Andreas Roesler-Schmidt
Langsam aber sicher verabschiedet sich die Mobilfunkbranche von den einstigen Träumereien über Killerapplikationen. Realismus stellt sich ein: Es wird wohl eine Reihe kleinerer, nützlicher und kommerziell verwertbarer Anwendungen an die Stelle der großen "Killeranwendung" treten. Innovativen Start-Ups wird bei der Entwicklung dieser Anwendungen auf die Sprünge geholfen.
Um innovative Jungunternehmen mit Ideen für das Mobile Business zu fördern, hat Siemens vor zwei Jahren "Siemens Mobile Acceleration", kurz "smac" ins Leben gerufen. Im November 2002 wurde in Wien die neunte Repräsentanz weltweit eröffnet. Diese soll nun auch österreichische Unternehmensgründer mit innovativen Geschäftsideen beim Eintritt in den Mobilfunkmarkt unterstützen: Dazu bietet Smac Finanzmittel von bis zu einer Million Euro gegen eine entsprechende Minderheitsbeteiligung. Siemens Österreich unterstützt die vom Smac geförderten Unternehmen mit technischem Know-how sowie Marketing- und Vertriebskanälen. "In dieser Initiative erhalten Jungunternehmer lokale Betreuung mit Zugang zu einem weltweiten Innovationsnetzwerk", meint Franz Geiger, Vorstandsdirektor der Siemens AG Österreich. Neben Österreich betreibt das Smac Niederlassungen in China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Irland, Italien und Schweden.
Das Feedback seit November ist groß: "Wir haben bereits über 300 Einsendungen erhalten", erzählt Gerhard Stappen vom Smac. "Rund 80 davon enthielten konkrete Ideen." Die eingesendeten Ideen werden vom Smac in einem ersten Screening gemeinsam mit dem Mobilfunkbereich von Siemens Österreich ausgewertet. Ist Marktpotential erkennbar, beginnt ein weiterer Evaluierungsprozess. Ein zweites Screening findet in der Smac-Zentrale in München statt. Hier müssen die Bewerber bereits Details zu ihren Projekten präsentieren.
Weltweit haben bisher acht Start-Ups der kritischen Prüfung standgehalten. Siemens förderte sie mit Finanzmittel zwischen 300.000 und 1,5 Millionen Euro und hält Minderheitsbeteiligungen. "Unser Anteil an den Unternehmen beträgt maximal 40 Prozent", sagt Stappen. "Wir wollen keine Tochterfirmen einkaufen, die unter Siemens-Logo arbeiten." Man sieht sich mehr als Inkubator denn als Investor: Daher umfasst die Förderung neben der Finanzierung auch allerlei Services: "Wir kümmern uns wenn nötig auch um die Infrastruktur und sorgen für Büroräume und die Ausstattung." Siemens Mobile Acceleration kümmert sich auch um Rechts- und Steuerfragen, berät in Human Ressources-Angelegenheiten, stellt die Buchhaltung und bietet Coaching und Networking. "Wenn die Unternehmen das benötigen, können sie auch das weltweite Vertriebsnetz von Siemens nützen. Für kleine Unternehmen ist das ein sehr großer Vorteil."
Mobile Ideen
Unter den Konzepten, die man sich im Smac näher angeschaut hat, finden sich einige Vorschläge mit eher technologieorientierten Lösungen: "Wenn es bereits einen Prototyp oder eine fertige Lösung gibt, ist das für Siemens interessant," meint Stappen. Ein Unternehmen hat einen Server für MMS-Lösungen eingereicht, der speziell für Businesskunden gedacht ist. Unternehmen können damit MMS-Meldungen an ihre Mitarbeiter senden. "Eine Versicherung könnte so Rich Content Informationen an ihre Außendienstler verteilen."
Auf den Namen "PhonePages" hört ein bereits gefördertes Projekt: Dieser am Markt bereits erhältliche Server verknüpft Telefonnummern mit Web-Content. Wer mit einem Mobiltelefon der dritten Generation die Rufnummer eines Unternehmens wählt, bekommt automatisch Web-Content auf das Handy-Display. "So könnte zum Beispiel eine Bank ihren Anrufern die Wartezeit verkürzen, in dem sie über aktuelle Produkte informiert", nennt Stappen Anwendungsmöglichkeiten. Da die Rufnummer bekannt ist, kann der übertragene Content auch zielgruppenspezifisch auf den Anrufer zugeschnitten werden. Ein skandinavischer Mobilfunkbetreiber hat die Anwendung bereits gekauft.
