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E-World

3D Body-Scanner

Individuelle Massenproduktion

Zunächst scheint es ein Widerspruch zu sein: Kundenindividuelle Massenproduktion, im Fachjargon Mass Customization genannt. Tatsächlich aber können die Vorteile einer massenhaften Produktion mit denen einer kundenindividuellen Einzelfertigung verbunden werden.

Christofer Radic

Stellen Sie sich vor; Sie betreten eine Umkleidekabine. Der Raum ist klein, etwa zwei mal zwei Meter. Ein im Boden eingelassenes Quadrat leuchtet schwach blau. Da stellen Sie sich hin. Nur in Unterwäsche, bitte. Das Kabinenlicht wird schummerig. Klick. Ein Laser flammt auf. Über Ihrem Kopf bildet sich eine rote Fläche aus Licht, die sich langsam senkt. Zehn Sekunden dauert das Photonenbad. Dann ist der Spuk vorbei und Sie können sich wieder anziehen. Der Laser hat gerade Ihren Körper gescannt, im Computer ist nun Ihr dreidimensionales Foto gespeichert. Szenarien einer fernen Zukunft? Keineswegs. Den passgenauen Anzug vom Fließband bekommen Sie schon heute.

C&A nimmt Maß mit Laserstrahl

Bisher bietet das Kaufhaus C&A seinen Kunden neben der Konfektion (Jacke und Hose in der gleichen Größe) schon den Baukasten-Anzug - Sakko und Hose in verschiedenen Größen. Seit drei Jahren ist sogar Maßkonfektion möglich, doch die Maße für die individuelle Anfertigung wurden noch per Hand genommen. Das erledigt jetzt der Laserstrahl mit seinen zwei Millionen Messpunkten. Der vermisst nicht nur Halsweite und Rückenbreite, sondern auch Merkmale der Körperhaltung. So wird die Passform optimiert. Der Kunde sucht aus mehr als 100 Stoffen das Tuch seiner Wahl, wählt auch den Futterstoff und die Knöpfe für das Sakko und entscheidet über den Stil, zum Beispiel ein- oder zweireihig.

Das 3D Body Scan Projekt ist Bestandteil eines europäischen E-Tailor-Programms, in dessen Rahmen sich C&A mit 16 weiteren europäischen Partnern und mit Unterstützung der Europäischen Kommission für die Integration von zukunftsweisenden Technologien innerhalb der Textilindustrie engagiert. Das Kaufhaus testet seit August 2001 die neue Methode der Maßanfertigung. Sollte sich das Prinzip bewähren, könnten schon bald vereinzelt Laserkabinen neben den gewohnten Umkleidekabinen stehen.

Body-Scans für die Bekleidungsindustrie

Noch sind es einzelne Unternehmen, die mit der Mass Customization experimentieren. Doch Experten wie Dr. Frank Thomas Piller von der Technischen Universität München sagen voraus, dass in einigen Jahren eine Vielzahl von Konsumgütern nach den individuellen Wünschen der Kunden gefertigt wird: hochwertige Unterhaltungselektronik wie Hi-Fi-Anlagen, Möbel, Autos, Schuhe oder auch Bücher und Zeitungen.

Doch sieht Piller, der seit mehr als fünf Jahren zu dem Thema forscht, wirkliches Potenzial in der Vermarktung von 3-D-Messdaten. "Broker wie Possen.com oder EZsize.com erfassen Körperdaten über Body-Scanner und stellen diese den Einzelhändlern gegen eine entsprechende Provision zur Verfügung", erläutert Piller.

Der Niederländer Possen beispielsweise fahre mit einem Scanning-Truck durch Holland und Belgien, um dort von den Kunden mittels Lasertechnik und spezieller Software ein digitales Double, einen sogenannten generischen Scan zu erstellen. Der Zulauf sei sehr groß, besonders "wenn man bedenkt, dass der Onlinehandel rund eine halbe Million passformbedingte Retouren zu verzeichnen hat. Für die Bekleidungsindustrie bedeutet das ein riesiges Einsparpotenzial", so Piller.

Gespeicherte Maße reduzieren Retouren

Die 3D-Daten werden kooperierenden Einzelhändlern zur Verfügung gestellt, die sich die Kosten für Body-Scanner sparen, aber trotzdem Maßkonfektion anbieten wollen. Durch Kooperationen mit Online-Anbietern sei so auch der passformsichere Distanz-Kauf möglich. "Für den Kunden wird das spätestens beim zweiten Kauf eines Anzuges interessant", sagt Piller. Die Body-Scans ließen sich darüber hinaus von der Bekleidungs- und Schuhindustrie als Ausgangsdaten nutzen, um damit die Passform von Standardkleidung zu verbessern. Denn allein bei der Bestellung von Schuhen hätten Anbieter wie der Otto-Versand Rückgabequoten von 40 bis 50 Prozent zu verzeichnen. Häufig werden zwei Paar Schuhe bestellt, um sicher zu gehen, dass wenigstens eines passt.

Der Aufwand kann sich lohnen

Unternehmen, die sich auf das Abenteuer der individuellen Serienfertigung einlassen, müssen ihr gesamtes Geschäftsmodell ändern. Sie müssen neue Maschinen anschaffen. Die Lieferanten müssen in das Konzept eingebunden werden. Die Händler müssen mitspielen. Dennoch: Der Aufwand kann sich lohnen. Ein Lager für Endprodukte? Unnötig. Sonderverkäufe von Auslaufmodellen mit hohen Rabatten? Geschichte. Blindflüge der Produktentwicklung, in der vagen Hoffnung, den Geschmack der Kunden zu treffen? Ein Relikt aus den Ursprüngen des Marketings.

http://www.atc.gr/e-tailor/index.html

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MONITOR-Autoren
Lothar Lochmaier

Lothar Lochmaier studierte nach einer Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann Sozial-und Wirtschaftsgeschichte sowie Politikwissenschaft in München, Madrid und Berlin. Heute arbeitet er als freiberuflicher Fach- und Wirtschaftsjournalist für diverse Print- und Online-Medien. Seine Schwerpunkte sind die Bereiche Informationstechnologie, Energiefragen und Managementthemen. ..mehr..

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