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Microsoft Visual Studio .NET

Eine Klasse für sich

Der Nachfolger von Visual Studio 6.0 heißt Visual Studio .NET. Die neue Microsoft-Software ist auf den ersten Blick viel unscheinbarer als das vielbeworbene Windows XP oder die neue Spielkonsole XBox. Und doch ist sie das Schlüsselprodukt, mit dem Microsoft die Windows-Welt in das proklamierte Web-Service-Zeitalter führen will.

Christofer Radic

Mehr als vier Jahre hat die Entwicklung der neuen IDE (Integrated Development Environment) gedauert, die die Grundlage für die neue Strategie des Softwaregiganten bildet. Gut eineinhalb Jahre nach der ersten öffentlichen Betatestversion wurde Visual Studio .NET (VS .NET) am 13. Februar dieses Jahres offiziell freigegeben, die deutschsprachige Version soll ab Anfang April erhältlich sein. Anders als die Vorgängerversion ist Visual Studio .NET kein reines "Marketing-Bundle" mehr, das mehrere unabhängige Entwicklungswerkzeuge in einer Box vereint. VS .NET ist vielmehr eine Anwendung aus einem Guss, die die Entwicklung in den Programmiersprachen C++, C# (lese C sharp), Visual Basic .NET und auch in J#, Microsofts gegenüber J++ geringfügig erweiterter Java-Variante, ermöglicht. Damit steht nun erstmals eine gemeinsame Entwicklungsumgebung für sämtliche Microsoft-Programmiersprachen zur Verfügung.

Jedem seine Entwicklungsumgebung

Visual Studio .NET wird in drei Varianten angeboten: Professional, Enterprise Developer und Enterprise Architect. Die drei Varianten unterscheiden sich wie bei der Vorgängerversion nur durch zusätzliche Tools wie etwa Visio zum Erstellen von UML-Diagrammen (UML = Unified Modeling Language) oder der kompletten Microsoft-Server-Palette. Gemeinsam sind den Paketen hingegen verschiedene integrierte Tools wie der Server-Explorer, der unter anderem die Inhalte von SQL-Server-Datenbanken oder alle Systemdienste auflistet, oder auch der XML-Designer zum Erstellen von XML-Dokumenten mit den dazugehörigen XSD-Schemadateien. Auch die Erstellung von ASP .NET-Anwendungen, Programmen für Pocket-PCs und mobile Geräte sowie der unverzichtbaren Web-Services ist mit allen drei Varianten möglich.

Microsoft stand bei der Entwicklung von VS .NET vor dem Problem, für sehr unterschiedlich orientierte Benutzer, deren Bandbreite von erfahrenen C++-Profis bis hin zu Gelegenheitsprogrammierern reicht, die hauptsächlich in Visual Basic programmieren, ein geeignetes Werkzeug schaffen zu müssen. Während C++-Programmierer im Allgemeinen hohe Ansprüche an die Konfigurierbarkeit ihres Editors stellen, haben es Visual-Basic-Programmierer lieber etwas einfacher und überschaubarer. Diese Aufgabe wurde gut gelöst, denn das IDE wird professionellen Ansprüchen gerecht, ohne dabei weniger erfahrene Programmierer vor Schwierigkeiten zu stellen. Im Mittelpunkt steht dabei ein Benutzerprofil, das nach dem ersten Start durch das Beantworten einer Reihe von Fragen erstellt wird und sich im Rahmen der Startseite jederzeit wieder ändern lässt. Visual Basic-Programmierer können sich auf diese Weise beispielsweise die vertrauten Tastaturkürzel von Visual Basic 6.0 aussuchen, während C++-Programmierer nicht auf ihre gewohnte Fensteranordnung verzichten müssen.

Einrichten von Web Services - wirklich einfach?

Der Erfolg von .NET hängt in hohem Maße davon ab, ob es Microsoft gelingen wird, Unternehmen von den Vorteilen von Web Services zu überzeugen, welche im Grunde in der Mehrfachverwendung von Komponenten und der raschen und kostengünstigen Integration über verschiedene Plattformen bestehen. Mit VS.NET soll anscheinend vor allem gezeigt werden, wie einfach die Verwendung von Web Services mit einer vollständigen, transparenten Umgebung für deren Entwicklung sein kann. Die Entwickler führen im Grunde nur ein paar Handgriffe aus, und schon stehen Komponenten-basierte Anwendungen als Web Services zur Verfügung, ganz ohne XML-Codierung.

