Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
"Welche Laus ist denn Euch über die Leber gelaufen?" wollte ich von ihnen wissen. Diese Frage hätte ich mir sparen können, hätte ich auch nur eine Nanosekunde lang Scharfsinn investiert. Im allgemeinen treten die Leprechauns ruhig und sachlich auf; wenn sie zu einem Diskussionspunkt unterschiedlicher Ansicht sind, so werden sie lebhaft, zanken aber nicht aufdringlich. Eine Ausnahme davon gibt es allerdings, und die ist das Thema Microsoft und der Anti-Kartellprozess der amerikanischen Regierung. Die eine Hälfte der Leprechauns denkt wie Bill Gates, die andere wie Scott McNealy. Ich spitzte also die Ohren:
Mr. Leicitis begann zu sprechen: "Die Anti-Microsoft-Trommler haben so selbstsüchtige und überzogene Forderungen, ich würde wirklich keine Aktien dieser Firmen besitzen wollen. Michael Mace von Palm, Inc., zum Beispiel, erklärte dem Richter, es sei ‚lebenswichtig' für die zukünftige Interoperabilität zwischen Palm und Windows garantieren zu können. In anderen Worten: Er verlangt, dass Windows an den Palm angepasst werden sollte. Anthony Fama, ein Berater für Gateway Computers, ermuntert die Regierung zu diskutierten Maßnahmen durch den Hinweis, sie seien notwendig, um eine Diskriminierung von Computerherstellern zu verhindern, die Microsoft nicht unterstützen wollen. Microsoft hat versprochen, in Zukunft nicht mehr so strenge Auflagen zu machen wie in der Vergangenheit. Die Computerhersteller dürfen beliebige Links und Programme von Drittherstellern zusammen mit Windows verkaufen. Was die Anwälte der einzelnen Bundesstaaten und die Hardware- und Softwarehersteller aber tatsächlich fordern, sind verbindliche Einschränkungen von Windows und wesentlich geringere Kosten. Am liebsten wäre ihnen natürlich der Windows-Quellcode und eine gulliverisch gefesselte Microsoft und Microsoftsche Innovation. Jede Firma mit solchen Forderungen offenbart damit, dass sie sich der Konkurrenz zu Microsoft-Produkten wegen Ermangelung innovativer Ideen nicht gewachsen fühlt. Sie brauchen die Unterstützung der Regierung, um es am Markt zu schaffen."
Fräulein Donner war anderer Meinung: "Kompletter Humbung, Mr. Leicitis. Was alle diese Firmen wissen, ist, wie Microsoft operiert. Sie nennen sie den 800 Pfund schweren Gorilla, und das mit gutem Grund. Microsoft ist ein 800-Pfund-Gorilla. Um ihre monopolistischen Praktiken zu stoppen, müssen strenge und streng überwachte Regeln her. Die Regierung aber, die will es Microsoft sehr leicht machen. Viele Bundesstaaten wollen einfach faireren Wettbewerb und ein entsprechendes Regelwerk."
In ähnlicher Weise gingen die Wortgefechte weiter, immer so hin und her und her und hin. Es war vielleicht ein Vorgeschmack auf den August 2002, wenn Microsoft und ihre Gegner sich wieder einmal vor Gericht versammeln würden, dieses Mal vor einem neuen Richter. Der neue Richter hat einen scharfen Verstand und ist eine Richterin. Sie steht einer Seilschaft von "gstandenen" Mannsbildern gegenüber, die in abfälligen sexistischen Kommentaren erklären, sie seien Richterin Colleen Kollar-Kotelly gar nicht sexistisch gesonnen oder abfällig geneigt. Um sie brauchen wir uns aber keine Sorgen zu machen, Richterin Colleen weiß sehr gut mit ihren Gegnern umzugehen.
