Evan Mahaney,
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar
Die Leprechauns waren da sehr trostreich. Sie erschienen schweigend an meiner Tastatur und sprachen im Namen aller Leprechauns ihr Beileid aus. Frau Donner, die ich schon immer für ihre laute Stimme und ihr entschlossenes Auftreten gemocht hatte, versuchte sogar, mich in die Arme zu nehmen. Wegen ihrer geringen Körperhöhe - Frau Donner ist ja nur einen Zentimeter groß - musste sie sich natürlich auf die Umarmung meines kleinen Fingers beschränken.
Nachdem ich ihnen tief bewegt gedankt und die eine oder andere Träne mit ihnen geteilt hatte, brach ich die Stille und erinnerte sie an ihre Aufgabe: über Trends und Ideen zu berichten, die unsere Zukunft beeinflussen könnten. "Ich stehe unter dem Eindruck", begann ich, "dass die Angriffe vom 11. September in der Welt der High-Tech und Computer einiges verändern werden. Stimmt Ihr mir da zu?"
Der nicht gerade schüchterne Mister Cavalier antwortete sofort. "Nun, O Liebhaber der Butternussschnecken, Ihr habt nur zu einem Viertel recht. Die Anschläge werden nicht einiges verändern, sondern sehr viel, und das auf vielerlei Art. Die Rüstungsindustrie aller Nationen wird die Herstellung schweren Geräts für die Dreckarbeit im Feld herunterfahren und mehr Geräte entwickeln, die für stille und findige Aufklärung sorgen - in kleinen Cliquen von Verschwörern und Höhlensystemen rund um den Erdball. Diese Geräte werden die Notwendigkeit für Infiltration erheblich vermindern."
Einer der Leprechauns, Mr. Beagle, der nur selten etwas sagt, ergriff das Wort. Mr. Beagle erinnert mich an einen Spion aus einem Roman über den kalten Krieg, an eine der Figuren aus John Le Carres Buch. "Mister Cavalier" begann er, "Ihr habt so recht, Ihr solltet im U.S. Sicherheitsrat sitzen." Dann wandte er sich an mich und erklärte: "Ihr könnt Eure Leser wissen lassen, dass dieses ganze Gerede über mehr 'Human Resources' für die CIA von alten Betonköpfen kommt, die glauben, dass Spionage nur von 'Maulwürfen' oder Infiltratoren betrieben werden kann."
"Ihr werdet auch bemerken, dass nur die Senioren von konspirativen Netzwerken zur Terrorbekämpfung sprechen. Sie hatten ihre prägende Phase während des kalten Kriegs, als Spionage fast Spass machte. Und sie alle haben zu viele schlechte Romane gelesen, in denen Charaktere ohne Charakter die Menschheit auf Seite 434 eines 435-Seiten-Romans retten."
"Einfach nur durch den Umstand, dass so viele altbewährte Leute in hohen Positionen zu den Mantel-und-Degen-Tagen zurückkehren wollen, wird es wenigstens ein bisschen dazu kommen. Das Hauptaugenmerk wird sich bei der Terrorbekämpfung aber in Richtung Hochtechnologie verlagern. Es wird die High-Tech-Industrie sein, die schließlich das Bollwerk gegen das Böse stellt. Was am 11. September in New York City passierte, war der Anfang vom Ende der Terrororganisationen und Drogenkartelle."
Frau Leaglebeek zeigte ihren Willen zum Gerichtsdrama und nahm Mister Beagle sofort ins Kreuzverhör: "Wollen Sie uns einreden, Mister Beagle, dass menschliche Spione in Zukunft nicht mehr eingesetzt werden? Dass wir bloß einige technische Spielsachen mehr brauchen?"
Mister Beagle warf ihr einen Blick zu, der aus der Kälte kam, und sagte dann: "Ja. Die Anschläge waren wie das Ausstellen eines Blankoschecks auf den Namen der High-Tech-Industrie. Jahrelang haben sich die Forscher als Star-Wars-Fuzzis prostituieren müssen, ohne die Mittel für ihre sinnvolleren Lieblingsideen zu bekommen. Es gab scheinbar gewaltige Fortschritte bei Radar, Lasern, Infrarotlinsen - bei der Ausrüstung, die man zur Aufklärung braucht. In Wahrheit war der Markt für diese Dinge aber sehr klein; mal hier ein Pipi-Vertrag von den Militärs, mal dort ein kleiner Auftrag von der Polizei von Los Angeles. Diese Situation hat sich am 11. September aber radikal verändert."
"Beispielsweise geben die Amerikaner jedes Jahr 343 Milliarden Dollar für Rüstung aus. Ihr könnt wetten, dass Firmen wie Lockheed-Martin, TRW, Raytheon, General Dynamics und viele weniger bedeutende Unternehmen sehr bald eine Notfinanzierung für Forschung und Entwicklung bekommen, um Mittel und Wege zu finden, den Feind aufzuspüren und zu verfolgen. Das kniffelige ist ja, den Feind zu finden. Alle Arten von giftigen kleinen Tricks werden herauskommen, und sie alle werden auf High-Tech-Methoden basieren. Das Sprichwort: "Ihr könnt Euch nirgendwo verstecken, wo wir Euch nicht finden können" wird schließlich Realität werden."
