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Moniskop

Evan Mahaneys Leprechauns

Internet - wohin?

Meine Freunde, die Leprechauns, sind eigentlich keine Leisetreter. Sie können jedoch so schnell erscheinen, sich auf meiner Tastatur so plötzlich materialisieren, dass es wirkt, als hätten sie die letzte Stunde dort verbracht. Und heute waren die Leprechauns wieder einmal auf einen Schlag präsent, so dass mich Mister Radiants erste Frage völlig unvorbereitet erwischte. Abgesehen davon ärgerte ich mich ein wenig, dass er, wie es Fabelwesen oft tun, meine Gedanken gelesen hatte.

Evan Mahaney

Aus dem Amerikanischen von Reinhard Gantar

In seiner unverblümten Art fragte Mister Radiant: "Wie ist das nun, O Feinschmecker der Knusperkringel, denkt Ihr, dass das Internet jemals zu seinem ursprünglichen Konzept zurückfinden wird?"

Natürlich stellte Mister Radiant damit eine sehr gescheite Frage. Seit einiger Zeit beklage ich mich darüber, dass das Internet mit Haut und Haaren in die Kontrolle der Unternehmen übergegangen ist - den großen Weltkapitalverband, wie die Leprechauns das einmal nannten. Firmeninteressen und -steuerung mögen nicht nur schlecht sein, aber der zugehörige Menschenschlag, mit all seinen profanen Talenten, weiß noch immer nicht so recht, was er mit dem Internet eigentlich tun soll. Sie halten den Tiger am Schweif und wissen nicht, ob sie loslassen oder ob und wie sie sich weiter vorwagen sollen.

Und so vermisse ich die schrullige kleine Welt der nicht am Gewinn interessierten Individualisten rund um den Globus, die einmal die treibende Kraft hinter dem Internet waren. Wir schickten einander Nachrichten - von Europa nach Amerika nach Israel nach Südafrika nach Neuseeland nach Brasilien... weltbewegendes stand natürlich nicht darin, es war meistens nicht mehr als "Hallo Neuseeland! Ist das nicht toll? Wir haben hier herrliches Wetter in den USA. Wie ist das bei Euch?" Wir waren ja so eloquent in den alten Tagen.

Es gab ein halbes Dutzend Gratisprogramme für E-Mail. Eudora war damals der Marktführer; wir hatten ja keine Ahnung, dass die Firma in Verbindung mit Qualcomm eines Tages ein Wall Street-notierter Markenname sein würde. Steve Doner, Eudoras Gründer, beantwortete seine elektronische Post in jenen unschuldigen Tagen noch persönlich.

Mit Hilfe der Leprechauns schrieb ich eine Kolumne mit der These, dass das Internet zu groß, zu individualistisch, zu unabhängig werden würde, um jemals von der Geschäftswelt vereinnahmt zu werden.

Frau Donner, eine meiner liebsten Leprechauns, klopfte mir auf einen Finger und erklärte: "Seht her, auch wir vermissen manchmal die Idylle der alten Tage, aber es ist doch nicht das Ende der Welt..."

Ich stimmte ihr zu. Es ist nicht das Ende der Welt. Mein Problem ist, dass es gerade die Mitte ist, und ich lieber genau wüsste, wie dieses Spiel noch endet. Jetzt, da die Herren in Schlips und Kragen totale Kontrolle darüber haben, was wir einst das World Wide Web nannten - was werden sie damit anstellen? Ich wandte mich an Mr. Mature, einen der erfahrensten Leprechauns, und fragte ihn, ob er mir fünf Firmen nennen könne, die aus ihrer Web-Präsenz Gewinne lukrierten.

Er lächelte ein wenig - es war ein ironisches Lächeln - und ich ahnte, dass sich in seinem Geist eine Spitzbüberei zusammenbraute. "Well", brummte er, "es gibt da diese Pornosites. Die scheffeln Tonnen von Geld." Er grinste und fuhr fort: "Aber ich weiß natürlich worauf Ihr hinauswollt, O Kenner der böhmischen Cremegolatschen; die Firmen pumpen Millionen von Dollars in das Internet - für nichts. Unsere fröhliche Schar der Leprechauns haben erst vor kurzem die Zeitungen und Magazine am Internet durchsucht. Es waren wirklich viele gute darunter, aber keine dieser Publikationen arbeitet mit Gewinn.

