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Moniskop

Evan Mahaneys Leprechauns

Bill Gates - der neue Richard M. Stallman?

Ich hatte absichtlich nichts anderes im Kopf als die Schar meiner kleinen Freunde. Manchmal kann ich die Leprechauns durch angestrengtes Denken an sie an meiner Tastatur heraufbeschwören, manchmal auch nicht. Es war an einem Donnerstag, als ich so krampfhaft an meine Freunde dachte, wie es nur ging; in der Hoffnung, dass sie sich bei mir einfinden würden. Es funktionierte nicht, unser Treffen fand erst vier Tage später, am Montag, statt.

Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar

Als erstes begrüßte mich Mister Pompous, der trotz (oder wegen?) seiner aufgeplusterten Art in der Vergangenheit eine lange Reihe äußerst stichhaltiger Prognosen geliefert hatte. "Ihr wolltet Euch nach Betriebssystemen für Computer mit Intel-CPUs erkundigen?" fragte er mich, "Ihr fragtet Euch wie die amerikanische Richterin Colleen Kollar-Kotelly vorgehen würde und was Microsoft gegen Open Source-Software im Schilde führt."

Ich werde jedesmal zornig, wenn die Leprechauns meine Gedanken lesen. Sie beantworten Fragen, die mich beschäftigen, die ich ihnen aber offiziell noch gar nicht gestellt hatte. In diesem Fall war die Frage vier Tage alt, und ich versuchte zu erraten, was wäre, wenn Richterin Kollar-Kotelly Gates nur ein wenig Spielraum im Verfahren gegen ihn gibt. Die klagenden amerikanischen Bundesstaates wollen härtere Bedingungen für einen Vergleich mit Microsoft; das Monopol-Drama will einfach kein Ende nehmen. Davon abgesehen hatte ich keine Ahnung, was Präsident Nixon mit der ganzen Sache zu tun hätte.

Mister Pompous lächelte ein wenig spöttisch und erklärte uns: "Was ich glaube, was passieren wird, O Feinschmecker der Schwarzwald-Törtchen, ist, dass Microsoft der Strategie von Präsident Nixon folgen wird, die er 1972 beim Ausspielen der China-Karte gezeigt hat. Ob diese Strategie funktioniert hat, wird noch heute diskutiert. In Hinblick darauf, dass die Strategie von Vietnam ablenkte und Nixons Position für ein Weilchen länger zementierte, ging die Rechnung aber eindeutig auf. Die Dramatik der Geste machte, dass es so gut funktionierte."

Mister Pompous imitierte dann mit verstellter Stimme und parodistischer Überhöhung den Nachrichtensprecher Roger Mudd: "Am 21. Februar 1972, um 10 Uhr 30, stieg Präsident Richard M. Nixon von Air Force One herab, um seine Hand Premierminister Chou En-lai entgegenzustrecken, um einen der historisch bedeutsamsten Handschläge in der Geschichte der Diplomatie einzuleiten."

"Okayokay!", rief ich, "Jetzt bin ich völlig verwirrt. Kommt zur Sache. Worum geht es hier?"

Meine liebste weibliche Leprechaunin kam, um mich zu erretten. Fräulein Donners laute Stimme wird ihrer Sensibilität nicht immer gerecht, aber in jenem Augenblick zeigte sie ihren typischen Takt und Feingefühl: "Lasst unsere unreifen Freunden ihren Spass an Eurer Verwirrung, Sie sind einer Aufregung nicht wert. Worauf Mister Pompous anspielt, ist Bill Gates' Möglichkeit, eine China-Karte auszuspielen, etwas so dramatisches und verblüffendes, dass jeder zunächst überrascht wäre und sein ramponiertes Image wieder für einige Zeit lang ausbügeln könnte. Obwohl, das muss man sagen, Mister Gates beim Aufbau und Erhalten seines Image eine glänzende Leistung gezeigt hat."