Als ich so den Leprechauns lauschte, ihren Argumenten, die hin und her und wieder zurück gingen, bemerkte ich plötzlich, dass mir allmählich der Respekt vor der amerikanischen Geschäftswelt verlorenging. Mehr und mehr erschien sie mir als weinerlicher Kindergarten; rückgratlose, selbstsüchtige, und prinzipienlose Heulsusen, die keine Gelegenheit versäumen, die Regierung um Hilfe und Zuckerln anzuraunzen. Zu dieser Erkenntnis gekommen, war die Konversation der Leprechauns auf einen Schlag verebbt, und alle starrten mich an. Es war die gelehrte und wunderbare Frau Lieblich, die mir den Vorfall erklärte: "Wir wissen, was Ihr denkt, O Liebhaber der riesig-schokoladigen Frühstücksflocken. Und Ihr werdet vielleicht erstaunt sein zu vernehmen, dass wir alle - sogar Fräulein Donner - mit Euch in diesem Punkt einer Meinung sind." Die Leprechauns machen so etwas öfter, und ich vergesse genauso öfter, dass das Aussprechen meiner Gedanken eine bloße Formalität, eine überflüssige Angewohnheit ist. Die Leprechauns können meine Gedanken lesen, noch bevor sie mir selbst zu Bewusstsein gekommen sind. Nach all den Jahren überrascht es mich noch immer.
Der urbane, etwas zugeknöpfte aber brillante Mr Snyde vergewisserte sich, dass er meine Gedanken richtig gelesen hatte: "Ihr seid nicht nur nicht einer Meinung mit den gegen Microsoft prozessierenden Firmen, Ihr wundert Euch auch über den Regen an Geschenken und Zugeständnissen, den man im Augenblick im Kongress beobachten kann, habe ich recht?"
Mr. Snyde hatte recht. Nach den Terroranschlägen vom 11. September stellten sich alle nur erdenklichen Branchen und Industrien an den Futtertrögen in Washington an; wie weiße Ferkelchen um ihre Maisration. Sogar die Bison Burger-Leute waren darunter. Begonnen hat das mit den Fluglinien, die durch die Anschläge am härtesten getroffen worden waren. Nicht nur, dass sie unmittelbar nach den Explosionen zu längeren Bodenaufenthalten gezwungen wurden, flogen sie seither mit vielen ungebuchten Sitzen. Sie verdienten daher die Zuwendung der Regierung, obwohl die meisten von ihnen schon vor dem 11. September in großen finanziellen Schwierigkeiten waren. Die Regierung trat als Weihnachtsmann auf und bescherte den Sorgenkindern 15 Milliarden Dollar in Cash und als Kreditbürge. Das war der Dammbruch. Jeder - wirklich jeder Industriezweig - brauchte plötzlich Hilfe und klopfte mit dem Zinnbecher in der Hand an. Die Versicherungen kamen und gingen reich beschenkt. Die Ölindustrie trickst gerade die Senatoren und Abgeordneten in die Freigabe der Naturschutzgebiete in Alaska für Bohrungen hinein. Sie werden wahrscheinlich die Gewinner des Tages sein.
Die Unterhaltungsbranche ließ sich den ramponierten Hut voll tanken, als nächstes kamen Farmer und Flugschulen. Der Damm war gebrochen. Bison Burgers setzte dem ganzen die Krone auf. Eine in erster Linie am Eigennutz orientierte Gruppe namens North American Bison Cooperative kam an die Fleischtröge gewetzt und wollte 10 Millionen Dollar. Ihre These: Die Terroranschläge hätten ihre Restaurants geleert und Bisonzüchter, wie etwa der arme CNN-Milliardär Ted Turner, ein Mitglied der Gruppe, bräuchten unbedingt die Hilfe der Regierung. Danach wurde es noch dümmer. Die Reisebüros, die ihr Brot in einer ökonomischen Nische verdienen, die wegen des Internets vom Austrocknen bedroht ist, schoben die Schuld an ihren schwindenden Umsätzen auf die Anschläge und baten um eine kleine Cash-Infusion. Sie malten der Regierung aus, wie grauenhaft eine Zukunft ohne regierungsgestützte Reisebüros aussehen würde. Auch sie gingen nicht leer aus, was offenbarte, dass praktisch jeder Industriezweig für Förderungen in Frage kam und dass ein Wettrennen um die Gunst der öffentlichen Hand im Gange war.
Mr .Snyde schaltete sich wieder in die Konversation ein: "Well, O Feinschmecker des Mascarpone-Tiramisus, Eure Gedankengänge sind korrekt. Es ist schwierig, für jemanden Respekt zu empfinden, dem eine milde Gabe lieber ist als selber innovativ zu sein. Das ist auch ungefähr Gates Haltung gegenüber Sun und den Staatsanwälten. Lasst uns in Frieden. Lasst uns die Freiheit, innovativ zu sein. Ich könnte mir vorstellen, dass, wenn sich die Bundesstaaten und Mitbewerber vor Gericht durchsetzen, dann Microsoft ihrerseits mit dem Hut in der Hand vor dem Kongress erscheint und um Geld bittet. Es sind schon merkwürdigere Dinge geschehen."