"Die meisten reinen Internet-Zeitschriften - beispielsweise Salon oder Slate, die keine gedruckte Fassung bieten - bluten Geld wie ein torpedierter Walfisch. Salon bekennt sich zu Verlusten von 22 Millionen Dollar im Jahr 2000, und natürlich wird es heuer zumindestens ebensoviel werden. Wir haben keine Anhaltspunkte dafür, wieviel es bei Slate ist. Das Blatt gehört Microsoft, und die hält sich bedeckt. Es ist aber garantiert noch mehr als bei Salon."

Frau Splainit, die eine alte Polterin sein mag, aber ziemlich auf Draht sein kann, mischte sich ein: "In Wirklichkeit verdient keiner der reinen Internetspieler Geld - außer den Pornomaxeln. Sie haben aber hochtrabende Ideen, womit sie in Zukunft in die Gewinnzone kommen. Aber, und jetzt kommen wir zu dem, wovon ich glaube, dass Ihr darauf in Wirklichkeit hinauswollt" - Frau Splainit strahlte mich an - "Was passiert, sobald die Erbsenzähler das Ruder übernehmen?"

Ich erwiderte ihr Grinsen. Das macht mir tatsächlich Kopfzerbrechen. Die Economy in den USA, Europa und in den meisten anderen bedeutenden Handelszonen scheint sich zu verlangsamen. Sogar ohne eine voll entwickelte Rezession werden die Controller und Aktionäre beginnen, an den Geldtransfusionen ins Internet zu zweifeln. Es wäre nett, wenn sie das Internet einfach aufgäben und wir in eine Welt der Dackelpages zurückkehren könnten: "Das ist Kasimirs Internet-Präsenz. Sie sind Besucher Nummer 21. Hier ein Bild von meinem Dackel Lumpi. Hier klicken, um meinen neuen Videorekorder zu betrachten." So dumm diese Seiten waren, es machte Spaß, sie zu besurfen - und der gute alte Kasimir versuchte nicht, Namen auszuspähen oder Cookies in den Computer zu schummeln oder einem Username und Password registrieren zu lassen, um seine Site zu besuchen.

Die Herren in Schlips und Kragen werden das Internet aber nicht in Ruhe lassen. Das ist das einzige, was ich sicher weiß - auch ohne Nachhilfe durch die Leprechauns. Den Herren in Schlips und Kragen gehört das Internet heute, und in ihm tummelt sich eine so gewaltige Masse an Menschen, dass sie es nicht ignorieren können, auch wenn sie im Augenblick ratlos sind, was sie tun sollen. Ich wandte mich an meine fabelhaften Freunde und fragte sie nach ihrer Meinung.

Es war der klar denkende und sprechende Mister Fuuturiste der sich als erster traute: "Trotz der Tatsache, dass ich unrecht hatte mit der Auffassung, dass das Internet ewig jung und unschuldig bleiben würde, haben mich die Jahre gelehrt, dass die Sünde immer über die Unschuld triumphiert und das systematische Business immer über den Individualismus. Wenn die Geschäftsleute nicht erreichen, dass die Menschen ihre Waren über Web-Präsenzen einkaufen, obwohl die Web-Ads immer größer und penetranter werden, dann werden die Geschäftsleute drastische Maßnahmen ergreifen. Sie werden sich an die Regierungen wenden.

"Und das könnte alles mögliche ergeben, es wäre unseriös ab hier weiter zu spekulieren. Eure geschätzten Leser müssen das auf eigene Verantwortung selbst tun. Ich kann aber sagen, dass die Geschäftswelt das Spielfeld wieder einmal verändern wird. Irgendwie werden sie hier einen Groschen und dort einen Schilling vom Benutzer bekommen - dem Normalverbraucher. Ich kann sagen, dass die Tage der Unschuld für immer vorbei sind. Und ich kann sagen, dass das Internet sein Geld wird verdienen müssen."