Mister Beagle fuhr fort in seinem Bericht. "Lasst mich Euch und Euren Lesern versichern, O Feinschmecker des Herzilein-Salats, dass man auch kleine Firmen fördern und zu Rate ziehen wird. Ein Beispiel dafür wäre Applied Optoelectronics, Inc., eine kleine Hochtechnologieschmiede in Texas, die vor kurzem eine neue Technologie für Halbleiterlaser herausgebracht haben. Obwohl es dafür eine breite Palette von Anwendungen gibt, wie etwa Raketenabwehr, Aufspüren von gefährlichen Chemikalien und Explosivstoffen, Feinanalyse von unbekannten Substanzen oder Diagnosegeräte für Traubenzucker. Trotzdem hat noch niemand von ihnen gehört. Und von dieser Sorte gibt es Tausende von Firmen, und sie alle werden sich um Regierungsaufträge bemühen und auch bekommen."
Frau Leaglebeek ließ nicht locker: "In anderen Worten, Ihr erklärt uns, dass High-Tech auf eine verängstigte Bevölkerung losgelassen wird. Auch wenn die bösen gefunden werden, was ist mit unseren grundlegenden Bürgerrechten? Werden wir sie verlieren? Sollen wir das etwa so verstehen?"
Mister Beagle vermied den Augenkontakt zu Frau Leaglebeek, als er antwortete. "Ja," sagte er wieder. "Wir werden sie verlieren. Ich denke, die Fortschritte beim Verfolgen von Menschen, Abtasten und Durchleuchten von Gegenständen und Belauschen von Gesprächen und die Möglichkeiten zum Ablichten von Leuten und Landstrichen werden phänomenal. Aber durch ihren Einsatz wird viel Privatsphäre überall auf der Welt verlorengehen. Ich denke, dass die Polizei und Armee in wenigen Jahren alles über Eure tiefsten und finstersten Geheimnisse wissen wird. Sie werden an diese Informationen gelangen können, wahrscheinlich sehr leicht."
Frau Leaglebeek war baff. "Da weiß ich jetzt gar nicht, was ich sagen soll!" gestand sie. "Auf der einen Seite will ich, dass all diese Terrornester ausgeräuchert werden. Wenn sie schon dabei sind, wäre auch die Zerstörung von Drogen-Connections sehr willkommen, und ich bin für jede hilfreiche Technik dankbar - wir Leprechauns lieben ja den Fortschritt. Diese Sache ist mir aber unheimlich. Mir scheint, dass in alle Nationen der Erde, speziell in den freien Demokratien wie Österreich, die USA, Kanada oder Großbritannien, die Menschen die Freiheit vor der Schnüffelei durch die Regierung schätzen. Meine Frage daher: Werden sich die Leute das zumuten lassen? Werden sie dieses Unheil abwenden können?"
Mein liebster Leprechaun, Frau Donner, war die ganze Zeit über sehr still gewesen. Als sie aufstand, verstummte die Gruppe und ich hörte sie folgendes sagen. "Yes. Die freiheitsliebenden Menschen werden das durchschauen. Es wird einige ganz gewaltige Blamagen geben. Es wird einige Regierungen geben, die zu weit gehen und dann von den Wählern hart bestraft werden. Es wird Proteste geben, engagierte Bürger und Firmenvertreter auf der einen Seite und Polizei und Militärs auf der anderen Seite werden die Hölle heraufbeschwören. Schließlich wird aber die zivile Kontrolle der Kontrolle und persönliche Freiheit die Oberhand behalten."
"Die Technologie ist da, es kann so oder so ausgehen. Zunächst werden die Menschen die rohe, Intimsphäre knackende Technologie zum Festnageln der Bin Ladens dieser Welt bekommen. Dann kommen die freiheitsliebenden Bürger ins Spiel und verlangen, dass ihre Rechte geschützt werden. Fine-Tuning und Hartnäckigkeit sind gefordert, aber High-Tech-Spionage und Bürgerrechte schließen einander nicht aus."
Frau Donner fuhr fort. "Ich für mein Teil bin froh, Mister Beagles Bericht zu hören. Ich dachte auch, dass wir die Technik hatten, um unseren Augen und Ohren mehr Reichweite zu verschaffen, war mir dabei aber nicht sicher. Es war sehr beruhigend, das alles zu hören - von Mister Beagle, der sicher seine eigene Spionage unter Spionen betrieben hat. (Mister Beagle nickte stumm). Und ich glaube, wir alle stimmen darin überein, dass die freiheitsliebenden Menschen ihre Rechte verteidigen und es den Überwachern nicht zu leicht machen werden. Da bin ich zuversichtlich."
Und mit dieser Stellungnahme schloss unsere Sitzung und die Leprechauns verschwanden einfach, wie immer. Ich suchte überall drunter und drüber nach den Phrasen, die der Übersetzung bedürfen, konnte sie aber nicht finden. Ob das Absicht oder Versehen war, aus Pietät oder Zerstreutheit, konnte ich nicht mit Sicherheit sagen. Vergessen hatten die Leprechauns noch nie etwas.




1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Christine Wahlmüller-Schiller ist freie Autorin und Kommunikationsberaterin, spezialisiert auf die IT- und Telekom-Branche. 