Miglena Dinkova und Christian Henner-Fehr
Die russische Wirtschaft hat seit dem Zerfall der Sowjetunion eine äußerst schwierige Phase durchgemacht. Die letzten zehn Jahre waren gekennzeichnet durch den Niedergang wichtiger Industrien, hohe Arbeitslosigkeit und eine dahinstolpernde landwirtschaftliche Produktion. Zwar schwächte sich der Anstieg des BIP 2001 etwas ab, aber die guten Zahlen der beiden Vorjahre beruhten vor allem auf den hohen Ölpreisen, der Abwertung des Rubels und Reallohnsenkungen.
Im letzten Jahr hingegen war es die Inlandsnachfrage, die der russischen Wirtschaft steigende Umsatzzahlen bescherte. Die Inflationsrate ging von 20,2 % im Jahre 2000 auf 18,6 % zurück. In Russland waren die Wirtschaftsdaten zuletzt gemischt, der ansteigenden Industrieproduktion standen rückläufige ausländische Direktinvestitionen gegenüber. Zwar soll die Wirtschaft dieses Jahr zwischen 3,5 und 4 % wachsen, aber damit lässt sich die Kluft zum Westen in überschaubarer Zeit nicht überwinden. Gefragt ist vor allem eine höhere Investitionsbereitschaft und eine konstant steigende Wachstumsrate bei der Industrieproduktion, um die Unternehmen konkurrenzfähiger zu machen. 2001 war ein gutes Jahr für den österreichischen Handel mit Russland. Die österreichischen Exporte sind um 30 % gestiegen und haben damit den höchsten Stand seit 10 Jahren erreicht.
Der russische Markt scheint für ausländische Firmen zunehmend interessant zu werden. So haben russische Firmen und Behörden beispielsweise letztes Jahr für die Einführung von Informationssystemen rund eine Mrd. USD ausgegeben. Nicht nur Großkonzerne und Behörden, sondern auch mittlere und kleine Unternehmen treten immer häufiger als Auftraggeber auf. Nach dem für die meisten ausländischen Investoren katastrophalen Jahr 2000 ging es anschließend wieder steil bergauf. Aber die Konkurrenz ist größer geworden. Mit allen Mitteln versucht man Kunden zu halten, schließlich ist die Akquirierung neuer Kunden viel teurer und aufwendiger.
Kampf um jeden Kunden
"2001 ist der früher - aufgeteilte - Markt für Systeminvestoren ein wahres Schlachtfeld geworden", so Tagir Japparow, Präsident des Telekommunikationsunternehmens IT. "Um jeden einzelnen Kunden wird erbittert gerungen. Firmen, die früher nur einen Großkunden hatten, versuchen sich auf dem Markt zu positionieren und stellen für ausländische Unternehmen eine ernstzunehmende Konkurrenz dar."
Zu den fünf Großen des russischen Marktes für Systemintegration gehören lt. EDS Research und der Investmentbank Brunswick UBS Warburg: IBS, IT, Lanit, TopsBI und Sterling Group. Aber sie kontrollieren nur rund 20% des Marktes. Eine Vielzahl von Aufträgen wird in militärisch oder strategisch sensiblen Bereichen vergeben. Für ausländische Unternehmen ist es hier fast unmöglich, ein Bein in die Türe zu bekommen.
In anderen Bereichen hingegen kann die einheimische Konkurrenz "in Schach" gehalten werden. So ist beispielsweise SAP Marktführer im Bereich der Systemintegration und -verwaltung. Gemeinsam mit BAAN haben die Verantwortlichen über einige Jahre hinweg den Markt bearbeitet und Vertrauen aufgebaut. Mehr und mehr ausländische Firmen drängen mittlerweile auf den russischen Markt. Im März 2001 hat die amerikanische Firma Frontstep eine Vertretung in Russland aufgemacht. Navision verfügt durch die Übernahmen zweier russischer Unternehmen über ein eigenes Distributorennetz. Immer öfter stehen sich einheimische und ausländische Unternehmen als Konkurrenten gegenüber. So haben sich z.B. um die Ausschreibung einer Erdölholding unlängst SAP und zwei große russische Unternehmen beworben.
