Christofer Radic
Die Stromkonzerne waren wie elektrisiert. Die Idee, aus ihren Verteilernetzen Datenautobahnen zu machen, klang einfach genial: mit wenig Aufwand am märchenhaften Aufschwung der dot.com-Industrie teilhaben. Inzwischen ist die Euphorie verflogen, etliche Unternehmen haben sich bereits von der Technik verabschiedet.
Den Stecker gezogen
Dabei schien alles so einfach. Stromkabel bergen freie Kapazitäten, die für die Datenübermittlung nutzbar sind. Der Energietransport belegt nur bestimmte Frequenzbereiche, die anderen Bandbreiten in den Kupferadern (Powerline) liegen brach. Schon 1997 hatte die Berliner Bewag entsprechende Versuche unternommen. Doch im Herbst 1999 zog sich der Stromerzeuger aus der Powerline Communication (PLC) zurück - trotz eigener Patente. Begründung: keinerlei Erfahrung im Bereich Telekommunikation.
Kurz zuvor war schon der kanadische Telekomausrüster Nortel ausgestiegen. Der PLC-Pionier war auf den britischen Inseln an Großversuchen beteiligt. Doch keiner der englischen Netzbetreiber mochte sich für den Massentransport von Daten über seine Stromkabel erwärmen. Denn in der Praxis, so Nortel damals, hätten die Kosten die zu erwartenden Einnahmen weit überwogen.
Ralf Konzelmann von der Initiative "Nein zu Powerline" sieht das anders. Die Erprobung in Großbritannien hätte wegen heftiger Verbraucherproteste abgebrochen werden müssen. Denn durch den massiven Datentransport würden die Kabel zu regelrechten Smog-Schleudern: "Aus jeder Steckdose quoll Elektrosmog." Tatsächlich sind die Niedrigspannungsnetze für Wechselströme von 50 Hertz konzipiert. PLC nutzt die Leitungen jedoch in einem Bereich bis zu 30 Megahertz. Bei dieser Frequenz geben die Kabel Strahlungen ab, die etwa den Funkverkehr von Rettungsdiensten stören können.
Als Nächster, vor gut einem Jahr, zog Siemens den Stecker. Grund: "ungewisse Rahmenbedingungen". Experten glauben, dass der Münchner Konzern keine Chance sah, seine Technik selbst innerhalb der großzügigen Regelung zu realisieren. Derzeit bieten noch die französische Alcatel und die schweizerische Ascom PLC-Modems für die Steckdose an. Ascom konnte letzten September erstmalig im eigenen Land einen Powerline-Vertrag abschließen. Der Berner Konzern vereinbarte mit den Freiburgischen Elektrizitätswerken (FEW) die Lieferung von PLC-Modems.
Feste Rahmenbedingungen
"Anbieter von Internet aus der Steckdose müssen die für alle elektrischen Leitungen und Geräte einzuhaltenden, auf EU-Ebene festgelegten Grenzwerte für Abstrahlungen beachten, die im Elektrotechnikgesetz enthalten sind", betont die Bundesministerin für Verkehr, Innovation und Technologie Monika Forstinger. Für die neue Technologie seien keine Frequenzzuweisungen und keine gesonderte Freigabe durch das Bundesministerin für Verkehr, Innovation und Technologie erforderlich, so Forstinger. Der Dienst könne ohne spezielle Konzession erbracht werden, es sei lediglich eine formelle Anzeige als Internet-Service-Provider an die Regulierungsbehörde erforderlich.
Wie in Österreich, wurden auch in Deutschland im letzte Jahr gesetzliche Rahmenbedingungen für die Powerline-Anbieter geschaffen. In diesem Jahr soll ein umfassender Regulierungsbeschluss von der EU verabschiedet werden.
TIWAG und EVN optimistisch
Von den Ausstiegen und den schlechten Prognosen aus dem Ausland zeigen sich die hiesigen Stromanbieter unbeeindruckt. Die TIWAG führt seit eineinhalb Jahren in Fulpmes Feldversuche mit der PLC-Technik durch. Und seit September letzten Jahres surfen im österreichischen Mayrhofen ein gutes Dutzend Kunden des Tiroler Energieversorgers mit dem Strom durchs Internet. Die UTA beteiligt sich als Telekomprovider und die STEWEAG als Landesgesellschaft an dem Projekt der Tiroler Wasserkraftwerke AG.
