Achim Scharf
Heute gibt es rund 420 Millionen Online-Nutzer im Internet, den größten Anteil stellen noch Kanada und die USA (170 Millionen). Doch Europa folgt schon mit 155 Millionen Nutzern, und die Region Asien/Pazifik bringt es auf 105 Millionen. Doch laut Cyberatlas, die Statistiken über die Nutzung des Internets führen, werden die USA schon im Jahr 2002 nur noch ein Drittel der Internet-Nutzer stellen, und dieser Anteil wird sich bis zum Jahr 2005 auf 27 Prozent reduzieren. Und nach Jupiter Research wird dann nur noch ein Viertel der globalen Internet-Gemeinde in Nordamerika zu Hause sein. Mit anderen Worten - die Dominanz Englisch sprechender Nutzer sinkt und damit ergibt sich auch ein stärkerer Zwang für Dienstleistungs- oder Produktanbieter, ihre Angebote zu globalisieren und auf die lokalen Bedürfnisse der Zielgruppen abzustimmen. Und dazu gehört nicht nur die Darbietung von Informationen in der lokalen Sprache, sondern auch die Berücksichtigung von lokalen kulturellen Spezifika.
Viele der E-Business-Unternehmen mussten feststellen, dass eine globale Präsenz schwieriger als erwartet ist. "Sprachbarrieren können schon ein sehr starkes Hindernis für ein erfolgreiches Geschäft im Internet sein", so der General Manager des Bereiches Service Provider bei Hewlett-Packard, Dave Scantling. Doch es geht um mehr, denn die kulturellen Unterschiede führen bei einer reinen Übersetzung fallweise zu amüsanten Präsentationen im Web, oftmals aber auch zu ärgerlichen oder gar das Geschäft schädigenden Darstellungen.
Ein globales E-Business lässt sich von zwei Perspektiven aus betrachten, aus der Sicht des Kunden und des Anbieters. Im ersten Fall bedient ein global ausgerichtetes E-Business jeden Kunden gleich effektiv, unabhängig von seiner Sprache, kulturellem Hintergrund oder Wohnort. Das ist jedoch eine idealisierte Definition, denn die reale Welt setzt sich aus Hunderten verschiedener Länder und Tausenden unterschiedlicher Geschäftspraktiken zusammen, so dass die Entscheidung über den optimalen Mix schwierig ist. Zusätzlich gibt es nicht beeinflussbare Faktoren wie unterschiedliche Bedeutungen gleicher oder ähnlicher Ausdrücke in den Sprachen, rechtliche Auslegungen oder kulturelle Normen, welche die Möglichkeiten, jeden Kunden in der Welt gleichermaßen effektiv zu bedienen, stark einschränken. Und letztlich ändert sich der globale Marktplatz permanent, so dass der "globale Kunde" ein "moving target" ist, dem man sich als Anbieter in Echtzeit anpassen muss.
Aus Sicht des Anbieters muss daher Globalisierung nicht gleich bedeutend sein mit Übersetzung, "denn nichts ist ferner von der Realität als diese Annahme", meint Jordan Woods, Chairman der kalifornischen Firma GlobalSight. "Auch ist es nicht identisch mit Lokalisierung oder Internationalisierung. Vielmehr ist Globalisierung ein Mix aus allen drei Faktoren". Und Globalisierung sei auch nicht nur ein technologisches Problem, sondern nur ein Teilaspekt eines umfassenderen Prozesses.
Softwarelösung für Globalisierung

