOperator durch das nichtvorhandene Funknetz teilweise nur eingeschränkt am Interconnection-Kreislauf-Spiel teil.
Roaming Broker Service
Ein weiterer Nachteil des MVNO Szenarios ist, dass man sich in einer schlechten Verhandlungsposition befindet, sofern man keiner internationale Tochter eines Mobilfunkkonzerns angehört, da man bei internationalen Roaming Verhandlungen, kein eigenes Funknetz für die Kunden des Roamingpartners anbieten kann. Es entgehen dadurch auch wertvolle Roaminggebühren (Incoming Roamingfees).
Falls man sich nun in der glücklichen Lage befindet, dass man einen internationalen Partner hat, könnte dieser einen Roaming Broker Service aufsetzen. Dieser Service ermöglicht die Nutzung der Roaming-Vereinbarungen des Partners, indem auf der MVNO-SIM-Karte eine kleine Zusatz-Applikation (JAVA) implementiert wird. Im Prinzip wird dann im Roamingfall der ausländischen Netzbetreiber getäuscht, da die MVNO-SIM-Karte eine zweite internationale Teilnehmerkennung (IMSI - die vom internationalen Partner) besitzt, welche nur im Ausland funktioniert. Der MVNO-Kunde meldet sich daher mit der Teilnehmerkennung des internationalen Partners im ausländischen Netz an. Dies passiert immer dann, wenn das Einbuchen über die eigene IMSI nicht funktioniert (Aufgrund fehlender Roaming-Verträge). Dann probiert die JAVA-Applikation es mit der zweiten IMSI. Nachteil: dieser Fall könnte auch bei Unterversorgung im Heimatland passieren, muss daher berücksichtigt werden.
Ein großer Vorteil ist, dass man relativ schnell auf eine Vielzahl von Roamingverträgen zugreifen und diese gleich den eigenen Kunden anbieten kann, wodurch man einen Wettbewerbsnachteil egalisiert hat. Parallel kann man dazu in Ruhe bilaterale Roamingabkommen verhandeln, und somit die Kosten des RoamingBrokerServices laufend minimieren.
Das SIM-Karten Problem
Größtes Problem in dieser Variante ist wie bei jedem Auslandroaming auch, dass das Funknetz des HostOperators mit dem eigenen Mobile Network Code identifiziert, weshalb auch auf den Endgeräten des MVNO Betreibers immer das Logo bzw. der Netzname des Hostoperators erscheint. Umgehen kann man diese Tatsache entweder mit den Trick, eines individuellen OperatorLogos ab Werk (funktioniert nicht bei allen Endgeräten in der gewünschten Weise) oder durch das Roaming Flag in der SIM-Karte. Das hätte zur Folge, dass auch im ausländischen Roaming Fall immer der MVNO-Betreiber am Display erscheint, und man nie weiß in welchen Netz man gerade roamt (Gebühren). Erschwerend kommt noch hinzu, dass die verschieden Handset-Hersteller es mit der ETSI-Standardisierung oft nicht so genau nehmen und jeder Terminal-Typ (oft auch vom gleichen Hersteller) sich anders verhält.
Mit der SIM-Toolkit Spezifikation und deren Zusatzfunktion "Display Text in Idle Mode" könnte man Abhilfe schaffen, aber die Bedingung ist, dass die Hersteller sich auch an den internationalen Standard halten. Eine Funktion im Electrical Profile der SIM-Karte nennt sich Service Provider Name. In diesem Feld wäre es möglich, den MVNO Namen einzutragen. Aber auch in diesem Fall reagieren die Handsets unterschiedlich. Manche zeigen es überhaupt nicht an, wieder andere zeigen beide an: Hostoperator und Service Provider Name. In der Realitiät kann man die Tatsache an bestimmten Mobilkom A1 Karten feststellen, wo im Feld des ServiceProviderName "SIM Plus" erscheint.
Welche Netzelemente benötigt nun ein MVNO als Mindestkonfiguration? Technisch gesehen nur eine Vermittlungstelle (Gateway MSC) im Inland. Das restliche Equipment könnte, falls sich die Leitungskosten rechnen, im Ausland bei Partner- oder Schwester- Unternehmen ausgelagert werden.
Es stellt sich hier die Frage, ob es betriebswirtschaftlich auch tatsächlich Sinn ergibt, sämtliche Netzelemente selbst zu kaufen und auch das Operation nicht aus der Hand zu geben. Es liegt in der Natur des MVNO, so wenig als möglich in die Infrastruktur zu investieren, und die laufenden Kosten gering wie möglich zu halten, da das erwartende Kundenvolumen anfangs, je nach Geschäftsmodell, kaufmännisch vorsichtig berechnet wird.
Der Enhanced Service Provider
Eine weitere Abstufung zum Mobile Network Operator stellt das Enhanced Service Provider Modell dar. Ein ESP versucht, die Investitionen in möglichst viele Netzwerkelemente nicht zu tätigen, und letztlich nur die unbedingt notwendigen Teile, die zum Kernbereich des Unternehmens zählen aufzubauen und zu betreiben.
Bei diesem Geschäftsmodell gibt es kein eigenes HLR, dadurch auch keine eigenen SIM-Karten mehr. Die Abhängigkeit zum Host Operator wird größer. Tatsächlich findet man sich in einer beinahe reinen Reseller-Struktur wieder, aber mit eigenen Tarifen und Produkten die eine notwendige Differenzierung zu den übrigen Markteilnehmern erlauben.
Der Service Provider
Hutchison Telekom und Debitel in Deutschland sind Beispiele, die traditionell nur als erweiterter Vertriebskanal für die etablierten Mobilfunkbetreiber dienen. Aufgrund der regulativen Bestimmungen in Österreich, betreibt auch Tele2 gemeinsam mit dem Mobilfunkunternehmen Connect Austria (ONE) dieses Modell in ähnlicher Form.
Conclusio
Die unterschiedlichen Geschäftsmodelle zeigen, wie man oligopolistische Marktstrukturen, trotz einiger technischer (SIM-Karte, Roaming) , finanzieller (Interconnection-Fees) und regulative Herausforderungen, unterwandern, und damit erfolgreich sein kann, wie es in den skandinavischen und angelsächsischen Raum von Tele2 und Virgin bereits bewiesen wurde. Zuletzt profitieren alle Marktteilnehmer vom gesteigerten Wettbewerb, da dieser immer zu Höchstleistungen und Innovation führt, am meisten natürlich der Kunde.
Glossar
MVNO - Mobile Virtual Network
Operator
ESP - Enhanced Service
Provider
MSC - Mobile Switching
Center
HLR - HomeLocationRegister
IMSI - InternationalMobileSubscriptionInformation
UTRAN - UMTS Terrestrial
Radio Acces Network
GERAN - GSM/GPRS/EDGE
Radio Access Network
ETSI - Europäisches
Standardisierungsinstitut
SIM - Subscriber Identification
Module



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8/2011
7/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 