Frau Spalthar, die sich für gewöhnlich nur einschaltet, wenn es i-Punkte zu reiten oder Haare zu spalten gibt, wies mich darauf hin, dass "Microsoft eines tun könnte, und zwar sofort, was zu ihren Gewinnen, Marktposition, Umsatz oder dergleichen nichts beitragen, was aber auf die Mehrheit der Menschen einen hervorragenden Eindruck machen würde. Und dieses eine ist..." Frau Spalthar schien auf Fanfaren oder einen Tusch zu warten, fuhr aber nach ein paar Herzschlägen ohne fort: "...den Quellcode für Windows zu veröffentlichen, für alle Windows - Win95, Windows XP, alle. Einfach aufs Internet stellen. Das ist Microsofts China-Karte."

Dieser Vorschlag haute mich um. Microsoft hat immer hart dafür gearbeitet, dass ihr Quellcode geheim bleibt. "Herz und Seele von Microsoft" nennen sie ihn bei der Firma. Sie haben Schlachten vor Gericht gefochten, enorme Summen gezahlt, um Reverse-Engineering-Versuche zu unterbinden und in der Öffentlichkeit nie einen Zweifel darüber gelassen, dass sie nie und nimmer "proprietäre" Information öffentlich zirkulieren lassen würden. Wie konnten die Leprechauns nur auf eine solche Idee kommen? Die Frage wurde augenblicklich von Mister Scathe beantwortet, der immer wie der sprichwörtliche Sarkasmus-Onkel klingt, der in den meisten größeren Familien vorkommt.

"Das ist doch Quatsch," sagte Mister Scathe. "Das wäre vielleicht in den ersten Tagen von Windows eine gute Strategie gewesen, in den 80ern. Vielleicht noch in der Windows98-Epoche. Seither haben wir aber viel über 'Open Code' gelernt. Linux und Unix sollten eine Lektion und Mahnung für alle sein. Da Linux am besten für seinen öffentlichen Quellcode bekannt ist, und die Möchtegern-Genies, die behaupten, ihn auch zu verwenden am lautesten und lästigsten dafür trommeln, sollten wir Unix und Linux als abschreckendes Beispiel nehmen.

"Linux gibt es nun schon seit geraumer Zeit. Aber stellt Euch selbst die Frage: Gibt es auch nur ein halbwegs populäres Linux-System? Kann ein Linux mit einem auf der anderen Seite des Erdballs kompatibel sein? Es gibt Hunderte von Linuxes, und es ist erstaunlich, wie viele davon nicht mit anderen Linux-Systemen kommunizieren können. Die technischen Elite-Techies haben überall feine Veränderungen eingewoben, hier etwas weggenommen, dort etwas hinzugefügt - die totale Anarchie."

Fräulein Donner meldete sich. "Mister Scathe praktiziert, wie immer, sein Hyperbole. Nur ein Körnchen Wahrheit ist in dem, was er sagt. Wir sind ganz sicher, dass Richterin Colleen Kollar-Kotelly Microsoft dazu zwingen wird, ihren Quellcode zu veröffentlichen. Wenn sie das tut, wird Microsoft darauf aber vorbereitet sein. Wenn sie das nicht tut, wird Bill Gates innerhalb eines Jahres den Quellcode trotzdem veröffentlichen. Es wird wie bei Nixon sein - eine dramatische, aber mehr symbolische Geste."

Sie grinste in Richtung des schmollenden Mister Scathe und fuhr fort. "Was Ihr näher betrachten müsst, O Liebhaber der Karottenfrüchteküchlein, sind zwei Dinge. Zum einen erwirkte Mister Nixon viel Publicity mit seiner Inszenierung. Zum anderen wurde er als weitblickender Denker bejubelt. Plötzlich stand er wieder gut da. Die Beziehungen zwischen den USA und China verbesserten sich überhaupt nicht. Überhaupt änderte sich gar nichts, abgesehen von einigen Höflichkeitsbesuchen und Geschenkartikel, die zwischen den beiden Nationen getauscht wurden. Viele Jahre lang geschah nichts weiter Substantielles.

