Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Die Stimme war ohne leisesten Zweifel als die meiner liebsten Leprechaun erkennbar - Fräulein Donner, Feministin von Weltniveau. Ich blickte auf meine Tastatur, aber da waren keine Leprechauns. Für einen Besuch erscheinen sie normaler Weise zwischen den Tasten, aber im Augenblick waren sie nicht zu sehen. Ich blickte mich im Zimmer um, negativ. Schließlich wurde ich gnädig über den Aufenthaltsort der Leprechauns eingeweiht. "Packt Euer Mobiltelephon aus und legt es auf den Tisch", sagte Fräulein Donners Stimme.
Ich klappte also mein Telephon aus, placierte es am Schreibtisch und sofort quollen aus jeder Ritze Leprechauns hervor. Sie grinsten verschwörerisch und freuten sich offensichtlich, mich beim Versteckspiel wieder mal zum Narren gehalten zu haben. Ich ahnte aber, dass etwas weit Ernsteres im Busch war als bloß harmlose Neckereien.
Fräulein Donner fuhr fort. "Wie gefällt Euch Euer Handy?" wollte sie wissen. Bevor ich antworten konnte, erhielt ich die Anweisung: "Könnt Ihr eine Liste der Leistungsmerkmale machen, über die Euer Handy verfügt? Ihr habt es doch gerade erst gekauft, O Kenner der Technology und des Schnickschnacks, aber wisst Ihr auch, was drin ist?"
Das war eine triviale Frage für mich. Das ganze Wochenende lang hatte ich mich mit dem neuen Gerät beschäftigt, das Handbuch studiert und im Großen und Ganzen meine Freude an dem umfangreichen Feature-Set gehabt. "Well, es ist nicht nur ein Handy", erklärte ich also. "Das Ding hat eine eingebaute Kamera und kann ganz brauchbare Photos machen. Nicht, dass man damit einen Preis bei einem Wettbewerb gewinnen würde, aber für Schnappschüsse ist die Qualität ganz passabel. Ein MP3-Spieler ist auch eingebaut, ich kann also Musik downloaden und anhören - ebenfalls in erstaunlich guter Qualität."
"Der Klingelton ist völlig neuartig, und ich kann ihn jederzeit austauschen, wenn ich das will. Heute verwende ich zum Beispiel das Motiv vom rosaroten Panther." Ich stupste Fräulein Donner mit dem kleinen Finger. "Worauf wollt Ihr hinaus?" fragte ich. "Was hat das mit unserer Vorausschau zu tun? Warum interessiert Euch mein Handy?"
Fräulein Donner schenkte mir einen dieser Blicke. "Vertraut mir", sagte sie, "sonst müssen wir leider Eure Luftzufuhr abschneiden. Erzählt uns und Euren Lesern doch noch etwas mehr über Euer Handy."
Und so kam ich der Aufforderung nach: "Das Handy verfügt über eine konstrastreiche Farbanzeige, eine graphische Benutzerschnittstelle, und sogar einen Joystick. Die Farbanzeige wird auch als Sucher für die Kamera verwendet. Die Auflösung beträgt 640 x 480 Pixel, und man kann die Bilder in einer Art Photoalbum organisieren. Das Handy hat erstaunlich viel Speicherplatz - 3.6 MB dynamisches RAM für Bilder, Telephonbuch, Kalender, Messages und Add-on Applications. Es ist ein Nokia mit Infrarot-Schnittstelle, Bluetooth, Phone-to-Phone und Phone-to-PC Connectivity. Ich kann nicht nur Bilder und Graphiken, sondern auch elektronische Visitenkarten übermitteln. Am wichtigsten: Ich kann fünf verschiedene Computerspiele spielen, und in Zukunft wird es wohl viele, viele mehr geben. Aja, und telephonieren kann man auch verdammt gut mit dem Ding."
Fräulein Donner blickte mit herablassender Amüsiertheit. "Nun, O Feinschmecker des Streuselkuchens, seht Euch einmal Euren Computer im Tower-Gehäuse an und auch Euer Festnetz-Telephon, und sagt mir, was Ihr seht." Ihr Gesichtsausdruck in jenem Moment hätte es verdient, mit meinem Kameratelephon festgehalten zu werden. Langsam dämmerte mir, worauf Fräulein Donner und die anderen Leprechauns hinauswollten.
Sie fuhr fort. "Ihr erkennt nun den Unterschied beim Verkaufen all dieser Geräte. Bei Eurem Handy gibt es Gimmicks, Features, Schnick und Schnack - was Marketing-Leute gemeinhin als Sex Appeal bezeichnen. Euer Festnetzapparat hat keine neuen Features erhalten seit 1983 die Kurzwahl eingeführt wurde."
Fräulein Donner wurde sarkastisch und zeigte auf den kieselgrauen Computer unter meinem Schreibtisch. "Und seht Euch dieses Monstrum an. Es wartet nur darauf, am Schrottplatz zu landen. Und Euer Telephon an der Wand ist überhaupt die älteste Antiquität. Wann habt Ihr das gekauft? 1984? Hier ist die Pointe der Geschichte: Ihr könnt dieses Ding im Geschäft um die Ecke immer noch kaufen."