Mr. Snyde holte einen Zettel hervor und reichte mir ihn. Dann verschwand er mit den anderen Leprechauns. Auf dem Zettel standen die...
Phrasen, die übersetzt werden müssen
Das Zitat: "Ein Akku ist kein Mikroprozessor, sondern eine elektrochemische Vorrichtung. Die Technologie unterliegt anderen Gesetzmäßigkeiten, und wir nähern uns asymptotisch dem chemisch machbaren."
Die Umstände: Professor Donald Sadoway, ein Experte für Batterien und Akkumulatoren vom Massachusetts Institute of Technology, spricht über die Feinheiten der Lithium-Ionen-Zellenforschung.
Die Übersetzung: Die heutigen Lithium-Ionen-Zellen sind das technologische Äquivalent der einstigen Pferdepeitschen-Industrie. Hoffentlich entdecken wir bald einen radikal anderen Ansatz, um unsere tragbare Mobilelektronik mit Strom zu versorgen.
Das Zitat: "Innovation hat mehr mit der Veränderung der Menschen und ihrer Vorstellungen, Schwerpunkte und ihrer Akzeptanz der Veränderungen zu tun als mit den Gesetzen der Physik und den Ingenieurskünste."
Die Umstände: Der Erfinder Dean Kamen spricht vor Studenten der Harvard Business School über staatliche Einmischung in die Geschicke von Erfindern. Kamen lieferte seine Rede auf seinem Segway Human Transporter fahrend, einer Erfindung, die er partout nicht "Roller" nennen mag.
Die Übersetzung: Einmischung der Regierung in Innovation, Erfindung und Kreativität verhindert neue Märkte und neue Dimensionen.
Das Zitat: "Mike und Joe haben eine großartige Arbeitsbeziehung."
Die Umstände: EMC-Sprecher Mark Fredrickson läßt die Presse wissen, dass bei EMC alles eitel Wonne und strahlend sonnig ist: Mike ist der Aufsichtsratsvorsitzende Michael Ruettgers, Joe ist der CEO Joe Tucci.
Die Übersetzung: Die beiden können einander nicht ausstehen. Jeder beschuldigt den anderen. Einer wird gehen müssen, vermutlich bald.
Das Zitat: "Entscheidungen betreffend die Ausschüttung der jährlichen Leistungszahlungen für 2001 orientierten sich an drei Kriterien: Profite aus den Operationen, im Verhältnis zu den Gesamterträgen, Wachstum der Nettogewinne, und Gesamtertrag für die Aktionäre."
Die Umstände: Texas Instruments verlautbart die Bilanz des vorigen Jahres.
Die Übersetzung: Die Top-Manager bekamen keinen Bonus und keine Leistungszahlungen - ein starker Kontrast zu einer anderen texanischen Firma namens Enron.
Das Zitat: "Während die Umsätze für das zweite Quartal in den USA und in Europa leicht zugenommen haben, reichte das nicht aus, um den Rückgang in Asien auszugleichen."
Die Umstände: Oracles CEO Larry Ellison spricht über Nullwachstum und Minuswachtum für Oracle.
Die Übersetzung: Asien? Wir sind überrascht durch die Konjunkturflaute in Asien? Mann, die gute alte Zeit hat aber sehr plötzlich aufgehört. Wie kann bloß Microsoft weiterhin Gewinne machen? Die verkaufen auch in Asien sehr viel. Was geht hier vor?
Das Zitat: "Biometrie wird nicht die einzige Technologie zur Beglaubigung der Identität sein, und das ist auch gut so. Datensicherheit dreht sich um die Einrichtung neuer Systemebenen, nicht darum, ganze Bereiche einfach durch andere zu ersetzen. Der menschliche Faktor ist das wichtigste Element und sollte aus Biometrie, Identität und Chipkarten-Technologie bestehen."
Die Umstände: Statement von Chris Christiansen, Direktor für IDC's Internet Security Programm, Framingham, Massachusetts. Er bemühte sich um das Vertrauen seiner Zuhörer, dass der menschliche Faktor in der Datensicherheit auch in Zukunft eine Rolle spielen wird.
Die Übersetzung: Biometrie und Chipkarten werden alles zur vollsten Zufriedenheit erledigen. Die Menschen werden sie nur benutzen, bzw. spazierentragen.




1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 