"Offene Systeme sind zum zentralen Vorzeigesymbol vieler freier Denker am Internet geworden, und zwar, seit es das Internet gibt. Die Erfahrung mit diesen offenen Systemen hat aber gezeigt, dass die Entwickler diese offenen Systeme verwenden, um total proprietäre Systeme zu erzeugen. Sun und HP, zwei große Namen im Computer- und Software- Geschäft, machten keinen geringen Wirbel um die Veröffentlichung ihrer jeweiligen Unices. Tatsächlich erinnere ich mich an den Aufmacher dieser Geschichte vom Juli 2001 (Leprechauns verfügen über ein schier unglaubliches photographisches Gedächtnis).

Der Aufmacher lautete: 'Sun und Hewlett-Packard verlautbarten heute unabhängig voneinander, dass sie ihre in Entwicklung befindlichen Systeme nach dem Open Source-Modell öffentlich zugänglich machen würden. Dadurch würde es mehr Support und Kollaboration geben.'"

Fräulein Donner setzte ihren Vortrag fort. "Well, wenn man Suns System verwendet, kann man sich nicht gut mit jemandem austauschen, der HP verwendet, und umgekehrt. Zu viel Schnickschnack wurde in die 'offenen' Systeme eingebaut, so dass jedes proprietär wurde. Dasselbe würde passieren, wenn Microsoft ihren Quellcode herausgibt. Es würde zunächst jede Menge Aktivität geben, aber nach einem Jahr oder so wäre jeder wieder bei Microsoft anstelle eines Drittanbieters, der angeblich weniger kostet. Wir Leprechauns sind sogar der Ansicht, dass niemand auf Microsofts System aufbauen und für weniger verkaufen könnte als Microsoft selbst."

Niemand erhob Einwände. Als ich mich umsah, waren die Leprechauns verschwunden, so plötzlich, wie sie gekommen waren. Auf meinem Monitor fand ich die Zitate, die übersetzt werden mussten.


Zitate die übersetzt werden müssen

Das Zitat: Beim augenblicklichen wirtschaftlichen Klima ist es klar, dass man, um die Aussichten von PeoplePC voll nutzen zu können, zu einem Teil einer größeren Organisation werden muss.

Die Umstände: Nick Grouf, PeoplePCs Präsident und CEO, verlautbart den Kauf von PeoplePC durch Earthlink für 10 Millionen Dollar.

Die Übersetzung: Wir hatten finanzielle Probleme und mussten die Firma verkaufen.


Das Zitat: Unser Name - Monday - ist genau, was wir für unser neues Business brauchen: ein richtiges Wort, global, erkennbar und sehr passend für eine Firma, die hart arbeitet, um Resultate zu liefern.

Die Umstände: Greg Brenneman, Präsident und CEO von PwC verkündet den neuen Namen der Consulting-Firma PricewaterhouseCoopers. Neuer Name: Monday.

Die Übersetzung: Wir müssen uns von der Finanzberaterfirma PricewaterhouseCooper distanzieren. Enron und Arthur Andersen haben dieses Gewässer so besudelt, wir sollten nicht gleichzeitig die Bücher frisieren und Consulting machen. Diese Brücke schlagen wir natürlich trotzdem - am Montag.


Das Zitat: Es ist sehr gut für die Kategorie. Andere kommen in die Kategorie, das erzeugt Wettbewerb, ist also gut. So wie bei Bankomaten vor einer Dekade oder so; mehr Mitspieler kommen, die Akzeptanz bei den Konsumenten steigt.

Die Umstände: Kodak-Sprecher Charlie Smith kommentiert Sonys große Verlautbarung, dass sie mit Kodak in Wettbewerb treten und in Einkaufszentren Kioske für Do-It-Yourself-Vergrößerungen, Nachdrucke und dergleichen anbieten wird. Der Markt wurde lange Zeit von Eastman Kodak Co. dominiert.

Die Übersetzung: Wir hoffen, dass sie auf die Fresse fallen, aber wir lächeln überlegen und werden alles tun, damit Sony in unserer Sandkiste ein untergeordneter Mitspieler bleibt. Oder so.


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Dr. Christine Wahlmüller

Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. ..mehr..

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