Russische Computerspezialisten würden mittlerweile hochqualitative Softwareprodukte entwickeln und seien damit den westlichen Firmen zumindest ebenbürtig, meinte der stellvertretende Telekommunikations-Minister Andrej Korotkow Ende Juni auf einer Internet-Pressekonferenz in Moskau. Auch im Hardwarebereich können russische Hersteller inzwischen mit den ausländischen Anbietern mithalten. "Die Branche entwickelt sich rasant, und nichts kann ihren Aufstieg derzeit stören", glaubt auch der Vizepräsident der Internet-Suchmaschine Rambler, Iwan Sassurskij.
Auf dem Weg in die Informationsgesellschaft?
Ist Russland also schon auf dem Weg in die Informationsgesellschaft? Keineswegs. Die so genannten Informationstechnologien haben laut "Moscow Times" lediglich einen Anteil von 1,16 % am BIP des traditionellen Rohstofflieferanten Russland. Korotkow kritisiert, dass es immer noch Lücken in der Gesetzgebung gebe, die einen Durchbruch der Internet-Industrie verhinderten. "E-Mails an die Behörden gelten immer noch als anonyme Schreiben, die nicht beantwortet werden dürfen", ärgert er sich über altmodische Vorschriften. Mit dem Regierungsprogramm "Elektronisches Russland" soll aber der Weg in die IT-Gesellschaft geebnet werden. Die Ziele lesen sich utopisch für das Riesenland, das bisher für seine lahme Bürokratie bekannt ist: Mit dem Manifest "Elektronisches Russland" sollen diese Barrieren bis zum Jahr 2010 fallen. Umgerechnet gut 2,5 Mrd. Euro Haushaltsmittel sind für die Umsetzung eingeplant. Softwareschmieden, Computerhersteller, Netzprovider und Internetdesigner werden bis 2010 einen Anteil von zwei Prozent an der gesamten Wirtschaftsleistung Russlands haben, hoffen die Initiatoren des Programms. Schon in drei Jahren will Russland für zwei Milliarden Dollar russische IT-Produkte exportieren.
Bei den Internetdienstleistungen ist der Markt heute noch leicht überschaubar. Nach Angaben des Telekom-Ministeriums lag der Umsatz im Vorjahr gerade einmal bei 150 bis 220 Millionen Dollar. Selbst Rambler.ru - eine der meistbesuchten Internetseiten in Russland - verdient immer noch kein Geld damit. "Meine Freunde verkaufen im Internet ihre wissenschaftlichen Referate an amerikanische Studenten. Nur das lohnt sich", meint Rambler-Vizepräsident Sassurskij.
Allein aber die Tatsache, dass das Weltwirtschaftsforum in hochkarätiger internationaler Besetzung Ende Oktober 2001 erstmals in Moskau tagte, zeigt das weltweit wachsende Interesse und vorsichtig aufkeimendes Vertrauen in Russland. Ein Engagement in Russland verlangt aber nach wie vor erheblichen unternehmerischen Wagemut. Viel wird davon abhängen, ob es der russischen Regierung gelingt, die geplanten Wirtschaftsreformen erfolgreich umzusetzen und so für eine weitere Belebung des Marktes zu sorgen.
Russische Staatsbahnen setzen auf Aphona-Produkte
Erst seit Beginn des Jahres gibt es das Kommunikationsentwicklungs-Unternehmen Aphona, aber schon nach kurzer Zeit konnte das junge Team um die beiden Geschäftsführer Karl Jansch und Peter Haas einen ersten großen Erfolg verbuchen.Mit den Russischen Staatsbahnen entschied sich der weltweit größte staatliche Eisenbahnbetrieb für den Ankauf von Aphona-Systemen zur integrierten Sprach- und Datenkommunikation. Solche Erfolge auf den Exportmärkten seien für den Unternehmenserfolg sehr wichtig, erläutert Peter Haas, denn der Standort Wien habe für Produktentwickler einen entscheidenden Nachteil. "Der österreichische Markt ist zu klein, um ein Produkt finanzieren zu können." Auf diese Weise werden seiner Meinung nach die heimischen Unternehmen schon früh dazu erzogen, in fremde Märkte zu gehen. Haas und die mittlerweile 35 Mitarbeiter setzen dabei auf Partner vor Ort, die viel eher dazu in der Lage seien, ein Vertrauensverhältnis zu den Kunden zu entwickeln. Eine Kundenbeziehung aufzubauen sei vor allem in den osteuropäischen Ländern nicht so einfach, erzählt Haas und fügt hinzu, dass sie dann aber auch besser halte als beispielsweise in Deutschland, wo der Augenblick viel mehr zähle.
