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Moniskop

Evan Mahaney's Leprechauns

Valium gegen Geldgier?

Wenn die Leprechauns meine Tastatur besuchen, so richten sie ihre Überlegungen für gewöhnlich auf ein einziges, oder höchstens zwei Themen. Beim diesmonatlichen Besuch aber waren sie so fahrig und aufgedreht, dass ich die Verabreichung von Valium erwog. Alle redeten gleichzeitig über ein Dutzend verschiedene Belange und jeder ließ erkennen, dass gerade eine Menge im Busch war.

Evan Mahaney

Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar

Es war eine Bemerkung des Mister Meandering, die als erste meine Aufmerksamkeit weckte. Mr. Meandering hat schon an normalen Tagen so seine Konzentrationsprobleme, daher hatte er es heute besonders schwer, als er sagte: "Der wirkliche Grund, warum AOL Microsoft auf 12 Milliarden Dollar Schadenersatz verklagt, könnte einfach nur Geldgier sein." Danach wandte Mr. Meandering seine Aufmerksamkeit irgendeinem Thema über Nachrichtensatelliten zu, und ich musste ausdrücklich nachhaken: "Was haben Sie gerade gesagt?"

Mr. Meandering sah mich verwirrt an. Frau Leaglebeek sprang für ihn ein und führte seinen Kommentar weiter aus: "Es könnte sein - könnte sein, wohlgemerkt - dass es AOL mehr um das Geld geht als darum, die Regierung auf Microsoft zu hetzen."

Am 24. Jänner reichte AOL die Papiere ein, in denen erklärt wurde, dass Microsoft über die letzten sechs Jahre mit Computerherstellern und Internet Service Providern Deals abgeschlossen hätte, die Netscapes Browser nach und nach vom Markt drängten und so eine Alternative zu Microsofts Dominanz am Desktop verhinderten.

Die Leprechauns lieben es sehr, mich zappeln zu lassen, damit ich sie um mehr Informationen regelrecht anflehen muss. Sie hören dann einfach auf zu sprechen und lächeln nur mehr hintergründig. Und ich bitte sie natürlich inständig, fortzufahren.

Frau Leaglebeek grinste kurz und erklärte dann folgendes. "Well, O Feinschmecker der Lebkuchenherzen", sagte sie, "das Gerede in den Kolumnen und Nachrichtensendungen dreht sich gerade darum, dass AOL, die immerhin Time-Warner und eine Reihe anderer Medienunternehmen besitzen, noch immer nur naseweis und weinerlich über Netscapes und AOLs Niederlage gegen Microsoft's Muskeln redet. Im Augenblick gehen alle davon aus, dass AOL jetzt das Messer ein wenig tiefer in Microsofts Bauch schieben will. Unser Freund Mister Beagle aber, der sah sich vor kurzem AOL/Time-Warners SEC-Filing näher an und fand etwas sehr interessantes heraus." Sie deutete auf Mr. Beagle, der gerade noch versucht hatte, sich hinter der Löschtaste zu verbergen. Er trat tapfer hervor und ergriff das Wort: "Wenn man sich die Ratios ansieht und diverse Tests anwendet, die unter Analysten beliebt sind, dann steht AOL alles andere als gut da. Im Jänner 2001 bewegte sich ihr Papier im Bereich zwischen 50 und 55 Dollar. Ein Jahr später, im Jänner 2002, schwebt es zwischen 25 und 30 Dollar. Eine Reihe von Analysten hat gezeigt, dass AOL nicht einmal die Grundvoraussetzungen finanzieller Gesundheit erfüllt. Ich persönlich gebe nicht viel auf die Meinung solcher Finanzgurus. Ich fand aber noch etwas anderes heraus."

Sogar Mr. Beagle, ein notorischer Einzelgänger, der nicht viel und nicht gerne spricht, erwartete an dieser Stelle, dass ich nach weiteren Informationen verlangte. Daher fragte ich ihn, ob das schon alles gewesen sei.

"Nun", fuhr Mr Beagle fort, "was mir besonders ins Auge sprang, war die Tatsache, dass AOL/Time-Warner letztes Jahr offenbar null Dollar für Forschung und Entwicklung aufwendete. Das ist auch, was Motley Fool (http://www.fool.com) berichtet. Das bedeutet, dass AOL in diesen Tagen des technologischen Gezeitenwechsels seine Hausaufgaben nicht macht. In anderen Worten: Sie opfern ihre Zukunft für kurzfristige Erträge. Unserer Erfahrung nach heißt so eine Vernachlässigung von Forschung und Entwicklung, dass die betreffende Firma bald in ernste finanzielle Schwierigkeiten geraten wird. Und bei AOL finden wir keine Vernachlässigung vor, sondern eine vollkommene Einstellung von Forschung & Entwicklung."

Der hartnäckige Mr. Hachit trat vor. "Das mag alles sein" sagte er. "Ich bin aber überzeugt, dass die großkalibrigen Firmen-Execs, wie etwa Steve Case, so rachsüchtig sind wie eine Schar von zehnjährigen am Spielplatz. Und man sollte sich daran erinnern, dass seit dem Erwerb von Netscape durch AOL bei Netscape alles daniederliegt. Vielleicht sind die Time-Warner-Leute von der Verbitterung der Netscape-Angestellten infiziert, wer weiß? Ich glaube, dass Geld AOL nicht schaden wird, dass aber Rache ihr eigentliches Motiv ist."

Ich ließ also abstimmen. Wer war für die Ansicht, dass AOL bloß eine Cash-Injektion in die Firmenvenen brauche? Wer war für den Gedanken, dass hinter der Klage die Sehnsucht nach einem Denkzettel für die böse Microsoft stecke?

