Evan Mahaney
Aus dem Amerikanischen
von Reinhard Gantar
Im allgemeinen glaube ich den Leprechauns. Als sie zum monatlichen Besuch an meiner Tastatur erschienen, waren sie bereit, mir mehr als nur die üblichen paar Trends zu vermitteln. Wie Mr. Hatchit, der grantige und immer zweifelnde Leprechaun es ausdrückte: "Viele dieser Dinge sind prinzipiell schon begraben. Dass sie immer noch verkauft werden, kann man dem Peitschensyndrom zuschreiben: Als die Automobile begannen, die Erde zu beherrschen, steckten die Hersteller von Pferdepeitschen ihre jeweiligen Köpfe einfach in den Sand. Sie erzeugten weiterhin Pferdepeitschen, verbesserten die Pferdepeitschen-Designs, und überschwemmten ihre Vertriebskanäle mit Pferdepeitschen. Niemand aber kaufte mehr Pferdepeitschen. Es dauerte Jahre, bis diese Industrie endlich verschwand."
Ich hatte gehofft, ein bestimmtes Thema vermeiden zu können. Obwohl ich wusste, dass die Leprechauns das wussten, hoffte ich, dass wir bis auf weiteres nicht daran anstreifen würden. Natürlich erfüllte sich diese Hoffnung nicht. Mr. Pompous trat vor: "Korrigiert mich, falls ich falsch liege, O Feinschmecker der Springerle-Waffeln, aber habt Ihr nicht ein analoges Mobiltelephon im Rucksack, mit dem man ausschließlich telephonieren kann?"
Das war richtig, ich konnte es nicht leugnen. Der alte Apparat gehörte zu den Dingen, an die ich mich gewöhnt und nie geupgradet hatte. Ich kaufe immer die neuesten Computer, alle neuen Peripheriegeräte, alle neuen Programme - nur das Telephon ist seit den frühen 90ern Jahren immer noch das erste. Tatsächlich wurde mein einziger Netzbetreiber seither dreimal neu übernommen und machte vier Namensänderungen durch. Trotz der hartnäckigen Forderungen dieses Dienstleisters doch endlich auf ein digitales Telephon zu wechseln, habe ich bisher daran festgehalten. Fröhlich erklärte ich den kleinen übernatürlichen Geschöpfen an meiner Tastatur den Grund dafür: Ich lebe in den Bergen und in meiner Gegend ist die digitale Verbindung sehr schlecht. Ich kann mehr Menschen erreichen und von mehr Menschen erreicht werden, wenn ich ein analoges Telephon benutze. Ich habe das schon ausprobiert.
Mr. Hatchit schaltete sich ein: "Nun, da seid Ihr wohl die Ausnahme, aber ich betone nochmals, dass Mobiltelephone und andere derart spezialisierte Geräte - wie etwa der berühmte Walkman - nur darauf warten, dass ihre Todesanzeigen fertig geschrieben werden." Ich wusste, dass er recht hatte. Ich wollte den Schwerpunkt des Gesprächs aber in Richtung anderer Dinge verschieben, die verschwinden und niemals wieder kommen würden. Besonders interessierte mich die Voraussage, dass Gratis-Inhalte zum Scheitern verurteilt waren. Und es war die liebenswürdige Frau Süß, eine Kennerin der Internet-Szene, die meine Neugier stillte. "Es wird natürlich immer Gratis-Inhalte am Web geben. Immerhin ist das Web ja der größte Verleger der Welt und hat 100 Millionen Autoren. Die Top-Info-Sites aber, diese Sites, die in Echtzeit zuverlässige Nachrichten aus professioneller Feder bringen, die werden dafür etwas verlangen. Sie können nicht anders. Die Kosten für die bloße Technik der Website ist enorm, von der redaktionellen Mannschaft gar nicht zu reden. Ich denke, dass sogar die Regierungen die Hand aufhalten werden. Immerhin waren die Regierungen seit jeher die wichtigsten Anwender der Druckerpressen, und sie verlangen auch für Broschüren und Almanache Geld. Wir reden hier von der Vergebührung von Information, daher ist es wie 'Zurück in die Zukunft' -- ökonomische Modelle ändern sich eben nicht."
