Clemens Riedl
Bevor ich auf diese Frage nähere eingehe, möchte ich einige wenige Aspekte beleuchten, die im Internetzeitalter unsere Organisationsformen wesentlich beeinflussen.
Die traditionelle Trennung zwischen Arbeit und Freizeit wird nicht mehr eingehalten!
Internettechnologie ermöglicht es bereits heute, in vielen Bereichen zeit- und ortsunabhängig zu arbeiten. Als Konsequenz daraus verschwindet die traditionelle Unterscheidung zwischen Arbeit und Freizeit zunehmend. Das klingt jedoch einfacher als es ist. Haben wir uns doch über die Jahre hinweg an fixe Arbeitszeiten gewöhnt und Stechuhren und moderne Formen von Zeiterfassungssystemen entwickelt, um überprüfen zu können, ob Mitarbeiter tatsächlich die gesamte Arbeitszeit leisten, die sie dem Unternehmen schulden. Doch für eine Flexibilisierung dieses Systems bedarf es mehr als eines Internetzugangs. Mehr Vertrauen ist gefordert, andere Systeme der Leistungsfeststellung sind einzuführen, eine partnerschaftlichere Zusammenarbeit zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber - wie sie im Magazin "Harvard Business Manager" bereits vor vielen Jahren eingefordert wurde - ist gefragt.
Die Aufteilung zwischen Wissenden und Unwissenden verschwindet zusehends!
Die Offenlegung von Informationsstrukturen sowie die schier unbegrenzte Verfügbarkeit von Information als Basis für Wissen durch das World Wide Web öffnet ungeahnte Möglichkeiten zur persönlichen Wissenserweiterung. Die Trennung in Wissende und Unwissende und der daraus vermeintlich resultierende Führungsanspruch verschwinden zusehends. Ein Wandel von hierarchischen zu netzartigen Strukturen ist die Folge. Booz-Allen & Hamilton sprechen von einem Wechsel von "Command-and-control" zu einer "Flexible structure that is easily modified". Teamfähige Mitarbeiter werden genialen Einzelkämpfern vorgezogen.
Auch die Anforderungen an Führungskräfte verändern sich in diesem Zusammenhang - diese entwickeln sich zunehmen zum Facilitator. Diese schaffen Umgebungen und Möglichkeiten, damit Veränderung und Innovation entstehen kann und zwar weder top-down noch bottom-up, sondern sozusagen aus dem "Netz" heraus. Der Fokus der Personalentwicklung verlagert sich zunehmend vom Individuum zur Gruppe, verschmilzt also tendenziell mit der Organisationsentwicklung.
In Zeiten in denen Information und Wissen zu den wichtigsten Assets eines Unternehmens zählen, bekommt die Institutionalisierung von Wissensaufbau und -transfer eine besondere Bedeutung. Gerade weil wir erst am Beginn des Informationszeitalters stehen, bedarf es einer grundsätzlichen Neuausrichtung in diesen Bereichen. Die zunehmende Bedeutung und Verbreitung von Knowledge-Systemen spiegeln diese Entwicklung wider.
Durch die engere Zusammenarbeit zwischen Organisationen verschwimmen deren Grenzen!
Die Internettechnologie ermöglicht und fördert durch die strukturelle Öffnung von Informationsstrukturen nach außen eine engere und vor allem effektivere Zusammenarbeit zwischen Organisationen. Prozessabläufe müssen an den Grenzen zwischen Unternehmen nicht mehr abrupt unterbrochen werden, um diese dann innerhalb der Organisationsgrenzen mit erhöhtem Aufwand wieder fortzusetzen. e-Supply Chain Systeme sind erst der Anfang, sogenannte Eco-Systeme werden bald die nächste Generation der Internetnutzung einläuten. Allianzen beschränkt sich nicht mehr primär auf Komplementärpartner - die Zusammenarbeit mit allen Austauschpartnern - sogar mit Mitbewerbern - wird deutlich ausgebaut. Durch die stärkere Einbeziehung Unternehmesexterner in die Ablaufstrukturen verschwimmen auch die Grenzen von Organisationen zunehmend.
Eine e-Organisation gibt es genauso viel oder wenig wie es eine New Economy gibt!
Doch zurück zu unserer Eingangsfrage - gibt es eine e-Organisation? Genauso viel oder wenig wie es eine New Economy gibt. Der Siegeszug des Internet´s hat einen Entwicklungsprozess innerhalb und auch zwischen Organisationen angestoßen, den über kurz oder lang kein Unternehmen ignorieren kann, wenn es konkurrenzfähig bleiben will. Flexiblere und effektivere Zusammenarbeit innerhalb, aber auch zwischen Organisationen bieten ein enormes Steigerungspotential im Bereich der Wertschöpfung, das freigelegt werden will. Behutsam aber konsequent!
Clemens Riedl ist Geschäftsführer,
Exact Software Austria GmbH (Clemens.riedl@exactsoftware.com)
http://www.wxactsoftware.com



1/2012
8/2011
7/2011


Christian Henner-Fehr schreibt als freier Autor für den MONITOR und arbeitet als Trainer und Berater in den Bereichen Projektmanagement und Kommunikation. Sein Interesse gilt dem Web 2.0 und den Einsatzmöglichkeiten von Social Media in Organisationen und Unternehmen. 