Bei jenem besonderen Meeting waren 34 Leprechauns anwesend. 25 von ihnen wählten als Motiv "Geld". Nur 9 von ihnen entschieden sich für "Rache". Ich merkte an, dass unsere Leser die Entwicklungen im Verlaufe des Jahres 2002 würden beobachten können. Und im Stillen wunderte ich mich, wie um alles in der Welt, eine Technologie-Firma plötzlich aufhören konnte zu entwickeln. Wirklich erstaunlich.

In einer anderen Ecke meiner Tastatur unterhielten sich Leprechauns über das aktuelle Spiel "Jeder verklagt jeden". Frau Prisse, die alle Dinge am liebsten einfach und elegant-übersichtlich hält, klärte mich auf: "Mir tun die Richter leid. Wenn ich das richtig verstanden habe, so beschwert sich Microsoft beim Bundesrichter über AOLs Bummelei bei der Herausgabe wichtiger Dokumente und hat mit einer Klage nach Herausgabe reagiert. Sie wollen belegen, wie AOL den verschiedenen Bundesstaaten und der Bundesregierung Material zu Lasten von Microsoft verschafft hat. Microsoft behauptet, AOL hätte nur einige wenige Dokumente dazu herausgerückt."

Frau Prisse fuhr fort, ausnahmsweise ohne dass ich sie dazu drängen musste. "Daneben verklagt eine Organisation namens American Antitrust Institute Microsoft UND das Justice Department; zur Last wird ihnen gelegt, dass sie nicht alle Informationen und Dokumente zur Einigung zwischen den beiden Parteien veröffentlicht haben. Daher, O Liebhaber der Walnussküchlein, werden Eure Leser wahrscheinlich zur Zeit der Drucklegung bereits über das Ende dieser Prozesse lesen, dafür werden andere begonnen haben. Könnte es sein, dass Microsoft den Rest ihres Lebens vor Gericht verbringen wird?"

Der bigottische Mr. Snyde schaltete sich in die Konversation ein. "Was die USA in alle Welt exportiert haben, was die Welt aber am wenigsten braucht, ist die Mentalität der Prozesshanselei. Verklagen, verklagen, verklagen..." Er sah mich an und fragte: "Stimmt es nicht, dass Eure Nation die klagfreudigste der Erde ist?"

Mr. Snyde hatte recht. Unsere Gerichtsbarkeit ist hoffnungslos überlastet. Wir brauchen mehr Richter, unsere Gerichte sind voll und expandieren auf teure Grundstücke. Zur Abwechslung konnte ich die Rollen einmal vertauschen und den Leprechauns erklären, dass sich nichts ändern werde. Dieses Land wird weiterhin zu viele Anwälte hervorbringen, und diese Anwälte werden Mittel und Wege finden, jemanden zu verklagen.

Frau Prisse seufzte zustimmend: "Vielleicht sollten wir verschwinden, bevor jemand uns verklagt..." - und eine Nanosekunde später waren die Leprechauns verschwunden, und sie hatten die übliche Liste mit den Phrasen und ihren Übersetzungen zurückgelassen.


Phrasen, die übersetzt werden müssen

Das Zitat: "Es gibt einige Hinweise darauf, dass sich die Situation bei Kapazitätsauslastung und erzeugten Stückzahlen seit der Flaute von 2001 gebessert hat, speziell in einigen Segmenten der Fertigungs- und Testmärkten."

Die Umstände: Stanley Myers, CEO von Semiconductor Equipment and Materials International (SEMI), kommentiert die Zahlen vom Dezember 2001. Seine Firma beobachtet die weltweiten Verkäufe von Halbleitern.

Die Übersetzung: Die Fertigung von Computern (und damit auch der Verkauf) sollten bald wieder zunehmen.


Das Zitat: "AOL muß sich entscheiden. Ihre uncooperative Haltung bei der Herausgabe der Dokumentei steht in starkem Kontrast zu ihrer aggressiven und verdeckten Teilnahme an den Gerichtsverfahren der klagenden Bundesstaaten."

Die Umstände: Kommentar von Microsoft-Sprecher Jim Desler an die Adresse des hörenden Bundesrichters.

Die Übersetzung: AOL kann nicht herumlaufen, die Staatsanwälte mit bösen Petzereien über uns versorgen und dann nicht zu ihrem Wort stehen. Wer austeilt, muß auch einstecken können.


Das Zitat: "Wir sind praktisch ausverkauft, und unsere Vertriebspartner haben nur für ein paar Wochen vorgesorgt. Genau so war es geplant."

Die Umstände: e-Machines COO verkündet im Jubelton, dass seine Firma dadurch Gewinn erwirtschaftet, dass keine Ware zurückgenommen und nach dem Verkauf 'just in time' geliefert werden, anstatt mit der Nachfrage der Händler zu spekulieren.

Die Übersetzung: Was liegt, das pickt - egal, ob Sie End User oder Wiederverkäufer sind. Keine Umtäusche, keine Rücknahmen.


Das Zitat: "Mitglieder der DMA werden aus unserer Organisation hinausgeschmissen, wenn sie sich nicht an diese Regeln halten."

Die Umstände: Jerry Cerasale, Vice President der Abteilung für Regierungsarbeit bei der Direct Marketing Association, verkündet neue und strenge Regeln für Mitglieder. Diese Regeln sollen Internet-Spam reduzieren.

Die Übersetzung: Entweder wir bringen die Spammer unter Kontrolle, oder die Regierung wird kommen und uns unter Kontrolle bringen.

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MONITOR-Autoren
Alexander Hackl

Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. ..mehr..

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