Rüdiger Maier
Ziel war im ersten Schritt die Schaffung eines lokal einsetzbaren, aber mit den Zentralen beliebig vieler Firmen integrierbaren Programmpakets für die Erfassung von Arbeitsdaten. Auch die internationale Einsatzmöglichkeit und Auswertung der Daten für Baustellensteuerung und Controlling sollte erreicht werden. Die Ausweitung der Nutzung der Software für andere Gebiet, wie Geräte und Material, stieß ebenfalls auf großes Interesse. Im Frühjahr 1999 lag das Konzept für das Programmpaket "Baulohn-Erfassung" vor. Die Vergabe des Projektes erfolgte an die Firma LG Soft. Das Unternehmen LG Soft wurde vor fünf Jahren vom heutigen Geschäftsführer Johannes Leitner mit dem Ziel gegründet, Individuallösungen für Mittel- und Großbetriebe zu entwickeln. "In LG Soft, dem ersten "Oracle Certified Advantage Partner" in Österreich, haben wir den idealen Umsetzungspartner für die gewünschte Lösung gefunden", erklärt Dkfm. Wolfgang Wirsig, Geschäftsführer der ARGE und für Sonderprojekte bei Infosys Informationssysteme GmbH, einer Tochter der Bauholding Strabag, zuständig. Es sei besonders wichtig gewesen, hier einen Partner zu finden, der den schrittweisen Prozess zur Findung der optimalen Lösung begleiten wollte und bereits einschlägige Erfahrung in vergleichbaren Projekten vorweisen konnte.
Wechselnde Arbeitsgemeinschaften
Ein schwieriger Punkt bei Baustellen-Abrechnungen ist die Tatsache, dass sich zu vielen Projekten verschiedene Arbeitsgemeinschaften bilden, die sich nach Projektende wieder auflösen. Dabei werden von den Vorarbeitern bzw. den Baupolieren die Arbeitsstunden aufgezeichnet und mussten bisher in die verschiedenen Formulare und Systeme der einzelnen Partnerfirmen innerhalb der jeweiligen Arbeitsgemeinschaft übertragen werden. "Diese Erfassung wurde immer komplizierter. Nun haben wir endlich eine über die Vereinigung industrieller Bauunternehmen Österreichs (VIBÖ) normierte Lösung und können damit einen langjährigen Wunsch der Bauindustrie verwirklichen", so Wirsig. Ein Erfasser kann nun die Arbeiter mehrerer Firmen auf einer Baustelle einheitlich in das System eingeben. Hierbei musste durch Standardisierung erreicht werden, dass eine Kooperation beliebiger Firmen möglich wird. Das Programmpaket erlaubt neben einer Erfassung des Personals für bestimmte Baustellen auch die Erfassung von Personal, das gleichzeitig auf vielen Baustellen eingesetzt wird.
Einfache Oberfläche
Eine zentrale Anforderung bei der Erstellung der Software war eine einheitliche und einfache Oberfläche, welche die Erfassung der Daten erleichtert. Die komplexe Überführung der erfassten Daten erfolgt im Hintergrund des Systems, das über Schnittstellen mit der EDV der einzelnen Unternehmen kommuniziert. "Dem Nutzer wird die Eingabe durch klar definierte und hinterlegte Tätigkeitskataloge so einfach wie möglich gemacht. Alles ist im Klartext zu lesen, was die Qualitätskontrolle erleichtert", beschreibt Wirsig die Eingabemaske. Der Erfasser sieht auch nur den jeweils von ihm benötigten Ausschnitt, was zur Einfachheit beiträgt. So konnte der Schulungsaufwand für die Erfasser auf unter zwei Stunden reduziert werden. Auch die nachfolgende Kontrolle durch den Bauleiter und die Lohnverrechner in den Unternehmen unterliegt klaren Definitionen.
Die jeweilige Schnittstelle zur EDV der beteiligten Unternehmen puffert die Informationen in beide Richtungen. Einerseits fließen Stammdaten aus den Unternehmen - etwa aktuelle Personalstämme oder auch das Arbeitszeitmodell - hier ein. Andererseits werden die auf der Baustelle erhobenen Bewegungsdaten den Anforderungen der EDV-Systeme der verschiedenen Unternehmen angepasst.
Ausweitung des Einsatzbereiches
"Durch die laufende Erweiterung des Programmpakets tritt heute die reine Datenerfassung für die Lohnabrechnung immer mehr in den Hintergrund", weiß Wirsig um die Lebendigkeit des Systems. Auf den Baustellen wird mittlerweile die integrierte Erfassung von Zusatzdaten (Tätigkeitsschlüssel für das Controlling, Basisdaten für Weiterverrechnungen etc.) sowie die tägliche Informationsmöglichkeit für Baustellen und Arbeitsgruppen geschätzt. "Das System entwickelt sich immer mehr hin zu einem Baustellen-Informations-System, das auch direkt auf der Baustelle auswertbar ist."
