Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Es war der laute Mr. Barrister, der im Tonfall eines Staatsanwalts das Wort ergriff: "Nun, O Feinschmecker der viereckigen Zitronenküchlein, wir haben Euch letzte Woche verpasst und mussten daher unverrichteter Dinge wieder heimkehren. Als wir kamen, war der Computer down. Ihr hattet also, verstehe ich das richtig, bereits einen anderen Gast aus den unendlichen Sphären der elektronischen Datenverarbeitung?" Mr. Barrister liebt es, Suggestivfragen zu stellen, die eigentlich gar keine waren, sondern in den Raum gestellte Behauptungen.
Ich erklärte, dass ich, yes, infiziert worden war. Wie das geschehen sei, sei mir aber unerklärlich, denn ich öffnete niemals Attachments. Niemals. Wenigstens nicht, ohne vorher einen Virenscanner einzusetzen. Meine Virenscanner sind immer der letzte Stand der Technik, ebenso wie meine Version von Internet Explorer und Windows. Trotzdem hatte mich Nimda erwischt.
"Sie brauchen sich nicht schuldig zu fühlen," lächelte Mr. Barrister, was er nur selten tat. "Das passierte sehr vielen Leuten. Und da war doch ein Support-Mann von Eurem Kabel-ISP, der an Eurer Maschine herummurxte. Ich behaupte nicht, dass er absichtlich Nimda installiert hat, aber er hat Dateien vom Internet geholt und Dokumente geöffnet. Vielleicht hat er Euer Problem hervorgerufen?"
Die immer lächelnde Frau Schaum sprang auf: "Oder Ihr habt Euch bei infizierten HTML-Seiten angesteckt, oder durch Betrachten einer E-Mail im Microsoft Outlook Rahmen." Frau Schaum runzelte ein wenig die Stirn: "Wir wissen, dass Ihr immer noch Outlook 2000 für E-Mail und Kalender verwendet, obwohl das Programm ein beliebtes Ziel von Hackern und Virenprogrammierern ist."
Ich stimmte ihnen zu. Ich hatte gewußt, dass mir die Leprechauns Fahrlässigkeit vorwerfen würden, wusste aber auch, dass ich mein Mailprogramm nicht upgraden, sondern lieber mit den regelmäßigen Patches von Microsoft weiterbasteln würde. Meine Gewohnheiten sind mir lieb und teuer.
Frau Skeptic sprang auf und zeigte mit dem Finger auf meine Nase. Sie ist sehr skeptisch und gibt sich gern zynisch. "Nun, O Liebhaber der Filbert Cremes Tortes, ihr werdet wohl gleich selbst mit einer kleinen Anklage fortfahren. Wollt Ihr nicht, dass die Regierung etwas gegen Hacker unternimmt, gegen Hacker, die teilweise außerhalb unseres Landes sitzen?"
Natürlich konnte mich Frau Skeptic nicht verunsichern. Ich antwortete, dass ich mir tatsächlich eine nahe Zukunft vorstellen konnte, in der wir mehr Einmischung der Regierung in Belange des Internet sehen werden. Und dass ich tatsächlich der Auffassung war, ein paar Monate in einer dunklen Zelle bei Wasser und Brot könnten diesen jungen virenschreibenden Hooligans nicht schaden.
"Seht Ihr? Hier hören wir wirklich schon den Ankläger," zwinkerte Frau Skeptic. "Aber wisst Ihr was? Ihr habt recht. Als wir hörten, das Ihr Euch infiziert hattet, diskutierten wir den Vorfall und landeten bei der Feststellung, dass bald eine Menge Legislatur sich mit derlei Bedrohungen befassen wird. Ob die gigantischen Summen, die Viren- und Wurmattacken zugeschrieben werden, stimmen, vermag ich nicht zu sagen, aber Michael Erbschole, Leiter von Computer Economics, hat darüber ein großartiges Buch geschrieben: Information Warfare: How To Survive Cyber Attacks (Anmerkung des Übersetzers: Informationskrieg: Wie man Cyber-Attacken überlebt. Ich bin übrigens von der Großartigkeit des Buchs weit weniger überzeugt.) Hier sind die Ziffern zu den einzelnen Vorfällen der letzten Jahre."
Jahr, Codename, Weltweiter
Schaden (in US$), Cyber Attack Index
(Quelle: Computer Economics)
- 2001, Nimda, 635 Millionen, 0.73
- 2001, Code Red, 2620 Millionen, 2.99
- 2001, Sir Cam, 1150 Millionen, 1.31
- 2000, Love Bug, 8750 Millionen, 10.0
- 1999, Melissa, 1100 Millionen, 1.26
- 1999, Explorer, 1020 Millionen, 1.17
Mr. Barrister, der sich mit seiner vollständigen Kenntnis der US- und internationalen Gesetze brüstet, schaltete sich wieder in unsere Unterhaltung ein. "Wie genau diese Zahlen sind, weiß ich nicht, ich weiß aber folgendes: Sie würden vor Gericht standhalten und sind mehr richtig als mehr falsch. Eine Virenattacke oder ein entfesselter Wurm sind sehr gefährliche Biester. Es wundert mich, dass nicht Terroristen den Schaden verursachen, sondern Hacker und Halbwüchsige. Bisher aber ist das so. Und nun noch ein Wörtchen zu den Kosten." Mr. Barrister deutete mit dem Finger nach mir: "Wieviel hat es Euch an vertaner Zeit gekostet?"