Sie grinste verschwörerisch und erklärte dann: "Überhaupt, O Kenner der Apfel- und Topfenstrudel, erinnert Ihr Euch an Euer früher liebstes Forschungsinstrument, das jetzt bedauerlicherweise in die Rundablage der Geschichte wandern wird?"
Ich bin sicher, dass man mir mein Entsetzen ansah. Mir gefiel diese Unterhaltung immer weniger. "Wovon redet Ihr?" hauchte ich.
"Mikrofilm und Microfiche sind schon so gut wie begraben" schnurrte Frau Süß. "Redundanzgesicherte digitale Medien sind viel, viel billiger als das Speichern auf Mikrofilm. Elektronisches Scannen schlägt Mikrofilm-Scannen spielend. Und es ist natürlich viel einfacher, digitalen Text zu durchsuchen. Sogar Ihr wisst das", schloss sie. Ich musste einräumen das zu wissen, und dass ich den Untergang des Mikrofilms seit langer Zeit kommen gesehen hatte.
"Und was ist mit Netscape?" erkundigte ich mich. "Ich bemerkte die Einführung eines neuen Browsers, und dass sie dauernd behauptet an einem Beta-Update mit der Nummer 6.1 zu arbeiten."
Frau Donner riss die Konversation an sich. Ich mag Frau Donner, aber sie kann ein wenig aggressiv werden. "Es gibt einfach keine Möglichkeit, dass Netscape diese Aktion ihres Präsidenten Jim Bankoff verschmerzt", eröffnete sie uns. "Bankoff sagte, ich zitiere wörtlich, 'Der Browser ist unser Kronjuwel. Trotzdem wird man Netscape in sechs Monaten nicht mehr als Browser-Firma betrachten.' Das nennt man, sich selbst den Hals abzuschneiden. Es gab einen zaghaften Versuch, Bankoff als falsch zitiert darzustellen. Das Interview wurde aber von Reuters geführt, und es ist genau das, was Bankoff gesagt und gemeint hat. Und wenn nicht einmal mehr Netscape an seinen Browser glaubt, wer dann?" Frau Donner hatte natürlich wieder einmal recht. Netscape hätte gerne ein oder zwei weitere Jahre im Browser-Krieg, der heißt aber inzwischen Microsofts IE 5.0 und IE 6.0 gegen Opera Software A/S in Norwegen. Das Äquivalent eines Sumo-Ringers, der eine Ballettänzerin umwerfen will.
Ich wollte das Thema wechseln. Was hielten die Leprechauns vom Schutz der Intimsphäre? Ich war mir sicher, sie stimmten mit mir in allen Punkten überein. Es war Mr. Snyde, der gern von sich behauptet, noch nie unrecht gehabt zu haben (womit er übrigens unrecht hat), der sich diesem Belang als erster widmete. "Die Privatsphäre ist schon seit langer Zeit verschwunden. Viele Autoren, Journalisten und Computer-Gurus versuchen, sie durch ihre Arbeit und innovativen Vorschläge am Leben zu erhalten. Es ist ein dummes Katz- und Maus-Spiel. Ein Betrug, eigentlich. Der beste Schutz den ein Anwender haben kann, kommt von seinem Service-Provider. Wenn man keinen guten ISP hat, dann hat man dieses Spiel schon verloren", erklärte er uns. Er atmete tief durch, ein untrügliches Zeichen, dass Mr. Snyde noch nicht zu Ende gesprochen hatte.
"Von der neuesten Sorge sollte man sich aber nicht irritieren lassen. Ich rede von der Ein-Pixel-Graphik, die man überall einbetten kann, sei es E-Mail, sei es eine Web-Page. Das funktioniert wie ein Cookie. Und es gibt nichts, was man dagegen machen kann. Bei E-Mail oder beim Web-Surfen gibt es keine Intimsphäre. Am Web kann man genauso wenig unsichtbar sein wie beim Einkaufen im Supermarkt. Wir haben keine Tarnkappen für Nicht-Leprechauns, und wir haben ganz sicher auch keine für Web und E-Mail. Die Privatsphäre ist tot."