"Das Ziel des Projektes ist die Kundeakzeptanz der neuen Technik, sowie den Betriebsführungsaufwand zu ermitteln. Auch genauere Bestimmung der erforderlichen Investitionen und der technischen Grenzwerte soll in Erfahrung gebracht werden", so Anton Rossetti, PLC Projektleiter bei der TIWAG. "Powerline ist heute so weit, dass wir eine traditionelle Verbindung zum Kunden, die wir 24 Stunden am Tage haben, nämlich unser Stromnetz, dazu nutzen können, mit dem Kunden zu kommunizieren und ihm Dienstleistungen anzubieten", so Rossetti weiter. "Und außerdem ist es mit der Powerline-Technologie möglich, das letzte Verbindungsstück, die sogenannte letzte Meile, bisher eine Domäne der Telekom Austria, zwischen dem Telekommunikationsnetz und dem Endkunden über die Stromnetze zu überbrücken.", erklärt Rossetti.
Auch in Niederösterreich sollen Kunden der EVN bald mit zwanzigfacher ISDN-Geschwindigkeit im World Wide Web surfen können. Anfang Oktober wurden in Krems, Waidhofen an der Ybbs und Wiener Neustadt die ersten öffentlichen Powerline-Surfinseln eröffnet. Hier sollen potentielle Kunden und Interessierte mehr über die neue Technik erfahren und diese auch gleich vor Ort testen können. "Unsere Tests mit Powerline waren bis jetzt sehr erfolgreich", sagt EVN-Sprecher Stefan Zach. "Im Moment warten wir nur noch auf die Lieferung der neuen Modems die unseren Qualitätsansprüchen genügen, um dann sofort mit der breiten Markteinführung der neuen Technik starten zu können", erklärt der EVN-Sprecher. Die im Feldversuch eingesetzten Ascom-Modems haben sich, laut Zach, als sehr gut erwiesen. "Nur ein paar Kleinigkeiten müssen noch modifiziert werden," so Zach. Dann will der Energieversorger in "die neue Ära der Strom- und Datenversorgung starten."
Inhouse PLC
Die Trend geht allerdings derzeit stärker nach innen: PLC wird immer häufiger auf die Kommunikation in den Häusern beschränkt. So wie die RWE es für Schulen anbietet. Der Essener Energieversorger nutzt die Stromkreise in den Gebäuden zum Datentransport. Die Anbindung ans Internet kann dabei etwa über Funk oder Telefonkabel laufen. Elf Bildungsanstalten belieferte die RWE bisher mit ihrer Technik, dazu kommen derzeit 1500 Privatkunden mit PLC-Anschluss zum nächsten Trafohäuschen. Auch die Mannheimer MVV strickt weiter an einem lokalen PLC-Netz. Dabei setzt das Unternehmen beim Info-Transport auf Glasfaser als Rückgrat (Backbone), durch das die Datenpakete quasi von Trafo zu Trafo rauschen. In den Umschaltstationen werden die optischen in elektrische Signale umgewandelt und in die Häuser geschickt. Doch auch in Mannheim gibt es derzeit nur 1500 Kunden.
Zu viel Entwicklungsarbeit
Tücken der Technik räumt hingegen Energie Baden-Württemberg (EnBW) ein. In einem Formschreiben an seine 650 Probanden in Ellwangen gestand der Stuttgarter Stromverteiler Schwierigkeiten mit dem Adapter. Denn selbst innerhalb der häuslichen Stromnetze sind die Probleme mit PLC keineswegs zufriedenstellend gelöst. So kann ein plötzlich eingeschalteter Mixer durchaus auch den Datenstrom durcheinanderwirbeln.
Die Branche gab sich überrascht, als dann E.ON Anfang Dezember letzten Jahres sein Engagement in Sachen PLC radikal stoppte. Der Magdeburger Energiegigant warf das Handtuch wegen der "durch den Gesetzgeber vorgegebenen Regelungen für die Emission elektromagnetischer Strahlungen" und beklagte sich über die "sehr niedrigen Grenzwerte". "Insbesondere die beabsichtigte Sperrung bestimmter Sonderfrequenzen" erfordere weitere zwei Jahre Entwicklungsarbeit - zuviel für den Stromriesen.




1/2012
8/2011
7/2011


Alexandra Riegler arbeitet als freie Journalistin in den USA. Zu ihren Spezialgebieten zählen die Themen Technologie und Forschung. 