Ich musste zugeben, dass es eine sehr teure Woche geworden war, und dass ich als freischaffender Journalist keine Möglichkeit hatte, meinen Arbeitgeber dafür aufkommen zu lassen. Ich hatte meinen Computer desinfizieren müssen, nur um dann herauszufinden, dass das Virus McAfee noch einmal ausgetrickst hatte. Es waren mehrere Versuche notwendig, Nimda tauchte tagelang immer wieder auf. Schließlich formatierte ich die Festplatte und installierte alles neu. Das war zeitraubend, daher wusste ich sehr genau, wovon Mr. Barrister sprach. Frau Skeptic ergriff wieder das Wort.
"Nun, O Freund der Erdbeerkäsekuchen, hier habe ich ein gelungenes Schlusswort für Euren Bericht an Eure Leser. Ein neuer Trend wird dieses Jahr beginnen. Die jeweiligen legislativen Körperschaften aller Länder - egal ob in den USA, Österreich oder Tadschikistan - warten nur darauf, das Internet zu regulieren. Durch die hohen Kosten, die durch Viren, Worms, DOS-Attacken und eine Reihe anderer Giftigkeiten entstehen, haben sie Vorwände genug, um Gesetze zu erlassen. Darauf kann man gutes Geld verwetten." Und - Puff - waren sie verschwunden, die Leprechauns. Wie immer hatten sie aber die übersetzten Phrasen zurückgelassen.
Phrasen, die übersetzt werden müssen
Das Zitat: "In den kommenden Tagen werde ich das Angebot für die Einigung genau studieren, um sicherzugehen, dass es den freien Wettbewerb in der Computerindustrie wiederherstellt, speziell jene Punkte, bei denen in Washington festgestellt wurde, dass Microsoft gegen die Antikartellgesetze verstoßen hat. Wir alle wissen, der Teufel steckt in den Details."
Die Umstände: Ein Statement von Senator Oren Hatch, der das juridische Komitee leitet, das in Salt Lake City in Utah zu Hause ist, zufällig genau dort, wo auch ein erbitterter Microsoft Gegner beheimatet ist: Novell.
Die Übersetzung: Ich sehe ein, dass ich keine Macht über die Gerichte habe, aber ich muß mir meinen Unterhalt bei Novell verdienen. Wenigstens sollte ich groß und wichtig aussehen. Dieses Statement hilft mir dabei.
Das Zitat: "Es entstand in einem Nischenmarkt. Wir sahen gute Resultate, aber jetzt müssen wir etwas Abstand gewinnen."
Die Umstände: Mark Viken, Senior Vice President der Information Technology Products-Abteilung bei Sony, erzählt Reportern, dass Sony das Vaio Slimpad Tablet einstellen wird.
Die Übersetzung: Für 2500 Piepen wollte dieses Ding niemand kaufen. Daher bieten wir es einfach nicht mehr an.
Das Zitat: "Es gibt juristische und technische Beschränkungen dessen, was ein ISP tun kann. Es ist wichtig, dass das alle Beteiligten verstehen: Was ein ISP tun darf und kann."
Die Umstände: Stewart Baker, ein Gesellschafter der Washingtoner Kanzlei Steptoe & Johnson, erklärt, dass große amerikanische ISPs wie AOL, Earthlink, WorldCom, Cable & Wireless und Verizone Online eine Lobby brauchen, um dem Kongress zu "helfen", neue Gesetze zu verabschieden und den Haftungsrahmen für ISPs festzulegen. Daher auch der Name der neuen Gruppe: United States Internet Service Provider Association.
Die Übersetzung: Die Regierung will uns maßregeln, daher rotten wir uns zusammen und wehren uns, damit uns die Felle nicht davonschwimmen.
Das Zitat: "Mehr als 50 Prozent aller Mobile Applications, die Anfang 2002 herauskommen, werden Ende 2002 schon wieder überflüssig sein."
Die Umstände: Eine interessante Behauptung der Gartner Group, einer bekannten Beratungsfirma, die eine Erhebung für das Jahr 2002 machte. (Es wird ein verdammt hartes Jahr.)
Die Übersetzung: Alle Mobile Applications sind schon veraltet, wenn sie gefertigt werden, noch mehr veraltet, wenn sie in den Karton kommen, und noch mehr veraltet, wenn sie vom Laden mit nach Hause genommen werden.




1/2012
8/2011
7/2011


Alexander Hackl ist freier Journalist in Wien. Er ist Absolvent des Master- Programms „Qualitätsjournalismus“ an der Donau-Universität Krems und spezialisiert auf Technologiethemen. Seit drei Jahren ist er als Autor für den MONITOR und das Wirtschaftsmagazin FORMAT tätig. Das Hauptaugenmerk in seiner Arbeit liegt auf Informations- technologie im Kontext gesellschaftlich-wirtschaftlicher Zusammenhänge. 