Zahlreiche Einreichungen drehen sich um Content-Plattformen für mobile Endgeräte. So zum Beispiel ein Personal Fitness Trainer. Der Anwender kann seine Fitness-Daten zentral auf einem Server verwalten und mit einem PDA synchronisieren. Nach dem Joggen kann der User seine aktuellen Puls-Werte und ähnliches direkt am PDA erfassen. Auf Basis dieser Informationen erhält er dann nach dem Abgleichen mit dem Server entsprechende Beratung.
Ein Server für Taxifunk-Meldungen soll es vor allem kleineren Taxi-Unternehmungen ermöglichen, ohne teuren Telefonzentralen auszukommen. Vom Handy aus gehen die Bestellungen an den Server, der die Taxifahrten direkt an mobile Endgeräte in den Taxis verteilt.
Projekte aus Österreich wurden bisher noch nicht umgesetzt. Von den 300 Einreichungen haben es aber 11 bis in die Zentrale nach München geschafft, wo sie derzeit noch in der zweiten Auswertungsrunde sind. Dennoch ermutigt Smac-CEO Dietrich Ulmer potentielle Kandidaten: "Wir hoffen, dass gerade in Österreich viele junge Unternehmer nützliche und gefragte Anwendungen in der mobilen Datenübertragung erkennen und sich mit ihrer Geschäftsidee an uns wenden."
Die Kriterien
Grundvoraussetzung zur Förderung ist, dass die Projekte wirklich mit Mobile Business zu tun haben", mahnt Stappen Interessenten. "Wir hatten sogar eine Einreichung von einem Künstler, der sein Werk fördern lassen wollte. Auf die Frage, was es mit Mobile Business zu tun hat, antwortete er: Man kann das Bild mitnehmen." Das Projekt muss über einen erkennbaren Kundennutzen verfügen und innovativ sein - ein Produkt, das lediglich aus einem anderen Land kopiert wird, hat keine Chance auf Förderung. Von Vorteil ist es, wenn das Unternehmen bereits am Markt existiert und auch das Management schon vollständig ist. Hier kann aber auch das Smac Hilfestellung leisten. Die Projekte müssen ein Geschäftsmodell enthalten. "Die gute Idee alleine reicht nicht, es muss auch ein Konzept da sein, sie zu Geld zu machen." Das Smac fördert Unternehmen beim Markteintritt, nicht aber zur Expandierung.
"Mit dem Fokus auf das Mobile Business bei der Förderung stehen wir alleine da.", ist Stappen stolz. "Österreich ist für Venture Capital-Firmen zu klein, um sich zu spezialisieren. Bei Siemens können wir das machen, weil das smac weltweit agiert."
Gänzlich neu ist die Förderung
von Unternehmen mit Ideen für mobile Anwendungen bei Siemens Österreich übrigens
nicht: Gemeinsam mit dem Inkubator march.fifteen und T-Mobile (zu Beginn noch
als max.mobil) hat Siemens im vergangen Jahr den T-Mobile Future Award ins Leben
gerufen. Bewerber aus Schule und Universität waren ebenso wie Jungunternehmer
dazu aufgerufen, ihre Ideen für Mobilfunkanwendungen in den Bereichen Anwendungen
für Privatkunden und Anwendungen für Businesskunden vorzustellen. Die Förderung
in dem Wettbewerb war freilich nicht so umfassend wie die Betreuung durch das
smac. Immerhin konnten die Gewinner der Hauptpreise je 10.000 Euro einstreifen.
Im Consumer-Bereich hat das Team "Topical" mit der Umsetzung eines über das
Mobilfunknetz nutzbaren Babyphones mit Videoübertragung gewonnen. Im Business-Bereich
konnte das Team "F&E" mit einer mobilen Business-Plattform für Außendienstmitarbeiter
punkten. Inklusive einiger Anerkennungspreise an weitere kreative Ideen unter
den 33 Einsendungen, etwa für ein Geisterfahrerwarnsystem, förderte T-Mobile
die Ideenträger mit insgesamt 30.000 Euro. An eine Fortsetzung des Future Awards
ist bei T-Mobile gedacht. "Allerdings wird der Wettbewerb nicht mehr dieselbe
Form haben", erzählt T-Mobile Pressesprecherin Martina Zowak. "Wahrscheinlich
hätten wir sonst dieselben Bewerber mit denselben Applikationen noch mal." An
den Details der zukünftigen des T-Mobile Future Awards wird derzeit gerade getüftelt.
http://www.smac.siemens.de




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8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 