Das .NET-Framework verwendet standardmäßig XML zur Datenrepräsentation, wobei problemlos SOAP-Schnittstellen (Simple Object Access Protocol) erstellt werden können. Dank spezieller Klassen von .NET-Web Services können Entwickler gewöhnliche Methoden in Web Services umwandeln, indem sie ganz einfach vor jede Methoden-Deklaration das Attribut "WebMethod" setzen.

Das ist auch schon alles - die Implementierung der Methoden läuft in derselben Weise ab, wie dies vor der Umwandlung der Methoden in Web Services der Fall war. Darüber hinaus erstellt .NET automatisch ein WSDL-Dokument (Web Services Description Language) zur Festlegung der Services. Die Entwickler ändern den XML-Namensraum, indem sie einfach das Namensraum-Attribut ändern, bevor der Web Service online geht. Sämtliche für den Web Service erforderlichen Strukturen werden von.NET automatisch erstellt.

Zur Einrichtung eines Microsoft-Clients für das Suchen und Verbinden des Web Service muss ein Proxy erstellt werden. Mit einem Proxy kann der Client so eingerichtet werden, als ob nur ein einfacher Objekt-Aufruf auszuführen wäre. Zunächst wird das Dienstprogramm Wsdl.exe ausgeführt, um das WSDL-Schema des Web Service aufzufinden, mit welcher dann die Proxy-DLL erstellt wird. Wenn der Client eingerichtet wurde und bereit ist für den Aufruf des Web Service, verweist er auf die kompilierte Proxy-DLL, welche Aufrufe zum und vom Web Service in SOAP zusammenfasst. Auf diese Weise kann der Client Aufrufe an den Web Service richten, ohne die den Web Services zugrunde liegenden Strukturen zu kennen.

Auch für Java wurden Tool-Pakete wie das Java Web Services Developer Pack von Sun eingeführt, welche im Bereich Web Services eine ähnlich einfache Nutzung und Funktionalität wie VS.NET bieten. VS.NET hat hier jedoch einen gewissen Vorsprung, da das J2EE-Framework für Web Services noch nicht fertig ist. J2EE 1.4, die Plattform-Spezifikation für die Nutzung von Web Services, wird erst irgendwann in diesem Jahr durch den Java Community Process mit seinen zahlreichen Händlern und fast demokratischen Strukturen veröffentlicht werden.

Microsoft befindet sich in der einzigartigen Position, über einen eigenen Kosmos verfügen zu können. Alle Komponenten seines Frameworks für Web Services sind bereits vorhanden, nicht nur die Programmier-Umgebung sondern auch .NET MyServices, Server-Anwendungen wie BizTalk und SQL Server und sogar ein Paket mit Web Services-Tools für Office XP. VS.NET bildet die Grundlage all dieser Anwendungen. Man mag sich über die Realisierbarkeit von Web Services streiten, fest steht jedoch, dass Microsoft sowohl die Tools als auch eine umfassende Umgebung geliefert hat, welche die Einrichtung und Nutzung von Web Services extrem einfach machen.

Fazit

Wer sich ernsthaft mit .NET beschäftigen möchte, kommt um das neue Visual Studio kaum herum: Mitbewerber sind noch nicht in Sicht. Als mit Abstand beste integrierte Entwicklungsumgebung, die Microsoft je hervorgebracht hat, stellt Visual Studio .NET die führende Lösung für die Entwicklung von Web Services dar. Wer mit .NET nichts im Sinn hat und lediglich existierende C++- oder Visual-Basic-Programme pflegen will, sollte allerdings von VS.NET die Finger lassen: Auf der C++-Seite rechtfertigen die wenigen Neuerungen nicht die Investition. Und für die Millionen von Visual Basic 6.0-Entwicklern geht die Umstellung zum objekt-orientierten VB .NET vielleicht einen Schritt zu weit - möglicherweise entscheiden sich viele gleich für einen Wechsel zu C# oder sogar Java.

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MONITOR-Autoren
Dunja Koelwel

Dunja Koelwel ist freie Journalistin in München. Die studierte Juristin arbeitet für Verlage und Agenturen und betreut vor allem die Themen Internet und Business-Software aus einem strategisch- wirtschaftlichen Blickwinkel. ..mehr..

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