Fräulein Donner war ganz schön in Fahrt. Es war zwecklos, Einwände zu erheben oder zu versuchen, auch etwas zu sagen. "Weder Euer Computer noch Euer Festnetztelephon haben Sex Appeal. Computer Tower sind heute so fad, dass die Hersteller begonnen haben, Neonröhren einzubauen, die durch Glasfenster grün leuchten, wenn der Computer in Betrieb ist. Soll das sexy sein?"
Endlich machte sie eine Pause, um Luft zu holen, was Herrn Scathe Gelegenheit gab, auch etwas zu sagen. Er ist der einzige der Leprechauns, der Fräulein Donners Sarkasmus gleichkommt. "Der traurige Teil, mein liebes Fräulein Donner, ist, dass die Neonröhren und greulichen Farben sich verkaufen wie die warmen Semmeln. Die Gamer kaufen solche Dinger. Sie stehen drauf. Das aber unterstreicht wie veraltet Festnetztelephone und Computer sind. Gamers müssen zu diesen Verzierungen greifen, um irgendwie neu und anders zu sein."
Von dieser Seite hatte ich es noch gar nicht betrachtet, aber die Leprechauns hatten natürlich Recht. Was würde in naher Zukunft geschehen? In meine Gedanken platzte Mister Mature: "Wir können Euch genau sagen, was in naher Zukunft geschehen wird." Dieses Lesen meiner Gedanken durch die Leprechauns verdross mich wieder einmal, aber ich sagte nichts. Mister Mature fuhr fort: "Sehr bald werden Euer Computer, Euer Festnetztelephon, Euer PDA, Eure Videokamera, Euer Photoapparat und viele andere Geräte in einem einzigen Instrument zusammenwachsen. Es wird klein und vielseitig sein. Und Ihr Menschen werdet zusammenhocken und Euch über die ‚gute alte Zeit' unterhalten, als Computer hässlich waren und Telephone noch hässlicher. ‚Gebaut wie ein Moskwitsch' ist, glaube ich, die Redewendung dafür."
Und mit diesem Schnipsel an Philosophie verschwanden die Leprechauns einfach, und wie immer ließen sie die Zitate zurück, die übersetzt werden müssen.
Zitate, die übersetzt werden müssen
Das Zitat: "Der Rückgang bei Fertigungsjobs war die größte Überraschung in der Erhebung, da die AeA so einen steilen Abfall nicht erwartet hat. Der Telekom-Sektor kränkelt weiterhin, betroffen sind fast alle Aspekte der drahtlosen oder klassischen Telephonie."
Die Umstände: William Archey, Präsident und CEO der AeA (American Electronics Association) in Washington, D.C., spricht über seine neueste Job-Statistik.
Die Übersetzung: Hallo? Was? Die AeA ist überrascht, dass Telekom-Jobs den Bach runtergehen? All die Schlagzeilen und Arbeitslosen in der Branche blieben bisher unbemerkt? Hallo?
Das Zitat: "Egal, welche Vorsichtsmaßnahmen man ergreift, Spam bekommt man immer."
Die Umstände: Rob Courtney vom Center for Democracy and Technology spricht als Policy Analyst über Spam als Krebsgeschwür. Es breitet sich immer weiter aus.
Die Übersetzung: Leider kann man gegen Spam wenig tun. Spam-Blocker, Sorgfalt bei der Herausgabe von e-Mail-Adressen Spam passiert. Damit müssen wir wohl leben.
Das Zitat: "Wir wollen es den sieben Millionen Windows-Entwicklern leicht machen Applikationen zu bauen und Services für den gerade entstehenden Wireless Data-Markt zu kreieren. Wir bieten vertraute, aber spezialisierte Tools. Es ist eine aufregende Zeit für Mobile Application-Entwickler und -Industrie. Es gibt sagenhafte Chancen."
Die Umstände: Microsoft's Executive Chief Honcho of the Universe Bill Gates spricht zu seinem Publikum auf der Microsoft Mobility Developer Conference.
Die Übersetzung: Wir wollen, dass Ihr ein paar wirklich klasse Mobility- und Hardware-Produkte entwickelt, damit wir weiterhin sieben Millionen Dollar pro Tag verdienen können.
Das Zitat: "Es sagt eine Menge guter Dinge über Bob Brown, dass er die Dinge in dieser Weise handhabt."
Die Umstände: Kommentar von Roger Enrico, dem Direktor von Electronic Data Systems - nachdem vier firmenexterne Direktoren anregten, Brown solle zurücktreten. Einige argumentierten mit "offenen Fragen bei den Bilanzierungspraktiken".
Die Übersetzung: Wir denken, Deine Bücher sind Makulatur und dass es eine gute Zeit ist, um zu gehen, während wir jemand suchen der weniger Dreck am Stecken hat und EDS aus diesem Schlamassel wieder herausziehen kann.
Das Zitat: "Technology ist unser stärkster Verbündeter beim Verhindern, dass Terroristen Massenvernichtungsmittel über die Grenze schmuggeln können. Es ist Technologie, die es uns gestattet, den Transport von Menschen und Gütern aufrechtzuerhalten und gleichzeitig das Auffinden von Massenvernichtungsmitteln ermöglicht."
Die Umstände: Robert C. Bonner, Sektionsleiter der amerikanischen Zollwacht, die Teil des neuen Homeland Security Department ist. Er diskutierte die Zukunft der Security in den Vereinigten Staaten.
Die Übersetzung: Kreuzt die Finger und bringt neue, gute Scanninggeräte und Detektoren.




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Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. 