Global agierende E-Business-Unternehmen waren laut Woods erfolgreich, indem sie ihre Web-Präsenz in 3 sequenziellen Schritten organisierten: Festlegung der Strategie, Aufstellen einer Roadmap sowie Aufsetzen des E-Business. "Wir bieten für jeden dieser Schritte eine Lösung. Für die Festlegung der Strategie bieten wir Consulting-Services, für die folgenden zwei Schritte eine komplette Lösung einschließlich Expertenrat und einer Softwareanwendung", so Woods.
Die Softwarelösung heißt GlobalSight System3 (GSS3), sie rationalisiert den komplexen Prozess der Globalisierung großer B2B- und B2C-Infrastrukturen einschließlich Webseiten, transaktionalen und Lagacy-Systemen.
GSS3 besteht aus zwei funktional unterschiedlichen, doch eng integrierten Komponenten - der "Content Exchange Engine" und der "Content Adaption Platform". Beide Komponenten befinden sich in der Entwicklungsumgebung, so dass keine Modifikation in der Produktionsumgebung beim Einsatz von GSS3 erforderlich ist.
Die Content Exchange Engine basiert auf "Web Methods", unterstützt Java und XML sowie viele Datenformate und Datenquellen unterschiedlichster Hersteller. Weitere Adapter können von Entwicklungsteams oder Systemintegratoren entwickelt und hinzu gefügt werden. Inhalte sind direkt aus Datenbanken, Dateisystemen oder Drittsystemen übernehmbar.
Auf der Basis von Regeln unterstützt die Content Exchange Engine den Lokalisierungsprozess, unabhängig davon, ob der Content global, regional oder lokal gewichtet werden soll. Änderungen im Content werden bis auf Satzebene herunter entdeckt und automatisch neue Lokalisierungs-Jobs auf Basis vordefinierter Regeln initiiert. "Diese automatisch ablaufenden Features sparen Zeit und verhindern Kommunikationshindernisse zwischen Entwicklungs- und Lokalisierungsteams mit dem Resultat erheblich verkürzter Projektzyklen", stellt Woods fest.
Sobald ein neuer Job initiiert ist, beginnt die Verarbeitung mit dem Import, dem Parsing, der Extraktion sowie dem Transfer der Daten zur Content Adaption Platform. Während der Normalisierung der Inhalte werden natürliche Sprachinhalte aus dem originalen Format (Text, HTML) in ein Unicode-basiertes Pivot-Format konvertiert. Extraktions-Agenten segmentieren dann die Unicode-Daten in linguistische Einheiten (typischerweise Sätzen) und setzen sie in das XML-Format um. XML ist das Format der Content Adoption Platform während der Lokalisierung. Ist der Content lokalisiert, wird der Prozess umgekehrt und die Daten werden in ihr ursprüngliches Format zurück verwandelt und an den spezifizierten Speicherort geliefert. "Diese Fähigkeit, große Volumina unterschiedlichstem E-Business-Content von und zu unternehmensweiten Anwendungen zu transferieren, beschleunigt die Globalisierung von dynamischen Web-Umgebungen und B2B-Infrastrukturen erheblich", kommentiert Woods.
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Technische Fragen
Rechtliche Fragen
Kulturelle Faktoren
Organisatorische Fragen
Globale "Best Practices"
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Die Content Adaption Platform stellt eine interaktive Umgebung zur Verfügung, an der Hunderte von Usern weltweit verteilt gemeinsam arbeiten können. Sie beinhaltet eine leistungsfähige Linguistik-Maschine, ein Lokalisierungs-Interface, eine konfigurierbare Workflow-Komponente sowie Projekt-Management-Tools für die weitere Automatisierung des Globalisierungs-Prozesses.
Die Linguistik-Maschine ist mit zwei Speicherbereichen ausgestattet, um eine hohe Effizienz bei der Lokalisierung zu erzielen. Translation Memory identifiziert und empfiehlt alle bereits im Localization Repository abgespeicherten und genehmigten Übersetzungen für die Verwendung im laufenden Projekt. Page Memory erweitert die Vorteile des Translation Memory durch "Tracking und Matching" kontextueller Verbindungen bereits übersetzter Inhalte. Wird eine exakte Übereinstimmung in der Translation Memory festgestellt, verifiziert die Page Memory, ob die Übereinstimmung an derselben Stelle auf derselben Seite stattfindet. "Dieses Feature bietet einen unerreichten Grad an Sicherheit und garantiert, dass die Anwender inhaltsrelevante Übersetzungen weiter verwenden können. Auch das führt zu wesentlich reduzierten Projektzyklen und -Kosten sowie zu erheblich verbesserter Qualität und Konsistenz der Inhalte über alle Sprachen und Lokalisierungen", erklärt Woods.
Über das Browser-basierte Localization User Interface können authorisierte Nutzer in das System über das Web in den Sprachen Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Japanisch einsteigen. Übersetzer beispielsweise können sich den Inhalt von Datenbanken in der Form anschauen, wie er auch aktuell auf der Webseite erscheint. Und das Global-Regional-Local-Modell unterstützt Lokalisierungen von jeder Quelle oder Sprache. In speziell zugewiesenen Sektionen von Web-Files können beispielsweise lokale Informanten lokalen Content hinzufügen oder globalen Content löschen. Und selbstverständlich lässt sich Content auch offline in WYSIWYG-Darstellung bearbeiten.
Auch für das Projekt-Management gibt es eine Schnittstelle, die Project Management Console. Darüber hat man sofortigen Zugriff auf alle laufenden Projekte einschließlich Kostenverfolgung, Zeitplänen und Berichten. Workflows lassen sich den aktuellen Gegebenheiten anpassen.
Wachsende Anwenderbasis
Die Notwendigkeit für lokale und dennoch globale Web-Präsenz haben Unternehmen wie 3Com, Cisco, GE, HP, Imation oder Palm bereits erkannt. Das altbekannte Motto "act local, think global" gilt auch hier. "Initiativen wie unsere Allianz mit GlobalSight hilft dabei, die digitalen Sprachgrenzen zu überwinden und die Vorteile unserer Technologie einer weit größeren globalen Population zu vermitteln als bisher", so Dave Scantling von HP. In dieser Allianz ist GlobalSight präferierter Provider für Web-Globalisierung, während im Gegenzug GSS3 auf das Betriebssystem HP-UX portiert wurde und die E-Services von HP in das Produkt integriert werden sollen. "Zudem konnte HP die Globalisierung seiner Webseiten von ehedem Wochen auf Tage verkürzen", stellt Woods fest.
Und um die potenziellen Kunden in Deutschland, Österreich und der Schweiz besser betreuen zu können, hat das Unternehmen Mitte April eine Niederlassung in München eröffnet. Geschäftsführer Bernd Wagner ist optimistisch über die Perspektiven in Zentraleuropa. "Das Thema Globalisierung spielt inzwischen für jedes Großunternehmen mit internationaler Präsenz eine Rolle. Die zentraleuropäischen Märkte bieten deshalb beste Voraussetzungen für diese Lösungen und durch unsere lokale Präsenz können wir sie bei der Umsetzung ihrer Strategien direkt unterstützen".


1/2012
8/2011
7/2011


Dr. Eric Scherer ist Geschäftsführer des anbieterunabhängigen Beratungs- und Marktforschungsunternehmens i2s. Er gilt als einer der führenden ERP-Experten und ist Initiator der ERP-Zufriedenheitsstudie. 