Corinna Fehr & Christian Henner-Fehr
Obwohl der Nahe Osten derzeit fast täglich in der Medienberichterstattung auftaucht, hält sich unser Wissen über das Land Israel in Grenzen. Eine im letzten Jahr von der Österreichisch Israelischen Handelskammer (AICC: Austrian Israeli Chamber of Commerce) beim Meinungsforschungsinstitut OGM in Auftrag gegebene Studie zeigt, dass das Land völlig falsch eingeschätzt wird. Das Bild, das die 300 Führungskräfte österreichischer Großunternehmen, die befragt wurden, von Israel haben, ist vom Konflikt mit den Palästinensern geprägt. Als Wirtschaftsstandort hingegen wird Israel nicht nur kaum wahrgenommen, sondern auch ziemlich falsch eingeschätzt.
So waren 58% der Befragten der Meinung, dass Israel vor allem landwirtschaftliche Produkte nach Österreich exportiert. Die Realität sieht freilich ganz anders aus: 44% der Exporte entstammen den Bereichen Elektronik und Software. Lediglich 15% der Exporte entfallen auf die Kategorie Konsumgüter, zu der auch die landwirtschaftlichen Produkte gezählt werden.
Die Entwicklung hin zu einer High-Tech Nation ist eng mit der permanenten Bedrohung verbunden, der sich das kleine Land mit seinen etwas mehr als sechs Millionen Einwohnern ausgesetzt sieht. Als 1967 Frankreich seine Waffenlieferungen an Israel stoppte, war dies der Anlass für eine gewaltige Energieleistung. In kürzester Zeit schaffte es das Land, eine eigene Rüstungsindustrie aufzubauen. Zahlenmäßig seinen Gegnern unterlegen, setzte Israel von Anfang an auf technologische Entwicklungen. Die Investitionen in den Bildungs- und Forschungsbereich sind auch heute noch hoch. Das Ergebnis kann sich sehen lassen, denn mit 135 Wissenschaftlern und Ingenieuren pro 10.000 Beschäftigte lässt man Länder wie die USA (70) und Deutschland (48) weit hinter sich. Viele multinationale Konzerne wie Microsoft, Intel, IBM oder Motorola haben das Innovationspotential erkannt und in Israel ihre Forschungszentren errichtet.
Die Softwareindustrie als Wachstumsmotor
Sie haben zum Boom in den 90iger Jahren beigetragen, der eine Vielzahl junger Softwareunternehmen entstehen ließ. Die politische Lage schien sich zu beruhigen und so versuchten sich viele Experten, die in der Armee gedient hatten, mit Hilfe ihres Know-hows und ihrer Erfahrung als Unternehmer. Aber die Möglichkeiten im eigenen Land waren begrenzt, denn der heimische Markt ist bis heute klein und isoliert. Viele Firmen wagten daher den Sprung nach Amerika oder Europa und das mit Erfolg.
Der Wert der Software Exporte erhöhte sich innerhalb von zehn Jahren von 90 Mio. USD (1990) auf 2,6 Mrd. USD (2000). Durch den weltweiten Erfolg israelischer Unternehmen wurde auch die internationale Finanzwelt auf das Potenzial aufmerksam. So hat die Softwareindustrie das Wachstum der letzten Jahre nicht zuletzt auch den Milliarden Dollar zu verdanken, die in Form von Risikokapital in aufstrebende Unternehmen geflossen sind. Über das ganze Land verteilt sind so Inkubatoren entstanden, die in enger Kooperation mit Universitäten und Firmenkonsortien innovativen Startups als Brutkasten zur Verfügung stehen.
Aber mittlerweile steckt Israel in der Krise. Die Ende September 2000 ausgebrochene Intifada und das weltweite Ende der High-Tech Euphorie beeinträchtigen die israelische Wirtschaft schwer. Nachdem das Wirtschaftswachstum 2000 noch bei 6% lag, musste man sich im letzten Jahr mit 0,5% zufrieden geben. Die Vorhersagen für das laufende Jahr verheißen keine Besserung. Die Exporte sind zum ersten Mal in der Geschichte des Landes gesunken, die Arbeitslosigkeit steht kurz vor dem Sprung über die 10%-Marke. Kein Wunder, wenn man bedenkt, dass die wirtschaftlichen Erfolge der letzten Jahre vor allem auf den Informations- und Kommunikationstechnologiesektor zurückzuführen sind und Start up-Unternehmen einen großen Anteil an den glänzenden Ergebnissen hatten. Die Investitionen der Risikokapitalgeber in junge Start up-Firmen sind letztes Jahr um 60% zurückgegangen. Viele der Unternehmen bräuchten dringend eine neue Finanzspritze, aber den Investoren scheint das Risiko derzeit zu groß.