Ich blinzelte vor Erstaunen. Und dann waren die Leprechauns verschwunden. Was die Leprechauns zu sagen gehabt hatten, das hatten sie gesagt. In 10 Jahren würden wir wissen, ob es richtig war.


Phrasen, die übersetzt werden müssen

Das Zitat: "Europa, der Mittlere Osten und Afrika lieferten Erträge von 1.2 Milliarden Dollar, leicht rückläufig von den 1.26 Milliarden, die das dritte Quartal letzten Jahres brachte. Für die ersten 9 Monate für das fiskale 2001 waren die Erträge bei 3.72 Milliarden, 4 Prozent weniger als in den ersten 9 Monaten 2000. Geschwächte lokale Währungen hatten auf unsere Erträge einen negativen Einfluss."

Die Umstände: Aus Microsofts letztem SEC 10K-Report.

Die Übersetzung: Europa und der Rest der Welt liebt uns noch immer heiß. Wenn nur die blöden Wechselkurse nicht wären.


Das Zitat: "Ausgaben für Forschung und Entwicklung stiegen im dritten Quartal um 10 Prozent gegenüber dem Vergleichszeitraum des Vorjahres, auf 1.07 Milliarden Dollar."

Die Umstände: Aus Microsofts letztem SEC 10K-Report.

Die Übersetzung: Wir geben für Forschung und Entwicklung soviel Geld aus wie wir in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika einnehmen. Wir tun das, damit uns alle weiterhin heiß lieben. Und Ihr liebt uns doch heiß, oder?


Das Zitat: "Microsoft hat keine substantiellen langfristigen Schulden. Das Vermögen der Aktionäre beläuft sich am 31. März 2001 auf 48.09 Milliarden Dollar. Microsoft wird weiterhin in den Verkauf, Marketing und Product Support investieren. Zusätzlich werden die Aktivitäten bei Forschung und Entwicklung Investitionen in existierende und entstehende Gebiete der Technik beinhalten, darunter der Erwerb zur Akquisition von Technologie."

Die Umstände: Aus Microsofts letztem SEC 10K-Report.

Die Übersetzung: Mit fast 50 Milliarden an Vermögen und 20 Milliarden Cash auf der Bank können wir tun was uns beliebt. Wir wollen, dass uns alle heiß lieben. Und Ihr liebt uns doch heiß, oder?


Das Zitat: "Wenn man etwas von einer Reise mitbringt, sollte man oft vorsichtig sein. Wenn man etwas von einer Reise in den Weltraum mitbringt, sind wir sehr vorsichtig und bestehen auf Quarantäne. Das Ding wird versiegelt und hochsicher verwahrt."

Die Umstände: Margaret Race vom SETI Institute und Beraterin der NASA über die Marssonde, an der sie arbeiten. Ihr Kommentar bezieht sich auf die Handhabung von Staub und Gestein, das nach der Landung auf der Erde erst einmal hochsicher verwahrt wird.

Die Übersetzung: Klar, wir wissen, dass Tonnen von Marsstaub jeden Tag als Meteoriten zur Erde fällt, aber wir können nie sicher sein. Ein Melissa- oder I Love You-Virus könnte eingeschleppt werden.

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MONITOR-Autoren
Dipl.-Hdl. Ing. Ernst Tiemeyer

bekannt durch zahlreiche Veröffentlichungen, war nach dem Studium der Wirtschafts- wissenschaften, Organisation und Informatik zunächst mehrere Jahre als Gruppen- und Projektleiter an einem Institut für angewandte Informatik beschäftigt. Heute ist er in vielfältiger Form als freiberuflicher Management- und Organisationsberater sowie in der Weiterbildung tätig. Schwerpunktmäßig geht es dabei um die Einführung, Entwicklung und Beratung für den praxisgerechten Computereinsatz. ..mehr..

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