Als Ausgliederung aus dem Kapsch-Geschäftsbereich PCN-Kommunikationstechnik hervorgegangen, kann die in Wien angesiedelte Firma weiter auf eine enge Zusammenarbeit mit dem Mutterkonzern setzen, hält Kapsch doch weiter 40% an seiner Tochter. Auch die Raiffeisen-Tochter Syscom, die die restlichen 60% besitzt, ist ein starker Partner im Hintergrund. Über die Kapsch TrafficCom wurde der Kontakt zur russischen Bahngesellschaft hergestellt. "Wir konnten ein maßgeschneidertes Produkt anbieten, für das der Kunde ansonsten drei verschiedene Produkte hätte kaufen müssen", verweist Haas auf die Technologieführerschaft seines Unternehmens, die dem Unternehmen eine rosige Zukunft verheißt. So wird das Netzwerk kontinuierlich ausgebaut und Ausschau nach weiteren interessanten Partnern gehalten. "Wir suchen uns den Partner, der da ein Problem hat, wo wir eine Lösung anbieten können", beschreibt Haas die Vorgehensweise und führt als Beispiel die Zusammenarbeit mit der deutschen Datus AG an. Aus einer solchen Win-win-Situation heraus lassen sich dann die Produkte entwickeln, die die Kunden auch wirklich brauchen.
Nachdem die Technologie eine hochkomplizierte ist, legt Peter Haas Wert auf ein konservatives User-Interface. "Die Technik muss den User nicht interessieren, aber nutzen muss er sie können." Mit der bisherigen Entwicklung des Unternehmens ist Haas sehr zufrieden. "Wir bewegen mit 35 Mann sehr viel", ist er davon überzeugt, dass sich sein Unternehmen auf der Erfolgsspur befindet. So wird der Auftrag der russischen Eisenbahn wohl nicht der letzte große Auftrag für das österreichische Unternehmen gewesen sein.
Kontakte und Informationsquellen: Russische Föderation
Außenwirtschaft Österreich
(Wirtschaftskammer Österreich)
http://www.wko.at/awo -
Tel: 01/50105 4322, 4323 - Mag. Franz Dorn
Außenhandelsstelle Russland: moskau@wko.at
Weiter Informationsquellen im Internet:
- http://www.itar-tass.com Größte staatliche Nachrichtenagentur Russlands
- http://www.worldbank.org/data/countrydata/aag/rus_aag.pdf Russlandswirtschaft auf einen Blick
- http://www.interfax-news.com Aktuelle Nachrichten und Berichte aus Russland
- http://www.edc.ru Marktanalysen im IT-Bereich
- http://www.rtsnet.ru Russisches Handelssystem, Information zu Emittenten und zum aktuellen Handelsverlauf
- http://www.hhs.se/site/ret/ret.htm Russian Economic Trends: Statistiken und Analysen zur russischen Wirtschaft
- http://www.rmg.ru Nachrichten sowie Wochen- und Monatsberichte zur russische Wirtschaft und den Finanzmärkten
Fakten und Zahlen: Russland
Fläche:
17 Mio. qm
Bevölkerung:
144,0 Mio. (Stand 01.01.2002)
Städte: St.
Petersburg (5,5. Mio.), Nowosibirsk (1,4 Mio.), Wolgograd (1 Mio.)
Hauptstadt:
Moskau (zwischen 9-12 Mio. Einwohner)
Staatsform:
Föderale Präsidialrepublik
Unabhängigkeit:
12.06.1991
Landessprache:
Russisch
Währung: Rubel
Wachstumsrate BIP:
2001 (2000): 5% (9%)
Inflationsrate:
2001 (2000): 18,6% (20,2%)
Arbeitslosenrate:
2001 (2000): 8,7% (10,4%)
Export: 2001
(2000): -3,8% (39,5%)
Import: 2001
(2000): 19,8% (13,5%)




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 