Die Entwicklung neuer Technologien für den Sicherheitsbereich als Hoffnungsträger
Die Anschläge des 11. September haben der Weltwirtschaft einen weiteren Schlag versetzt. Der Krieg gegen den Terrorismus hat neue Bedrohungsszenarien entstehen lassen. Es ist ein High-Tech-Krieg, der neben der traditionellen Rüstungsindustrie neue Branchen hervorbringt. Verteidigung und Sicherheit als Geschäft für High-Tech Unternehmen. Bedingt durch ihre Geschichte verfügen israelische Firmen über ein entsprechendes Wissen und hoffen, mit der Entwicklung neuer Technologien für den Sicherheitsbereich an die Erfolge der neunziger Jahre anknüpfen zu können. In den USA weiß man um dieses Know-how und ist bereit in israelische Unternehmen zu investieren.
Israels High-Tech Sektor hat also einiges zu bieten, auch für österreichische Unternehmen. Aber als Wirtschafts- und Handelspartner ist Israel noch zu entdecken. 140 Mio. € machten die österreichischen Exporte im Jahr 2000 aus, die Importe 119 Mio. €.
Die Mobilkom Austria gehört zu den Unternehmen, die sich auf israelisches Know-how verlassen. Als Anbieter von Order-Management-Systemen stellt die israelisch-amerikanische Firma Amdocs dem Handybetreiber ein Abrechnungssystem zur Verfügung, das alle über das Handy in Anspruch genommenen Dienste wie GSM und GPRS erfasst. Die Flexibilität dieses Billing-Systems unterstützt M-Commerce-Funktionen und erlaubt es der Mobilkom, kommerzielle Dienste Dritter anzubieten und abzurechnen.
Firmen, die einen Einblick in die israelische IT-Landschaft bekommen möchten, sollten sich den 24. und 25.April 2002 vormerken. Die israelische Botschaft und das israelische Export-Institut veranstalten in Wien an diesen Tagen gemeinsam ein IT-Event, an dem 25 innovative IT-Firmen aus Israel vorgestellt werden und erste Kontakte geknüpft werden können (Informationen dazu unter isrtrade@telecom.at oder Tel.: 01-47646-559). Eine erste Gelegenheit also, um etwas mehr über ein Land zu erfahren, dem zu wünschen ist, dass es bald zur Ruhe kommt.
Fakten und Zahlen: Israel
- Allgemein:
- Fläche: 20.770 km2 (in den Grenzen von 1967)
- Bevölkerung: 6,43 Mio. (Stand Juni 2001)
- Städte: Tel Aviv (1,14 Mio.), Jerusalem (0,68 Mio.), Haifa (0,5 Mio.)
- Hauptstadt: Jerusalem
- Staatsform: Parlamentarische Republik
- Unabhängigkeit: 4.Mai 1948
- Landessprache: Hebräisch; Geschäftssprache: Englisch
- Wirtschaft:
- Wachstumsrate BIP: 2001 (2000): -0,5% (6,4%)
- Inflationsrate: 2001 (2000): 1,1% (1,1%)
- Arbeitslosenrate (November 2001): 9,9%
- Export: 2001 (2000): -13,1% (23,9%)
- Import: 2001 (2000): -6,4% (12,2%)
Quellen: Länderbericht Israel (AWO Österreich), Central Bureau of Statistics: (http://www.cbs.gov.il)
Kontakte und Informationsquellen: Israel
Israelische Botschaft (Wien): Tel: 01-31339
- Email: vienna@israel.org
Außenwirtschaft Österreich (Wirtschaftskammer Österreich): http://www.wko.at/awo
- Tel: 0800-397678; Email: ausführliches Verzeichnis auf der Website
- Die Wirtschaftskammer verfügt über eine Außenhandelsstelle in Israel
Außenhandelsstelle Tel Aviv: http://www.austriantradeus.org
- Tel: +972-3-522 66 41; Email: telaviv@wko.at
Weitere Informationsquellen im Internet:
- http://www.israel.de: israelische Botschaft in Deutschland
- http://www.tamas.gov.il/tamas_en.htm: Industrie- und Handelsministerium
- http://www.science.co.il: Datenbank zum Thema Wissenschaft und Technologie
- http://www.start-ups.co.il: Informationen über Start ups im High-Tech Sektor
- http://www.globes.co.il: Online-Ausgabe der Wirtschafts- und Finanzzeitung Globes
- http://www.iaei.org.il: Israel Association of Electronics & Information Industries
- http://www.iash.org.il: Israeli Association of Software Houses
- http://www.export.org.il: israelisches Export-Institut
Diese Serie erscheint in Kooperation mit der Österreichischen Computer Gesellschaft (OCG)




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 