Dabei gilt es allerdings, die vier Ebenen des Systems klar auseinander zu halten. Diese Ebenen liegen zwischen der Notwendigkeit zur Zentralisierung und Qualitätssicherung einerseits und der weitestgehenden Freiheit der Arbeitsgruppen am Bau andererseits:
- Branchenstandards, die einen problemlosen Datenaustausch zwischen Firmen ermöglichen
- Zentrale Erfordernisse, die die sichere Verarbeitung in den anschließenden Unternehmens-Systemen garantieren
- Gruppenkriterien, die für den jeweiligen Arbeitsbereich festgelegt werden (Wohn-, Tunnel-, Straßenbau etc.)
- Individuelle Freiheiten, die sich ganz auf eine Baustelle beziehen
"Das System ist so aufgebaut, dass es die größtmögliche Freiheit der Baupoliere erlaubt, wenn keine übergeordnete Anforderung dagegen spricht. Das ist besonders wichtig, da Baustellen ganz individuell nach den jeweiligen Bedürfnissen einzurichten und zu organisieren sind, damit sie auch funktionieren", erzählt Wirsig aus seiner Erfahrung.
Um die eingegebenen Daten auch wunschgemäß auswerten zu können, wurden die häufigsten Auswertungen als Bildschirmmasken eingerichtet. Darüber hinaus können Berichte flexibel zusammengestellt und abgespeichert werden. Die Berichte werden in Microsoft Excel übertragen und erlauben so eine individuelle Weiterverarbeitung und Gestaltung.
Gemeinsamer Nenner der Informationsübermittlung
Der Informationsaustausch zwischen den einzelnen an einer Arge beteiligten Firmen wird mittels E-Mail abgewickelt. Das lässt sich vollautomatisch, mit hoher Sicherheit und ohne übertriebene technische Anforderungen bewerkstelligen. "Damit haben wir einen gemeinsamen Nenner gefunden, der uns vor Leitungsproblemen ebenso bewahrt wie vor der Notwendigkeit der dauernden Abstimmung aller Systeme untereinander", weiß Wirsig um die Schwierigkeiten bei der Synchronisation über mehrere Firmen hinweg. Daher wurde auch der Firmengrenzen überschreitende Datenverkehr auf die Zentralen konzentriert. Die Baustellen selbst arbeiten fast ausschließlich im Online-Betrieb mit einer bestimmten Zentrale, sei es als klassische Client/Server-Variante oder über Terminal Server, womit auch ein Betrieb über das Internet möglich ist.
Ausweitung auf den mobilen Einsatz
Für die in Bauunternehmen üblichen mobilen Kleintrupps wurde kürzlich der Einsatz von Handhelds erfolgreich getestet. Ausgestattet mit einem Touchscreen zur einfachen Bedienung auch mit Handschuhen werden die Geräte vor dem Einsatz weitgehend automatisch mit den Basisdaten des Erfassers und der von ihm betreuten Baustellen bzw. Personen personalisiert. "Diese Handhelds können natürlich nur einen beschränkten Funktionsumfang abdecken, sind aber für den mobilen Einsatz unverzichtbar", weiß Wirsig um die starke Nachfrage. Mit dem Eingabestift können so die Arbeitsstunden erfasst und nach Rückkehr ins Büro ausgelesen werden. Gerechnet wird mit dem Einsatz von 300-400 Handhelds in größeren Bauunternehmen, was eine weitgehende Automatisierung des Datentransfers unumgänglich macht.
Im Herbst 2001 erfassen bereits vier Baukonzerne mit dem System auf über 300 Baustellen über 7.000 Personen. Weitere drei Baufirmen befinden sich in der Einführungsphase. Unter Einbeziehung der Benutzer von Handhelds auf Baustellen schätzt Wirsig das Potential für das System in Österreich auf etwa 40.000 Personen. Und auch der Export der heimischen Spezial-Software ist schon gelungen: "Ein großer deutscher Baukonzern hat bereits die ersten Baustellen erfolgreich auf unser System umgestellt", ist Wirsig stolz. Damit erschließt sich dem Bau- und Softwareexperten auch in Zukunft ein weites Betätigungsfeld: Die ARGE Projekt Baulohn vergab nämlich den Vertrieb des Produkts exklusiv an die Fa. Infosys.
http://www.lgsoft.at
http://www.oracle.at
http://www.arge-baulohn.com




1/2012
8/2011
7/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 