Absolut niemand widersprach. Und ich konnte erkennen, dass die Leprechauns sich bereit machten für ihr Verschwinden unter den üblichen Zischern des Unsichtbarwerdens. Bevor sie sich aber in Luft auflösten, erhielt ich das Versprechen, dass wir noch öfter über sterbende oder tote Technologien reden würden. Dinge wie vernetzte CD-ROMs, nichtvernetzte PCs, Exekution des Copyrights und eine Reihe anderer Pferdepeitschen des Cyber-Zeitalters würden auf unserer Agenda stehen. Apropos Cyber - es ist eine Vorsilbe, die ich schon lange nicht mehr verwendet oder gehört habe, und von der ich hoffe, dass sie für immer begraben wird.
Phrasen, die übersetzt werden müssen
Das Zitat: "Im Augenblick haben wir technische Schwierigkeiten mit unserem Netzwerk. Das führte dazu, dass viele Domain Services außer Betrieb erscheinen. Tatsächlich sind sie in Betrieb, nur bis auf weiteres nicht erreichbar."
Die Umstände: Ein Absatz in einer E-Mail von Internet Communications (ICOM) an ihre Webhosting-Kunden.
Die Übersetzung: Wir haben einen neuen Weg gefunden zu erklären, dass wir außer Betrieb sind, dass Ihr außer Betrieb seid, dass alles außer Betrieb ist - ohne Angriffsfläche für Schadenersatzklagen zu bieten.
Das Zitat: "In sechs Monaten wird man Netscape nicht mehr als eine Browser-Firma betrachten."
Die Umstände: Netscape-Präsident Jim Bankoff in einem Interview mit Reuters.
Die Übersetzung: Wir haben den Krieg um den Browser-Markt verloren, und AOL will uns loswerden.
Das Zitat: "Wir haben von Web-Entwicklern und Anwendern viele Rückmeldungen zu unserer 6.0er-Release erhalten. Netscape 6.1 ist die Essenz all dieser Rückmeldungen."
Die Umstände: Sol Goldfarb, der Direktor der Browser-Entwicklung bei Netscape, versucht die Aussage seines Präsidenten Jim Bankoff zu relativieren, dass Netscape aus dem Browser-Business aussteigt.
Die Übersetzung: Wir haben den Browser-Krieg verloren, die Gerichte lassen Microsoft laufen, AOL will mit diesem Sauhaufen nichts mehr zu tun haben, Bankoff hat sich verplappert -- ich tue einfach so, als würden wir eine weitere Release planen.
Das Zitat: "Wir haben unser Geschäft auf der Erwartung aufgebaut, einen wachsenden Markt zu bedienen - der aber statt dessen auseinanderbröckelt."
Die Umstände: John Dickson, Präsident und CEO von Agere Systems, des Halbleiter-Ablegers von Lucent Technologies. John Dickson versucht, die Entlassung von 4000 Mitarbeitern zu rechtfertigen.
Die Übersetzung: Auf Lucent kann man sich einfach nicht verlassen. Das hätte ein Supergeschäft werden sollen, das uns alle reicht macht. Jetzt geht statt dessen alles den Bach runter.
Das Zitat: "Ich glaube, wir haben es mit dem giftigsten Mitbewerber der letzten 30 Jahre zu tun, und er wird immer stärker. Alles, was die Industrie wollte, war Fairness."
Die Umstände: Matthew Szulik, Red Hats CEO, wird nach der Entscheidung des obersten Gerichtshofes interviewt, die Microsofts Zerlegung praktisch vom Tisch fegt.
Die Übersetzung: Ich glaube, ich habe schon einmal gehört, dass die Monopolgesetzgebung Konsumenten und nicht Konkurrenten schützen soll. Einmal möchte ich aber noch hintreten auf Microsoft, bevor sie uns holen kommen.




7/2011
6/2011
5/2011


bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. 